Amarra

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Bakhir

Reinlesen Bd.25-30

Bakhir

Zyklus der Nebelreiche, Band 28

Umfang: ca. 73000 Worte = 294 Normseiten
Titelbild: © Renate Steinbach

Leseprobe umfaßt die ersten zwei Kapitel

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Kapitel 1

Nach Sion war Nodher das größte Land der Nebelreiche. Hier herrschte König Ilkonys gemeinsam mit seinem Erben Andraag. Es gab sehr große Städte und kleine Siedlungen, fruchtbares Land, reiche Wälder, fette Wiesen und fruchtbare Äcker. Einunddreißig Pechas herrschten als Landesfürsten über die verschiedenen Landstriche, allein ihrem Herrscher untertan. Die Fürsten kannten einander durchaus, denn ihr Gebieter rief mindestens zwei Mal im Jahr zur Pecha-Versammlung in seine Burg.
Man nannte es das Jahr dreihundertsiebenundfünfzig der Neuen Zeit. Längst waren die Felder abgeerntet, das Brennholz für den Winter geschlagen, die Vorräte eingebracht. Doch der Ruf zur zweiten Versammlung war nicht ergangen. Die Pechas ahnten alle, warum dies geschah.
Kurz nach der Erntezeit reiste der Pecha von Minas, dem ärmlichsten Landstrich in Nodher, nach Sion. Dort wurde fast die ganze Ernte vernichtet durch eine Heerschar schwarzer Käfer. Tibra, Minas' Herr, entsprach nicht dem, was man von einem Landesfürsten erwartete. Er hatte sich der Kunst der Magie verschrieben. Das Land überließ er seiner Gemahlin Aniela, die es vorbildlich führte. Man wusste dies und schwieg darüber, denn einer Frau gestand man in keinem Reich, mit Ausnahme des Waldreiches Wyla, so weitreichende weltliche Macht zu. Tibra gelang es mit seiner magischen Kraft, die Käfer in Sion zu einem Ort zu locken. Sie umgaben ihn alle. In ihrer Menge reichten sie ihm bis zur Brust, füllte die ganze Senke aus, in der er stand.
Über alles, was danach geschah, gab es mehr Gerüchte und trotz vieler Augenzeugen wusste fast niemand um die Wahrheit.
Der Magier war nicht allein. In seiner Nähe befand sich seine Gemahlin, seine zwei Töchter, zwei seiner Söhne, Nodhers Herren, viele Soldaten, Bürger Sions und einige starke Priester. Der ältere seiner Söhne hieß Harkym. Diesen Namen kannte man in allen Reichen. Er herrschte über Amarra, jenes seltsame Inselreich, auf dem nur Priester und zur Priesterschaft berufene Menschen lebten. Er trug den Titel des Than und er galt als der stärkste derzeit inkarnierte Geist. Seinem Willen bleiben auch die Herrscher untertan.
Die Käfer und mit ihnen der Magier wurden damals alle vernichtet. Man sprach von unsichtbarem, magischem Feuer. Tibras Tochter Antaya deutete danach auf Harkym und rief mit lauter Stimme:
"Vatermörder!"
Es hieß, er habe den Vater getötet, um so Sion zu retten. Wenngleich diese Rettung wohl gelang, verlor an jenem Tag Minas' seinen offiziellen Herrn. Spätestens bei der nächsten Pecha-Versammlung musste der Herrscher einen neuen Fürsten für Minas benennen. Man nahm an, dass er diese Entscheidung hinauszögern wolle. Aniela war seine Schwester, Tibra sein Freund. Auch den Herrscher lähmte noch die Trauer. Er handelte nicht. So herrschte Aniela weiter über Minas und für kurze Zeit konnte man dies noch dulden.

Nach der Rückkehr aus Sion stürzte sich Aniela so verbissen in die Arbeit, als könne sie darin ihren unendlichen Schmerz und ihre verzweifelte Trauer ersticken. Doch sie litt nicht allein. Die siebenundzwanzigjährige Naphara und ihre um drei Jahre ältere Schwester Antaya lebten ebenfalls in diesem Haus und vermissten den Vater. Ihr Bruder, der zwölfjährige Tharan überwand den Schmerz als Erster. Einige Zeit zog er sich von allen zurück und zeigte sich sehr verschlossen. Doch nun ritt er wieder aus, spielte mit seinen Kameraden und ab und zu lachte er auch wieder. Zwei weitere Brüder gab es noch. Krystan, nun fünfundzwanzig Jahre alt, lebte in Burg Nodher im Dienste Andraags. Uhray, vier Jahre älter, hatte vor Jahren schon das Land verlassen. Er lebte im Königreich Sarai als Freund eines Falla in dessen Tempel.
Tibra bezeichnete sich einst als glücklichen Menschen, weil er Freunde besaß, die ihn liebten und die er lieben durfte. Zu ihnen gehörte Bakaar. Dieser Priester, nun siebzig Jahre alt, kam einst mit ihm aus Amarra. Er lebte noch immer hier. Vogan und seine Familie trauerten ebenfalls. Er kam als Knabe mit Tibra aus Amarra, lebte nun in einer kleinen Siedlung als Tischler. Ihm war, als habe er einen Vater verloren.

Tibras innigste Freunde hießen Thyrian und Seymas. Thyrian nannte man einst den heimlichen König Amarras, denn zu der Zeit, als Seymas als Than herrschte, diente er ihm als Pala in beiderlei Bedeutung des Wortes, das, je nach Aussprache, einen innigen Freund, ergänzende Hälfte der eigenen Seele oder bevollmächtigten Vertreter bedeutete. Seymas kümmerte sich nie groß um die weltlichen Belange seiner Herrschaft. Diesen Bereich überließ er völlig Thyrian, der Amarra wirklich wie ein Herrscher führte. Seit er auf Minas lebte, stand er Aniela in ihrem Wirken bei, half ihr bei der Arbeit und entlastete sie in weiten Bereichen. Sie schätzte diesen nun fünfundsechzigjährigen Mann sehr. Er vermisste Tibra zu jeder Stunde des Tages. Doch er sprach nicht darüber. Ernst und beherrscht wie immer verhielt er sich, verströmte darin auch Ruhe und gab denen um sich herum dadurch viel Halt.
Seymas war, genau wie Aniela, siebenundfünfzig Jahre alt. Er verbarg seinen Schmerz nicht. Oft sah man ihn mit feuchten Augen. Zu ihm ging Aniela, wenn der Schmerz sie übermannte. Dann weinten sie gemeinsam.

Sie hatte ihn rufen lassen, und als er ihren großen Arbeitsraum betrat, wirkte sie durchaus gefasst. Aniela verbot jede Störung. Sie schenkte Seymas Wein in bereit stehende Pokale, setzte sich ihm gegenüber in einen der Sessel und sah ihn lange an.
"Wir müssen reden," sagte sie endlich.
"Hast du Befehle für mich?" forschte er, sofort sehr aufmerksam.
Irritiert stellte Aniela den Pokal zurück. Dann verstand sie. Er fürchtete, sie habe Nachricht von Harkym. Wehmütig lächelte die Fürstin.
Als sie Tibra zu lieben lernte, gehörte Harkym schon zu ihm. Der damals zweijährige Knabe war von dem Magier als verwaister Säugling gefunden und als eigenes Kind anerkannt worden. Sie hielt den Knaben wie später ihre eigenen Kinder. Sie liebte Harkym. Nachdem Tibra, wohl durch sein Einwirken, verstarb, verweigerte sie ihm jede Nähe und jedes Wort. Aniela bedauerte dies längst. Und sie wusste, wie sehr Seymas seinen Nachfolger fürchtete. Es gab ein tiefes Zerwürfnis zwischen diesen beiden Männern; eine unüberwindbare Kluft, über die kaum gesprochen wurde. Als siebzehnjähriger Jüngling hielt Harkym dem mächtigsten Mann der Reiche öffentlich vor, Unrecht zu tun. Er unterwarf sich Seymas nicht und wurde deshalb verurteilt, von nun an unstet zu wandern und nirgendwo länger als drei Tage zu verweilen. Fünf Jahre irrte der Sohn so umher, ehe er zu seiner eigenen Kraft fand und von den Fallas zum neuen Than erkannt wurde.
"Es geht nicht um Harkym, sondern um Minas," wehrte sie ab und sah erleichtert, wie er sich entspannte. "Tibra hat versucht, in den letzten Stunden seines Lebens alles zu regeln. Ilkonys drängt nicht. Aber ich weiß, dass er wartet. Und ich habe Tibra versprochen, alles zu tun, um Minas zu halten."
"Nodher wird keine Frau als Pecha anerkennen."
"Deshalb bin ich gezwungen, mich einem Mann zu vermählen, dem Ilkonys und Andraag den Titel zusprechen können," ergänzte Aniela mit brutaler Offenheit. "Ich habe nicht aufgehört, Tibra zu lieben. Doch hier geht es um Minas, das Vorrang haben muss vor meiner Trauer."
Seymas lächelte erheitert.
"Warum so zaghaft, Aniela?" wunderte er sich. "Thyrian hat dir bei deinem Wirken stets geholfen und Nodher hat gewiss keine Einwände gegen einen ehemaligen Pala des Than. Er wird Tibras Vermächtnis bewahren. Du solltest mit ihm reden, nicht mit mir."
"Du hast ihm einst Amarra übergeben," wusste Aniela nachdenklich. "Ich gebe Minas nicht aus der Hand. Ich möchte, dass du den Titel trägst und mir das Amt überlässt."
Seymas lehnte sich zurück. Er sah gut aus und viele Frauen würden ihm gern nahen. Die goldblonden Locken, die weichen Züge, der helle Blick und seine meist vorherrschende Heiterkeit machten ihn sehr sympathisch.
"Tibra würde das gefallen." Seine Stimme zitterte jetzt ein wenig im Gedenken an den Freund. "Womöglich würde Nodher es akzeptieren. Aber deine Kinder werden es nicht dulden, Aniela. Es wäre nicht richtig. Und es wäre Thyrian gegenüber nicht korrekt."
Die Fürstin atmete insgeheim auf. Seine Vorbehalte hatten alle nichts mit ihr zu tun. Dies hätte sie akzeptieren können. Da Seymas aber nicht sie als Gemahlin ablehnte, blieb sie bei ihrer Entscheidung. Sie ließ nach Thyrian schicken und eröffnete ihm ihr Vorhaben. Der zeigte sich wenig überrascht, hatte er doch schon seit einiger Zeit genau damit gerechnet.
"Wie du weißt, stehe ich in geistiger Verbindung mit Harkym," wandte er sich voll Gelassenheit an Aniela. "Es wird nicht gehen, wenn er dagegen ist. Erlaubst du, dass ich den Rapport belebe?"
"Ich frage keines meiner Kinder um Erlaubnis," wehrte Aniela überrascht und doch zugleich erheitert ab.
"Und ich werde die Mutter meines Gebieters nicht ohne seine Erlaubnis ehelichen," stand Seymas sofort dem Freund bei. "Er wartet doch nur auf eine Gelegenheit, bei der ich ihn genug erzürne, damit er mich töten kann."
"Diese Gelegenheiten hast du ihm oft genug geboten," mahnte Thyrian, dem solche Rede nicht gefiel. "Unser Gebieter war stets nachsichtig mit dir."
"Das war er," stimmte Seymas zu, dessen Mundwinkel nun zuckten. "Doch das geschah immer nur für Tibra. Er kann mich nicht mehr schützen."
"Genug!" Aniela rief es energisch. "Harkym ist mein Sohn, nicht mein Herr. Er schreibt mir meine Wege nicht vor."
"Bist du dir dessen ganz sicher?" erkundigte sich Thyrian nachdenklich. "Du hast nie verstanden, was sein Amt bedeutet und über welche Macht er wirklich verfügt."
"Aber ich weiß um seine Liebe." Aniela lächelte wieder. "Ilkonys hat noch in Sion mit ihm über Minas geredet. Es ist meine Entscheidung. Und ich habe entschieden. Die Ehe muss vor einem Mann der Macht geschlossen werden. Also reiten wir zur Burg." Sie sah nun nur Seymas an. "Harkym hat Ilkonys gesagt, dass es danach für dich keinerlei Beschränkungen mehr geben wird."
"Anscheinend bin ich schon lange verplant." Seymas grinste. "Ich habe den Eindruck, als sei Tibras Geist um uns und als wenn er nun lache. Es ist ja auch nur eine Formalität, um den Schein zu wahren und Minas dir zu belassen."
Zum Abendmahl versammelte Aniela die Kinder um sich. Auch Thyrian und Seymas nahmen teil. Antayas siebenjährige Tochter Prisylla saß stumm und verschüchtert bei ihnen. Seymas ging ein wenig auf das Mädchen ein und schließlich gelang es ihm auch, der Kleinen ein Lächeln zu entlocken.
"Du bist zu streng mit ihr," mahnte er Antaya. "Sie ist doch noch ein Kind. Erwarte nicht, dass sie sich jetzt schon wie eine erwachsene Frau benimmt."
"Sie ist das einzige Kind, das mir blieb. Ich bestimme allein über sie," murrte Antaya da nur.
Sie besaß noch eine neunjährige Tochter mit Namen Sinara, doch diese hatte es vorgezogen, in Wyla zu bleiben, wo sie geboren wurde. Antaya konnte nicht mehr in dieses Waldreich, in dem sie viele Jahre lebte, dem Kult der großen Göttin huldigend. Dort galt sie als Verräterin.
"Und was ist mit Horaph?" erkundigte sich Tharan kauend.
Der Junge war nun schon zwei Jahre alt und kannte seine Mutter Antaya nicht einmal, sondern lebte bei seiner Amme Fryka, zu der Tibra ihn gab.
Die große Schwester warf ihm einen wütenden Blick zu, schwieg ab. Für die Töchter der Göttin, wie jene Frauen in Wyla sich nannten, zählten keine Söhne. Knaben wurden der Göttin gleich nach der Geburt geopfert. Antaya schämte sich, weil sie einen Sohn gebar und deshalb verleugnete sie ihn, was ihr auch gelänge, wenn Tharan nicht bei jeder sich bietenden Gelegenheit von dem Jungen sprechen würde. Sie mochte den kleinen Bruder nicht und das lag nicht nur an seinem Geschlecht.
Naphara lachte leise. Sie liebte den kleinen Bruder und noch hoffte sie, die Entfremdung zur Schwester zu überwinden. Ansonsten aber lebte sie ihr eigenes Leben. Ihr Sinnen galt der Magie. Der Vater war ein Meister des Feuers. Sie beherrschte das Wasser. Niemand vermisste ihn wie sie, denn sie verlor nicht nur den geliebten Vater, sondern mit ihm auch einen Führer auf ihrem Pfad.
Aniela ergriff das Wort. Sie erklärte den Kindern, wie unmöglich ein weiblicher Pecha in Nodher bleiben musste. Tibra hatte vor seinem Tod mit ihr darüber gesprochen und ebenso mit Ilkonys. Das erzählte sie jetzt und schließlich erklärte sie in einer Tonlage, die ihren Ernst bewies, dass sie sich für Seymas entschied und dieser der neue offizielle Pecha von Minas sein würde. Danach herrschte völlige Stille.
"Es würde Vater gefallen," stellte Naphara nach geraumer Zeit fest und füllte sich die Schale erneut. "Wird unser König einverstanden sein, Mutter?"
Aniela nickte nur. Tharan starrte Seymas an. Das war bisher sein großer Freund. Manchmal stritten sie, doch meist verhielten sie sich wie gute Kameraden.
"Du bist nicht mein Vater und du wirst es nie sein," sagte der Junge schließlich, doch es klang nicht ablehnend, sondern eher wie eine Feststellung.
"Ich will Tibra nichts nehmen und ihn nicht verdrängen," versprach Seymas. "Es geschieht für Minas. Es geschieht, weil er es so wollte."
"Das kannst du nicht tun, Mutter." Antaya erbleichte. "Das kannst du mir nicht antun."
"Es hat nichts mit dir zu tun, Kind."
"Nein!" rief sie da empört und sprang auf. "Seymas ist mein Gemahl, hast du das vergessen. Wir sind durch Liebeseid verbunden. Diese Ehe kann nicht mehr gelöst werden."
"Eure Ehe wurde unter Zwang geschlossen," mahnte Thyrian, ihr Handgelenk ergreifend und sie auf den Stuhl ziehend. "Hast du es vergessen?"
Antaya vergaß nichts. Sie lebte glücklich in Wyla, als eine reisende Priesterin ihr heimlich zuflüsterte, dass sie einen Sohn in sich trug. Sie verfluchte sich, weil sie ihm den Opfertod ersparen wollte. Deshalb kam sie nach Minas, wo sie Horaph gebar. Die Töchter der Göttin duldeten stets nur einen Mann unter sich. Sie nannten ihn den Auserwählten. Fünf Jahre lang durfte er sie befruchten, ehe auch er geopfert wurde und seinem Nachfolger Raum geben musste. Dieser Mann war der Vater ihres Sohnes. Sie wollte ihn retten. Ihre Sturheit zwang auch den Vater und seine Freunde nach Wyla, wo man sie überwältigte. Um sie zu demütigen, verheirateten sie die Frauen mit Seymas und achteten sorgsam darauf, dass diese Ehe auch vollzogen wurde. Sie sollten sterben.
Doch Harkym kam. Er rettete sie alle. Aber den Auserwählten führte er in die Höhle der Göttin, wo er starb. Antaya verzieh ihm dies nie. Es war auch sein Wirken, dass ihre Töchter frei wählen durften, wo sie bleiben wollten. Sinara wählte Wyla. Antaya hasste den Bruder dafür. Dass er damit ihrer aller Leben rettete, zählte nicht vor ihr. Und Harkym wollte nicht mit Seymas, den er verachtete, verwandt sein. Er verlangte von Nodhers Herren die Auflösung dieses Bundes. Ilkonys zögerte, doch Andraag gab ihm nach. Der Than hätte eine erneute Vermählung nicht mehr verhindert. Doch auf dem Rückweg von Wyla versuchte Antaya, den Bruder zu töten. Und Seymas war in erster Linie Priester. Er mied die Frau, die seinen Herrn bedrohte. Es konnte keine wirkliche Nähe mehr zwischen ihnen geben.
"Harkym wird es nicht dulden," hoffte Antaya trotzig.
"Er ist einverstanden," widersprach Aniela nachdrücklich.
"Dann kommt er nie wieder nach Minas," begriff Tharan da und eine tiefe Traurigkeit ergriff ihn. "Er wird uns nie wieder besuchen."
Sie alle schwiegen, wohl wissend, wie sehr der Than Seymas verachtete. Er würde gewiss nicht das Haus aufsuchen, in dem dieser als Herr lebte. Auch Aniela wusste es und es belastete sie. Doch diesen Sohn sah sie ohnehin nur selten. Sie durfte Minas nicht opfern um eines möglichen Wiedersehens willen, auf das sie überhaupt keinen Einfluss besaß.

Burg Nodher empfing die Gäste mit Ehren, doch ohne wirkliche Freude. Auch hier wirkte noch die Trauer um Tibras Tod. Prinz Andraag kümmerte sich um die Reisenden. Er stand dem Magier nicht nahe, mochte ihn nicht einmal sonderlich, wenngleich er ihn achtete.
Uhray kam aus Sarai, um der Vermählung seiner Mutter beizuwohnen. Man bemühte sich um einen festlichen Rahmen, doch dieses Bemühen wurde in allem sichtbar. Aniela hoffte so sehr auf einen Besuch oder wenigstens eine Nachricht aus Amarra. Immer wieder befragte sie Thyrian danach, immer wieder schaute sie Jiddan, den Pala des Königs, der mit Amarra in Rapport stand, fragend an. Antaya verlachte sie deshalb.
Naphara wurde die Zeit des Wartens nicht lang. Sie stieg oft hinauf zu einem der düsteren Wehrtürme. Hier lebte, mehr geduldet denn geachtet, ein Freund des Vaters. Farrak war ein Meister der Lüfte. Einst rettete er Ilkonys' Leben, was ihm der König nie vergaß. Seine Freundin Wana wurde Jiddans Gefährtin. Um ihre Nähe nicht zu verlieren, kam er hierher. Nun war er ein alter Mann von fast achtzig Jahren. Ein wenig seines Wissens gab er an Naphara weiter. Doch meist sprachen sie nur über das Geschehen in Sion. Der alte Magier half der jungen Frau sehr bei der Einordnung der Dinge.
Endlich verstand Aniela, dass aus Amarra keine Botschaft kam. Sie wartete nicht länger. Vor ihrem Bruder Ilkonys sprach sie die Formel der Eheschließung. Seymas tat es ihr nach.
Der Herrscher speiste mit der Schwester und ihrer Familie. Später führte er gemeinsam mit Andraag ein langes Gespräch mit Seymas, dem unmissverständlich erklärt wurde, weshalb er den Titel eines Pecha erhielt und was man von ihm erwartete. Gelassen nahm er all dies zur Kenntnis.

Wenige Tage später reiste die Gruppe zurück nach Minas. Es war alles geregelt. Der Alltag gewann an Kraft. Die kalte Zeit, die nun kam, verlangsamte das Leben in den Reichen. Es gab keine Reisen mehr, keine Besuche. Die Menschen rückten alle ein wenig näher zusammen.
Minas besaß einen neuen Herrn. Doch es änderte sich nichts hierdurch, denn Aniela lenkte weiterhin die Geschicke der ihr anvertrauten Menschen und versah ihr Amt, wie sie es seit vielen Jahren tat.

Kapitel 2

Der kleine Loderan war ganze neun Jahre alt. Verschüchtert, geradezu ängstlich kauerte er am Fuß der Stadtmauer von Liras. Aus dieser relativ kleinen Stadt im Norden von Sion bestand seine ganze Welt. Er kannte nichts anderes. Unweit von hier musste er wohl geboren worden sein, denn man fand ihn als nur wenige Tage alten Säugling nahe des Stadttores. Es wurde nie bekannt, wer ihn dort ablegte. Loderan kannte weder Vater noch Mutter noch wusste er ums eine Herkunft. Eine freundliche Wäscherin kümmerte sich in seinen beiden ersten Jahren um ihn. Als sie verstarb, wurde der Knabe herumgereicht. Er lebte in vielen Familien der Stadt, doch stets nur kurz und nur geduldet. Noch ehe er das fünfte Jahr erreichte, wurde er zum Straßenkind. Er schlief unter den Häusern, die hier auf niederen Pfosten erbaut wurden und durch den Abstand zum Erdreich Schutz fanden vor der Feuchtigkeit der Nebel, welche des Nachts alles einhüllten und mit Fruchtbarkeit tränkten. Tagsüber hingen die Nebel hoch. Dann zog der Knabe bettelnd durch die Straßen. Oft empfing er Hiebe. Andere, glücklichere Kinder verschmähten ihn. Es gab viele Straßenkinder in Liras; elternlose Mädchen und Knaben, die sich ihr Überleben erbettelten. Loderan gelang es nie, sich ihnen anzuschließen. Sie mochten ihn einfach nicht und so wich er ihnen aus.
Ein paar Jungen der Stadt hatten ihn verprügelt. Jetzt saß er da, ertrug die Schmerzen der Hiebe, fühlte sich einsam und unglücklich.
Loderan wirkte zerbrechlich, schmächtig, bleich. Seine großen Augen schimmerten wie heller Achat. Die großlockigen langen Haare hielt er mit einem dünnen Stoffband gebunden, da es nur den Mächtigen erlaubt war, die Haare offen zu tragen. Der Knabe war schmutzig. Kaum ließ sich die hellbraune, fast ins goldene übergehende Farbe seiner Haare nicht mehr erkennen. Er trug ein abgerissenes, knielanges Hemd mit kurzen Ärmeln, das er mit einem Strick gürtete. Schuhe besaß er nicht. Eigentlich verfügte er über überhaupt keinen Besitz. Wenn er sehr verzweifelt war, so wie jetzt, dann nahm er den kleinen Stein in die Hand, den er stets bei sich trug. Er konnte ihn leicht in seiner kleinen Faust verbergen. Der Stein besaß keinen Wert. Er war von grünlicher Farbe, mit feinen Linien durchzogen. Er wusste, dass man dieses Mineral Malachit nannte und dass man aus großen Stücken dieses Gesteines Schalen fertigte. Doch in der Größe, wie er ihn besaß, war der Stein nicht wertvoller als ein einfacher Kiesel. Nur für ihn, den verwaisten Knaben, besaß dieser Malachit Bedeutung.
Jemand sagte ihm, dass er ihn schon als Säugling besaß. Er wurde mit ihm gefunden und womöglich gehörte er vordem seiner Mutter. Für Loderan war der Stein Sinnbild eines Lebens, das er sich wünschte und das ein grausames Schicksal ihm doch verwehrte. Er weinte.
Loderan erschrak bis ins Mark, als er den Mann bemerkte, der vermutlich schon einige Zeit bei ihm stand und ihn betrachtete. Angstvoll presste er sich gegen das rauhe Mauerwerk.
"Die Stadtwachen sehen es nicht gern, wenn man sich hier herumtreibt," meinte der Mann da und seine Stimme klang erstaunlich nachsichtig. "Hast du kein Zuhause?"
Loderan schüttelte heftig den Kopf, während er zugleich hastig seinen Stein einsteckte. Ängstlich sah er auf.
"Wie alt bist du? Sieben?" Der Junge zuckte nicht wissend mit den Schultern. "Ist ja auch egal. Sagst du mir, wie du heißt?"
"Loderan," stammelte das Kind seinen Namen.
"Ich bin Klossor. Vielleicht kann ich dir helfen." Der Blick des Jungen verlor etwas seiner Furcht und gewann ein klein wenig Hoffnung. "Nun, wir werden sehen. Wenn die Nebel sinken, dann komme zum Schuppen beim Brunnenplatz. Achte darauf, dass dich niemand sieht."
Klossor ging weiter. Er beachtete den Knaben nicht länger und schaute sich nicht mehr nach ihm um. Aber Loderan starrte ihm nach, kaum begreifend, was eben geschah. Womöglich wartete auf ihn nun eine bessere Zeit. Er hoffte es sehr.

An diesem Tag trieb er sich auf den Straßen herum. Er bettelte zwar auch, doch ohne großen Einsatz. Zum ersten Mal lauschte er den Gesprächen der Bürger. Doch er begriff nicht, worüber die Menschen redeten. Ihre Interessen hatten nichts mit seiner Wirklichkeit zu tun und die Namen, die sie nannten, wenn sie über jemanden tratschten, bedeuteten ihm alle nichts.
Liras war gewiss keine große Stadt. Umgeben von Sajik-Plantagen wirkte sie eher ländlich. Es gab aber immerhin das Marktrecht und damit einen Marktplatz. Der Statthalter versah seit zwanzig Jahren sein Amt und sorgte dafür, dass es in der Stadt ruhig blieb. Es gab ein paar Herbergen, Keltereien, zwei Ärzte und sogar eine Schule. Letzteres war der Verdienst des Statthalters, der das Gebäude hierfür zur Verfügung stellte. Die Kosten für Unterricht in Mathematik und Schrift waren freilich nicht für viele der Bürger erschwinglich, doch ohne diese Schule würde kaum ein Mensch in der Stadt überhaupt lernen können.
Zwischen dem Marktplatz und der Schule stand Liras' großer Ziehbrunnen. In diesem Bereich gab es auch einige Lagerhäuser. Neben einem Pejuk-Baum, der so alt war, dass er schon lange keine Früchte mehr trug, stand eine halb verfallene Hütte. Dieser Schuppen wurde nicht mehr als Lagerraum benutzt. Irgendwann würden die Leute ihn abreißen.

In den sinkenden Nebeln schlich Loderan zum Baum. Er achtete sorgsam darauf, dass niemand ihn sah. Eine Stadtwache stand beim Brunnen und trank. Der Knabe wartete. Doch der Mann blieb. Eine zweite Wache gesellte sich hinzu. Die Männer gerieten ins Plaudern. Loderan kroch auf allen Vieren am Schuppen entlang. Er konnte nicht durch die Tür, ohne gesehen zu werden. Also suchte er einen anderen Weg und schließlich fand er einen lockeren Balken, den er behutsam zur Seite drücken und durch die entstehende Lücke kriechen konnte. Er befand sich im Innern der Hütte, umgeben von Dunkelheit. Er wartete.
Seine Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Durch ein Loch in der Wand sah er die Wachen. Manches Mal drang ein Geräusch zu ihm. Doch meist herrschte Stille. Endlich verließen die Stadtwachen den Platz. Loderan spannte sich an. Er spähte durch das kleine Loch und wartete darauf, jemanden kommen zu sehen.
"Ich bin hier, Junge."
Loderan fuhr herum. Klossor war also die ganze Zeit in der Hütte gewesen und hatte sich bisher nicht entdeckt. Jetzt nahm der Mann, der um die fünfzig Jahre alt sein mochte, einen kleinen Flammenden Kristall aus einer Falte seines Gewandes. Loderan riss die Augen auf. So etwas sah er bisher noch nie. Er wusste bisher nicht einmal, dass es so etwas gab.

Im entfernten Königreich Moras wuchsen auf dem Grund der Sümpfe trübe Kristalle. Diese Steine verkauften die Menschen an Amarra. Loderan wusste nichts von Moras, doch von Amarra hörte er. Diese Insel, größer als das Königreich Khyon, sollte, so sagte man, unglaublich schön sein und keine Zeit der kalten Nebel kennen. Dort lebten nur Priester. Ihr Führer, der Than, galt als der mächtigste Mann der Reiche und als der stärkste inkarnierte Geist. Seine Herrschaft dauerte so lange, bis sich ein stärkerer Geist fand, den die Fallas, die Vorsteher der großen Tempel, stets zur kalten Lichtwende suchten. Auf Amarra, und davon wusste der Knabe nichts, lebten Priesterinnen des Lichts, welche in einem geheimen Ritual diese Sumpfkristalle belebten. Danach wurde aus vordem trübem Quarz ein Flammender Kristall; ein Stein, der unablässig sanftes, warmes Licht verströmte. Nur sehr reiche Menschen konnten sich eine solche Kostbarkeit leisten. Und Klossor besaß einen solchen Stein. Er musste so reich und mächtig wie ein König sein.

Staunend betrachtete das Kind den Kristall, wagte es aber nicht, die Hand auszustrecken und diese Kostbarkeit zu berühren.
"Iss etwas," mahnte Klossor und deutete auf Brot und Käse.
Loderan ließ sich nicht zwei Mal bitten. Er stopfte die Gaben so hastig ins ich hinein, als fürchte er, der Mann könne sie ihm wieder wegnehmen wollen.
"Wenn du für mich arbeitest, findest du hier jede Nacht etwas zu essen," versprach Klossor, den der Heißhunger des Kindes amüsierte.
"Was muss ich tun, Herr?"
"Zunächst gar nichts." Klossor lachte ganz leise auf, doch es klang nicht bedrohlich. "Du bist zu klein und zu schwach, um richtige Arbeit zu leisten. Aber wenn ich dich brauche, musst du kommen. Einverstanden?"
Loderan verstand nicht, was dieser Mann von ihm wollte. Doch er nickte zustimmend und versprechend. Klossor lächelte. Wortlos ging er fort.

In den folgenden Nächten schlich sich Loderan stets zu dieser Hütte und immer fand er etwas zu Essen. Am dritten Abend fand er sogar ein neues Gewand. Es war nicht wertvoll. Doch es fühlte sich angenehm an und erschien ihm wie eine Kostbarkeit. Er trug es voll Stolz.
Nach einigen Tagen wurde er im Schuppen erwartet. Im halbdunklen Dämmerlicht des Abends sah der Kleine einen etwa zwölfjährigen kräftigen Burschen, der sofort nach ihm griff und fest sein Handgelenk umfasste.
"Komm schon," mahnte er dabei und zerrte Loderan fast mit sich. "Klossor wartet und er wird leicht wütend, wenn man nicht pünktlich ist."
"Wer bist du denn?" stammelte Loderan, während er neben dem Burschen hastete, jede Deckung der Häuser ausnutzend.
Der Junge gab keine Antwort, doch Klossor begrüßte ihn wenig später mit einem ‚Ah, Naronar, gut gemacht' und da kannte Loderan den Namen doch.
Der Kleine wusste nicht, wohin sie ihn brachten. Sie führten ihn, weiterhin jede Deckung nutzend und sich jedem Blick verbergend, durch eine ganze Anzahl enger Gassen, über Hinterhöfe und durch kleine Gärten. Endlich verhielten sie den Schritt.

Sie standen an der Rückseite eines der größeren Häuser. Auch dieses war, wie in den Nebelreichen üblich, aus Holz erbaut und ebenerdig errichtet. Beim Nahen hatte Loderan die muskovitverglasten größeren Fenster der Vorderseite gesehen. Dieser kostbare Schutz war auch in der Stadt nur wenigen erschwinglich. Auch dieses Haus besaß einen Boden, der etwas erhöht errichtet wurde. An den Außenwänden befestigte man dichte Schilfmatten zum Schutz vor der Feuchtigkeit. Holzschindeln bildeten das Dach.
Klossor fasste nach beiden Schultern Loderans, neigte sich ihm zu und sagte mit eindringlicher Stimme:
"Es ist niemand im Haus, doch wir haben nicht viel Zeit. Du bist klein genug, um durch die Luke hier zu schlüpfen. Das ist ein kleiner Vorratsraum. Du gehst durch die Tür, geradeaus und in dem Zimmer, in das du dann kommst, findest du einen großen Schreibtisch. Hast du das verstanden?"
Loderan nickte ängstlich.
"Das ist Unrecht, Herr," flüsterte er.
Naronar stieß ihn in die Seite.
"Ich sagte doch, dass er ein Feigling ist," stieß er mit halblauter Stimme aus.
Klossor hielt den Knaben fester.
"Es ist kein Unrecht," versprach er. "Du sollst etwas holen, das mir gehört und das mir gestohlen wurde."
"Was ist es, Herr?" forschte Loderan, mit den Tränen kämpfend.
"Der Schreibtisch hat zwei Türen. Hinter der zur rechten Hand findest du eine Schatulle. Nimm sie nicht mit. Aber öffne sie und entnimm ihr die Münze, die darin liegt."
"Nur eine Münze?" Loderan staunte. "Ihr seid doch so reich. Wie kann ein Solar so wichtig sein?"
"Es ist kein Solar. Es ist eine Münze, wie du sie noch nie gesehen hast. Es ist ein Andenken, das ich wieder haben will. Und nun beeile dich."
Loderan hatte noch so viele Fragen, doch Klossor hob ihn schon hoch und schob ihn durch die kleine Luke unter dem Dach, die sich gerade so erreichen ließ.
Dunkelheit umgab das Kind. Loderan tastete sich voran, fand die Tür. Er fand auch den anderen Raum und den Schreibtisch. Er fühlte große Angst. Sein Herz schlug wild, sein Atem ging stoßweise. Jahre vergingen, seit er zuletzt ein Haus von innen sah. In seinen Träumen wünschte er, in einem richtigen Haus zu wohnen, eine eigene Lagerstatt zu besitzen, ein Heim zu kennen. Doch hier war er Eindringling. Er durfte nicht hier sein. Wenn man ihn fand, würde man ihn hart bestrafen. Und Klossor sagte, dass nicht viel Zeit blieb.
Die Schreibtischtür knarrte. Dem Jungen erschien es wie ein lautes, alarmierendes Geräusch. Er hielt den Atem an. Doch nun herrschte Stille. Er tastete im Dunkeln nach der Schatulle, öffnete sie. Der Knabe ertastete ein paar Schmuckstücke, wenige Pergamentrollen und endlich, in ein kleines Stück weiches Tuch eingeschlagen, eine einzelne Münze. Loderan konnte nichts sehen. Doch er wusste, wie ein Solar aussah. Das gängige Zahlungsmittel der Nebelreiche war rund und beidseitig geprägt. Diese Münze fühlte sich achteckig, aber nicht kantig an; nicht geprägt, sondern graviert. Ihre Oberfläche schien sehr rauh zu sein. Fest umklammerte seine kleine Faust die Beute. Hastig schloss er die Schatulle und die hölzerne Tür. Er wollte rasch fort.

Plötzlich hörte er Stimmen im Haus. Der Besitzer kehrte zurück und er kam nicht allein. Die Tür öffnete sich. Loderan kroch rasch unter den Schreibtisch, presste die Augen und Lippen zusammen und wagte kaum mehr, Atem zu holen. Das Licht eines Kristalles flammte auf.
"Wir sollten öfter einen Abend zusammen verbringen," ertönte eine Männerstimme.
"Warum nicht." Die Antwort klang tief, sonor und freundlich. "Wir sind Brüder und eigentlich ist es eine Schande, dass wir dem Alltag erlauben, uns so zu trennen. Warte, ich hole uns Wein."
Loderans Augen wurde feucht. Er begriff, dass er in seinem Versteck ausharren und warten musste und die Gefahr einer Entdeckung blieb. Die Männer saßen beisammen und plauderten. Sie sprachen über Frauen, Geschäfte und schließlich kamen sie ins Philosophieren. Loderan hörte zum ersten Mal von den Göttern, aber in seiner angespannten Furcht begriff er nichts von dem, was an sein Ohr drang.
Die Nebel hoben sich. Der Hausbesitzer schickte sich an, seinen Bruder zu verabschieden. Der Gast erhob sich. Er griff nach dem noch halb gefüllten Trinkpokal, leerte ihn. Dann trat er zum Schreibtisch, um ihn dort abzustellen. Er stutzte, als er den kleinen, nackten Fuß sah. Dann beugte er sich kurz, sah unter den Schreibtisch und erhob sich wieder.
"Arbeitet der Kleine für dich, Bruder?"
Loderan blieb keine Zeit der Reaktion oder gar der Flucht. Es ging alles sehr schnell nun. Man zerrte ihn aus seinem Versteck, schüttelte ihn, bedrängte ihn mit Hieben und Fragen, und als er verstockt schwieg, übergaben die Männer ihn den Stadtwachen.

Liras' Kerker befanden sich im Keller des palastähnlichen Hauses des Statthalters. Einzig dieses Gebäude wurde zweistöckig aus Stein errichtet. Loderan kauerte in einer winzigen Zelle. Oben, unter der Decke, befand sich ein schmaler Spalt, durch den Licht zu ihm drang. Es ging und kam und ging wieder. So wusste er, wie die Tage verstrichen. Ein Mann kam. Er schlug ihn, stellte Fragen. Aber Loderan schwieg. Ihn bewegte nicht Tapferkeit. Die Angst lähmte ihn und verbot ihm alle Worte.
Als man ihn auf den Marktplatz führte, zitterte der Knabe. Tränen besaß er keine mehr. Er fühlte eine tiefe Leere, so grenzenlos, dass nicht einmal mehr Angst sie auszufüllen vermochte. Den ganzen Tag hindurch stand er am Pranger, ertrug Schmährufe und Spott. Als die Nebel sanken, kamen einige Männer. Loderan hörte sein Urteil. Doch er verstand nur eines: Der Mann, den er bestahl, vermisste die Münze noch nicht. Niemand wusste, was er in diesem Haus wollte. Nur deshalb empfing er so milde Strafe. Man gab ihm fünfzehn Hiebe mit einem dünnen Stock. Loderan schrie nicht. Er ertrug auch dies. Seine Haut platzte an vielen Stellen auf. Er verlor Blut. Er hörte den Hohn. Doch er weinte und schrie nicht.
Endlich ließen die Menschen von ihm ab. Man stieß ihn vom Platz. Einige der Zuschauer gaben ihm Tritte. Loderan taumelte, strauchelte. Er kroch auf allen Vieren, suchte eine Deckung.
"Das ist doch nur ein Kind. Lasst ihn doch in Ruhe."
Er hörte die beschwichtigende Frauenstimme. Man trat jetzt nicht mehr nach ihm. Doch es stand ihm auch keiner bei.

Im Schutz der undurchdringlichen Nebel der Nacht fand er den Schuppen beim alten Pejuk, kroch durch die lose Wandlatte ins Innere. Dort kauerte er auf dem blanken, festgetretenen Boden. Jetzt, erst jetzt kam der Schmerz. Und endlich weinte er auch verzweifelte Tränen der Ohnmacht, der Einsamkeit, Hoffnungslosigkeit und Trauer.
Naronar schob sich durch die Tür, verschloss sie rasch hinter sich und kniete bei Loderan nieder.
"Ich habe gesagt, dass du uns verraten wirst." In seiner Stimme klang echte Anerkennung. "Klossor hat sich nicht in dir getäuscht. Er gab mir Wundsalbe für dich mit. Es wird weh tun."
Naronar bestrich Loderans Wunden mit Salbe. Der Junge wimmerte dabei in Schmerz, doch fühlte er auch die Linderung.
"Danke," flüsterte er mit zitternder Stimme.
"Klossor sagt, du sollst erst mal hier bleiben. Hier, ich habe dir Brot und Wasser gebracht. Versuche, zu schlafen. Und warte hier, bis du Bescheid bekommst."
"Du gehst weg?"
"Klar." Naronar lächelte, was Loderan in der Dunkelheit aber nicht sehen konnte. "Wenn du wieder gesund bist, zeige ich dir ein besseres Leben."
Loderan hörte ihn gehen. Lange noch lauschte er angstvoll in die Dunkelheit, die Stadtwachen fürchtet und überdies jeden Menschen, der ihn nun finden könnte. Doch irgendwann schlief er doch ein. Es war ein unruhiger Schlummer, der weder Erholung noch Heilung brachte. Schwere Träume belasteten das Kind. Die empfangene Demütigung und die Kraft der Hiebe wirkten weiter in ihm.

Naronar hielt Wort und zeigte dem endlich genesenden Loderan ein anderes Leben und dieses Leben erschien dem Kleinen wirklich in allen Dingen besser zu sein als alles, das er bisher kannte. Endlich fühlte Loderan sich anerkannt und beachtet. Naronar brachte ihn mit anderen Kindern zusammen, alle zwischen zehn und fünfzehn Jahren alt. Hier ging es nicht um Spiel, sondern um Leistung. Loderan lernte rasch und er stellte sich erstaunlich geschickt dabei an, wenn es darum ging, einem Fremden heimlich den Beutel zu entwenden.
Die Gruppe der Kinder arbeitete für Klossor, der im Ort als angesehener Händler lebte und von dessen heimlichem Treiben niemand etwas ahnte. Ihm gehörte alle Beute. Im Gegenzug versorgte er die jungen Diebe mit Nahrung und Kleidung. Ihm gehörte eines der Lagerhäuser, in dem die Bande lebte. Die Stadtwachen ahnten nichts davon. Einige von ihnen wurden auch von Klossor bestochen und schauten deshalb beiseite, wenn eines der Kinder zum Haus schlich.
Klossor selbst trat nie in Erscheinung. Naronar blieb sein Vertrauter, sein Bote und der Anführer der Kinder, dem sie gehorchen mussten. Meist fiel das auch nicht schwer, da der Junge recht umgänglich blieb.
Abends lieferten die Kinder ihre Beute ab und Naronar begutachtete und bewertete sie. Fiel sie gering aus, verspottete er den Dieb. War sie reichlich, lobte er und stellte Vergünstigungen in Aussicht. Und wenn eines der Kinder einmal ohne Beute kam, zürnte er. Dann wurde Gruppenstrafe angeordnet und die Bande schlug gemeinsam auf den erfolglosen Dieb ein.
Anfangs empfing Loderan nur Nachsicht. Doch dann erklärte ihm Naronar, dass er nun ein vollwertiges Mitglied der Bande sei und von nun an wie alle tägliche Beute zu bringen habe. Dies bedeutete für den Knaben keine Schwierigkeit. Sein schmächtiges Aussehen erweckte Mitleid, so dass er, wenn sich nichts stehlen ließ, auch bettelnd genug erhielt, um vor Naronar zu bestehen. Überdies lieferte er nie alle Beute ab. Ein wenig verbarg er stets an verschiedenen Orten in der Stadt, um darauf an jenen Tagen zurückzugreifen, an denen er ansonsten als Versager gelten müsste.

Die Zeit der kalten Nebel endete und das Land erwärmte wieder. Der erste Markttag brachte all diesen Kindern reiche Beute. In ihrem Versteck warteten am Abend für ihre Verhältnisse köstliche Speisen. Einige erhielten neue Gewänder. Sie feierten. Loderan verspürte eine Ahnung von Glück. Er war nicht allein, sondern umgeben von Menschen, die wie er lebten und empfanden.
Manchmal verließ er nun Liras, dessen breites Tor bei Tag stets weit geöffnet wurde. Dann streifte er übers Land. Er sah fremde Menschen, die bei den Sajik-Sträuchern arbeiteten. Er sah die ersten Blüten, sah aufspringende Knospen, bunte Vögel und manches Tier, dessen Namen er nicht kannte. Ein alter Baum mit hohlem Stamm abseits der Wege wurde zu seinem bevorzugten Versteck, in dem er seine Beute sicher verwahren konnte.
Loderan veränderte sich. Seine Augen gewannen an Glanz, sein Schritt wurde geschmeidiger und zugleich fester. Jetzt ging er aufrecht und ließ nicht mehr beständig die Schultern hängen. Ein neues Selbstwertgefühl bestärkte ihn in all seinem Tun. Der Neid auf jene Kinder, welche Eltern besaßen, verblasste. Er vermisste nichts mehr. Der kleine Loderan war glücklich.

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