Amarra

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Khyon

Leseproben Bd.1-8

Khyon

Zyklus der Nebelreiche, Band 7

Umfang: ca. 72000 Worte = 287 Normseiten
Titelbild: © Renate Steinbach

Leseprobe umfaßt die ersten zwei Kapitel

das Kindle-ebook gibt es zu 0,99€ bei Amazon


Kapitel 1

Am Horizont tauchte das weiße Rund des größten Tempels der Nebelreiche auf und der Jüngling verhielt den Schritt, um den Anblick zu genießen. Seymas stand nun in seinem siebzehnten Lebensjahr. Er setzte sich ins dichte Gras, schaute nach Osten zum Tempel und lächelte verhalten. Der Sitte gemäß hielt er die langen, goldblonden Locken mit einem bestickten Band fest gebunden. Nur den Mächtigen der Reiche stand es zu, das Haar offen zu tragen.
Seymas genoss sein Leben. Aus unerfindlichen Gründen achtete der mächtigste aller Menschen auf ihn und seinen Weg. Der Jüngling empfand Sehnsucht nach diesem Mann. Nymardos lebte dort im Tempel; herrschte als Than und Souverän der sieben Könige uneingeschränkt. Die obersten Priester aller Reiche - man nannte sie Falla, da sie je einem der Haupttempel vorstanden - erkannten Nymardos vor nunmehr dreiundzwanzig Jahren als den derzeit stärksten inkarnierten Geist. Durch diese Erkenntnis verlor der vorige Than seine Macht und man legte das Geschick der bekannten Welt auf die Schultern des damals neunzehnjährigen Jünglings, der nie zuvor mit Macht in irgendeiner Form konfrontiert wurde.
Seymas legte sich ins Gras und ließ seinen Gedanken freien Lauf. Nymardos achtete auf ihn, seit er denken konnte. In Amarra, dem Reich des Than, nahm man an, dies sei, weil sein Vater der innigste Freund des Mächtigen war. Doch Seymas wusste, dass dies nicht zählte. Er war ein Tempelkind, nach der Sitte von einer Priesterin und einem Priester in Trance gezeugt. Keine Leidenschaft rief ihn ins Leben, sondern der freie Wunsch seines eigenen Geistes, der inkarnieren wollte. Dass dieser Priester, der sich zum Werkzeug dazu gab, Nymardos' Freund wurde, war nicht so wichtig.
Seymas kannte seinen Vater Gerrys kaum, der im fernen Reich Nodher als Raakis Falla einem großen Tempel vorstand. Gerrys kam ein oder zwei Mal im Jahr nach Amarra und wenn Seymas sich dann nicht unter Leitung befand, um eine Priesterweihe anzustreben, dann diente er Gerrys; tat es sogar gern, denn er schätzte diesen stillen, blassen Mann, in dem mehr Kraft herrschte, als sein schmächtiger Körper vermuten ließ.

Der Jüngling trug eine lange, braune Tunika von dichtem Stoff. Sie war bequem beim Reisen und die vorgeschriebene Gewandung für Priesterschüler und Helfer. Dass er bereits die vierte Weihe besaß, war für einen jungen Mann seines Alters höchst ungewöhnlich. Aber Seymas war nicht der Mensch, der sich darauf etwas einbildete. Zu genau wusste er, dass er auch dies Nymardos verdankte, der ihm mehr Freiheit zugestand als jedem anderen Bürger des Reiches. Für Seymas hatte es nie wirklich Pflichten gegeben, keine Alltags- und Arbeitswelt. Er lebte seinen Neigungen und erfuhr bewusst jeden Tag als Glück.
Die Nebel hingen noch hoch. In allen Reichen war es der Nebel, der dem Land Fruchtbarkeit brachte. Man kannte keinen Niederschlag und keine Gestirne. Bei Tag hing der Nebel hoch, bei Nacht senkte er sich zum Erdreich. Es gab kalte und warme Nebel, ganz nach Jahreszeit - nur auf Amarra, umspült von warmen Meeresströmen, kannte man keine wirklich kalte Zeit. Hier wuchs alles in übergroßer Fülle. Amarra war ein Paradies in dieser Beziehung und es war ein wahrhaft großes Reich.

Seymas sprang auf und ging weiter. Schon vor der letzten Lichtgleiche war er im Reich unterwegs gewesen und hatte gelernt, was immer ihm am Neuen begegnete. Zuletzt weilte er einige Tage in einer Siedlung, in der die Menschen als vortreffliche Weber feinste Wandteppiche fertigten. Es gab keine Pflicht für ihn, doch er wollte auch diese Kunst beherrschen und so blieb er und ließ sich unterweisen. Er lachte vergnügt. Die Weber hatten ihm erlaubt, bei der Fertigstellung eines dünnen, sehr feinen Wandbehanges zu helfen und er hatte bei der Gestaltung und dem Entwurf geholfen. In die Mitte dieses Teppichs, umgeben von vielerlei Symbolen, knüpfte er ein Pentagramm aus schwarzer Wolle, umgeben von einem goldfarbenen Kreis. Die Weber hatten ihn ausgelacht, als er vorschlug, diesen Teppich dem Than zu senden, der dafür sicherlich Verwendung habe - aber erstaunlicherweise gaben sie dem Jüngling nach. Der Kreis mit dem Punkt in der Mitte galt als das Symbol der Lichtgöttin Antares, deren Weihe die Höchste bildete. Das Pentagramm hingegen gehörte zu Raaki, dem dunklen Gott des Todes, dessen Weihe vor der des Lichtes lag. Seymas wusste mit Bestimmtheit, dass dieser Teppich den Than an Gerrys erinnern würde, dem er ihn dann vermutlich als Geschenk sandte. Nun, er würde es erfahren.

Am Abend erreichte Seymas eine kleine Siedlung, wo er gastliche Aufnahme fand. Sein heiteres Wesen ließ ihn die Herzen der Menschen stets rasch gewinnen und mit Geschichten und Erzählungen verbrachte man die Stunden. Am andern Morgen zog er weiter. Er ließ sich Zeit, übernachtete nochmals. Schließlich, schon nahe des Tempels, verließ er einem Impuls folgend den Pfad und ging querfeldein.
Kinderweinen lockte ihn an. Er fand einen kaum dreijährigen Knaben, der verzweifelt am Bett der Mutter weinte, die unter den Schmerzen einer Geburt schrie und stöhnte. Niemand befand sich sonst in der Nähe. Seymas handelte rasch und umsichtig. Er trug den Knaben vors Haus, hieß ihn zu warten und half dann der Frau, als habe er solchen Dienst schon oft getan. Bisher sah er nur Tiere ins Leben kommen und die Schmerzen der Frau erschreckten ihn etwas, doch er ließ sich nichts anmerken, sprach sanft und begütigend und unter seinem Einfluss wurde sie auch ruhiger. Als viel später Schritte nahten, hielt sie ihr Baby im Arm und lächelte den Jüngling glücklich an. Ihr Gemahl kam herein, gefolgt von dem Priesterarzt, den er holte. Für diesen gab es nichts mehr zu tun.

Früh am Morgen zog Seymas weiter. Nahe des Tempels befanden sich einige kleine Häuser mit flachem Dach. Hier wohnten ausgewählte Priester und Priesterinnen. Nur wenige besaßen ein eigenes Haus; die meisten teilten sich den Wohnraum zu mehreren. Unter einem mächtigen Pejuk-Baum stand der kleine Bau, den Seymas bewohnte. Er lächelte. Es war eine Auszeichnung, ein eigenes Haus zu haben, noch dazu so nahe am Tempel und er wusste dies zu schätzen. Seymas wusch sich, kleidete sich um und trat wieder ins Freie. Er sehnte sich nach einer Begegnung mit Nymardos, doch niemand in den Reichen konnte und durfte ungerufen zum Than gehen. Hierin gab es für ihn keine Ausnahme; eine Tatsache, die er sehr bedauerte. Aber er wusste sich durchaus zu helfen. Geduldig wartete er vor einem der Häuser, bis ein Priesterschüler kam, der das Frühmahl für den Hausherrn bringen wollte.
"Gib mir das Tablett," verlangte Seymas freundlich, "heute will ich den Pala unseres Herrn bedienen."
Der junge Mann zögerte. Seymas trug die rote Gewandung des Gottes Minosante und wies sich somit als dessen Priester aus. Und für alle Priesterschüler galt unbedingter Gehorsam gegenüber jenen, welche weiter auf dem Pfad geschritten waren. Es war Seymas' Jugend, die den jungen Mann verstörte, doch ein paar freundliche Worte überzeugten ihn endlich.

Auf sein Pochen hin ertönte ein Ruf und Seymas trat ein. Er kannte dieses Haus. Es bestand aus einem großen Wohnraum und zwei kleineren Nebenräumen sowie einer Schlafkammer. Die Fensteröffnungen waren muskovitverglast. Muskovitscheiben, noch dazu von dieser Größe, konnten sich nur sehr reiche Menschen leisten, doch der Mann, der hier wohnte, litt ohnehin keinen Mangel. Er trug den Titel 'Pala des Than'. Dieser Titel wies ihn als Bevollmächtigten und Freund des Herrschers aus. Pala bedeutete, je nach Betonung, entweder ein Amt oder den Begriff tiefster Freundschaft. Auf Caryll, der diesen Titel trug, trafen beide Deutungen zu. Wie Nymardos war auch er nun zweiundvierzig Jahre alt. Er kannte und liebte den Than seit ihrer gemeinsamen Kindheit und diente ihm mit beispielloser Hingabe. Als Mann der Macht trug er sein dunkles Haar offen, das ihm nun den Blick versperrte, als er mit geneigtem Kopf ein paar Papiere las. Seymas stellte das Tablett leise ab, schenkte dem Pala heißen Tee ein, schob ihm den Becher zu und füllte den Teller mit dampfendem Körnerbrei. Caryll sah nicht auf.
"Du kannst die Schlafkammer aufräumen," erlaubte er.
Seymas nickte grinsend und ging nach nebenan. Irgendwie war es verwunderlich, dass Caryll keine feste Dienerschaft duldete, sondern den Dienst von jedem hinnahm, der aus dem Haus der Schüler zu ihm geschickt wurde. Es schien fast, als wolle der Pala keine persönliche Beziehung zu einem Menschen knüpfen und tatsächlich besaß er außer Nymardos auch keinen weiteren vertrauten Freund. Und Seymas wusste sehr genau, dass diese Freundschaft auch nicht von besonderer Nähe getragen war. Caryll duldete keine Nähe.
Aber Seymas mochte ihn sehr. In seiner Kindheit verbrachte er viele Stunden mit dem Pala, der ihn manches lehrte und der seine Gegenwart augensichtlich genoss. Sie lachten viel zusammen und Caryll, sonst eher beherrscht, wurde in Seymas' Gegenwart nicht selten ausgelassen und fröhlich. Der Jüngling ordnete das Lager, öffnete das Fenster und räumte gelassen auf. Dies gehörte beileibe nicht zu seinen Aufgaben, doch Seymas war es einerlei, was er tat. Als er wieder den Wohnraum betrat, war Carylls Becher leer und so schenkte er nach.
"Du kannst gehen."
Der Pala des Than sah noch immer nicht auf. Da sich Seymas nun aber nicht bewegte, wurde er unwirsch.
"Hörst du schlecht? Du kannst gehen."
Seymas blieb. Er grinste und wartete ab. Zornig hob Caryll nun den Kopf und setzte zu scharfen Worten an. Ihre Blicke trafen sich.
"Verzeiht, Herr," sagte Seymas fröhlich, während er niederkniete, "ich war nicht sicher, ob eure Worte mir gelten."
Caryll lehnte sich zurück und lächelte.
"Nun, sie galten dem Diener," erwiderte er, "als den du dich ja ausgegeben hast. Bist du des Herumstromerns müde geworden?"
"Ein Vorwurf, Herr?" fragte Seymas aufsehend.
"In gewisser Weise, ja," gab Caryll unumwunden zu, "denn eigentlich bist du alt und reif genug, um deine Tage etwas sinnvoller zu füllen. Es ist nicht gut, ohne Pflicht zu sein."
"Wenn unser Gebieter mich in die Pflicht befiehlt," antwortete Seymas langsam, "werde ich sicherlich gehorchen."
Caryll lachte leise.
"Bedarf es dazu eines Befehls des Than, Seymas? Bin nicht auch ich dein Herr, dem du Gehorsam schuldest?"
"Und was befehlt ihr, Herr?"
Seymas sagte es leise, nicht demütig aber, sondern in einer Mischung aus Traurigkeit und Verwunderung. Er hatte eine etwas andere, mehr herzliche Begrüßung erwartet. Er hielt den Kopf gesenkt und sah Caryll nicht an, doch er spürte deutlich, was in dem Pala des Than vorging. Caryll war verletzt und gekränkt. Seymas letzte Worte klangen sehr fremd und unpersönlich, so korrekt wie jede Unterwerfung, von der er wahrhaft genug erfuhr.
"Du warst viel zu lange fort," sagte er langsam.
"Wahrlich zu lange," erwiderte der Jüngling aufsehend, "wenn in dieser Zeit ihr mir mehr Herr und weniger freundlich geworden seid."
"Das bin ich nicht," wehrte Caryll ab, "also sei nicht so unterwürfig. Steh auf, Seymas, setz dich zu mir und erzähle, was du getrieben hast."
Ihre Blicke begegneten sich. Fast erstaunt bemerkte Seymas, dass der Pala seines Gebieters seine Ablehnung fürchtete. Niemand durfte ihn tadeln, wenn er nun fremd und scheu blieb. Doch er griff nach Carylls Hand, küsste sie flüchtig. Dann stand er auf und als Caryll das Triangel schlug und dem eintretenden Diener befahl, auch Seymas ein Frühmahl zu bringen, setzte sich der Jüngling an den Tisch und erzählte von seiner Reise durch Amarra.
Bald plauderte er völlig unbefangen und in gelöster Heiterkeit berichtete er von den großen und kleinen Abenteuern, die er erlebte. Die Zeit verflog dabei. Fast bedauernd endete Caryll das Gespräch schließlich.
"Ich werde im Tempel erwartet," erklärte er. "Aber wir finden sicher bald wieder Gelegenheit, uns zu unterhalten. Was aber die eingangs erwähnte Pflicht betrifft, so bin ich immer noch der Ansicht, dass du ihr nicht länger ausweichen solltest. Ich denke, es wäre gut für dich, wolltest du Arbeit einmal nicht als Spiel, sondern als Werk empfinden. Das Leben ist kein Spiel, Seymas, und es birgt nicht nur Freude in sich."
"Das weiß ich durchaus," erwiderte der Jüngling, "aber ich sehe keinen Gewinn darin, der Freude auszuweichen. Da ihr, Herr, mich jedoch in die Pflicht befehlt, muss ich gehorchen. Was wünscht ihr, das ich tun soll?"
"Was würde dir gefallen?"
Seymas schüttelte den Kopf.
"Nein, Herr," wehrte er ab, "ich werde euch gehorchen, aber ich werde mir nicht selbst aussuchen, was meine Freiheit begrenzen soll."
"Nun," lenkte Caryll ein, "wir wollen nichts übereilen. Nach der langen Reise sollst du erst Zeit haben, dich hier wieder einzuleben. Über alles Weitere wollen wir ein andermal sprechen. Also sei nicht bedrückt. Wir werden gemeinsam eine Möglichkeit finden, die auch dir zusagen wird."
Er lächelte Seymas zu und erhob sich.
"Bitte, Herr," hielt ihn der Jüngling zurück, "erlaubt mir noch einen Wunsch." Caryll sah ihn fragend an und so fuhr er fort: "Sagt unserm Gebieter, dass ich wieder hier bin. Ich würde ihn so gerne sehen."
Caryll schüttelte tadelnd den Kopf.
"Er hat viel zu tun und du bist kein Kind mehr, auf dessen Weg er achten muss, nicht wahr? Nun ja, Seymas, du hast wohl auch nichts vorzuweisen, das dir das Recht auf eine Audienz geben würde. Sei nicht unbescheiden. Du hast viel Gutes von ihm empfangen und solltest dankbar sein."
"Das bin ich."
"Dann lass es damit genug sein," verlangte Caryll. "Wenn du etwas brauchst, dann komm zu mir und ich will dir helfen, so gut ich kann. Aber nun geh, mein Junge, mich ruft die Pflicht."

Während Caryll dann im Tempel weilte, suchte Seymas die Kameraden auf, die hier wohnten, und erneuerte die Bekanntschaft, die ihn mit den Menschen verband. Er war zwar äußerst unbefriedigt vom Verlauf der Ereignisse, doch keineswegs der Mensch, der sich davon lähmen ließ. Wenn Caryll entschied, dass er dem Than nicht begegnen sollte, so war dagegen ohnehin nichts zu unternehmen, zumindest nicht auf normalem Weg.

Am Nachmittag lagerte Seymas in einem Bereich des Tempelgartens, der weitgehend von den Menschen gemieden wurde. Hier wuchs der Mesa-Strauch sehr häufig und wo immer in den Reichen eine Mesa wuchs und blühte, da nestete in deren Wurzeln die Onik-Viper, das giftigste Tier, das die Menschen kannten. Jene Viper mit dem gelben Zackenband auf hellgrünem Grund zeigte sich äußerst scheu, doch ihr Biss war immer tödlich. Seymas fürchtete sich nicht. Solange er keine Mesa bedrohte oder beschädigte, würden die Schlangen ihn nicht weiter beachten. Aber hier herrschte jene Stille, die er sich wünschte. Hier konnte er seine Gedanken schweifen lassen oder auch zielgerichtet aussenden. Er wollte Letzteres tun. Natürlich war es ihm nicht möglich, den Geist des Than zu erreichen. Geistigen Kontakt konnten Priester knüpfen, die einander durch Rapport verbunden waren; konnte ein starker Priester wohl auch einem Menschen aufzwingen, dessen Geist nicht ausgebildet war. Doch Seymas wusste sehr genau, dass jeder zielgerichtete Gedanke eine fast greifbare Kraft bildete und dass ein wacher Geist diese Kraft durchaus zu spüren vermochte. So ließ er seiner Sehnsucht nach dem väterlichen Freund und Gebieter freien Lauf.

Nymardos saß in einem der tiefen Sessel und hörte Caryll mit geschlossenen Augen zu, als dieser von den Belangen seines Amtes berichtete. Den Freund empfing er fast immer in seinen privaten Gemächern. Er lebte seit vielen Jahren im Tempel. Der mächtige Bau enthielt im Grunde nur die heiligen Hallen der Götter, in jedem Stockwerk eine für die sechs Gottheiten der Nebelreiche, in denen fünf Mal am Tag die Rituale abgehalten wurden. Doch ebenerdig beherbergte der Tempelbau auch eine große Empfangshalle sowie einige Wohnräume. Ein paar der Räume waren für Raakis Falla Gerrys reserviert, in denen er bei seinen Besuchen auf Amarra verweilte. Auch Caryll könnte hier wohnen, doch er lehnte dies mit Bestimmtheit ab. Die Macht des Freundes bedrückte den Pala und sie nötigte ihm eine gewisse Ferne auf, die er einfach nicht überwinden konnte. Nymardos drängte ihn nicht. Caryll sprach noch immer und bemerkte nicht, wie sein Gebieter ihm das Interesse kurz entzog. Als Nymardos endlich die Augen öffnete, verstummte der Pala.
"Warum sagst du mir nicht, dass Seymas wieder hier ist?"
Caryll senkte den Kopf und schwieg schuldbewusst. Da Nymardos schwieg, überwand er sich endlich und erzählte leise von der Begegnung mit dem jungen Mann, der früh am Morgen zu ihm kam. Nymardos lächelte.
"Nun," meinte er gelassen, "wenn du entscheidest, dass er keine Audienz erhalten soll, muss es so sein. Du bist mein Pala, Caryll, und ich kann dich nicht ins Unrecht setzen."
"Ihr wollt ihn sehen, Gebieter?" wunderte sich Caryll.
"Dieser Jüngling," erwiderte Nymardos mit ernster Stimme, "ist mir ungemein wichtig. Erschwere seine Tage nicht, mein Freund."
"Er sollte arbeiten," murrte Caryll halbherzig.
"Das tut er," antwortete der Than ruhig, "das tut er ohne Unterlass. Es gibt viele Wege des Lernens und Dienens und sein Weg ist nicht unwichtiger als jener anderer Menschen."
Caryll nickte und schwieg. Innerlich atmete er auf, als der Than ein anderes Thema anschnitt und bis zum späten Abend nicht mehr von Seymas sprach. Als er seinen Pala dann entließ, fragte dieser dann aber doch:
"Wünscht ihr, dass ich Seymas zu euch bringe?"
"Es ist, wie du es sagtest, Caryll," wehrte Nymardos heiter ab, "Seymas hat nichts geleistet, was eine Audienz rechtfertigt. Und," fügte er ernst hinzu, "dass ich diesen Jungen liebe, ist keine Leistung und kein Verdienst."
"Ihr ... ihr liebt ihn?"
"Wie einen Sohn," erwiderte der Than ernst, "doch das weißt du, auch wenn du es aus deinem Bewusstsein verdrängst."
"Verzeiht," entfuhr es Caryll, "ich vergaß, wer der Vater des Jungen ist."
"Still," fuhr ihn Nymardos an, der dem Freund gegenüber sonst nie herrisch wurde, "das hat nichts mit Gerrys zu tun. Ich wünschte, ihr beiden würdet euch endlich einmal aussprechen und nicht ein verhohlenes Misstrauen weiter am Leben halten, dass seit über zehn Jahren keine Berechtigung mehr hat. Genug nun, Caryll. Du wirst deine unsinnige Eifersucht bezähmen und mir gestatten, außer dir auch anderen Menschen in Liebe zugetan zu sein."
Caryll wollte etwas erwidern, doch da ertönte ein lauter Ton durch den Tempel, der zum heiligen Ritual von Saake, der Gottheit der Weisheit rief. Nymardos erhob sich und verließ ohne weiteres Wort den Raum.

Im dritten Stockwerk lag Saakes heilige Halle, in deren Mitte das Symbol der Weisheit in den Boden eingelassen war. Es zeigte sich als den ersten Buchstaben des Alphabetes, doch ebenso konnte man es als einen geöffneten Blütenkelch deuten. Die Priesterschaft versammelte sich um dieses Symbol, um ihrer Gottheit zu huldigen. Seymas, obgleich nicht zum Tempeldienst zugelassen, reihte sich in die Priesterschaft ein. Es war ein geringes Vergehen, denn wenn er um Zulassung nachsuchte, würde sie ihm niemand verweigern. Eine mächtige Priesterin leitete das Ritual. Seymas hatte gehofft, hier den Than zu sehen, doch er fühlte keine Enttäuschung. In dieser Stunde galt sein Sinnen der Gottheit, nicht dem eigenen Wünschen.
Nach der rituellen Stunde verweilte er noch eine Weile und verließ dann als Letzter den Tempel. Die Nebel sanken schon, es herrschte dunkles Dämmerlicht. Langsam ging er durch den parkähnlichen Garten zu seinem Haus. Seymas war sehr zufrieden. Er spürte, dass dem Than seine Anwesenheit nicht verborgen blieb und seine Gedanken ihr Ziel fanden. Das mochte für den Moment genug sein. Er verhielt den Schritt, als ein faustgroßer Nachtfalter gegen ihn flog. Seymas schob vorsichtig den Finger unter das Tier, hob es auf und betrachtete fasziniert das Farbenspiel der Flügel. Der Falter starrte ihn aus großen Augen an.
"Was du wohl denken magst?" murmelte der Jüngling.
"Er denkt vermutlich, dass du ein furchtbar hässlicher Kerl bist, und wundert sich ein wenig darüber, weshalb plötzlich Berge stehen, wo zuvor ein freier Pfad war."
Seymas erschrak und zuckte zusammen. Der Falter flog auf und verbarg sich in den Nebeln.
"Nun?"
Unbemerkt war Nymardos hinter Seymas getreten und sprach mit ihm. Da der Jüngling sich jetzt nicht nach ihm umwandte, hakte er nach. Seymas atmete tief durch. Er fühlte die Freude in sich wie eine spürbare Vibration. Ganz langsam drehte er sich um, sank auf die Knie und legte sich dann längs zu Boden. In den Nebelreichen war es üblich, dem Than liegend zu huldigen. Nymardos trat einen knappen, nur angedeuteten Schritt auf ihn zu; Zeichen der Erlaubnis, sich auf die Knie zu erheben. Er spürte die Freude des jungen Mannes und empfand so etwas wie Glück dabei. Seymas, schon kniend, griff nach seiner Hand, um sie gegen die Lippen zu ziehen, doch Nymardos hielt ihn fest und ließ es nicht zu.
"Steh auf."
Seymas hob nur den Kopf und sah seinen Herrn an. Erst, als Nymardos sehr nachdrücklich an seiner festgehaltenen Hand zog, stand er auf. Der Than hielt den Jüngling weiter fest. Flüchtig dachte er daran, dass kaum ein Mensch es ertrug, von ihm berührt zu werden. Sicherlich lag dies mit daran, dass spürbar Kraft von ihm ausging, aber mehr mochte die Ursache in seiner Macht zu suchen sein, welche auf andere so bedrückend wirken konnte. Selbst Caryll erlaubte ihm kaum mehr als eine flüchtige Berührung der Hände; lediglich Gerrys kannte keine Beschränkung der Nähe durch Freundschaft. Seymas senkte den Blick und sofort ließ ihn Nymardos los. Er wollte den Jungen nicht bedrängen.
"Du wirkst nicht sehr erfreut, mich zu sehen," stellte der Than trocken fest. "Ist es dir unangenehm? Soll ich gehen?"
Seymas wollte wieder niederknien, doch da fasste Nymardos mit beiden Händen nach seinen Schultern. Ruhig meinte er:
"Du rufst mich in Gedanken, und wenn ich komme, bringst du kein Wort heraus. Komm, mein Junge, lass uns ein wenig gehen."
Seymas rührte sich nicht.
"Ich habe euch mit meinen Gedanken erreicht?" staunte er nur.
"Du bist stärker, als du ahnen magst," bestätigte der Than, "aber davon abgesehen habe ich auch lange Zeit hindurch auf dieses Zeichen gewartet."
"Gewartet," echote der Jüngling.
"Was verwundert dich daran?"
"Euer Pala ..." Seymas unterbrach sich selbst. "Gebieter, ich habe mir so gewünscht, euch sehen zu dürfen. Ich bin sehr glücklich nun."
Und ehe Nymardos sich recht versah, warf sich der Jüngling gegen ihn und umarmte seinen Herrn mit einer stürmischen Herzlichkeit, wie der Than sie sonst nie erfuhr. Mit einem Mal war alle Scheu von Seymas gewichen und er erinnerte wieder an den übermütigen Knaben, als den Nymardos ihn kannte.
Sie gingen nebeneinander durch den Garten. Ihren Schritt erleuchtete spärlich der Lebende Kristall des Than. Flammende Kristalle spendeten überall in den Nebelreichen Licht, erweckt von Priesterinnen des Lichts auf Amarra. Lebende Kristalle gab es nur wenige, gerade zehn Stück. Sie besaßen die Eigenheit, ihre Lichtfülle durch den Geist ihres Besitzers beeinflussen zu lassen. Nymardos entlockte seinem Stein nicht das volle Licht und die dichten Nebel taten ihr übriges, um eine Stimmung geöffneter Zweisamkeit zu dulden. Seymas erzählte von seiner Reise durch Amarra und all den Dingen, die er lernen und erfahren konnte. Eine Galen-Hirschkuh kam aus dem Nebel auf sie zu, und als Nymardos die Hand ausstreckte, kam sie ganz herbei und ließ sich die Berührung des weiß gekleideten Mannes gefallen. Der Than hielt dabei einen Arm um die Schultern des Jungen gelegt.

Caryll stand vor seinem Haus und sah auf die Szene, die sich ihm bot. Der Freund stand neben Seymas, streichelte sacht den Kopf eines Hirsches und war umgeben von dem zarten Schein seines Kristalles. Das Ganze wirkte in den dichten Nebeln leicht unwirklich, ähnelte fast einem Traumbild. Der Than warf ihm vor, eifersüchtig über ihre Freundschaft zu wachen. Caryll erkannte, wie berechtigt dieser Vorwurf war.

Seymas schlief bis lange in den kommenden Tag hinein. Die Stunden mit Nymardos hatten ihn ungemein bereichert, da war auch keine Müdigkeit aufgekommen und sie blieben zusammen, bis die Nebel sich hoben. Als er nun erwachte, herrschte ein heller, klarer Tag. Ein Knabe brachte ihm unaufgefordert ein Frühmahl. Er wunderte sich etwas darüber, denn im Grunde stand ihm ja keine Dienerschaft zu. Doch er dankte und aß. Später kam ein Priester und befahl ihn zum Pala des Than. Seymas ging zu dessen Haus, doch er fühlte sich etwas unbehaglich dabei. Dann schüttelte er dieses Gefühl ab. Caryll würde ihn in einen Dienst befehlen, das war zu erwarten und dagegen gab es auch nichts zu sagen. Zumindest war es kein Grund, Groll zu hegen.
Caryll ignorierte seine Respektsbezeugung und bot ihm mit einer Handbewegung Platz zu nehmen an. Der Pala schenkte ihm sogar mit eigener Hand einen Becher voll des süßen Weines. Seymas trank nicht.
"So misstrauisch?" erkundigte sich Caryll heiter. "Erwartest du nur Übles von mir?"
"Das nicht, Herr," erwiderte der Jüngling ruhig, "ich erwarte, dass ihr mich in einen Dienst befehlen werdet."
"Nicht heute," lehnte Caryll ab, "nicht sofort. Zunächst sollst du nur mir einen persönlichen Gefallen tun."
Da griff Seymas nach dem Becher, trank langsam.
"Wann immer ich etwas für euch tun kann, Herr, befehlt nur."
"Fein," meinte Caryll lächelnd, "dann sei so freundlich und bringe diese Schriftstücke in die Empfangshalle. Der Than spricht dort mit Sions Falla des Lichts und braucht sie. Ich selbst, nun, ich habe hier noch etwas anderes zu tun."
Seymas starrte ihn an. Dann lachte er vergnügt.
"Ich danke, Pala," meinte er fröhlich, "aber ich weiß durchaus, wie unpassend mein Erscheinen bei einem offiziellen Empfang wäre. Der Falla jedenfalls würde sich dadurch bestimmt nicht geehrt fühlen. Ich jedoch bin durch eure Geste sehr geehrt und freue mich darüber."
"Aber du willst nicht gehen und deinen Herrn sehen?" vergewisserte sich Caryll erstaunt.
"So ist es," bestätigte Seymas gemütlich und lehnte sich zurück.
Caryll wurde sehr ernst. Leise, fast beschämt sagte er:
"Muss ich dich bitten, Seymas? Du würdest mir wirklich einen Gefallen damit tun. Möglich, dass der Falla etwas erstaunt ist; mit Sicherheit aber wird unser Herr verstehen."
Seymas war alles andere als ein schwacher Priester und seine Ausbildung bisher gab ihm durchaus die Möglichkeit, den Geist und das Denken anderer zu schauen. Er wusste es, aber er wandte dieses Wissen nicht an, weil es für ihn dazu keinen Anlass gab. Auch jetzt versuchte er nicht einmal, in Caryll zu lesen - und doch begriff er fast augenblicklich, dass es ein Zerwürfnis, zumindest bittere Worte gab zwischen dem Than und seinem Pala. Indem er, Seymas, zum Boten wurde, sollte er ein schlichtendes Zeichen sein und wohl auch ein Symbol für ein Nachgeben des Pala.
"Ihr müsst weder bitten noch befehlen," sagte er nun mit fester Stimme, "es ist mir eine Ehre, wenn ich euch zu Diensten sein kann." Er lachte leise. "Unser Herr wird sehr einverstanden sein mit eurer Entscheidung."
Damit griff er nach den Papieren und erhob sich.
"Er wird sich auch freuen, dich zu sehen," vermutete Caryll.
"Sicher," antwortete Seymas selbstbewusst, "das ist doch normal bei Menschen, die sich mögen. Immerhin," fügte er schelmisch hinzu, "freue ich mich auch stets, euch zu sehen."
Und ehe Caryll etwas erwidern konnte, war er schon draußen und eilte dem Tempel zu.

Sions Falla des Lichts war vom Erscheinen des jungen Mannes keineswegs negativ beeindruckt. Er erkannte sofort einen starken Geist in dem Jüngling und schätzte das dem offiziellen Teil sich anschließende offene Gespräch, in dem er Gelegenheit fand, auch ein wenig mit Seymas zu plaudern. Als der Than später mit einer Handbewegung die Menschen entließ, bedeutete er Seymas durch eine kleine, verhaltene Geste, noch zu bleiben. Der Jüngling sah sich ungeniert in der nun menschenleeren Halle um.
"Kein schöner Raum," stellte er schließlich fest, "er wirkt irgendwie bedrückend und man kommt sich klein vor darin."
Nymardos lachte leise.
"Vermutlich haben die Erbauer das beabsichtigt," meinte er, "immerhin begegnen die Menschen der Nebelreiche hier der Macht. Hier werden Priester, Fallas und Könige empfangen."
"Ich hab bis jetzt nur einmal einen Empfang miterlebt," erinnerte sich Seymas, während er an den Wänden entlang ging und die Verkleidungen betrachtete. "Das ist aber schon einige Jahre her." Er lachte fröhlich. "Das war ziemlich aufregend für mich damals. Ihr habt wie ein Gott gewirkt dabei ... ganz anders als sonst."
Nymardos trat zu ihm.
"Vermutlich war nur dein Denken und Empfinden anders, nicht ich."
"Bestimmt sogar," stimmte Seymas sofort zu. Er schaute Nymardos an. "Habt ihr mit Caryll gestritten?" Sofort suchte er, seine Worte abzuschwächen. "Verzeiht, Gebieter, ich meinte ..."
Nymardos legte ihm die Hand in einer beruhigenden Geste auf den Unterarm.
"Gewiss nicht," versprach er, "ich habe meinen Pala nur an ein paar Dinge erinnert. Wie es scheint, nicht vergeblich, denn sonst hätte er dich kaum zu mir geschickt."
"Naja," vermutete Seymas, "es ist eben ziemlich schwierig für ihn."
"Was ist schwierig?" erkundigte sich der Than sanft.
"Er hat euch sehr lieb," erwiderte Seymas nachdenklich, "aber außer euch hat er sonst keinen Freund oder jemanden, der ihm sehr viel bedeutet. Irgendwie hat er wohl immer Angst, dass er eure Zuneigung verlieren könnte. Dann wäre er nämlich sehr allein. Und," er zögerte kurz, "und weil er nicht zeigen kann, wie viel ihr ihm bedeutet, wird es wohl noch schwerer."
"Du weißt ziemlich genau, was in den Menschen ist, wie?"
Seymas zuckte wegwerfend mit den Schultern.
"Es tut mir leid, wenn es anmaßend klang," sagte er gelassen, "das war nicht meine Absicht. Man spürt so etwas eben."
"Nur wenige spüren so etwas," bestätigte der Than seine Vermutung. "Aber nun komm' mit mir."
Er nahm den Jungen mit in seine privaten Gemächer und führte dort das Gespräch fort:
"Caryll ist mein Pala," erklärte er, "und damit ist er Herr auch über dich. Ich hoffe, dass er deinen Weg nicht beschwert."
"Bestimmt nicht," wehrte Seymas ab, "im Grunde mag er mich ebenso, wie ich ihn. Nur dass ich es ihm eben besser zeigen kann." Er kniete neben dem Than nieder, der in einem der Sessel saß, und griff in vertrauter Geste nach dessen Händen. "Euer Zwist beschäftigt ihn sehr. Bitte verzeiht ihm."
"Er braucht deine Fürbitte nicht," versprach der Than, "aber deine Worte ehren dich. Es ist gut, dich wieder in der Nähe zu wissen." Er lehnte sich zurück, schloss die Augen und schwieg. Nach geraumer Zeit erst sprach er wieder: "Ich hoffe, es erschreckt dich nicht, dass mir an deiner Nähe liegt."
Seymas legte sein Gesicht in die Hände seines Herrn.
"Es war doch immer so," stellte er fest, "ich bin doch in eurer Nähe aufgewachsen. Ihr habt mich nicht ins Kinderhaus gegeben, sondern in eurer nächsten Umgebung gehalten. Warum sollte mich das jetzt erschrecken. Es wäre eher schlimm für mich, wenn sich daran etwas ändern sollte."
Nymardos fuhr ihm durchs dichte Haar.
"Es wird sich nicht ändern," versprach er, "denn du bist mir lieb wie ein Sohn."
"Ich weiß nicht, wie lieb einem ein Vater ist," antwortete Seymas aufstehend, "ich hatte nie wirklich einen. Aber ich bin sehr glücklich, dass ich euch kenne. Ich glaube, ich liebe euch - nicht wie einen Vater." Er grinste etwas unbeholfen. "Wie einen Freund eben," fügte er leise hinzu.
"Nun," verlangte Nymardos belustigt, "dann sei künftig etwas weniger fremd hier, und wenn es dich nach mir verlangt, dann komm' einfach. Ich hoffe, du wirst dieses Recht oft auskosten."
"Puh," stöhnte Seymas da in komischem Ernst, "ich fürchte, jetzt überfordert ihr mich aber gewaltig, Herr. Im Grunde habe ich noch nicht mal gelernt, mich in eurer Gegenwart richtig zu benehmen. Ich sollte nicht stehen, sondern wenigstens knien."
Aber er machte keine Anstalten, seine Worte in die Tat umzusetzen, sondern trat zu einem niederen Tischchen und schaute in die darauf stehende geöffnete Schatulle. Nymardos trat zu ihm.
"Ein Lebender Kristall?"
Der Than nickte.
"Darf ich ihn anfassen?"
Wieder nickte sein Herr und so nahm der Jüngling das Kleinod vorsichtig, als sei es zerbrechlich, in die Hände. Es gab bisher nur zehn solcher Steine und sie alle ruhten in den Händen verdienter Menschen - alle, bis auf diesen. Er war unregelmäßig geformt, eher hässlich, konnte leicht in einer geschlossenen Faust verborgen werden. Es war kein Licht in ihm. In Lebenden Kristallen flammte das Licht erst, wenn ihr Eigner seinen Geist darin zentrierte.
"Gerrys hat einen solchen Stein," erinnerte sich Seymas.
"Er erhielt ihn an dem Tag, als er seine Berufung erkannte, Raakis Falla zu sein," bestätigte Nymardos, "zu einer Zeit, als wir noch keine Freunde waren. Ein solcher Kristall ist nur für Menschen, die sich um Amarra verdient gemacht haben; ungeachtet ihres Ranges."
Seymas legte den Stein zurück und verschloss die Schatulle.
"Euer Pala sollte diesen Stein besitzen," murmelte er.
"Bring ihn zu ihm," schlug Nymardos vergnügt vor, "er wird ihn nicht annehmen. Caryll ist kein sehr starker Priester. Schau nicht so verdutzt, das wertet ihn nicht ab. Er trägt die Macht, die ich ihm gab - aber er beherrscht keine Macht. Vergiss es, Seymas. Caryll will nicht einmal im Tempel wohnen, geschweige denn, sich mit weltlicher oder auch priesterlicher Macht umgeben."
"Aber er hat sich um Amarra verdient gemacht?"
"Sicher, wie viele andere auch. Wie auch du es tun wirst."
Seymas lachte.
"Das tue ich bestimmt," versprach er.
"Dann behalte den Kristall," schlug der Than vor.
Seymas starrte ihn an.
"So war es nicht gemeint," murmelte er beschämt, "ich wollte nicht anmaßend sein. Es ist nur ... es ist wie ein Gefühl ... Amarra ist wichtig für mich."
"Das ist es. Darum behalte den Kristall."
Zögernd nahm Seymas den Stein erneut in die Hand.
"Ihr scherzt nicht?" Als Nymardos nachdrücklich den Kopf schüttelte, leuchteten die Augen des Jünglings auf. "Gebieter, ich danke euch. Niemand wird von dieser Gabe erfahren, bevor ich sie mir verdient habe. Ich verspreche es. Und wenn ein anderer kommt, der den Kristall verdient, gebe ich ihn euch zurück."
"Das Geschenk bedeutet dir nicht sehr viel," stellte Nymardos, leicht erstaunt, fest. "Jeder andere Mensch würde seine Freude darüber kaum bezwingen können. Aber mir scheint, deine Wünsche gehen in ganz andere Richtungen."
"Das tun sie," gab Seymas ruhig zu, "obwohl ich diese Gabe als ein Zeichen eurer Zuneigung durchaus zu Achten weiß. Nur, ich liebe euch auch so, Gebieter, ich brauche keine Geschenke."
"So war es auch nicht gemeint - der Kristall ist kein Geschenk, sondern eine Anerkennung für Dinge, die noch kommen werden."
"Seid nicht böse," bat Seymas rasch, "ich wollte euch nicht kränken. Wenn ihr mir eine besondere Freude machen wollt, dann erlaubt mir, in den kommenden Tagen einmal Minosantes Ritual zu leiten."
"Das würde dich glücklich machen?"
"Ja, Herr. Ich bin Minosantes Priester und der Gott der Kraft ist mir vertraut. Ich denke, es ist an der Zeit, dass die Priesterschaft hier mich als ihresgleichen anerkennt."
"Tut sie das nicht?"
"Nein, Gebieter. Aber das ist meine Schuld. Ich habe nie Wert darauf gelegt, als Mann zu gelten. Nur, ich fürchte, jeder muss irgendwann einmal erwachsen werden."
Nymardos schloss ihn in die Arme.
"Lass dir Zeit damit," riet er, "sei immer du selbst und suche nicht die Achtung der anderen. So erfährst du sie leichter. Was aber deinen Wunsch betrifft, so ist er mit Freuden gewährt. Morgen zur Mittagszeit gehört der Tempel dir."
Seymas leitete das Ritual und tat es mehrmals in den folgenden Tagen. Er verbarg den Lebenden Kristall vor aller Augen, zentrierte nicht einmal seinen Geist darin und nahm mit dem Licht der Kerzen vorlieb. Obgleich der Than ihm gestattet hatte, ihn frei aufzusuchen, nutzte er dieses eingeräumte Recht nicht aus und blieb dem Tempel weitgehend fern. Allerdings wich er auch Caryll aus, da er fürchtete, in Dienst befohlen zu werden. Es dauerte einige Zeit, bis ihm klar wurde, dass Caryll nicht mehr davon sprechen würde - und er vermutete sehr richtig, dass der Than wohl entsprechende Weisung hierbei gab.

Kapitel 2

Die höchste Gottheit der Nebelreiche war Antares, die Göttin des Lichts. Und die höchsten Festtage waren die vier Scheidepunkte des Lichtes. In allen Reichen feierten die Menschen nun die Lichtgleiche. Die Zeit der kalten Nebel war vorbei. Die Tage zeigten sich nun angenehm und der Aufenthalt im Freien wurde zur Freude. Es gab wohl keinen Ort, an dem jetzt nicht gefeiert worden.

Auch im Königreich Sarai im Tempel der Weisheit herrschte ausgelassenes Treiben. Tempelkinder spielten in den Gärten, überall fanden sich die Priester zum Picknick. Etwas abseits stand Thyrian und betrachtete die Szene. Trauer erfüllte sein Herz. Der junge Mann, eben dreiundzwanzig Jahre alt, litt. Tiefer Ernst spiegelte sich in seinen glatten Zügen. Er sah die Menschen und wunderte sich fast ein wenig darüber, dass er nie so ausgelassen und heiter wie sie gewesen war. Es entsprach nicht seiner Natur, anders als selbstbeherrscht und bedacht zu sein. An Festtagen war es üblich, dass die Priesterschaft sich ihren Weihen entsprechend kleidete. So trug Thyrian an diesem Tag die bodenlange rote Tunika, die ihn als Priester Minosantes, des Gottes der Kraft, auswies. Er mochte das weite Gewand mit dem schmalen Schulterkragen und dem breiten Gürtel nicht sonderlich; es war einfach zu wertvoll, um sich darin wohlzufühlen.
Sein Blick glitt kurz hinüber zu den Stallungen, als von dort das Wiehern der Pferde ertönte. Sarai war berühmt für diese Tiere, die nirgendwo edler und feuriger gezüchtet wurden. Er ritt gerne aus. Wenn er auf einem Hengst über die weiten Ebenen des Landes galoppierte, wenn er hier jeden Muskel seines schlanken, durchtrainierten Körpers spürte, dann fühlte er sich wirklich wohl. Doch dazu fand er nur wenig Gelegenheit und an einem Tag wie diesem hatte er ohnehin im Tempel zu bleiben.
Das helle braune Haar hielt er der Sitte gemäß fest gebunden. In seinen ernsten Zügen spiegelte sich kein Hauch von Lebensfreude. Die Menschen hier wichen ihm völlig aus, spürten sie doch, dass er allein sein wollte. Thyrian wandte sich um und schritt langsam dem äußeren Tor des Tempels zu. Dort angekommen setzte er sich auf eine Bank und überlegte, welchen Weg er in den nächsten Jahren seines Leben nehmen wollte.

Er war hier geboren, er kannte nichts anderes als den Tempel. Zu seinen Aufgaben gehörte es, die wertvollen alten Schriften zu bewahren und, wo nötig, neu abzuschreiben. Viele Stunden arbeitete er jeden Tag. Die Weihe der Kraft hatte er schon vor vier Jahren erhalten und seither sehnte er sich nach größerer, geistiger Freiheit. Er wünschte sich die fünfte Weihe, er wollte Raaki, dem dunklen Gott, den sie den Gott des Todes nannten, begegnen. Als ein Mann, der seit seiner Geburt in einem Tempel lebte, kannte er alle alten Legenden und Geschichten.
So erzählte man sich in den Reichen, dass lange, bevor es Menschen gab, Tabalke, die Gottheit des Schweigens, sich Liara, der Göttin des Friedens vermählte. Sie waren es, welche die Menschen zeugten. Minosante, der Gott der Kraft, begehrte Antares, die Göttin des Lichts, die aber vor ihm floh. Denn Antares liebte Raaki, der sie jedoch zu sehr verehrte, als dass er ihr nahen wollte. Erfüllt von Eifersucht griff Minosante Raaki an und kerkerte ihn tief unter der Erde ein; errichtete einen gewaltigen Berg über dem Gefängnis. Saake, die Gottheit der Weisheit, die kein Geschlecht besaß, suchte zu vermitteln, da sie selbst Minosante und dessen Kraft begehrte. Doch der Gott der Kraft sah nur Antares, nahm sie gefangen und wohnte von da an mit ihr auf dem Berg, der Raaki verbarg. Raaki in seinen Kerker nun hörte beständig das Weinen des Lichtes und, da er sich nicht befreien konnte, gab er sich selbst den Tod. Im Tode nun befreit von Form entwich Raaki, hüllte Antares ein und befreite sie so von bloßer Kraft. Seither, so hieß es, war das Licht von der Dunkelheit verborgen und niemand konnte je zum Licht gelangen, der nicht zuvor Raaki begegnete und dessen Kraft in sich aufnahm. Die Weihe der Antares aber galt als die letzte und höchste in den Nebelreichen.

Thyrians Streben galt letztendlich dem Licht, doch er wusste, dass es nur über Raaki gewonnen werden konnte. Er nahm seine Priesterschaft sehr ernst und er wollte nicht akzeptieren, was ihm seit Langem widerfuhr. Auch heute war es wieder geschehen. Er hatte sich an einen verdienten Priester gewandt und diesen gebeten, er möge sein Leiter und Lehrer sein, der ihm den Weg zur fünften Weihe ebnete. Und wie die vielen Male zuvor, so wurde er auch dieses Mal abgelehnt. Zwar galt die Regel, dass sich der Schüler den Lehrer erwählt und nicht umgekehrt, doch oblag es stets dem Lehrer, den Chela anzunehmen oder nicht. Es stand Thyrian nicht zu, um eine Erklärung für die Ablehnung zu bitten. Er musste die Entscheidung des Priesters in Demut akzeptieren.
Bisher war ihm das mühelos gelungen, doch nun wollte er sich nicht weiter in die unbegründete Ablehnung fügen. Und doch hatte er eigentlich keine andere Wahl. Thyrian sah zu den lachenden Menschen.
Er erblickte Klerdas, seinen Falla, dem er unbedingten Gehorsam schuldete. Vor nunmehr fast vier Jahren war es Klerdas gewesen, der ihm das erste Mal den Weg zur fünften Weihe verwehrte. Thyrian atmete tief durch. Dann strafften sich seine Schultern, er erhob sich und ging mit festem Schritt zu Klerdas.
Tief neigte sich der Priester vor dem Tempelherrn. Klerdas, ins Gespräch mit seinem San, seinem Verwalter, vertieft, sah unwirsch auf.
"Bitte erlaubt, dass ich mit euch spreche", bat Thyrian mit gesenktem Haupt.
"Nicht jetzt, nicht heute ", erwiderte Klerdas, "dies ist ein Tag der Freude. Ich kenne deinen Kummer, Sohn, doch du solltest nicht deinen Stand vergessen und die Entscheidung eines verdienten Priester nicht anzweifeln."
Damit wandte sich der Falla wieder seinem Gesprächspartner zu. Thyrian wusste sich übersehen und nicht weiter beachtet. Er starrte auf den breiten Rücken seines Herrn. Es arbeitete in ihm. Zu Gehorsam erzogen, war ihm jede Rebellion fremd. Doch tiefer wirkte sein Sehnen nach der geistigen Freiheit, welche er in Raakis Kraft zu finden erhoffte.
Der junge Priester suchte seine Wohnstatt auf, packte mit ruhigen Bewegungen sein Bündel und verließ zur selben Stunde den Tempel. Er verabschiedete sich von keinem Menschen, hinterließ aber ein paar wenige Zeilen, damit sich nicht etwa jemand um ihn sorgen sollte.

Noch hingen die weiten Nebel hoch. Einige Stunden hindurch konnte er noch gehen, ehe die Dunkelheit ihm eine Pause aufzwang. Mit festem Schritt nahm Thyrian seinen Weg, der ihn zur Küste führen sollte. Dort wollte er sich die Solare verdienen, die notwendig waren, um auf einem Schiff ins nahe Nodher so gelangen. Dort, so wusste er, stand Raakis erster Tempel und dort wollte er noch einmal seinen Wunsch vortragen. Sollte man ihm auch dort verwehren, der dunklen Kraft zu begegnen, so erfuhr er vielleicht doch den Grund dafür. Wie er aber danach dann weiterleben sollte, darüber dachte der junge Mann jetzt lieber nicht weiter nach.

Während also im fernen Sarai der junge Priester Thyrian einsam seinen Weg suchte, lebte Seymas in glücklicher Heiterkeit auf Amarra. Erfüllt von unbändiger Neugier gab es kein Werk und kein alltägliches Handeln, das er nicht mit Eifer betrachtete und mit Bereitwilligkeit für kurze Zeit zu tun gedachte. In der Umgebung des Tempels war Seymas stets beliebt und überall gern gesehen. Die Gärtner der herrlichen Blütenpracht hier vermittelten ihm ebenso gern einen Teil ihres Könnens wie es die Ärzte, die Schreiber, die Handwerker, wie es überhaupt jeder Mann und jede Frau auf dem Inselreich mit Vergnügen tat.

Seit Seymas sicher sein konnte, dass Caryll ihn nicht in einen festen Dienst befehlen würde, suchte der Jüngling den väterlichen Freund ab und zu gerne auf. Seine natürliche Heiterkeit tat Caryll gut. Sie hatten sich ein wenig unterhalten, als Caryll sehr vorsichtig fragte:
"Hast du irgendwelche Zukunftspläne?"
Seymas grinste.
"Nein, eigentlich nicht. Warum sollte ich planen, wo ich doch gar nicht weiß, was mein Weg ist. Ihr, Pala, denkt sicher, dass ich sehr leichtsinnig bin. Vielleicht habt ihr recht."
Caryll beobachtete ihn nachdenklich. Er mochte den Jungen, aber er billigte nicht dessen ungebundenes Leben.
"Ich denke nur", sagte er langsam, "dass du kein Kind mehr bist."
Seymas lachte vergnügt.
"Stimmt, aber das ist schade. Ich lege keinen Wert darauf, erwachsen zu sein, wenn das bedeutet, dass ich aufhören muss, mein Leben zu lieben."
"Das muss es nicht," erwiderte Caryll ernst, "es bedeutet nur, dass du deinem Leben Sinn verleihst."
Seymas sah ihn ernst an und dieser Ernst und die Tiefe seines Blickes waren durchaus ungewöhnlich an ihm.
"Denkt ihr denn, Herr, dass mein Leben sinnlos sei?"
Caryll zögerte, doch dann nickte er langsam. Und noch ehe er zu einer Erklärung ansetzen konnte, hatte sich Seymas schon erhoben.
"Eure Arbeit, Herr," meinte der Jüngling sehr ruhig, "ist von großem Sinn und für unseren Gebieter wie für Amarra sehr wichtig. Eines Tages werdet ihr das auch von meinem Werk sagen - aber erst dann, wenn ich meinen Weg erkannt habe und mein Werk beginne."
"So meinst du, du bist noch auf der Suche?"
Caryll wollte einlenken und nicht den Eindruck stehen lassen, dass er den Jungen ablehne. Seymas schüttelte den Kopf.
"Nein, Herr," erwiderte er gefasst, "ich denke nicht so viel darüber nach, wie ihr es wohl tut. Ich lebe einfach und freue mich, dass ich so viel Glück habe und die Gunst unseres Gebieters es mir erlaubt, ich selbst zu sein. Ich spüre, dass er mein Leben für sehr sinnvoll hält und das genügt mir."
"Er liebt dich," meinte Caryll lächelnd.
"Das tut ihr auch," stellte Seymas gelassen fest, "nur könnt oder wollt ihr es nicht so frei zeigen wie er. Eure Liebe besteht in Sorge, Arbeit, Nachdenken, Planen und Handeln - die Seine in Wärme und einem unbeschreiblichen Gefühl des Angenommenseins und der Bejahung. Wärme ist wichtiger."
"Ich habe nie versucht, mich ihm zu vergleichen," wehrte Caryll leise ab.
"Nein, sicher nicht," gab Seymas zu, "aber ihr habt auch nie versucht, ihm zu vergelten, was er auch euch ist. Würdet ihr, der ihr immer um ihn sein könnt, etwas weniger kühl sein, so könnte meine oder auch Gerrys' Liebe zu ihm niemals so wirken. Und das wisst ihr und deshalb seid ihr eifersüchtig." Seymas lächelte ein wenig schief. "Aber es wird euch nicht gelingen, mich nach eurem Bild zu formen. Ihr ..."
"Still," unterbrach ihn Caryll da mit scharfem Ton, "du hast kein Recht, so mit mir zu reden."
Seymas nickte nachdenklich.
"Ja," gab er dann zu, "ich sollte mich entschuldigen."
Aber er tat es nicht, sondern verließ den Raum und ging langsam zu seinem eigenen Haus. Er mochte Caryll und es gab einiges, das er ihm gerne einmal sagen wollte. Nur, er besaß wirklich nicht das Recht, so mit dem Pala seines Gebieters zu sprechen.

An diesem Abend suchte der Jüngling zum ersten Mal aus eigenem Antrieb den Tempel und dort die privaten Gemächer des Than auf. Er wunderte sich ein wenig darüber, dass ihn keiner der Priester hier aufhielt. Sie grüßten ihn freundlich, fragten aber nicht nach seinem Begehr. Vor der Tür, die zu Nymardos Gemächern führte, verhielt der Junge den Schritt. Jetzt wagte er sich doch nicht weiter. Niemand in den Nebelreichen durfte es wagen, ungerufen zum Than zu kommen. Vielleicht, dass Caryll und wohl auch Gerrys eine Ausnahme waren; ansonsten aber galt dieses Gebot für alle Menschen. Etwas unbehaglich sah er sich um.
Ein kräftiger Priester kam herbei; er trug ein Tablett mit Früchten und Wein. Freundlich musterte er den Jungen.
"Na," meinte er aufmunternd, "hast du dich verlaufen?"
Seymas trug eine braune Tunika und nichts verriet, dass er selbst Priester des vierten Grades war. Sein Gegenüber kannte ihn wohl auch nicht. Um so mehr wunderte sich der Jüngling darüber, dass er in diesem Bereich des Tempels geduldet wurde.
"Nicht ganz," antwortete er ehrlich, „es hat mich nur der Mut verlassen."
Der Priester lachte leise.
"Der Mut? Wolltest du etwa zu unserem Herrn vordringen? Dann freilich ist es eher Tollheit, was dich leitet."
Seymas schüttelte den Kopf.
"Bestimmt nicht," versprach er.
"Du solltest gehen," mahnte der andere.
Seymas nickte. Ja, der Priester hatte schon recht, er sollte wirklich gehen. Es stand ihm nicht zu, den Than einfach so aufzusuchen. Er grinste auf seine fröhliche Art. Es war wohl doch einfacher, den väterlichen Freund in Gedanken zu rufen, als ohne Umschweife zu ihm zu gehen.
Eben wollte er sich umwenden und dem Ausgang zustreben, als die Tür von innen geöffnet wurde. Der Priester neigte sich tief und trug dann auf ein Zeichen seines Herrn das Tablett hinein. Seymas kniete schon am Boden, als der Priester wiederkam. Es war deutlich zu spüren, dass er jetzt für den Jüngling bitten wollte, doch Nymardos hinderte ihn mit einer knappen Geste daran. Er entließ den Priester mit einem Kopfnicken. Lächelnd sah er auf Seymas nieder.
"Probleme?", wollte er wissen.
Seymas sah auf, legte den Kopf ein wenig schief und nickte dann langsam.
"Möglich," gab er zu, "ich fürchte, ich habe euren Pala gekränkt."
Nymardos winkte ihn mit sich, betrat seine Räume und schloss die Tür. Seymas kniete schon wieder.
"So fremd heute?", wollte der Mächtige wissen. "Ist es so schlimm?"
Seymas sah ihn offen an. Im Allgemeinen wichen die Menschen dem Blick des Than aus, zumal dieser vermochte, auf fast unbemerkte Weise in deren Geist zu dringen und zu schauen, was in ihnen war. Seymas kannte diese Scheu nicht, hatte sie nie gekannt.
"Wahrscheinlich ist es eher harmlos," schwächte er dann ab, "euer Pala wollte mal wieder, dass ich mich in festen Dienst begebe. Er denkt, mein Leben sei sinnlos."
"Denkst du das auch?"
"Es ist jedenfalls nichts darin, das sich als Verdienst messen lässt," gab Seymas unumwunden zu, "aber ich glaube, das ist auch nicht so wichtig."
"Kein Verdienst?" Nymardos setzte sich, trank ein wenig, und fuhr dann fort: "Mit welchem Maß willst du messen, Seymas? Öffne deinen Geist und achte auf die Gedanken der Menschen um dich herum. Du bereicherst sie, lehrst sie das Lachen und die Heiterkeit. Indem du dich belehren lässt, gewinnen sie Freude an ihrem Tun. Du gibst jedem, dem du begegnest, ein Gefühl von Wichtigkeit. Und du meinst, das sei kein Verdienst?"
Seymas hatte sich bei diesen Worten langsam erhoben und war zum muskovitverglasten Fenster getreten. Die Nebel hingen schon tief, man konnte den Garten draußen nur noch als Schemen erkennen.
"Es ist kein Verdienst," antwortete er nach langem Überlegen, "es wäre schlimm, wenn es so wäre. Die Menschen sind doch wichtig."
Nymardos trat hinter ihn, legte ihm sacht eine Hand auf die Schulter.
"Das sind sie," bestätigte er, "aber zu leicht neigen sie auch dazu, das zu vergessen. Es ist nicht gut, wenn du dein Sein von Caryll bewerten lässt."
"Er ist euer Pala." Er sprach das Wort in jener Bedeutung aus, die ein Amt umschloss und nicht unbedingt auch eine Freundschaft.
"Er ist mein Pala," gab Nymardos zu und er gab dem Wort die tiefere Bedeutung. "Bist du es nicht auch - mein Freund?"
Seymas schloss die Augen. Es war schwer, in Gegenwart des Thans über solche Dinge auch nur nachzudenken. Nicht, dass er Scheu empfand und die Macht des andern fürchtete. Er liebte Nymardos, immer schon. Aber er mochte diesen indirekten Vergleich mit Caryll nicht.
"Nicht wie er," wehrte er endlich ab, "nicht so." Zögernd lehnte er den Kopf zurück, bis dieser die Schulter seines Herrn traf. Aus der Berührung gewann er Kraft. "Ich habe Caryll immer gemocht, aber ich will mich ihm nicht in dieser Sache unterordnen. Ihr sagt, dass er auch mein Herr ist und ich ihm Gehorsam schulde. Ich will nicht."
Das klang nicht trotzig, sondern traurig und ein wenig bittend.
"Caryll weiß, dass er dir in dieser Sache nichts befehlen darf," beruhigte ihn der Than. "Er wird dich in keinen Dienst berufen, den du nicht selbst erwählst."
"Aber das ärgert ihn," vermutete Seymas ganz richtig, "es erinnert ihn wohl an früher."
"Früher?"
"Ja, ich vermute es so, Herr. Früher habt ihr ihm wohl auch nicht erlaubt, Gerrys auf einen Weg zu zwingen, der für ihn nicht gut gewesen wäre." Er sah nicht, wie Nymardos sanft lächelte. "Es ist bestimmt schwer für Caryll."
"Und was möchtest du, das jetzt geschehen soll?"
Seymas endete die Berührung und wandte sich um. Er sah Nymardos nachdenklich an. Dann meinte er ruhig:
"Ich möchte eure Erlaubnis, Amarra zu verlassen. Das hat nichts mit Caryll direkt zu tun. Ich werde ihm gehorchen, wenn ich wiederkomme. Aber zuvor, so glaube ich, muss ich etwas anderes tun." Auf den fragenden Blick seines Herrn, der in diesem Moment aber schon seinen Geist berührte und alles wusste, fuhr er fort: "Ich möchte nach Nodher gehen. Erinnert ihr euch, Herr? Ich war neun Jahre alt, als ich zu Gerrys sagte, dass er mich eines Tages zur fünften Weihe führen soll. Ich glaube, es ist Zeit, ihn um diesen Dienst zu bitten."
"Fühlst du dich an das Wort gebunden, das du als Knabe gegeben hast?"
Seymas lachte leise.
"Nein, sicher nicht, Herr."
"Und warum dann Nodher und nicht einer der Priester hier?"
Nymardos saß schon wieder in einem tiefen Sessel und Seymas tat es ihm nun unaufgefordert gleich. Es fiel dem Jüngling nicht einmal auf, dass sein Verhalten im Moment jenseits aller guten Sitten lag. In Gegenwart des Than durfte er nicht sitzen - aber er befand sich mehr in Gegenwart eines Freundes denn eines Herrn.
"Wenn ich rausgehe, dann finde ich sicherlich innerhalb eines Tages mehr als fünfzig fähige Priester, die mir diesen Dienst erweisen könnten und es sicher auch alle gern tun würden," vermutete er. "Ich glaube," fügte er hinzu, "es wird auch nicht sonderlich schwierig sein und ich werde die Kraft Raakis sehr schnell ertragen lernen. Ein paar Tage würde es wohl dauern."
"Ein paar Tage? Du weißt, dass der Weg zur fünften Weihe sehr weit sein kann."
"Ja, Herr, aber ich glaube, dass das für mich nicht stimmt. Höchstens eben, wenn Gerrys mich leitet."
"Du meinst, dann dauert es länger?"
Seymas nickte.
"Bestimmt. Raaki ist für Gerrys eine sehr besondere Kraft. Er würde nicht wollen, dass ich sie ertragen lerne. Er will sicher, dass ich diese Kraft liebe. Ich meine, wenn Gerrys mich leitet, wird es anders sein wie bei jedem anderen Priester."
Nymardos lehnte sich zurück und schloss die Augen. Die Gedanken des Jünglings kamen nicht von ungefähr. Seymas hatte gesehen, wie sich Gerrys vor Jahren mit der dunklen Kraft vereinte, als es galt, eine dämonische Absplitterung dieser Kraft zu bezwingen. Dieses Erlebnis wirkte deutlich nach. Nymardos sah fast die Bilder der Erinnerung, die in Seymas auftauchten. Für den Jungen waren es keine schrecklichen Bilder, sondern faszinierende Erinnerungen von großer Bedeutung.
"Ich will nicht lernen, die dunkle Kraft zu ertragen," fuhr Seymas leise fort, "ich will nicht lernen, in ihr zu bestehen. Gerrys könnte mich leiten, damit ich in dieser Kraft aufgehen kann. Jeder andere Priester würde mir zur Ebene der dunklen Kraft verhelfen und mich dort sicher auch bewahren und unbeschadet von dort meinen Geist wieder in meinen Körper lenken. Gerrys würde das nicht tun, glaube ich."
"Sondern?"
"Ich glaube, er würde mich zur Ebene der Kraft begleiten und dort loslassen und dulden, dass ich von ihr überschwemmt werde." Er zögerte. "Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll. Ich glaube, er würde mich lehren, Raaki zu lieben."
Nymardos lächelte mit geschlossenen Augen. Seymas besaß vier Weihen und er liebte die Kraftströme, welche ihm durch diese Weihen erschlossen wurden. In all seiner Heiterkeit war er doch ein ernsthafter Priester, dem es nie genügte, die zunächst immer neuen Kraftströme nur zu ertragen. Er übte sich stets so lange in der Begegnung, bis sie ihm vertraut und lieb wurden.
Von Raakis Kraft aber ging eine durchaus wirkliche Bedrohung aus. Eine Bedrohung, welche sich im tödlichen Gift der Onik-Viper widerspiegelte und auch im Gift der Mesablüte, deren getrocknetes Pulver schon in kleinster Menge einen unwiderruflichen todesähnlichen Zustand bewirkte.
Raakis Kraftschwingung wurde auch stets bei seinem heiligen Tempelritual spürbar, und wenn ein Mensch es wagte, mit ungetilgter Schuld an diesem Ritual teilzunehmen, so ertrug er diese Schwingung nur unter größter körperlicher Pein. Die fünfte Weihe war daher mehr gefürchtet denn begehrt und wurde nur erstrebt, um über sie vielleicht das Licht finden zu können.
Seymas dachte nicht weiter. Er suchte jetzt nicht das Licht und auch nicht den Zugang zur sechsten Weihe, sondern wollte Raaki begegnen und in dessen Kraft etwas von dem finden, was Gerrys mit seinem Gott verband.
"Und du bist sicher, dass dich Gerrys als Chela annehmen wird?"
Zum Erstaunen des Than antwortete der Jüngling da:
"Nein, bin ich nicht, Herr. Ich fürchte sogar, dass er mich ablehnen wird. Er hat nicht viele Schüler angenommen und ich könnte die Weihe ja auch so erreichen. Er merkt das sicher. Ich hoffe nur, er hört sich meine Begründung wenigstens an."
Nymardos sah ihn erstaunt an.
"Nanu," stellte er fest, "so wenig selbstsicher kenne ich dich ja gar nicht. Nun, vertrauen wir der Weisheit von Raakis Falla. Er wird die richtige Entscheidung treffen und du wirst sie akzeptieren."
"Das werde ich bestimmt," versprach Seymas, "und ich danke euch, dass ihr mir die Reise erlauben wollt."
Der Than lächelte.
"Der Schüler wählt stets den Lehrer. Ein Recht, das auch dir zusteht, mein Junge."
"Wenn ich zurückkomme, mag Caryll mich in festen Dienst befehlen," erwiderte der Jüngling. "Er soll nicht denken, dass ich ihn missachte."
"Wenn du zurückkehrst," versprach ihm da der Than, "wirst du hier einen Dienst vorfinden, der dir gefallen wird."
Er lächelte dabei. Seymas befand sich auf dem Weg zu seiner eigenen geistigen Fülle. Bisher ließ er den Jungen gehen und in allem duldete er dessen Freiheit. Aber lange konnte es so nicht mehr weitergehen. Schon vor vielen Jahren, als Seymas noch ein Kind war, da erkannte er bereits, dass dieser Knabe ihn eines fernen Tages an geistiger Kraft übertreffen würde. An diesem Tag endete sein Amt. Dann war ein Stärkerer gefunden, der das Amt des Than ausüben würde. Als man ihn vor vielen Jahren zum Than erkannte, war er darauf nicht vorbereitet gewesen. Er hatte weder Macht noch Reichtum je erstrebt und fühlte sich durchaus überfordert in der Huldigung, aber auch der Verantwortung, die ihm von da an auferlegt war. Seymas sollte nicht sein Schicksal teilen. Nymardos leitete seinen Weg von Anfang an auf unbemerkte Weise und er würde dafür Sorge tragen, dass der Jüngling seinen Weg so unbeschwert als irgend möglich gehen konnte. Wenn er Raaki begegnet war, dann wollte er selbst Seymas in seinen Dienst nehmen und ihn so unbemerkt auf sein künftiges Amt vorbereiten.

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