Hauptmenü
Minas
Zyklus der Nebelreiche, Band 16
Umfang: ca. 76300 Worte = 304 Normseiten
Titelbild: © Renate Steinbach
Leseprobe umfaßt die ersten zwei Kapitel
das Kindle-
Kapitel 1
Burg Nodher zeigte sich als prachtvoller, hoher Bau, der aus festem Stein gefügt mehrere Stockwerke besaß. Die Wehrgänge und Türme verliehen der Burg ein trutziges Aussehen, die hohe Burgmauer ließ den Bau uneinnehmbar erscheinen. Doch nun, kurz vor der kalten Lichtgleiche im Jahr dreihundertsechsundzwanzig der Neuen Zeit standen die breiten, starken Burgtore ohnehin weit offen. Die Burg erschien riesig, aber jetzt konnte sie kaum die vielen Gäste beherbergen, die ohne Unterlass eintrafen. Außerhalb der Burgmauer wurden bereits Zeltstädte errichtet, um die Menschen der Gefolge aufzunehmen.
Nodhers Erbe, Prinz Ilkonys, hatte sich eine Gemahlin erwählt und zu seiner Hochzeit kamen unzählige geladene Gäste, vornehmlich die Herrscher der Nebelreiche mit ihren Familien. Sie alle mussten gebührend empfangen und begrüßt werden, erwarteten Zerstreuung und jene Annehmlichkeiten, die nur ein König bieten konnte. Schon Tage vor der Lichtgleiche gestaltete sich jeder Abend als ein vollkommenes Fest. Unermüdlich widmete sich der Prinz den Gästen.
Er hatte das dreißigste Lebensjahr noch nicht vollendet. Seit zwei Jahren herrschte er gleichberechtigt an der Seite seines Vaters Ariston, mit dem ihn eine tiefe Liebe verband. Er wurde, wie alle Erben der Reiche, als Tempelkind gezeugt. Wer herrschen wollte, musste Priester sein. Um ein Tempelkind ins Leben zu rufen, vereinten sich der Sitte gemäß Priesterin und Priester in tiefer Trance miteinander. Wer so ins Leben kam, den zog keine Leidenschaft und den rief kein karmisches Band; er kam, weil er es wollte und weil er ein Werk in diesem neuen Leben zu tun gedachte. Tempelkinder wuchsen im Allgemeinen in einem Tempel oder auf Amarra auf. Amarra, so nannte man den Inselstaat des Than, des obersten der Priester, der Macht auch über die Herrscher besaß. Irgendwie war es vor knapp dreißig Jahren König Ariston gelungen, dem damaligen Than Nymardos seinen Erben abzutrotzen. Ilkonys wuchs in Burg Nodher auf, die er erst vor fünf Jahren verließ, da er den Ruf zu den Weihen verspürte und nun Priester werden wollte. Ehe er vor zwei Jahren Amarra verließ, zeugte er dort seinen Erben. Manches Mal dachte er ein wenig wehmütig daran, dass er nicht einmal den Namen des Kindes wusste, das mit seiner Hilfe ins Leben fand.
Früh am Tag stand er nun auf der kleinen Dachterrasse, die vor seinen privaten Gemächern lag, und schaute dem Treiben im Burghof zu. Liebevoll lag sein Arm um die Seite seiner künftigen Gemahlin. Cynara war sicherlich eine starke Priesterin. Sie stand im vierten Grad und kannte die Ebene des Gottes Minosante, des Gottes der Kraft. Geboren wurde sie, wie auch ihr Bruder Mercur, im Königreich Thara, als Kind armer Leute. Wie ihr Bruder, der nun als des Prinzen Freund in der Burg lebte, so fand auch sie den Weg nach Amarra, wo sie viele Jahre blieb, bis unerwartet der Than Befehl erteilte, dass sie nun ins Waldreich Wyla zu gehen habe und dort in einem Tempel zu leben. Gegen sein Wort gab es keinen Einwand. Zu jener Zeit stillte sie noch ihren Tempelsohn, das Kind, das sie in Trance empfing. Mit dem kleinen Changanar und Mercur zusammen machte sie sich auf den Weg. Sie rasteten in dieser Burg, wo sie mehr als nur freundlich aufgenommen wurden. Prinz Ilkonys und dessen Schwester Aniela schlossen sich ihnen an. Sie verbrachten angenehme Tage und schoben die Abreise immer wieder hinaus. Ein Freund des Prinzen weilte dann für kurze Zeit in der Burg. Dieser Mann, Tibra, war einer der stärksten Magier jener Zeit und sollte demnach der Priesterschaft gegenüber zumindest skeptisch eingestellt sein. Trotzdem achtete der Than selbst auf seinen Weg und sein Wort schützte diesen Mann in jedem der sieben Reiche. Tibra erlaubte ihr im Namen Amarras den weiteren Aufenthalt. So blieben Cynara und Mercur in der Burg. Ein ganzes Jahr verging. Mercur, als Priester des fünften Grades, wurde zum Lehrer des Prinzen auf dem priesterlichen Weg. Ilkonys erreichte die zweite Weihe. Und zwischen ihm und Cynara wuchs Liebe, die sie beide einander nicht eingestehen wollten, da der Befehl nach Wyla noch immer Gültigkeit besaß.
Vor weniger als einem halben Jahr wollte Cynara diesen Befehl dann endlich ausführen. Ilkonys bedrängte sie, einen Umweg zu machen und in Raakis Tempel in Nodher zu rasten. Er begleitete sie auf dem Weg. In dem Tempelbereich dort lebte Tibra. Der Prinz erhoffte sich Hilfe von diesem Freund und tatsächlich hob Tibra den Befehl des Than auf. Er trug inzwischen den Titel Pala des Than. Ein Pala, das war, je nach Betonung des Wortes, einfach ein hohes Amt, das bis zum Stellvertreter reichen konnte. Doch mit etwas anderer Betonung bedeutete es eine tiefe Liebe, ja, mehr noch, eine innere Einheit, die nur als die andere Hälfte der eigenen Seele verstanden werden konnte. Tibra besaß die Macht und das Recht, für den Than Seymas zu sprechen, auch wenn er diesen Titel nicht als Priester erhielt, sondern aufgrund einer persönlichen Freundschaft.
Ilkonys streichelte versonnen das Gesicht des kleinen Changanar, während er Cynara liebevoll anlächelte. Er wusste, dass ihr all die Empfänge und Festlichkeiten als mühsam erschienen und sie sich wieder nach dem ruhigen Leben sehnte, das sie bisher führten. Einige Tage würde sie noch warten müssen. Er liebte sie, ihre Sanftmut, ihre weichen Züge, ihre Art, sich den Menschen zuzuwenden. Und er empfand etwas Stolz, weil es Cynara so leicht gelang, die Herzen der Menschen für sich zu gewinnen.
Posaunenklänge ertönten. Ilkonys seufzte unmerklich, während er sich etwas nach vorn neigte, um besser sehen zu können.
"Das ist Sarais Banner," stellte er fest. "Komm, Liebes, wir kommen nicht umhin, König Wharhan und seinen Erben Delaros zu begrüßen."
Cynara lächelte und schaute ihn bedauernd an.
"Ich weiß wohl," sagte sie leise, "dass du nur einen einzigen Mann begrüßen möchtest. Auch ich wundere mich, dass Tibra noch nicht eintraf. Er wird doch kommen?"
"Die Fallas des schwarzen Tempels sind seit drei Tagen hier," murmelte der Prinz, als sei dies eine Antwort.
In Raakis Tempel, den man den schwarzen Tempel nannte, da Raaki als der dunkle Gott des Todes galt, herrschten Seryna und Gerrys als Fallas, als Vorsteher über hunderte von Menschen. Mit Gerrys verband ihn seit seiner Kindheit eine tiefe Freundschaft. Und da der Falla auch ein Freund des Magiers war, hatte er gehofft, sie kämen gemeinsam zur Burg. Doch Tibra befand sich auf Reisen und Gerrys wusste nicht einmal, wo er sich aufhielt.
Sie begrüßten die Menschen aus dem Königreich Sarai. Delaros freute sich sichtlich, Ilkonys zu sehen. Er war dem Prinzen vor Jahren einmal in seinem Land begegnet. Sie wechselten damals nur wenige Worte und doch veränderte diese Begegnung das Leben des Erben der Macht, der erst danach die Kraft fand, sich auch gegen seinen Vater Wharhan zu behaupten.
Noch jemand in der Burg wartete ausschließlich auf die Ankunft des Magiers. Prinzessin Aniela wich den Festlichkeiten fast durchgehend aus. Sie verharrte seit Tagen an ihrem Fenster, von wo aus das Burgtor zu sehen war. So alt wie Cynara empfand sie die künftige Königin des Reiches als Freundin. Und Cynara war auch die Einzige, die das Ausmaß ihres Kummers kannte. Im Grunde lebte Aniela als selbstbewusste, unabhängig denkende Frau, die jede Bindung scheute und das Studium der Wissenschaften einem locker-
Sie sprachen nicht von Liebe und beim Abschied ließ er sie einfach gehen. Als Tibra Cynara von der Ausführung des Befehls, nach Wyla zu gehen, befreite, bot ihm Ilkonys überglücklich das Amt des Statthalters in der größten Stadt des Reiches, in Salis an. Tibra lehnte lachend ab. Er mochte diese Stadt ohnehin nicht. Auch das Angebot, den Magier zum Pecha und damit zum Landesfürsten zu erheben, konnte Tibra nicht reizen. Aber nachdem Aniela ging, sprach er am nächsten Tag mit dem Prinzen über dieses Angebot. Er war bereit, sein ganzes gewohntes Leben aufzugeben, um eine Umgebung zu schaffen, in der Aniela glücklich sein konnte. Sie sprachen nun doch von Liebe und einer gemeinsamen Zukunft.
Aniela verkrampfte sich ein wenig beim Gedanken an alles, was danach geschah. Überglücklich war sie mit dem Bruder und dessen Freunden zur Burg gekommen. Sie konnte es nicht erwarten, bis alles geregelt war. Doch als der Prinz mit seinem Vater sprach, gab es harte Worte. König Ariston weigerte sich, der Erhöhung des Magiers zuzustimmen. Fast wäre es deshalb zum Zerwürfnis gekommen. Doch Tibra reagierte sehr gelassen auf den Boten, der ihn benachrichtigte. Er sandte ein Schreiben zur Burg, in dem er alles Aniela überließ. Aber er selbst kam nicht mehr. Doch er versprach, zur Hochzeit des Prinzen zu kommen. Er sollte der Ehrengast in diesen Tagen sein. Und noch immer blieb er fern.
Sie dachte an Mercur. Der Freund des Bruders wartete sicherlich auch. Seine ganze Liebe galt Talima, doch er konnte sich dieser Frau nicht anvermählen, ehe der Magier nicht kam. Denn Talima war dessen Sklavin. Ein Fremder hatte sie dem Magier in Dienst gestellt. Vor einem halben Jahr besaß er ihr Sklavenpapier noch nicht. Doch es gab keinen Zweifel, dass er dieses zur heißen Lichtwende beim großen Treffen der Gilde der Magier auf der Insel Silsa erhielt. Und er hatte versprochen, Talima freizugeben. Wenn er nicht kam, konnte Talima im Grunde nicht einmal am Fest teilnehmen.
Auch König Ariston wartete. Er hatte die sechzig überschritten. So manche graue Strähne zeigte sich in seinem Haar, doch sein Blick war wach und fest sein Schritt. Im allgemeinen Kommen und Gehen in der Burg fiel ein einzelner Reiter jetzt bestimmt nicht auf. So hatte er dem Führer der Burgwache, Ulander, den Befehl erteilt, gerade auf solche Reisenden zu achten. Als er nun, am Vortag der Hochzeit, Nachricht erhielt, dass ein solch einsamer Reiter gekommen sei, gab er Befehl, den Mann sofort zu ihm zu bringen. Er wollte die Sache mit Tibra unbedingt vor dem Fest abklären, um keine trüben Gedanken aufkommen zu lassen.
Er erwartete den Besucher in einem seiner privaten Räume. In dieses kleine Zimmer zog er sich gern zurück, um zu lesen, zu ruhen, zu sinnieren oder auch eine priesterliche Übung auszuführen. Seine Getreuen sorgten dafür, dass er hier nicht gestört wurde. Der Herrscher erhob sich, als die Tür geöffnet wurde. Dann zögerte er. Dieser Mann, der zu ihm kam, war nicht der Magier Tibra. Er kannte ihn, aber er wusste nicht genau, woher.
Der Fremde, noch nicht ganz Mitte der dreißig, besaß ernste Züge und einen ungemein tiefen Blick. Das lange Haar trug er offen, wie dies nur Menschen der Macht zustand. Man hatte ihm keine Gelegenheit gegeben, sich den Staub der Reise abzuwaschen. Er trug noch die enge Reitkleidung mit den hohen Stulpenstiefeln. Ein sanftes Lächeln umspielte seine Lippen, als er einen Schritt auf den Herrscher zu trat.
"Ihr erkennt mich nicht mehr," stellte er mit ruhiger Stimme fest. "Wir sind uns zuletzt vor vier Jahren begegnet."
Ariston grübelte noch und nahm dabei unbewusst eine sehr abwehrende Haltung ein.
"Ich hatte einen anderen Gast erwartet," gab er fast unwillig zu. "Ich bedauere, dass ihr noch keinen Gastraum erhieltet."
Er wollte schon das Triangel anschlagen, um Dienerschaft zu rufen und den Besucher zu entlassen.
"Amarra grüßt Nodhers Herrn," sagte der Fremde da aber nicht ganz frei von Spott.
Ariston hielt inne. Misstrauisch musterte er sein Gegenüber. Und dann erinnerte er sich. Dieser Mann hieß Thyrian. Er trug den Titel Pala des Than, lebte auf Amarra und herrschte anstelle des Than Seymas wie ein König über dieses Reich, das immerhin größer als das Königreich Khyon durchaus gewaltig war. Thyrian besaß wirkliche Macht. Im Grunde schuldeten die Herrscher lediglich Seymas selbst Gehorsam, doch der teilte seine Herrschaft so unbedingt mit Thyrian, dass sich jeder Anspruch auch auf diesen in Sarai geborenen Mann ausdehnte. Ariston kreuzte in grüßender Geste die Arme vor der Brust und überlegte zugleich, ob er vor dem Pala des Than knien musste. Der Than selbst durfte völlige Unterwerfung fordern.
Thyrian lächelte belustigt. Da entspannte sich der Herrscher, deutete auf die hohen Sessel und lud so den Gast ein, es sich bequem zu machen.
Als Ariston durch einen Boten erfuhr, dass sich Ilkonys im schwarzen Tempel mit Cynara aussprach und sie zur Gemahlin wünschte, sandte er Reiter in alle Reiche, um die Gäste zur Hochzeit zu laden. Natürlich lud er auch Amarra ein und er hoffte, der Than werde den Sohn durch die Anwesenheit eines hohen Eingeweihten ehren. Dass er seinen Pala sandte, das war fast schon zu viel der Ehre.
"Willkommen in Nodher," grüßte er, nachdem ihm zu Bewusstsein kam, wie lange er schon schwieg. "Wir haben nicht gehofft, so hohen Besuch aus Amarra zu empfangen."
"Eure Freude ist nicht sehr aufrichtig," stellte Thyrian halb belustigt fest, denn er spürte, dass der König seinen Geist abschirmte.
Ariston war Raakis Mann, er besaß die fünfte Weihe und galt als durchaus starker Priester. Aber Thyrian war Eingeweihter des Lichts; er kannte alle göttlichen Ebenen und besaß einen ungemein starken Geist. In vergangener Zeit hielt man ihn sogar für den neuen Than. Dieses Amt übte immer nur der aus, der von den vereinten Fallas als der stärkste, derzeit inkarnierte Geist erkannt wurde. Thyrian besaß die Fähigkeit, den Geist eines Menschen auch unbemerkt zu berühren und so seine vorherrschenden Gedanken zu erkennen. So wenig, wie man sich vor Seymas abschirmen durfte, so wenig war dies vor ihm als dessen Pala erlaubt. Im Grund beleidigte ihn Ariston durch diese Geste.
"Ihr irrt euch," versicherte der Herrscher rasch, während er die ablehnende Haltung aufgab. "Eure Anwesenheit ist eine große Ehre für Nodher."
"Eine Ehre ist nicht dasselbe wie eine Freude," bemerkte Thyrian gelassen. Er versuchte nicht einmal, Aristons Geist zu berühren, was der Herrscher mit Erstaunen zur Kenntnis nahm. "Ich würde es begrüßen, wenn ihr euren Erben rufen wolltet. Er sollte nun hier sein, denke ich."
Ariston ließ sofort nach Ilkonys schicken. Während sie auf seinen Sohn warteten, erzählte er auf Thyrians Wunsch hin, welche Gäste eingetroffen waren. Der Pala des Than schien sehr befriedigt, als er hörte, dass auch die Fallas aller Haupttempel des Nordreiches zur Burg kamen.
Prinz Ilkonys überließ Cynara die Gäste und eilte zu seinem Vater. Er trug eine kostbare, reich bestickte Tunika, zeigte sich festlich gewandet und ganz im Bewusstsein seiner Macht und seines Reichtums. Als er Thyrian sah, stutzte auch er. Der Pala des Than erhob sich bei seinem Eintreten. Ilkonys zögerte nicht, die Arme zum Gruß vor der Brust zu kreuzen. Er wollte niederknien, aber da hielt ihm Thyrian bereits beide Hände entgegen.
"Der Freund eines Freundes sollte niemals unterwürfig sein," riet er mit freundlicher Stimme.
Ilkonys ergriff seine Hände und neigte sich zugleich ein wenig, bereit zum Kuss. Aber da ließ ihn Thyrian schon wieder los.
"Ich freue mich sehr, euch zu sehen," versicherte der Prinz aufrichtig. "Eure Kleidung verrät, dass ihr eben erst eingetroffen seid. Ihr solltet wenigstens bewirtet werden," fügte er dann mit vorwurfsvollem Blick auf seinen Vater hinzu.
Er wartete auf keine Reaktion, sondern schickte sofort nach einem Mahl für den hohen Gast. Ariston staunte ein wenig, als er sah, wie arglos und wirklich erfreut Ilkonys auf diesen Besuch reagierte. Thyrian nannte den Prinzen den Freund eines Freundes. Der Herrscher wusste, dass er hier von Tibra sprach. Ilkonys hatte ihm angedeutet, dass der Pala des Than die Nähe des Magiers schätzte.
"Tibra ist leider noch nicht hier," erzählte Ilkonys ohne jede Aufforderung. "Ich fürchte fast, er wird nicht kommen."
Das klang ehrlich bedauernd. Er sprach davon, dass er ihn seit dem Frühjahr nicht mehr sah, und fragte ungeniert, ob der Magier denn nach der heißen Lichtwende im Sommer auf Amarra gewesen sei. Ariston legte ihm mahnend die Hand auf den Unterarm. Diese Neugier stand dem Sohn nicht zu. Aber Thyrian sah in der Frage keine Unhöflichkeit.
"Er kam nach dem Treffen der Magier," erzählte er gelassen. "Harkym war bei ihm. Er blieb an die zwanzig Tage. Eigentlich wollte er auf dem Rückweg zur Burg kommen. Aber wir erhielten Nachricht, dass sein Gefährte Bakaar erkrankte und Tibra wollte schnell zu ihm in den Tempel gelangen. So gaben wir ihm einen Segler, der ihn bis Nurs brachte. Da der Seeweg nicht an deiner Burg vorbei führt, schob er den Besuch wohl auf. Er wird sicher kommen."
Ein Page brachte das Mahl für den Gast. Thyrian ließ sich nicht lange bitten, registrierte aber erfreut, dass der Herrscher den Diener entließ. Es war ihm lieb, jetzt ohne Zeugen reden zu können.
"Ich fürchte, Tibra kommt nicht," gab Ilkonys traurig zu. "Ich hatte ihm versprochen, ihn zum Pecha zu erheben und kann dieses Wort jetzt nicht einlösen. Ich fühle mich schuldig und fürchte, er verübelt mir die Sache."
Thyrian warf Ariston einen kurzen Blick zu. Der Herrscher mahnte:
"In dieser Sache, Sohn, entscheidet Nodher allein. Amarra steht bei der Wahl eines Pecha kein Mitspracherecht zu."
Der Pala des Than überging diesen Einwurf. Er aß gelassen weiter, beruhigte den Prinzen aber dabei.
"Tibra verübelt dir nichts, Ilkonys. Er würde es zweifellos vorziehen, wenn deine Schwester sein Leben teilen wollte. Er versteht natürlich, dass sie das nicht kann. Und er ist der Meinung, dass du dich deshalb nicht mit deinem Vater überwerfen solltest. Aniela will als Fürstin leben. Er zieht sein beschauliches Leben vor und sucht keine Macht."
"Seid ihr so sicher?" warf Ariston skeptisch ein.
Thyrian lächelte. Er beendete sein Mahl, neigte sich leicht dem König zu und sprach mit ruhiger Stimme weiter.
"Tibra ist Pala des Than und er trägt diesen Titel im vollen Umfang und ohne jede Beschränkung. Ihr, Ariston, solltet wissen, dass er damit über fast unbegrenzte Macht verfügt. Als Seymas ihn zum Falla der Weisheit erhob, füllte er dieses Amt zwar aus, aber er scheute sich nicht, zuzugeben, dass er diese Verantwortung für so viele Menschen und die dadurch notwendige Arbeit als lästig empfand. Und immerhin ward ihr einer der wenigen Menschen, die seine Berufung nicht hinterfragten. Ich wundere mich ein wenig, dass ihr diesen Mann noch immer ablehnt."
Ariston schüttelte unwillig den Kopf. Es gab wohl eine Zeit, in der er den Magier verfolgte, ihn geradezu hasste. Manche Magier schufen Miska. So nannte man den geistlosen Körper eines Menschen, aus dem durch Magie jede Art von Bewusstsein getrieben wurde. Miska konnte einfache Arbeiten ausführen, doch nicht wollen oder wünschen oder hoffen. Eigentlich war es ein Tod. Wegen diesem Wirken hatte er vor vier Jahren die Magier im ganzen Reich verfolgen lassen. Er gab Befehl, Tibra zu Tode zu peitschen. Nicht zuletzt dem Eingreifen seines Sohnes verdankte Tibra sein Leben. Doch er hatte sich inzwischen mit Tibra ausgesöhnt, nicht zuletzt, weil dieser Mann inzwischen der einzige Magier war, der Miska wenden und einen solchen Körper wieder mit seinem Geist verbinden konnte.
"Ich lehne ihn nicht ab," wehrte er sich, nun doch etwas unruhig, da Amarra so treu zu Tibra stand. "Ihr sagtet es, dass er diese Arbeit nie lieben wird. Ein Pecha steht in der Verantwortung. Er will nur den Titel, nicht das Werk."
"Aniela würde als seine Gemahlin regieren," brummte Ilkonys missmutig.
"Es ist nicht üblich, dass Frauen das Amt versehen," wies ihn Ariston mit kühler Stimme zurück. "Wir haben schon zu oft darüber gesprochen. Tibra verlangt eine zu hohe Mitgift. Es wäre mir durchaus lieb, wenn er nicht käme und Aniela ihn vergessen wollte."
"Siehst du denn nicht, wie unglücklich Aniela ist?" Ilkonys sah seinen Vater auf traurige Weise an. "Sie wird ihn nicht vergessen. Ihr gefällt der Tempel nicht, aber sie wird lieber an seiner Seite als ohne ihn unglücklich sein."
"So will sie mit ihm gehen?" erkundigte sich Thyrian etwas nachdenklich.
"Das wird sie nicht," vermutete Ariston. "Meine Tochter könnte nicht mit ihm leben. Sie ist Macht und Prunk gewohnt. Das Leben in der Burg hat sie geprägt."
"Sie hat in letzter Zeit oft Cyprina besucht," erklärte Ilkonys, der sich nun nur an Thyrian wandte. "Ihr wisst sicher, dass sie Gerrys' Tochter und Mutter meines Kindes ist. Sie lebt mit ihrem Gemahl Floryn nicht weit entfernt der Burg. Ich glaube, Aniela versucht dort, sich an ein Leben ohne Prunk zu gewöhnen."
"Du liebst deine Schwester?"
Nodhers Erbe nickte nur. Er liebte auch seinen jüngeren Bruder Willar, der jedoch nicht das Selbstbewusstsein der Schwester besaß und sich sicherer fühlte, wenn er wie ein Diener leben konnte. Thyrian lächelte auf verhaltene Art Ariston an.
"Es ist, wie ihr sagt," meinte er ruhig, "Amarra steht hier kein Mitspracherecht zu." Der Herrscher atmete auf, aber Thyrian fuhr fort: "Doch Tibra ist Pala des Than und wer ihm wohl gesonnen ist, der kann gewiss sein, dass Amarra ihm dies nicht vergisst. Sarai und Sion zumindest wissen das." Er erhob sich, wandte sich an Ilkonys. "Zeige mir bitte ein Gastquartier, damit ich mich reinigen und umkleiden kann."
Der Prinz führte ihn sofort durch die weiten Gänge der Burg.
König Ariston blieb verunsichert zurück. Der Pala des Than deutete hier etwas an, das ihm nicht gefallen konnte. Amarra durfte hier nicht befehlen. Doch es war möglich, dass Sarai und Sion gern einem Wunsch des Than folgend dem Magier Land gewähren wollten. Wenn er dies zuließ, verlor er nicht nur die Tochter an ein anderes Reich, sondern vermutlich auch die Tiefe der Zuneigung seines Erben, der wohl kaum verstehen konnte, wie die Könige Wharhan und Thylenon gewährten, was er versagte. Ariston grübelte, bis das abendliche Fest nach seiner Anwesenheit verlangte.
Er beobachtete Thyrian unmerklich. Der Mann aus Sarai war für die anwesenden Gäste nicht weniger wichtig als Ilkonys und Cynara. Herrscher wie Priester drängten in seine Nähe. Jeder wollte mit ihm reden. Vor allem Sarais Erbe Delaros und Sions Erbe Allanon schienen ihn sehr zu schätzen.
Tibra hatte nicht die Absicht, den Freund warten zu lassen. Vor einigen Tagen war ihm, als suche ein anderer Freund seine Hilfe. Er verließ mit seinem Sohn den schwarzen Tempel in der Hoffnung, rechtzeitig zurück zu sein. Er wurde jedoch aufgehalten. Die Sache zog sich in die Länge. Er musste sich schon sehr beeilen, wenn er noch rechtzeitig die Burg erreichen wollte. Sehr spät am Abend traf er dann ein. Niemand rechnete jetzt mehr mit neuen Gästen. Zwar führte ein Stallbursche sein Pferd mit sich, doch er wurde nicht als Neuankömmling begrüßt.
Die Nebel hüllten bereits das Land ein. Die Reiche kannten keinen Niederschlag. Alle notwendige Feuchtigkeit brachten die Nebel, die tags sehr hoch hingen und nachts das Erdreich bedeckten. Spärliche Feuer brannten, doch sie konnten kein Licht spenden, da die Nebel jeden Schein behinderten.
Der Magier trat zum Brunnen im Burghof, griff nach der Schöpfkelle und schüttete sich einen Schwung Wasser über den Hinterkopf. Die kühle Frische vertrieb jede Erschöpfung des langen Rittes. Er lächelte, weil der schlafende Sohn im Arm ein paar Spritzer abbekam und jetzt unwillige Laute ausstieß. Sein Blick glitt zu den erhellten Fenstern der Burg. Tibra freute sich sehr darauf, den um zehn Jahre jüngeren Prinzen bald zu sehen. Und mit Aniela würde er reden müssen. Aber das hatte Zeit. Jetzt feierten die Menschen, die ihn wohl nicht mehr erwarteten. Er wollte sie morgen sehen.
Tibra gähnte. Er war ein Mann der Macht und durfte das Haar offen tragen, doch für die Reise hielt er es gebunden, um nicht aufzufallen. Auch seine Kleidung verriet nicht seinen Rang. Harkym erwachte.
"Na, Söhnchen, ausgeschlafen?"
Liebevoll hielt er den zweieinhalbjährigen Knaben, der bei seiner Geburt zur Waise wurde und den er als Sohn anerkannte. Inzwischen wusste er, dass Harkym ein Tempelkind war. Doch nach dem Gesetz galt er als sein Vater. Der Knabe besaß goldbraunes Haar, hellbraune Augen und lange Wimpern. Sie sahen sich ähnlich, Vater und Sohn.
Nachdem ihn niemand begrüßte, schulterte der Magier achselzuckend sein Bündel und ging in die Burg, deren Tore weit geöffnet standen. Suchend sah er sich um. Vor über einem Jahr verbrachte er hier wenige Tage. Er entsann sich des Ganges, der eine Treppe hinauf zu den privaten Gemächern von Nodhers Erben führte, folgte ihm und fand sich wirklich zurecht. Erfreut sah er, dass vor seinem damaligen Gastquartier kein Page wartete. Also hatte Ilkonys, wie erwartet, ihm wieder diese Räume bereitet und sie nicht einem anderen Gast übereignet. Tibra schob sich durch die Tür, fand eine Kerze, entzündete sie und sah sich kurz um. Der Raum wirkte unbewohnt. Auch das angrenzende Schlafgemach wirkte unberührt.
Tibra setzte den Sohn auf das breite Bett, kleidete sich und dann Harkym aus. Kurz überlegte er, ob er das Triangel im Wohnraum anschlagen sollte, um nach Waschwasser und einer kleinen Mahlzeit zu rufen. Dann ließ er es bleiben. Seit den frühen Morgenstunden ritt er ohne Unterbrechung. Er war mehr als nur müde.
Tibra erstickte die Kerzenflamme mit der linken Hand, legte sich nieder. Harkym krabbelte in seine Armbeuge. Wenn der Vater schlief, so verhielt er sich stets still. Es dauerte lange, bis auch der Kleine wieder die Augen schloss.
Es gehörte zu den Eigenheiten des Magiers, ungemein tief und lange zu schlafen. Wer ihn wecken wollte, musste schon zumindest sanfte Gewalt anwenden. Die Tiefe dieses Schlafes ließ keine Störung ins Bewusstsein dringen. So erwachte Tibra auch nicht, als lange nach Mitternacht die Tür geöffnet wurde und das sanfte Licht eines Lebenden Kristalles den Raum hell ausleuchtete.
Erstaunt und erfreut zugleich sah Thyrian die Schläfer. Er schickte den ihm zur Verfügung gestellten Pagen Ilka mit einer Handbewegung fort. Leise schloss er die Tür.
Thyrian verstand, dass diese Räume von Ilkonys eigentlich für Tibra reserviert blieben. Als er ihm hier Quartier bot, hoffte er nicht mehr auf das Kommen des Magiers. Die Burg war in diesen Tagen überfüllt. Es würde schwer sein, jetzt, zumal zu dieser späten Stunde, ein anderes Quartier zu finden.
Thyrian rief das Licht des Kristalles etwas zurück. Im Königreich Moras wuchsen diese Sumpfkristalle, die auf Amarra dann zu Flammenden Kristallen wurden, welche aus sich selbst heraus leuchteten. Nur die Lebenden Kristalle jedoch ließen ihr Licht beeinflussen durch den in ihnen zentrierten Geist ihres Eigners. Diese Steine waren eine Seltenheit. Es gab in den Nebelreichen nur zehn Stück davon und sie alle blieben Eigentum des Than, der sie verdienten Menschen als Leihgabe überließ. Thyrian wandelte das Licht seines Steines zur schwachen Dämmerung.
Er betrat den Wohnraum. Draußen hörte er Stimmen. Prinz Ilkonys weilte nun wieder in seinen Räumen und auf dem Gang hielt seine Garde beschützend Wache. Kurz überlegte der Mann aus Sarai, ob er versuchen sollte, zu Ilkonys vorzudringen. Dann verwarf er diesen Gedanken. Er ging zurück in den Schlafraum, streifte die weiße Tunika der Lichtpriester, die er nun trug, ab und legte sich nieder. Er wusste, dass Tibra größere körperliche Nähe nicht schätzte und hoffte, der Freund würde bei seinem Erwachen trotzdem eine erfreuliche Überraschung erleben.
Kapitel 2
Harkym erwachte früh am Morgen. Er war es gewohnt, sich nun im Arm des Vaters still zu verhalten und auf ihn zu warten. Der Kleine setzte sich vorsichtig auf. Er wollte nichts weiter tun, als das geliebte Gesicht des Mannes betasten, der für ihn Geborgenheit und Sicherheit bedeutete. Er stieß einen entsetzten, furchtsamen Ausruf aus, als er begriff, dass er sich nicht über den Vater neigte. Tibra schreckte hoch. Noch ehe er auf die vermeintliche Gefahr reagieren konnte, flüchtete Harkym schon in seine Arme.
Thyrian lag noch ganz ruhig, aber nun lächelte er den Freund an. Durch das muskovit-
"Ich fürchtete schon, meine Gegenwart würde dir missfallen," meinte der Priester heiter. "Als Ilkonys mir dieses Quartier zuwies, hoffte er wohl nicht mehr auf dein Kommen."
"Die Räume sahen unbewohnt aus," entschuldigte sich Tibra. Dann lachte er leise auf, schüttelte damit alle Unsicherheit ab und legte sich wieder nieder. Thyrian hielt noch immer seine Hand. "Ich wusste nicht, dass du kommen wirst. Es ist schön, dich zu sehen."
Harkym war wohl derselben Ansicht. Mit diesem Mann spielte er vor einiger Zeit auf Amarra. Er erinnerte sich an ihn, entschied, dass er keine Gefahr sein konnte und begann, mit einem Zipfel der Decke zufrieden zu spielen.
"Willst du noch etwas schlafen?"
"Nein, das nicht. Ich genieße es, dich hier zu wissen, aber ich bin es nicht gewohnt, so abrupt zu erwachen. Man sollte einen Tag langsam beginnen."
"Was nicht ganz meinen Gewohnheiten entspricht," behauptete Thyrian vergnügt, ohne jedoch Anstalten zu machen, sich selbst zu erheben.
"Seit wann bist du hier? Hast du mit Aniela gesprochen? Und ..."
Thyrian unterbrach ihn, indem er seine Hand etwas fester drückte.
"Ich kam erst gestern an," erzählte er. "Aniela nahm am Fest nicht teil, wie sie allem Anschein nach nur dann zur Gesellschaft kommt, wenn es ihr befohlen wird. Da sich Ilkonys und Cynara heute vermählen, wird sie wohl dabei sein müssen. Ich hatte nur mit Ariston ein kurzes Gespräch."
"Über mich?" forschte Tibra misstrauisch.
"Gewiss. Ich habe mir erlaubt, ihn ein wenig zu verunsichern. Er nimmt an, dass du ein sehr schlechter Pecha seist."
"Seine Ansicht, mich betreffend, war immer richtig," stand der Magier seinem Herrscher bei. "Ich hoffe, ich bekomme Gelegenheit, mit Aniela zu reden. Wir werden irgendwo einen Platz für uns finden."
Thyrian lächelte sacht.
"Sion würde sich freuen, wenn du dort leben wolltest. Und Sarai bietet dir die weiten Steppen von Falfa. Das ist eine sehr schöne Gegend."
Tibra richtete sich überrascht auf.
"Ich hoffe nicht, dass Seymas oder du versuchen, diese Herrscher für mich einzunehmen," brummte er. "Meine Freundschaft zu euch sucht keine weltlichen Vorteile."
Thyrian lachte leise.
"Du bist Pala des Than, Tibra. Wir müssen nichts für dich tun. Dass es heftige Worte zwischen Ilkonys und Ariston gab, bei denen die Pechas des Reiches sich ebenfalls gegen dich aussprachen, das ist weit bekannt. Solche Nachrichten verbreiten sich ohne Zutun. Und Wharhan wie auch Thylenon haben Amarra aus eigenem Antrieb wissen lassen, dass sie es als Ehre empfänden, wenn der Pala des Than in ihrem Reich leben wollte." Er erhob sich nun. "Gestern zumindest warst du das bevorzugte Gesprächsthema der Leute hier."
"Ich habe nicht die Absicht, Nodher zu verlassen," versicherte Tibra etwas unwillig.
"Das musst du Ariston ja nicht unbedingt sagen," riet Thyrian fröhlich.
Er kramte in einer Truhe, fand, was er suchte und warf Tibra eine einfache Haustunika zu.
"Nun steh schon auf, Freund. Es würde meinem Ruf schaden, wenn man dich mit mir auf einem Lager fände."
Der Page Ilka zeigte sich wenig später sehr verwirrt, als er Thyrian nicht allein fand. Er eilte, einen weiteren Pagen zu holen. Nach dem gemeinsamen Frühmahl entließ Thyrian die Pagen. Ein wenig wollte er noch mit Tibra plaudern, doch viel Zeit blieb ihnen nicht mehr. Der Thronsaal der Burg füllte sich bereits. Tibra hatte sich festlich, aber nicht prachtvoll gekleidet. Thyrian musterte ihn eingehend.
"Was gefällt dir nicht?" brummte Tibra, dem dies nicht entging.
Der Freund lächelte amüsiert. Dann trat er zu einer Truhe und entnahm ihr so prachtvolle Gewandung, wie sie eines Königs würdig war. Tibra schob unwillig die Unterlippe vor, was Thyrian ein leises Lachen entlockte.
"Das war nicht meine Idee," erklärte er rasch. "Seymas ist der Ansicht, dass Ariston heute eine gewaltige Überraschung erleben sollte. Er hat ja keine Ahnung, wie nahe du ihm stehst und wie sehr dich das bei vielen Leuten aufwertet. Spiele ein Spiel, Tibra."
"Das ist Blendwerk."
"Natürlich ist es das," gab der Pala des Than fröhlicher zu, als es eigentlich seiner Art entsprach. "Seymas würde sich königlich amüsieren, wenn er zuschauen könnte."
Tibra grinste wider Willen. Der mächtigste Mann der Reiche, gerade sechsundzwanzig Jahre alt, war von heiterem, fröhlichen Wesen. Ihm würde es wirklich gefallen, wenn sein Freund bei einem solch offiziellen Anlass wie ein Herrscher auftrat. Für einen Moment war ihm, als höre er das Lachen des fernen Freundes.
Während er sich also noch einmal umkleidete, öffnete Thyrian, höchst zufrieden, die Truhe erneut. Seymas wollte, dass auch Harkym entsprechend gekleidet sein solle. Tibra stieß einen überraschten Pfiff aus, als er den Sohn sah. Der Kleine trug nun eine kurze Tunika aus sehr wertvollem Stoff, darunter Beinkleider und dazu sehr weiche Schuhe.
Tibra hatte sich in eine weiche Tunika aus gelber und weißer Farbe gekleidet, überreich bestickt und mit silbern schimmernden Borten verziert. Das weich fließende Tuch umschmeichelte die Haut. In seiner Jugend lernte er das Handwerk des Tuchmachers. Er konnte diesen Stoff beurteilen und er wusste, dass er sehr kostbar und teuer sein musste.
"Du siehst gut aus," schmeichelte Thyrian erheitert, während er zu ihm trat und ihm einen bodenlangen Umhang derselben Qualität um die Schultern legte. "Ich hoffe, du fühlst dich auch so."
"Dada, schau," rief Harkym.
Der Magier lachte.
"Mein Sohn fühlt sich wie ein Prinz. Wenn es ihm gefällt, wird es mir auch gefallen." Er nahm den Kleinen auf den Arm. "Wir sollten den Thronsaal suchen."
Sie verließen den Raum. Die Gardisten draußen neigten grüßend das Haupt. Sie kannten Tibra und sie wussten, wie Ilkonys zu ihm stand. Aus den Räumen des Prinzen ertönte leises Kinderweinen. Der Magier zögerte, sah fragend auf Thyrian. Als der nickte, trat er bei Nodhers Erben ein.
Cynara und Ilkonys hatten sich sehr festlich gekleidet. Die Stunde ihrer Vermählung nahte. Die Priesterin zeigte sich etwas aufgeregt. Vor allem aber war sie nun besorgt. Ihr Sohn fremdete seit einiger Zeit, ließ keinen Menschen außer ihr und Ilkonys an sich heran und jetzt weinte er entrüstet, weil sie ihn einer Kinderfrau übergeben wollten. Beide hatten das Eintreten von Tibra und Thyrian nicht bemerkt.
"Wir dürfen die Gäste nicht länger warten lassen," mahnte Cynara soeben. "Changanar wird sich beruhigen und sicher nicht den ganzen Tag weinen."
Ilkonys hielt den Knaben auf dem Arm. Er wirkte unschlüssig.
"Ihn weinen lassen?" überlegte er, während der Kleine durch seine Nähe langsam ruhiger wurde. "Dein Sohn wird immer auch mein Kind sein, Cynara. Ich weiß nicht viel von Kindern und das wenige, das ich gelernt habe, habe ich Tibra abgeschaut. Er würde Harkym niemals weinen lassen. Wir nehmen Changanar einfach mit. Er wird den Festakt schon nicht stören."
"Mein Sohn ist leider nicht so still wie Harkym," widersprach Cynara.
Ilkonys bemerkte eine Bewegung hinter sich. Er fuhr herum und starrte Tibra an. Nodhers Erbe sagte kein Wort, doch seine ganze Haltung und die Art, wie er den Magier ansah, entdeckten seine Freude über dieses nicht mehr erhoffte Wiedersehen. Tibra stellte Harkym auf den Boden. Dann trat er zu Nodhers Erben und nahm ihm das Kind ab. Changanar starrte ihn misstrauisch an, verzog das Gesicht. Aber er weinte nicht, sondern stieß einen zufriedenen Seufzer aus und machte es sich bequem auf den starken Armen dieses fremden Mannes. Cynara sah es mit großem Erstaunen.
"Ich freue mich, dass ich dich etwas lehren durfte," sagte der Magier endlich zu Ilkonys. "Lass deine Kinder niemals weinen, Freund. Lass sie nie allein, wenn sie sich nach deiner Nähe sehnen." Er sah Cynara an. "Als mein Sohn keine Fremden duldete, ließ er sich doch von euch auf Amarra behüten. Vertraut mir nun Changanar an, wie ich euch Harkym anvertraute."
"Du solltest dabei sein," murmelte Ilkonys.
"Ich komme mit den Kindern später in den Thronsaal," versprach Tibra, "immer vorausgesetzt, dass ich ihn finde." Er hatte sich bereits einmal in der großen Burg verlaufen. "Geht nun und besiegelt euren Bund. Wir reden später miteinander."
Der Prinz zögerte immer noch, wenn auch nicht wegen dem Kind. Aber endlich war der Freund bei ihm und jetzt sollte er keine Zeit für ihn haben? Thyrian öffnete wortlos die Tür. Die Gäste warteten. Da ergriff Ilkonys die Hand der Geliebten, warf Tibra noch einen langen Blick zu und führte Cynara dann durch die weiten Gänge. Thyrian ging mit ihnen.
Tibra sah ihnen nicht nach. Er begab sich in die Hocke, stellte Changanar auf die Füße und schaute dann den beiden Kindern zu, die sich vorsichtig einander annäherten und sehr rasch Zutrauen zueinander fassten. Es dauerte einige Zeit, bis die Knaben miteinander lachten. Da erst hob er sie auf und trug sie mit sich. Im Gang hatte einer der Gardisten auf ihn gewartet, zeigte ihm nun den Weg und führte ihn bis zum ebenerdig gelegenen großen Thronsaal, dessen Türen soeben geöffnet wurden. Der Magier lächelte. Er wusste, dass der Festakt der Anvermählung bereits beendet war. Ilkonys und Cynara waren nun Mann und Frau. Die Priesterin galt jetzt als Nodhers Königin.
Cynara erblickte Tibra bei den großen Eingangstüren. Fast hastig machte sie Ilkonys auf ihn aufmerksam. Doch nun trat Cynesta, Aristons Gemahlin zu ihnen. Sie konnten nicht weg und sprachen mit ihr.
Der Magier stellte Harkym auf den Boden, ergriff dessen Hand. Changanar hielt er weiter auf dem Arm, während er nun den Festsaal durchquerte. Ein wenig lag es sicher an seiner Gewandung, dass die Menschen vor ihm eine Gasse bildeten. Erfreut konnte Cynara wenig später ihren Sohn auf die Arme nehmen. Tibra wollte sich entfernen, doch Ilkonys griff rasch nach seiner Hand und hielt ihn zurück.
"Mutter," wandte er sich an Cynesta, "du erinnerst dich sicher an Tibra. Er ist mein Freund."
Der Magier verweilte im Gespräch. Aber dann erinnerte er sich daran, dass Seymas sich wünschte, er würde ein Spiel spielen und Ariston verblüffen durch eine gelebte Macht, die er eigentlich gar nicht empfand. Unweit entfernt stand Thyrian und nickte ihm auffordernd zu. So hob er Harkym auf und begab sich in die Menge.
Ariston Nodher schien ihn gar nicht zu beachten. Doch aus den Augenwinkeln heraus beobachtete er den Magier sehr genau.
Khyons Herrscher Mardones vertrat Tibra den Weg. Einst hatte dieser Magier in seinem Reich Raakis Tempel vor magischer Bedrängnis gerettet. Zuvor sprach er nie mit diesem Mann. Doch jetzt war Tibra ein Mann der Macht und Pala des Than. Es war Zeit, ihm für sein Wirken zu danken. Mardones galt nicht als sehr umgänglich. Dass er so lange und so freundlich mit Tibra sprach, machte auch den letzten der Gäste auf diesen Magier neugierig.
Sarais Erbe Delaros verhielt sich fast scheu. Er hatte früher Thyrian verfolgt. Dass dieser Mann noch lebte, war mit Tibras Verdienst. Auch er dankte dem Magier und deutete dabei an, dass er in Sarai willkommen sei.
Auch Sions Herrscher Thylenon näherte sich Tibra. Er kannte diesen Mann schon, der auf ihn eine seltsame Faszination ausübte. Er wollte einfach ein wenig mit ihm reden und die Art, wie er es tat, bewies Respekt und Achtung.
Lyandros, der Falla der Weisheit in Nodher, kreuzte gar die Arme vor Tibra und kniete grüßend nieder. In den wenigen Wochen, in denen Tibra vor ihm diesen Tempel leitete, stand er ihm bei. Er wusste nicht, dass dieser Tempel magisch verseucht und dadurch unwirksam wurde. Er versuchte nur, einem Falla zu dienen, den der Than berief. Er hörte wohl, dass auf Amarra Tibras Wirken gelobt wurde und der Magier sein Amt freiwillig zurückgab. Lyandros erhielt dieses hohe Amt wenig später. Zum ersten Mal seither sah er nun Tibra und sein demütiger Gruß sollte auch Ausdruck seiner Freude sein. Sie sprachen über Tempelangelegenheiten, als sei der Magier wirklich ein bewusster Priester.
Endlich konnte Tibra auch Gerrys begrüßen und mit ihm Nymardos, dessen vertrautesten Freund, der vor Seymas als Than über die Reiche herrschte. Sie alle lebten in einem Tempel und der vertraute Umgang miteinander gehörte zu ihrem Alltag. Ungewöhnlich war nur, dass sich der Falla des Lichts zu ihnen gesellte und Tibra mit ausgesuchter Höflichkeit behandelte.
Ariston entging nichts von alledem. Fast schien es, als sei den Gästen dieser Magier wichtiger als Ilkonys, den zu ehren sie doch gekommen waren. Er hoffte, der Sohn empfand all dies nicht als Kränkung. Wie wenig Anlass zu dieser Sorge bestand, begriff er sehr schnell, als er zu seinem Erben trat und mahnte:
"Du solltest Changanar jetzt entfernen lassen. Die Festtafel ist bereitet und das Mahl dauert sicher etwas länger."
Ilkonys hielt den Knaben auf dem Arm und lächelte.
"Als ich so klein war wie er, hast du mich da auch entfernen lassen, Vater?"
"Ich habe dir jedenfalls keine langweiligen, langen, offiziellen Anlässe zugemutet," schmunzelte der Herrscher.
"Es wird Changanar gefallen," erwiderte der Prinz aber nur.
Im Speisesaal bestand er dann darauf, dass Tibra sehr nahe bei ihm sitzen solle. Diese unerwartete Erhöhung des Magiers missfiel nicht nur Ariston. Doch er schwieg dazu. Während der Festtafel unterhielten Musikanten und Schausteller die Gäste. Heiterkeit kam auf, fröhliches Lachen ertönte und manche lockere Plauderei ließ Festtagstimmung entstehen.
Tibra strahlte Heiterkeit und zugleich ein sehr großes Machtbewusstsein aus. Er wusste, dass ihn fast jeder der Gäste beobachtete und er spielte das Spiel, das Seymas ihm zudachte. Er fand sogar Gefallen daran. Nur vor Harkym spielte er nicht. Er fütterte den Sohn und zeigte ihm all die liebevolle Zuwendung, die der Kleine stets von ihm erhielt. Die Selbstverständlichkeit, mit der er sich gelassen um die Bedürfnisse und Wünsche des Sohnes kümmerte, half Cynara und Ilkonys, Changanar ebenso zu behandeln.
Mercur hatte darauf bestanden, dass auch Talima am Fest teilnahm. Da der Magier so weit oben an der Tafel saß, nahm er mit ihr weit entfernt Platz. Er musste das nicht tun, aber er mochte den Magier nicht und fühlte sich unwohl, da er dessen Sklavin liebte. Aniela blieb an ihrer Seite. Sie wich Tibras Blicken aus und wünschte, ihr sei ein Fernbleiben erlaubt worden.
Den Mittag verbrachten die Menschen in lockeren Gruppen innerhalb der Festräume oder auch draußen im Garten und im Burghof. Jetzt konnte sich Aniela unbemerkt entfernen. Erst am Abend, zum offiziellen Fest, musste sie wieder anwesend sein. Sie fürchtete sich ein wenig davor, dass Tibra sie aufsuchen würde, doch der Magier nahm an allen Festlichkeiten teil.
Tibra hatte längst bemerkt, wie genau Ariston ihn beobachtete und er spürte auf intuitive Weise dessen nachdenkliches Unwohlsein. So spielte er das Spiel weiter, selbst erstaunt darüber, wie wichtig es den durchaus mächtigen Gästen des Herrschers war, mit ihm ein paar Worte zu wechseln.
Er sah Thyrian auf einer Decke im Garten lagern. Ein Page hatte ihm heißen Kräutertee und kleine Nusskuchen gebracht. Tibra atmete auf, als sich niemand nahte, da er sich zu Thyrian begab.
"Gefällt es dir?" erkundigte sich der Freund, während er ihm einen Becher mit Tee reichte.
"Es ist anstrengend," grinste Tibra. "Ich denke, die Hälfte der Leute habe ich jetzt gesprochen. Dabei sehne ich mich nur nach einem Gespräch mit Aniela."
"Sei nicht ungeduldig. Sie muss eine schwere Entscheidung treffen und will damit fertig sein, ehe sie mit dir spricht."
"Was meinst du?"
"Sie weiß noch nicht, ob sie mit dir leben kann," stellte Thyrian gelassen fest.
"Dann sollte sie zumindest wissen, dass ich zu Hause nicht mit ihr leben will," brummte Tibra missmutig. "Sie wäre auf Dauer nicht glücklich im Tempel, Thyrian. Eine Trennung ist da wohl das kleinere Übel, denke ich."
"Liebst du sie denn nicht?"
"Was wäre das für eine Liebe, die das Geliebte in eine beengende Umgebung zwingt und dessen Unglück akzeptiert?"
Thyrian lagerte sich bequemer hin, legte sich auf die Seite und sah Harkym schmunzelnd zu, der begann, den dritten Kuchen zu zerbröseln, um danach die Krümel zu verzehren.
"Du hast meine Frage nicht beantwortet," stellte er gelassen fest.
"Was willst du hören? Das Schwärmen eines Jünglings? Dazu bin ich zu alt. Aniela ist jung, schön und begehrenswert. Aber das sind viele Frauen."
"Und was sind ihre Qualitäten?" erkundigte sich Thyrian mit unerwartetem Ernst in der Stimme.
Tibra lächelte. Seine Stimme klang etwas wärmer, als er antwortete:
"Aniela ist sehr selbstständig. Sie engt einen Mann nicht dadurch ein, dass sie beständig seine absolute Nähe und ungeteilte Aufmerksamkeit will. Sie denkt konsequent und hält an ihrem rationalen Weltbild fest, obwohl sie weiß, dass ich Magier bin und ein großer Teil meiner Freunde Priester sind. Sie verspottet diese für sie unverständlichen Wege nicht, aber sie versucht auch nicht, sie zu gehen, um gefällig zu sein. Sie besitzt geistige Stärke, Mut und Willenskraft. Ich würde sehr gerne mit ihr leben, Freund."
"Und das kann nicht Sarai sein? Meine Heimat ist sehr schön."
"Ich ließ sie wissen, dass alles in ihrem Ermessen liegt. Es ist ihre Entscheidung, Thyrian. Sie wird unser gemeinsames Umfeld wählen und sie weiß, dass ich alles außer der Burg oder einer großen Stadt akzeptiere."
Harkym gewann nun die Überzeugung, dass all die andern Lagerplätze die besseren Leckerbissen besaßen. Also stapfte er mutig davon. Tibra seufzte leise. Er wollte lieber das Gespräch weiterführen, doch der Sohn ging natürlich vor. Thyrian sprang leichtfüßig auf und holte den Kleinen ein. Harkym verzog böse das Gesicht, als der Mann ihn aufhob. Er strampelte.
"Lass ihn runter," rief Tibra, der sich bisher nicht erhob.
Als Harkym am Boden stand, rief er ihn zu sich. Der Kleine gehorchte, aber er wirkte nun sehr enttäuscht. Thyrian nahm mit einem Lächeln ein Stück Kuchen von der Gruppe auf, der Harkym zustrebte, brachte ihn dem Kleinen und versöhnte ihn damit. Harkym strahlte, plapperte, lachte und genoss die Stunden.
"Ich habe das Gefühl, als wenn uns jeder heimlich anstarrt," brummte Tibra.
"Natürlich," erwiderte Thyrian voll Heiterkeit. "Man hat gehört, wie du mich angerufen hast."
"Ja, und?"
"Du hast mich geduzt."
"Das ist nichts Neues," erinnerte Tibra, der den Zusammenhang noch nicht sah.
"Für die Leute hier ist es etwas Neues," erklärte der Freund, dem die Situation sehr gefiel. "Man weiß, dass du Seymas nahe bist. Doch wie wir zueinander stehen, das ist nicht allgemein bekannt. Ich gelte immer noch als unnahbar. Jetzt ist auch der letzte Gast auf dich neugierig geworden."
"Ich kann dir gar nicht sagen, wie gleichgültig mir das ist," brummte der Magier da nur missmutig.
Nodhers Erbe weilte ebenfalls im Garten, doch fand er nicht die Zeit zu ruhigem Gespräch. Sein Vater führte ihm unermüdlich neue Gäste zu. Er hielt es für wichtig, dass der Sohn vor allem mit all jenen sprach, die eine weite Reise auf sich nahmen, um ihn zu sehen. Er sah den erstaunten Blick des Vaters, als Tibra den Pala des Than so vertraut anrief. Ilkonys lachte leise und fröhlich.
"Ich habe dir doch gesagt, dass sie sich mögen," erinnerte er den Herrscher vergnügt. "Wie ich dir auch sagte, dass ich diesen Magier liebe und seine Freundschaft mich sehr bereichert. Es kann nicht richtig sein, dass ich mit hundert fremden Menschen rede und einen Freund beharrlich übersehe."
Er wartete keine Antwort ab, deutete eine Verneigung vor dem Vater an und entfernte sich hastig. Cynara kam ihm entgegen. Ilkonys nahm ihr den Sohn ab, doch er blieb nicht bei ihr.
"Bitte, ich muss jetzt mit Tibra reden," erklärte er entschuldigend. "Halte mir, wenn du kannst, ein wenig die Störer fern."
Die Gemahlin nickte ihm aufmunternd zu. Erst, als er zu dem Magier trat, zögerte er dann doch. Er wusste nicht so recht, ob er auch Thyrian willkommen war. Die Entscheidung traf Changanar, der unbedingt zu Harkym wollte.
"Wenn du endlich ein wenig Zeit hast, dann setz dich zu uns," lud ihn Tibra ein. "Wenn du nur den Kleinen behütet wissen willst, ist es auch gut. Lass ihn hier."
Harkym hatte sich den leeren Becher des Vaters gegriffen und begann, Grashalme auszurupfen und ihn damit zu füllen. Changanar schaute ihm kurz erstaunt zu, dann nahm er an diesem für ihn seltsamen Spiel teil.
"In der ganzen Burg wird wohl niemand so schlecht bedient wie ihr beide," stellte Ilkonys mit Blick auf das leere Geschirr fest.
Er gab wartenden Pagen einen Wink, lagerte sich dann nieder, wobei er Thyrian einen entschuldigenden Blick zuwarf, den dieser jedoch gleichmütig ignorierte. Nodhers Erbe begrüßte Tibra endlich und zeigte dabei offen die Freude, die er über dessen Kommen empfand. Nachdem sie kühle Getränke und Obst erhielten, erzählte er ohne Aufforderung von seinen Versuchen, Tibra den versprochenen Titel des Pecha zukommen zu lassen. Er entschuldigte sich, ehrlich betrübt, weil er dieses Wort nicht halten konnte.
Cynara versuchte wirklich, jeden Störer aufzuhalten. Sie stellte schnell fest, dass sie dieser Aufgabe wohl nicht ganz gewachsen war. Lächelnd trat da Ariston zu ihr und nun war er es, der dem Sohn den nötigen Freiraum auf unauffällige Art verschaffte.
Ilkonys sprach von Aniela. Sie hoffte wirklich, dass sich der Vater umstimmen ließe. Doch er wie auch die Pechas des Reiches blieben bei ihrer Ablehnung.
"Aniela war zuerst sehr wütend," berichtete er, bei allen Worten doch immer etwas besorgt wirkend. "Je mehr unsere Eltern gegen dich sprachen, desto entschlossener wurde sie. Schließlich hat sie erklärt, dass sie dann eben im Tempel mit dir leben werde. Mutter war entsetzt, Vater zornig. Aber Aniela blieb fest. Sie suchte fast täglich Cyprina auf. Ich glaube, sie lernte, wie eine Frau des Volkes ihre Arbeit tut." Ilkonys lächelte bei diesem Gedanken. Es fiel ihm durchaus schwer, sich die Schwester beim Kochen oder Waschen vorzustellen. "Als du auf dem Rückweg von Amarra nicht zu uns kamst, hat sie sich verändert, Tibra. Aniela wurde viel stiller, hat sich von allem zurückgezogen und wohl eingesehen, dass sie ein so einfaches Leben doch nicht führen kann."
"Und es sollte nichts dazwischen geben?" warf Tibra nachdenklich ein. "Ich bin kein armer Mann, wie du weißt. Ein Landgut, ein Gestüt, würde ihr das nicht genügen?"
"Ich sprach mit ihr darüber," gab Ilkonys betrübt zu. "Anfangs dachte ich, dass sie damit zufrieden sei. Aber es wäre ihr zu still, Tibra. Und in einer Stadt willst du ja nicht leben. Seltsam ist nur, dass sie in letzter Zeit selbst nicht mehr gut von Städten sprach. Sie hat sich sehr verändert, mein Freund."
"Inwiefern?"
"Nun, sie war immer so stark und wusste stets, was sie wollte. Jetzt wirkt sie verunsichert. Manchmal ist sie fröhlich, um wenig später traurig zu sein und zu weinen. Dann schwärmt sie von deinem einfachen Leben und gleich darauf spricht sie nur von Reichtum, Ehrgeiz und Macht. Sie tafelt mit uns, lobt die Köche und verlangt dann plötzlich nach Nussbrei oder etwas, das sie von dir her kennt. Manchmal denke ich, sie weiß nicht, was sie will."
Thyrian leerte seinen Becher. Er warf Ilkonys einen leicht erstaunten und Tibra einen höchst amüsierten Blick zu, ehe er sich erhob. Dann neigte er sich dem Magier zu.
"Ich denke, sie benimmt sich den Umständen entsprechend völlig normal," meinte er bedeutsam, richtete sich auf und ging dem unweit gelegenen Weiher zu, wo einige hohe Priester lagerten.
Verblüfft sahen sich Ilkonys und Tibra einen Augenblick lang an, dann schnellte der Magier förmlich auf die Beine.
"Thyrian, warte!"
Er rief es laut, eilte dem Freund nach, den er fast heftig bei den Schultern ergriff.
"Was hast du eben angedeutet?" forschte er mit drängender Stimme.
Thyrian lachte ganz leise. In seiner Stimme schwang viel Zuneigung, als er antwortete:
"Hast du deine Liebste beim Mahl nicht beobachtet, Freund? Man muss kein Priester sein, um sehen zu können. Aniela erwartet ein Kind, und da sie es bis jetzt vor ihrer Familie verbergen konnte, lässt sich unschwer errechnen, wann es wohl gezeugt wurde. Und von wem," fügte er bedeutsam hinzu.
"Du irrst dich nicht?"
"So sehr, wie ich deiner Intuition vertraue, so sehr darfst du meiner Beobachtungsgabe trauen," versprach der Pala des Than.
Tibra starrte ihn an, dabei den Griff fast schmerzhaft fest verkrampfend. Thyrian stand ungerührt. Er lächelte. Es gefiel ihm sehr, dass nun alle Blicke auf ihnen ruhten und vornehmlich Ariston unweit entfernt die Szene beobachtete. Nachdem der Magier noch immer nicht sprach, meinte er belustigt:
"Du musst dich jetzt entscheiden, ob du mich loslassen oder umarmen willst."
Tibra zog ihn an sich. Er konnte sich nicht erinnern, Thyrian je umarmt zu haben, doch jetzt freute er sich über die Nähe dieses Freundes, der ihm die beste Nachricht brachte, die er sich denken konnte.
"Mit wem willst du reden? Mit Sions Herrscher oder mit Sarais Herrn?" erkundigte sich Thyrian leise.
Tibra löste sich halb von ihm, zog ihn erneut an sich. Seine Augen strahlten vor Freude.
"Seymas wollte doch, dass ich ein Spiel spiele," erinnerte er den Freund. "Nun, ich habe noch nicht einmal damit angefangen und jetzt, denke ich, habe ich einen wundervollen Grund, gewinnen zu wollen."
Ein Page kam mit einem beladenen Tablett vorbei. Tibra löste sich rasch von Thyrian, ergriff zwei mit Wein gefüllte Achat-
Er war mit dem Verlauf der Dinge sehr zufrieden. Der Magier verhielt sich nicht mehr nur abwartend und nachgiebig, überließ seine Zukunft nicht mehr allein der Geliebten. Jetzt suchte er wieder, selbst sein Schicksal zu gestalten und er hatte dazu einen Anlass, der ihn trefflich stärken und anspornen konnte.