Amarra

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Farrak

Reinlesen Bd.25-30

Farrak

Zyklus der Nebelreiche, Band 30

Umfang: ca. 52200 Worte = 214 Normseiten
Titelbild: © Renate Steinbach

Leseprobe umfaßt die ersten zwei Kapitel

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Kapitel 1

Burg Nodher erhob sich trutzig auf einem Hügel. Erbaut in unsicheren Zeiten gab es hier dicke Mauern und schwere Tore und noch immer vermittelten diese den Bewohnern im Innern ein Gefühl großen Schutzes, wenngleich nirgendwo Gefahr den Menschen drohte.
Viele Menschen lebten hier; arbeiteten, lernten, spielten, lachten und weinten, liebten und sehnten sich nach Liebe. Die große Burg beherbergte die königliche Familie, doch überdies eine Heerschar an Bediensteten und Beratern. Viele, die hier ihr Auskommen fanden, kamen nur des Tags. Ihre Hütten standen einige Wegstunden entfernt. Es konnte sich jeder glücklich schätzen, dem dieser tägliche Weg erspart blieb und der innerhalb des mächtigen Bauwerks eine Kammer fand.
Die Zeit der kalten Nebel endete und langsam erwärmte das Land. Die Menschen strömten mehr ins Freie und der Burghof schien nun dicht bevölkert zu sein. Was während der Kälte in der Enge der Räume geschah, breitete sich nun aus und suchte das Licht. Es war, als kehre das Leben mit neuer Kraft zurück.
Man nannte es das Jahr dreihundertzweiundsechzig der Neuen Zeit, die begann, als die sieben Reiche sich einten unter der Führung eines Priesterkönigs. Jener Mann, der als der stärkste inkarnierte Geist galt und das Inselreich Amarra beherrschte, herrschte auch als Souverän über die Könige, die nach der Sitte alle Priester sein mussten, in Trance gezeugt von Priesterin und Priester, inkarniert aus freiem Willen zum Dienst an ihrem Land.
Die Erben der Macht blieben auf Amarra, bis sie den Weg zu den Weihen fanden und Priester wurden. Erst danach kamen sie in das Land, das ihnen Heimat sein sollte.

Liebevoll ruhte der Blick des Herrschers Ilkonys auf seinem Erben Andraag. Viele Jahre lag es zurück, dass der Erbe nach Nodher kam und die beiden Männer fast wie Feinde lebten. Es war schwer gewesen, einander zu nahen. Doch nun liebten sie einander und die gemeinsame Arbeit bereicherte sie beide.
Fünfundsechzig Jahre zählte Ilkonys nun und sein Leben war bewegt gewesen, voll Abenteuer, voll Arbeit, voll Liebe. Das Alter mied ihn noch immer. Sein braunes Haar blieb füllig, sein Schritt fest, sein Geist wach. Er wirkte um Jahre jünger als seine Gemahlin Cynara, obgleich er drei Jahre vor ihr geboren wurde. Sie weilte nicht bei ihnen im Garten, denn noch immer, so viele Jahre danach, wich sie Andraag aus und lastete ihm den Tod ihres Sohnes Changanar an, den er einst aus dem Land verbannte ob seiner Grausamkeit. Doch die anderen Söhne des Herrschers, Orest, Magellan und die Tochter Zaphe schätzten Andraag, dessen ruhiges, bedachtes Wesen ihren Tag nie erschwerte. Nodhers Erbe, nun achtunddreißig Jahre alt, war selbst vermählt. Mit seiner Gemahlin Alphena verband ihn der Liebeseid, der ihre Ehe unauflösbar schmiedete. Und er liebte Alphena wirklich, die wild und ungestüm sein konnte und die Waffe besser beherrschte als so mancher seiner Soldaten.

Sie befanden sich im Garten. Alphena focht unweit entfernt mit dem fünfzehnjährigen Sohn Riccar, den sie dabei unterwies. Sie wirkte nicht wie eine Herrscherin, aber ihr Lachen erfüllte die Luft und bewies, wie glücklich die einstige Rebellin lebte. Andraag schmunzelte still.
„Woran denkst du?" erkundigte sich der Vater, der neben ihm ging.
Eigentlich wollten sie über Belange des Reiches sprechen, doch längst ließ die Wärme sie alle Pflicht vergessen.
„Ich dachte eben an meinen Erben," gab Andraag gelassen zu. „Während Riccar bei uns lebt und ausgelassen, fröhlich und wissbegierig die Welt erforscht, ist auch er inzwischen ein junger Mann, der irgendwo auf Amarra lernen muss und nicht einmal weiß, welche Zukunft auf ihn wartet."
„Das klingt, als sei er weniger fröhlich," tadelte Ilkonys sanft. „Hast du Amarra nicht geliebt, Sohn?"
„Ich liebe die schöne Insel immer noch." Andraag lachte leise auf. „Es ist viel zu lange her, dass ich dort verweilen durfte."
Warme Meeresströmungen umgaben diese Insel und verhinderten so jede Kälte dort. Amarra wirkte wie ein übergroßer, immer reich blühender Garten. Es war das Land der Priesterschaft und in vielen Dingen nicht mit den anderen Reichen vergleichbar.

Im Burggarten stand ein kleiner Rundtempel, der Göttin Antares und damit dem Licht geweiht. Dieser Tempel besaß nur eine einzige Halle, anders als die großen Hauttempel, welche sich in den Reichen sechsstöckig, aus weißem Stein erbaut, erhoben. Die Rituale, mit denen man den Göttern nahte, gestalteten sich jedoch gleich, egal, wie groß die Halle blieb. Eben endete die Stunde der Kraft, in welcher die Menschen Minosante ehrten. Die Tür des Rundtempels öffnete sich. Ein paar wenige Menschen traten heraus.
Ilkonys und Andraag verhielten den Schritt, denn sie sahen ihre vertrautesten Freunde. Jiddan trug den Titel Pala ebenso wie Rhandar und beide Männer kannten das Licht und besaßen die höchste Weihe. Pala bedeutete, je nach Betonung, einen Sachwalter oder den innigsten Freund. Auf diese Männer trafen beide Betonungen zu. Jiddan war in Ilkonys Alter. Rhandar ein Jahr jünger als Andraag. Beide kamen aus Amarra, dem Land, in dem es keine Pferde gab.

Doch das lag Jahre zurück und inzwischen liebten sie den schnellen Ritt. Trotzdem zögerte Jiddan, als Ilkonys diesen vorschlug.
„Ich denke, es ist besser, wenn ich in der Burg bleibe. Wana braucht mich womöglich," entschuldigte er sich.
„Sie ist traurig geworden," gab Ilkonys zu, „doch niemand kann ihr in diesem Kummer helfen."
Sie war Jiddans Gefährtin seit vielen Jahren und noch immer eine Frau von außergewöhnlicher Schönheit. Sie besaß ein ebenmäßiges, noch immer mädchenhaft schönes Gesicht, volle Lippen, tiefgrüne Augen und hüftlanges, rotblondes Haar, um dessen Lockenfülle viele junge Frauen sie beneideten. Auch sie kannte das Licht. Ihre Liebe gehörte Jiddan, doch ihre Treue einem seltsamen Magier, den man in der Burg zwar duldete, aber nicht wirklich kannte.
Jener Magier war vierundachtzig Jahre alt. Einst, als Ilkonys als Erbe in sein Reich kam, rettete er dem Prinzen das Leben. Aus Dankbarkeit erlaubte dieser dem Magier den Aufenthalt in der Burg, wo er einen düsteren Turm bewohnte und von allen Menschen misstrauisch und furchtsam beargwöhnt wurde. Er hieß Farrak und war ein Meister des luftigen Elementes. Wenige wussten, dass er zum innersten Zirkel der Magier gehörte und seine Macht kaum zu beschreiben blieb. Und niemand verstand, weshalb die schöne Wana ihm all die Zeit hindurch freundschaftliche Treue bewahrte; wie auch niemand begriff, weshalb der Magier die Einsamkeit innerhalb der Burg um ihrer Nähe willen bejahte. Damals, als er Ilkonys rettete, nahm er ein verwaistes Mädchen zu sich. Inzwischen war Vesna längst eine erwachsene Frau, die fernab der Burg lebte. Vesna liebte Farrak als ihren Vater, und da der Magier verlangt hatte, dass man sie holen solle, zweifelte niemand an ihrem baldigen Eintreffen. Seit jener Zeit wurde Wana stiller, denn sie wusste nun, dass Farrak an einen Abschied dachte und ein Abschied in seinem Alter durch den Tod befohlen war.
„Sie braucht dich nicht, Jiddan," behauptete Andraag, der die trüben Gedanken der Umstehenden spürte. „Wana ist viel stärker als wir und ergibt sich keiner sinnlosen Trauer. Überdies ist Farrak nicht einmal krank. Er ist nur alt. Warum sollte er sich nicht nach seiner Tochter sehnen? So oft wird er sie nicht mehr sehen können. Farrak ist ein Mann von außergewöhnlicher geistiger Stärke. Er wird auf jeden Fall nicht gehen, ehe er Vesna gesehen hat."
„Was macht dich da so sicher?" staunte Rhandar, der den Magier nur wenige Male zu Gesicht bekam in den vielen Jahren, die er hier lebte.
Andraag zuckte nur mit den Schultern zum Zeichen dafür, dass sich diese Ansicht nicht erklären ließ. Doch er hatte Jiddan schon überzeugt. Der Tag erreichte eben seinen Höhepunkt. Sie nutzen nun die warme Stunde zu einem gemeinsamen Ausritt, der sie mit knospenden Bäumen, ergrünenden Wiesen und ersten Blüten erfreute.

Dalur hatte in der Burgküche ein warmes Mahl besorgt. Sah man genau hin, so erkannte man immer noch den leichten Grünton an seinen Handgelenken, der bewies, dass er viele Jahre hindurch das Kupfer trug und also ein Sklave gewesen war. Sechzig Jahre zählte er nun und sein ganzes Leben bestand aus Dienst. Farrak erwarb ihn in jener Siedlung, in welcher er einst Ilkonys rettete. Für den Sklaven erwies sich dies als großes Glück. Der Magier stellte kaum Forderungen, sondern ließ den Mann in allem gewähren, wodurch er mehr als nur gut bedient wurde. Das änderte sich auch nicht, als er ihm viele Jahre später die Freiheit gab. Dalur blieb bei ihm. Er fragte nie nach Verdienst, doch stets erhielt er alles, das er begehrte.
Als er den Wehrturm betreten wollte, trat Wana zu ihm und nahm ihm still das Tablett ab. Er nickte nur und trat beiseite. Es würde dem alten Mann gefallen, wenn Wana ihn bediente, das wusste er.
Die Priesterin, die innerhalb der Burg selten die weiße Gewandung ihres Standes trug, schritt langsam die Stufen hinauf. Sie wirkte wie eine der vornehmen Damen, die hier lebten und als Jiddans Gefährtin besaß ihre Stimme sogar Gewicht. Doch innerhalb des Turmes zählte das alles nichts. Hier war sie nur Freundin und dies bedeutete ihr mehr als alle Reichtümer Nodhers.

Die düstere Kammer, die Farrak oben im Turm bewohnte, besaß nur winzige Fenster, welche kaum das Licht des Tages einließen. Er ruhte in einem Sessel mit hoher Lehne und er lächelte, als Wana die Speise vor ihn auf den kleinen Tisch stellte. Nun wirkte er weder machtvoll noch düster.
„Hast du ein wenig Zeit für mich?" bat er.
„Du weißt doch, dass ich immer bei dir sein werde, solange du mich erträgst," erwiderte sie lächelnd.
„Ich dich?" Er sah sie forschend an. „Oder du mich? Du hast geweint, Liebste. Aber es ist noch nicht so weit." Er aß ein wenig, schob dann aber die Speise von sich. „Weißt du noch, wie wir uns vor dreißig Jahren trafen?" Seine Stimme klang erstaunlich fest, fast wie die eines jungen Mannes. „Ich habe nie zuvor eine Frau in meiner Nähe geduldet. Aber du warst anders als alle deines Geschlechts, die ich je sah."
„Trotzdem hast du mich nie begehrt," erinnerte die Priesterin mit feinem Lächeln.
Farrak lachte leise auf. Dann gestand er:
„Tibra hat sich auch einmal darüber gewundert. Da sagte ich zu ihm, dass du wie Mesa bist: wunderschön. Und dass diese Blüte tödlich ist für jene, die sich ihr zu sehr nahen."
Seine Stimme wurde dunkler, langsamer. Er verlor die Gegenwart aus dem Bewusstsein und sprach von längst vergangener Zeit, als sei es gestern geschehen. Er plauderte mit ihr und redete dabei über Dinge, die er früher niemals einem Menschen genannt hätte. Er sprach von Tibra, jenem Feuermagier, den er so achtete und der vor fünf Jahren verstarb. Er sprach auch von Silsa, jener kleinen Insel, dem Königreich Sion vorgelagert, auf welcher sich die Magier jährlich zur heißen Lichtwende trafen. Farrak erzählte und Wana lauschte, doch sie nahm kaum die Worte in sich auf, sondern sah nur deutlich, dass dieser einst so starke Mann langsam verfiel. Er schwieg und sie bemerkte es nicht einmal.
„Habe ich dich gelangweilt, liebste Freundin," erkundigte sich Farrak, erneut nach der Speise greifend und nun wieder sehr klar in seinem Denken.
„Verzeih," bat sie da voll Schreck. „Doch ich sollte ohnehin nicht alles hören, was du erzählst."
„Dein Gebieter ist da weniger zurück haltend," stellte Farrak erheitert fest.
Wana senkte den Blick. Ihr Gebieter, der herrschte nicht in Nodher, denn für alle Priester gab es nur einen Herrn. Der trug den Titel des Than und lebte auf Amarra. Obwohl als Tempelkind in Trance gezeugt, fand der Feuermagier Tibra einst den Säugling Harkym, den er als eigenen Sohn anerkannte und aufzog. Dass der mächtigste Mann der Reiche, der oberste aller Priester, Sohn eines Magiers war, blieb immer seltsam. Dass er aber auch allen Magiern mit Achtung begegnete und sogar großes Interesse an ihrem Werk besaß, beunruhigte jeden, der darüber nachdachte.
„Manchmal denke ich fast, du magst ihn," murmelte Wana mehr zu sich selbst.
„Das tue ich." Farrak schmunzelte. „Tibras Sohn ist ein vortrefflicher Mann."
Einst, als der Than als Knabe von zwölf Jahren vor Amarras Küste auf einem Katamaran weit aufs Meer hinaus gezogen wurde, da gelang es seinem Vater nur mit Farraks mächtiger Hilfe, ihn zu retten. Und als in Sarai Raakis Tempel nicht geweiht werden konnte, weil eine gewaltige, magisch gegründete Macht dagegen stand, half Farrak dem Than, das Werk zu vollenden.
„Du solltest nicht so respektlos reden," bat Wana mit sachter Stimme, „zumindest nicht, wenn ich es hören kann."
„Ich habe den Menschenkult nie verstanden, den ihr Priester um den Than treibt," meinte er da abfällig. „Und nicht einer von euch ahnt, was in ihm ist." Er wechselte die Tonart, wurde freundlicher. „Hast du etwas von Vesna gehört?"
„Noch nicht, mein Lieber. Doch man kann wieder gefahrlos reisen und sie wird sicherlich bald eintreffen. Freust du dich?"
„Natürlich, auch wenn aus unserem kleinen Mädchen eine reife Frau geworden ist, die, wie man so sagt, eine gute Freundin der Fürstin von Minas sei. Ich hoffe, sie bleibt ein wenig."
„Das wird sie gewiss," versprach Wana. „Keine Pflicht wird sie hindern können, bei dir zu sein." Farrak lehnte sich zurück. Es fiel ihm schwer, die Augen offen zu halten. „Du bist müde und solltest ruhen. Kann ich noch etwas für dich tun, Lieber?"
„Jetzt nicht," versicherte er da. Wana erhob sich. Sie wollte schon nach dem Tablett greifen. „Aber später," fuhr er da mit leiser Stimme fort, „da ist es an dir, für Dalur zu sorgen. Ich habe dort eine Schatulle. Ihr Inhalt gehört ihm. Trotzdem braucht er einen Ort, wohin er gehen kann."
„Sorge dich nicht," bat Wana bewegt und neigte sich zu ihm. Sie küsste seine welke Stirn. „Dalur wird keinem Mangel begegnen. Ich achte ihn wie du. Und nun ruhe, mein Freund."
Er schlief schon, als sie die Decke über ihn breitete. Und kaum, dass sie den Turm verließ, trat der treue Dalur ein, um bei dem Magier zu wachen.

Wenige Tage später kam ein Wagen und brachte Vesna. Sie reiste bequem, bewacht von ein paar wenigen Soldaten. Obgleich sie keine Macht besaß, war sie doch eine Freundin der Fürstin, die ihr jede Annehmlichkeit ermöglichte. Wana begrüßte sie voll Herzlichkeit, ließ sie und auch die Soldaten gut versorgen. Vesna wollte sofort zu Farrak und so begleitete Wana die Ziehtochter zum Turm. Doch sie verhielten den Schritt, als der König ihren Weg kreuzte. Ilkonys winkte ab, als Vesna sich vor ihm unterwerfen wollte. Die Art, wie Wana diese Frau hielt, entdeckte ihm, wer sie war, auch wenn er sie nicht erkannte.
„Ich hoffe, dass du mir später von Minas berichtest," meinte er nach freundlichem Gruß. „Und ich hoffe, meiner Schwester geht es gut."
Er nickte den Frauen zu und ging weiter. Vesna sah ihm unruhig nach.
„Muss ich wirklich mit ihm reden?"
Wana lachte leise auf.
„Er ist ein freundlicher Mann," versprach sie. „Ich werde dann auch bei dir sein."
Vesna nickte ergeben. Aniela, die Fürstin von Minas, war Ilkonys' Schwester und die beiden sahen sich viel zu selten, obgleich sie eine tiefe Liebe verband. Es war nur natürlich, dass er viele Fragen hatte. Vesna seufzte unhörbar. Womöglich würden dem Herrscher aber die Antworten nicht gefallen.
Dann drängte sie diese Gedanken zurück. Jetzt war nur der Vater wichtig. Die Frau erwartete einen todkranken Menschen zu finden. Doch Farrak schloss sie fast kraftvoll in die Arme und es schien, als kenne er keine Schwäche.
„Ich war in Sorge um dich," gab sie voll Erstaunen zu.
„Warum?" Farrak lächelte. „Weil ich alt bin und mein Mädchen sehen möchte? Törichte Wünsche sind das Vorrecht des Alters."
„Du magst alt sein, Vater. Aber du warst niemals töricht." Vesna setzte sich ganz nahe neben ihn, hielt seine Hände fest und fühlte sich mit einem Mal sehr wohl und geborgen. „Es ist so schön, wieder einmal bei dir zu sein."
„Du hast mich also vermisst," spöttelte er. „Ist das Leben in Minas so langweilig?"
„Es ist anstrengend. Das Ende der kalten Zeit hat bei vielen Menschen zur Hitze geführt. Das ist immer so. Aber es scheint schlimmer zu sein als sonst. Manche sind daran gestorben und ich habe ein wenig ein schlechtes Gewissen, weil ich nicht da bin, um zu helfen."
„Niemand hat dich je in der Heilkunst unterwiesen," beruhigte er sie gelassen. „Ich hoffe, dass niemand krank ist, den du liebst."
Vesna wehrte ab. Sie erzählte aus ihrem Alltag, plauderte. Farrak hielt den Arm um sie gelegt, streichelte ihr Haar und dachte daran, dass diese reife Frau für ihn doch immer das kleine Mädchen blieb, das er so liebte.

Vesna verweilte als Gast in der Burg, aber weiterhin hielt sie den Aufenthalt nur für einen Besuch. Und Wana, die es besser wusste, überwand sich nicht, der Ziehtochter die Wahrheit zu sagen. Der Schatten des Todes wehte um den Turm, doch außer Dalur und ihr schien dies niemand zu bemerken.

Kapitel 2

Es war nicht so, dass alle Priester innerhalb der großen Tempel lebten. Der größere Teil versah ein Handwerk und erlebte den Alltag wie alle anderen Menschen auch.
Akira stammte aus dem Königreich Moras, wo sie aufwuchs und später, als sie die Sehnsucht nach den göttlichen Ebenen verspürte, unter Leitung begab. Ihre geistige Führerin wurde nach Sion berufen und natürlich folgte sie ihr; blieb danach in jenem Reich und diente in einem Tempel. Irgendwann verspürte sie Sehnsucht nach ihrer Familie. Auf jener Reise traf sie eine ältere Priesterin, welche nach Amarra gerufen wurde. Sie fand Gefallen an dieser Frau, begleitete sie ein Stück des Weges, und als jene erkrankte, brachte sie die Gefährtin auch an ihr Ziel. Sie hatte nicht erwartet, dass sie Amarra betreten dürfe, denn jenes Reich stand nur denen offen, die gerufen waren. Ein Jahr verbrachte sie dort. Und als vor zwei Jahren kund wurde, dass ihre einstige Schülerin Sildra sich Sions Erben vermählen wollte, galt sie als Gesandte Amarras, um dessen Zeuge zu sein.
Sie begann die Reise im Gefolge Micaals, eines Priesters, der als Pala des Than überall höchste Achtung empfing. In Nodher vergrößerte sich die Gruppe, denn Nodhers Erbe und seine Familie schlossen sich ihnen an. Auch einen einfachen Landmann nahmen sie mit. Dieser Mann faszinierte Akira.

Daran hatte sich nichts geändert. Jetzt lebte sie auf seinem Land und freute sich, weil er sich unterrichten ließ.
„Woran denkst du?" erkundigte er sich aufsehend, da sie ihm ihre Aufmerksamkeit entzog.
Akira lächelte. Ihre großen, grünlichen Augen schweiften umher. Sie schien immer alles und jeden zu bemerken. Sie war mit ihren dreiunddreißig Jahren zwei Jahre älter als er und auch einen halben Kopf größer. Das glatte Haar, das sie stets fest gebunden hielt, besaß einen leicht rötlichen Schimmer. Ihre Züge wirkten sanft.
„Ich habe nur geträumt," erwiderte sie vergnügt.
Bakhir, Besitzer dieses Landes, grinste. Er mochte diese Priesterin, obwohl er ansonsten Frauen eher aus dem Wege ging. Er stammte aus Wyla, dem Waldreich, in dem die Männer keine Rechte besaßen und als Besitz ihrer weiblichen Verwandten galten.
Nun ließ auch er den Blick schweifen. Es war gut, dass die kalte Zeit endlich ihr Ende fand und man wieder im Freien sitzen konnte. Die Leute in der Siedlung schienen alle besserer Stimmung zu sein. Er lächelte.

Dies war sein Land. Nachdem er aus Wyla floh, lebte er als Tagelöhner in Sion. Gern dachte er an jene Zeit zurück, in der er mit seinem Freund Selim sich oft verdingte. Sie hatten ihr Auskommen, doch niemals Überfluss. Aber als Selim verwundet wurde und seine Schulter versteifte, da verzweifelte er fast, denn niemand würde ihm mehr Arbeit und Lohn geben. So ließ Bakhir es zu, dass Amarra ihm dieses Land erwarb. Es verband ihn eine seltsame Freundschaft mit dem mächtigsten Mann der Reiche, dem er auf einer Reise durch Wyla begegnete. Selim, inzwischen vermählt und Vater einer bezaubernden Tochter, und er siedelten hier. Es dauerte nicht lange, bis andere Besitzlose kamen. Selim ließ diese Menschen hier leben. Jetzt stand eine Siedlung auf dem Grund. Das Land ernährte sie alle. Eigentlich war er der Herr dieser Leute, doch alle, die hier lebten, duzten einander und keiner erhob sich über seinen Nächsten.
„Träume weiter," riet Bakhir, die Schriftrolle beiseite legend. „Es ist mir ohnehin zu anstrengend, all das zu verstehen."
Akira gab sich alle Mühe, ihn in der Schrift zu unterweisen, doch es fiel ihm wirklich schwer, sich dieses Wissen zu nehmen. Er hob die Hände und zog das Band, das sein langes, schwarzes, ganz glattes Haar hielt, etwas fester. Sie schmunzelte, als sie dies sah. Es stand nur den Menschen der Macht zu, das Haar offen zu tragen und sie wusste, dass der Than ihm dieses Recht einräumte. Aber er kümmerte sich nicht um irgendwelche Privilegien, die in seinem Alltag ohnehin keinen Raum finden konnten.
„Alle anderen hier lernen leichter," gab Akira zu. „Vielleicht sollte ich Schriften anderen Inhalts besorgen." Sie lachte fröhlich auf. „Oder vielleicht sollte ich den Rapport nach Amarra beleben und unseren Gebieter bitten, dir einen Brief zu schreiben. Womöglich lernst du das Lesen leichter, wenn es etwas gibt, das du auch lesen willst."
Bakhir schmunzelte. Er wusste wohl, dass auf Amarra eine Priesterin lebte nahe des Haupttempels, welche mit Akira in zwingender geistiger Verbindung stand. Die Priesterschaft besaß Möglichkeiten, sich so ohne Worte über alle Entfernung hinweg zu erreichen und auszutauschen. Aber er wusste auch, dass ein solcher Rapport strengen Regeln unterlag und nicht leichtfertig geöffnet wurde. Vor allem aber war ihm bekannt, dass niemand es wagen durfte, den Than derart zu etwas aufzufordern. Für die Priesterschaft war er zu weit erhöht, als dass man sich ihm auch nur ungerufen nähern würde.
„Für heute ist es auf alle Fälle genug," meinte er leichthin. „Ich denke, ich habe mir nach diesen anstrengenden Stunden das Recht verdient, etwas Richtiges zu arbeiten."
Er nickte der Priesterin grüßend zu, ehe er über den Platz ging, an dessen Rand die Häuser standen. Nahe der Scheune stapelte sich das Holz, das noch gespalten werden musste. Bakhir griff nach dem langen Stiel der Axt, um dann mit wuchtigen Schlägen das Holz zu zerteilen.

Die Wärme des Tages ließ rasch nach. So früh im Jahr währte sie noch nicht lange. Bald würden die Nebel sinken und mit ihnen kam immer noch die Kälte. Selim schaute vom Eingang seines Hauses kopfschüttelnd zu Bakhir. Der Freund musste die Arbeit nicht tun. Er konnte jeden Dienst fordern, aber was immer er benötigte, tat er selbst. Er lebte hier wie die anderen Männer und überließ ihm die Verwaltungsaufgaben, die ein solcher Besitz erforderte. Wenn es Anordnungen zu treffen galt, gab Selim diese, nicht Bakhir. Und irgendwie schien das alles seine Richtigkeit zu haben.
Selim sah einen Wanderer kommen. Kurz musterte er den Nahenden. Oft geschah es, dass Priester in die Siedlung kamen. Sie suchten die Nähe des Mannes, den der mächtigste Mann der Reiche seinen Freund nannte. Meist verbarg sich Bakhir dann, der dieses Verhalten nicht mochte. Aber jener Fremde schien einfach ein Reisender zu sein. Er trug feste Stiefel, dicht gewobenes Beinkleid und Wams und über der Schulter ein relativ kleines Bündel. Das wuschelige Haar hielt er fest gebunden. Er kam näher. Selim erkannte volle Lippen, eine etwas zu breite Nase und dunkle Augen, die unter den buschigen Brauen fast verschwanden.

Der Fremde sah sich wie suchend um. Da außer Selim niemand ihn beachtete, trat er zu ihm und neigte grüßend das Haupt.
„Gibt es eine Herberge an diesem Ort?" erkundigte er sich dann.
„Es mag hier wie eine Siedlung aussehen," erwiderte Selim freundlich, „doch dies ist nur ein etwas größeres Gehöft. Wir haben keine Herbergen, aber wenn ihr wollt, dann mögt ihr in der Scheune die Nacht verbringen. Es ist noch zu kalt, um im Freien zu nächtigen. Ein einfaches Mahl wird euch stärken, doch morgen müsst ihr dann weiter."
Der Fremde schien belustigt, doch er dankte.
„Was fordert ihr als Lohn?" wollte er wissen und griff dabei an seinen Gürtel, wo er wohl einige Solare verwahrte.
„Ihr könnt das Gastrecht nicht kaufen," antwortete Selim gelassen.
Das klang seltsam abweisend, fast unfreundlich. Der Fremde zog es vor, nicht weiter darüber zu reden. Er dankte und richtete dann den Schritt zu der Scheune, auf welche Selim deutete.

Bakhir sah bei seinem Nahen auf und hielt im nächsten Schlag inne. Selim nickte ihm zu zum Zeichen, dass er dem Fremden das Bleiben erlaubte. Im Allgemeinen genügte dieses Zeichen, damit Bakhir sich nicht weiter darum kümmerte. Doch nun schaute er dem Fremden weiterhin entgegen. Dieser beachtete ihn so wenig wie die anderen Menschen in seiner Nähe.
Bei der Tränke, aus der die Madigg-Ziegen ihr Wasser nahmen, legte er das Bündel ab. Er wusch sich die Hände und das Gesicht. Dann ergriff er sein Gepäck, um in die Scheune zu gehen.
Bakhir grinste. Er hatte die Axt zu Boden gestellt, hielt mit einer Hand noch ihren langen Schaft.
„Willst du dir ein Mahl verdienen?" bot er dem Wanderer dann an, als dieser eben an ihm vorbei wollte.
„Ich danke," erwiderte dieser mit ruhiger Stimme, „doch der Herr der Siedlung hat mir schon Nahrung versprochen."
„Nun gut," meinte Bakhir da mit gleichgültiger Stimme, „wenn dir Wasser und Brot genügen, soll es mir recht sein." Er bückte sich nach dem nächst gelegenen Scheit und stellte es auf den Hackklotz. „Willst du Wein und Käse, Milch und einen kräftigen Eintopf, musst du ihn dir verdienen."
Der Fremde musterte ihn jetzt sehr eingehend. Einige der Leute richteten ihre Aufmerksamkeit auf ihn. Wenn er jetzt nicht arbeitete, würde man ihn wahrlich nicht gut bewirten. Achselzuckend ließ er sein Bündel erneut zu Boden gleiten.
„Soll ich dir zeigen, wie es geht?" bot Bakhir erheitert an.
„Das wird wohl nicht nötig sein," wehrte sein Gegenüber ab.
Der Fremde griff nach der Axt und wartete, bis Bakhir beiseite trat. Danach spaltete er das Holz. Andere nahmen die Scheite, schichteten sie in Körbe und trugen sie fort. Auch Bakhir füllte sich einen Korb und trug ihn in sein eigenes Haus.

Es dauerte lange, bis Bakhir wieder ins Freie trat. Er hatte sich gereinigt und neu eingekleidet. Belustigt sah er zur Scheune.
„Was erheitert dich?" murrte Selim, zu ihm tretend.
„Er müht sich reichlich ab," antwortete Bakhir fröhlich. „Er hat wohl noch nie zuvor eine Axt geführt."
„Jedenfalls haben wir bisher von Gästen keine Arbeit verlangt."
Das klang beleidigt. Bakhir griff rasch nach Selims Hand und hinderte den Freund so am Gehen.
„Das wird auch keine neue Sitte hier werden," versprach er dann mit ernster Stimme. „Ich will nur nachher den Mann bewirten und ein wenig mit ihm plaudern. Seit Beginn der kalten Nebel gab es keine Gäste mehr, die uns Kunde bringen von dem, was in den Reichen geschieht. Ich freue mich auf diese Abwechslung, aber ich widme mich den Fremden hier im Allgemeinen nicht. Indem er sich meine Aufmerksamkeit verdienen muss, ist es für andere weniger reizvoll, sie zu suchen."
„Das weiß er sicherlich nicht zu schätzen."
„Bestimmt nicht. Er hält dich für den Herrn der Siedlung." Bakhir lachte leise auf. „Jedenfalls hat er sich eine warme Mahlzeit redlich verdient, und wenn du ihn bewirten willst, spricht nichts dagegen."
Selim wehrte erheitert ab, was Bakhir nicht verwunderte. Der Freund interessierte sich nicht sehr für das, was außerhalb der Siedlung geschah und tat sich im Grunde schwer damit, fremden Menschen zu nahen.
„Du solltest ihn jetzt endlich aus seiner Fron erlösen," riet er Bakhir. „Wenn er weiter ermüdet, verletzt er sich womöglich noch selbst."

Der Fremde bückte sich nach dem nächsten Holzstück, als Bakhir zu ihm trat und ihm die Axt abnahm.
„Ist es genug?" erkundigte sich der Wanderer hoffend. „Mich schmerzen die Arme und ich habe nun auch wirklich Hunger."
„Es ist genug." Der Mann aus Wyla lachte leise. „Ich hoffe, es war nicht zu viel. Komm mit mir, damit du speisen und dich ausruhen kannst."
Er nahm selbst das Bündel auf, führte den Gast zu seinem Haus. Ehe sie eintraten, sah der Fremde sich um. Es schien ihm zu gefallen, in das größte der Häuser geführt zu sein.

Bakhir schloss die Tür hinter ihnen, deutete zu einer kleinen Kammer, wo der Fremde sich waschen konnte. Auf dem Tisch im Wohnraum stand dampfend die Speise. Milch und Wein warteten in Krügen. Heißer Tee verströmte aus einer Kanne aromatischen Duft.
Bakhir entzündete ein paar Kerzen, da das Licht dem Nebel wich. Sein Gast kam aus der Kammer, ließ sich auf einen Stuhl fallen und stöhnte leise.
„Morgen werde ich wohl jeden Muskel schmerzhaft spüren," vermutete er, während er sich eine Schale füllte.
Bakhir schob ihm Tee zu. Er wirkte jetzt etwas unsicher und als ihre Blicke sich trafen, senkte er das Haupt.
„Warum bist du hier?" wollte er mit leiser Stimme wissen.
„Ich dachte, ich habe mir deine Gesellschaft erarbeitet." Der Wanderer schien guter Dinge zu sein. Er aß und trank und zeigte deutlich, wie wohl er sich jetzt fühlte. „Selim sagte, dass ich morgen wieder gehen muss. Also bleibt mir nicht viel Zeit. Hast du keinen Hunger?"
Er füllte Bakhir eine Schale und schob sie ihm zu. Zögernd nur nahm der Mann aus Wyla nun Speise zu sich.
„Ich habe mich sehr auf dich gefreut," bekannte sein Gast, ihm einen liebevollen Block zuwerfend.
„Und was ist, wenn dich jemand erkennt?" kam die besorgte Antwort.
So unmöglich erschien ihm das gar nicht. Es war fünf Jahre her, dass er dem Than in Sion begegnete und sie einige Zeit zusammen reisten. Damals war auch Selim bei ihnen. Er hielt zwar immer Abstand vom Than, doch gesehen hatte er ihn sicherlich. Und auch Akira wusste vermutlich, wie der mächtigste Mann der Reiche aussah. Außerdem besaßen die Priester geistige Fähigkeiten, die sie einander entdecken konnten. Im Geiste ging Bakhir die Menschen der Siedlung durch und überlegte, wer den Fremden erkennen könnte.

Denn es war ja kein einsamer Wanderer, der bei ihm saß, sondern der mächtigste Mann der Reiche, der unerkannt nach Nodher kam. Seit Bakhir vor wenigen Jahren Amarra besuchte, was ihm als Nicht-Priester eigentlich verboten blieb, gab es keine offizielle Begegnung mehr zwischen ihnen. Bakhir wollte nie, dass so viel Macht in seine Siedlung kam. Er fürchtete um die Ruhe seiner Leute, die sich einst Nodhers Erben unterwerfen mussten und diesen Schrecken lange nicht vergaßen. Und er konnte nicht wieder nach Amarra, denn dieses Land stand nur den Priestern offen.
Doch in den letzten beiden Jahren erhielt Bakhir manches Mal verborgene Botschaft, wo er sich einfinden möge und dort traf er dann stets den Than, der unerkannt nach Nodher kam und es ermöglichte, dass sie einige wertvolle Tage zusammen verbringen konnten.
„Niemand wird mich erkennen," versicherte der Than gelassen. „Aber nachdem du weißt, wie ich lebe, wollte ich endlich auch einmal sehen, wo du zu Hause bist. Nur scheint es, als ob ich mich mehr darüber freue als du."
Bakhir lächelte halbherzig. Than Harkym begegnete er vor Jahren in Wyla, nicht wissend, wer ihm damals beistand. Er duzte den Wandergefährten und kannte keine Scheu. Am Ende der Reise entdeckte ihm Harkym sein Amt, doch da Bakhir mit einem Abschied auf immer rechnete, änderte er sein Verhalten nicht, was die gesamte Gefolgschaft des Priesterkönigs entsetzte. Als Jahre später ihn Harkym bei einem offiziellen Empfang in Sion unter dem versammelten Volk entdeckte und zu sich rief, da umarmten sie sich wie gleichberechtigte Freunde. Die Begegnung auf Amarra gestaltete sich schwieriger. Es dauerte einige Zeit, bis Bakhir seine Scheu überwand, die aber mehr dem Amt und den Sitten jenes seltsamen Landes galt als dem Mann. Wenn sie sich dann in den vergangen beiden Jahren heimlich trafen, gab es stets eine freudige und offene Begrüßung. Der Mann aus Wyla schmunzelte.
„Jetzt ist es zu spät, dich zu umarmen," meinte er leichthin. „Natürlich freue ich mich sehr, dich zu sehen. Aber ich sorge mich trotzdem um meine Leute, Harkym. Du hast nicht erlebt, was Andraags Besuch hier in ihnen bewirkte. Und du bist sehr viel mehr als er."
„Was hatte er in dir bewirkt?" erkundigte sich Harkym heiter.
„Ich machte ihm Vorwürfe, weil er meine Leute knien ließ," antwortete Bakhir auflachend. „Ich kann mich so wenig wie sie richtig benehmen."
„Du kannst dich nicht falsch benehmen," berichtigte Harkym gelassen. „Ich habe dich meinen Pala genannt," er betonte das Wort dabei in der Bedeutung der innigsten Freundschaft, nicht in jener des Sachwalters, „und für einen Pala des Than gibt es keine Beschränkung. Du solltest dir keine Gedanken machen, Bakhir. Ich verlasse morgen früh dein Land und niemand wird wissen, wer ich bin. Wir treffen uns dann weit außerhalb. Ich hoffe doch, du hast ein paar Tage Zeit für mich."
„Du bist enttäuscht," begriff der Freund.
„Natürlich bin ich das. Ich hatte andere Begrüßung erhofft," gab Harkym gelassen zu, der sich nun gesättigt zurücklehnte. „Aber das wird unsere Tage weder füllen noch belasten."
Nachdenklich betrachtete Bakhir den hohen Besuch, ehe er langsam zugab:
„Es belastet mich, Harkym. Schau dich doch um hier. Das ist alles deiner nicht würdig. Du bist umgeben von Reichtum und Pracht. Hier sind die Häuser klein, die Zimmer niedrig. Es lohnt nicht einmal, die Wände zu kalken, weil der Rauch des Feuers alles in kurzer Zeit schwärzt. Und das Essen, nun, es kann nicht dein Geschmack sein. Die Vorräte gehen zur Neige. Wir haben keine Auswahl mehr und erlesene Speisen kennen wir ohnehin nicht. Sogar der Wein, den wir selbst keltern, ist von minderer Qualität. Ich kann dir nichts bieten."
„Du vergisst, dass ich nicht immer so gelebt habe," ließ Harkym dies alles nicht gelten. „Fünf Jahre meines Lebens zog ich, von Amarra verurteilt, ruhelos durch die Reiche und war froh, wenn ich überhaupt Speise, ein Lager und ein Dach über dem Kopf hatte. Verglichen damit finde ich hier reinsten Luxus." Er lächelte aufmunternd. „Als wir uns kennenlernten, ernährten wir uns von Flechten, Knospen und Moosen und haben doch beide nichts vermisst. Was ist los mit dir? Schämst du dich deines Alltags?" Bakhir wehrte still ab. Der Than trank ein wenig Wein, verzog leicht das Gesicht und stellte den Becher zurück. Was die Qualität des Weines betraf, übertrieb Bakhir jedenfalls nicht. „Ich lasse dir bei Gelegenheit ein Fass Wein aus Amarra zukommen," versprach er heiter. Bakhir grinste. Amarras Wein wuchs schwer und süß, der Nodhers eher herb und mundete bei Weitem nicht so sehr. „Was die Speise betrifft, nun, du solltest dir einen anderen Koch anwerben."
Bakhir lachte laut und fröhlich auf bei diesen Worten, während er sich zugleich erhob und begann, das benutzte Geschirr in einen großen Korb zu stellen, damit es später draußen am Brunnen gereinigt werden konnte.
„Du bist in Nodher, nicht bei dir zu Hause," meinte er fröhlich. „Bei dir haben die Häuser keine Feuerstellen und alle Speise wird in den Küchenhäusern bereitet. Hier aber kocht jeder für sich selbst." Harkym schaute ihn skeptisch an, was Bakhirs Heiterkeit vertiefte. „Ich habe mir wirklich Mühe gegeben beim Kochen," versicherte er vergnügt.
„Du hast keine Dienerschaft?" vergewisserte sich Harkym. Bakhir nickte grinsend. „Als ich in die Siedlung kam, roch es nach frischem Nusskuchen," fuhr Harkym fort. „Heißt das, dass dieser Kuchen nicht allen gehört?"
Bakhir lachte wieder. Die Sitten Nodhers unterschieden sich sehr von jenen Amarras. Harkym musste dies wissen, war er doch in diesem Reich aufgewachsen. Er schien es wirklich vergessen zu haben.
„Den Kuchen hat Satta für ihre fünf Kinder gemacht," vermutete Bakhir leichthin. „Ich werde sie fragen, ob sie meinem Gast ein Stück abgibt."
Ehe Harkym ihn hindern konnte, war er schon mit dem Korb hinaus. Einer der Männer nahm ihm die Last ab. Auch wenn Bakhir keine Diener besaß, so achteten sie doch alle darauf, ihm das Leben zu erleichtern. Auch Satta freute sich, als sie mit ihm teilen durfte. Langsam und genussvoll aß der Than wenig später, nebenbei erzählend, wie er schon als kleines Kind solchen Kuchen liebte. Er plauderte. Bakhir saß nun nahe bei ihm. Es gab keine Vorbehalte mehr in ihm; die Freude über diesen unerwarteten Besuch überwog.

Der Than war durchaus bereit, in der ihm von Selim zugewiesenen Scheune zu übernachten, doch dies ließ Bakhir nicht zu. So nächtigte Harkym auf dem Lager des Freundes, umgeben von der Wärme des Feuers im Wohnraum. Als er erwachte, hatte Bakhir das Frühmahl schon bereitet und jetzt verlor der Mann aus Wyla kein Wort über dessen Zusammensetzung, von der er genau wusste, dass sie nicht dem Geschmack des Freundes entsprach.
„Es sieht so aus," meinte er, als er die eckigen Bewegungen des Freundes bemerkte, „als wenn du Schmerzen hast."
„Die habe ich," gab Harkym widerstrebend zu. „Holz zu hacken ist anstrengender, als ich dachte. Ich kann kaum die Arme bewegen."
„Ich besorge dir nachher eine Heilsalbe," versprach Bakhir grinsend.
Ihre Blicke trafen einander und jetzt fühlten sie sich sehr verbunden. Als später Bakhir das Haus verließ, schnürte Harkym sein Bündel.
Es gab in der Siedlung keinen Heiler, doch eine der Landfrauen hier verstand sich ein wenig auf die Kräuterkunde. Bei ihr holte Bakhir einen kleinen Tiegel mit Salbe. Auf dem Rückweg traf er Selim, der mit Akira sprach. Der Freund scherzte ein wenig, weil Bakhir den vermeintlich Fremden bei sich nächtigen ließ. Bakhir hielt sich bei ihm auf, kam ins Plaudern. Er wirkte an diesem Morgen noch fröhlicher als sonst, was Selim sehr gefiel. Sie beide bemerkten nicht, wie Harkym ins Freie trat. Nur Akira sah ihn. Ehe Bakhir reagieren konnte, hatte sie schon den Tiegel ergriffen und ging auf den Than zu.
Sie trug kein priesterliches Gewand, doch der Than wusste sofort, wer ihn nun still betrachtete. Er lächelte, als er ihrem Blick standhielt. Dann spürte er, wie sie nach seinem Geist tastete. Sein Lächeln vertiefte sich. Sofern ein Priester in dieser kleinen Kunst belehrt wurde, vermochte er es durchaus, den Geist eines anderen zu berühren und das Denken in ihm zu erforschen. Ein starker Geist konnte so die tiefsten Geheimnisse eines Menschen ohne Wort erfahren. Doch niemals konnte es möglich sein, den Geist eines Stärkeren wider dessen Willen zu belauschen. Jeder Priesterschüler lernte, den eigenen Geist abzuschirmen, um ungewollte Belauschung und Beeinflussung zu unterbinden. Doch Harkym wollte sich nicht als Priester enttarnen. Er schirmte sich nicht ab.
Eine flüchtige geistige Berührung entdeckte stets nur die vorherrschenden Gedanken. Der Magier Tibra, der sein Vater war, lehrte ihn einst, die eigenen Gedanken zu beherrschen. Wenn er einen Priester fernhalten wollte, imaginierte er einen fixen Gedanken, ein starkes Bild und das war alles, was eine flüchtige Berührung dann schauen ließ. Harkym betrachtete Akira und schuf in sich nichts weiter als ihr Antlitz. Akira schaute sich selbst. Verwirrt senkte sie den Blick.
„Die Salbe kann deine Schmerzen beruhigen," sagte sie fast stammelnd. „Bakhir hat sie dir eben geholt."
„Ich danke," erwiderte er mit leichter Verneigung.
Akira floh förmlich aus seiner Nähe, eilte zu Selim und Bakhir und raunte dort:
„Seht zu, dass der Mann hier verschwindet. Er ist ein Magier."
„Und wenn schon." Es war Selim, den diese Nachricht nicht sonderlich beeindruckte. „Bakhir hat erzählt, dass er Schmerzen hat. Wir durften ihn nicht so viel arbeiten lassen. Ein Tag Ruhe wird ihm gut tun."
„Verstehst du nicht," wiederholte Akira ungläubig, „er ist ein Magier. Wir können doch keinen Magier mitten unter uns dulden."
Selim wurde unsicher. Fragend schaute er zu Bakhir. Der lachte fröhlich auf.
„Ich wusste gar nicht, dass du Vorurteile hegst, Akira," meinte er leichthin. „Der vorige Than hat einen Magier zu seinem Pala erhoben und dein jetziger Gebieter ist Sohn eines Magiers. So schrecklich werden diese Leute also wohl nicht sein. Bisher verhielt sich mein Gast jedenfalls ohne Tadel. Und ich habe ihn gestern wirklich zu sehr gequält. Selim rät, ihm Aufenthalt zu gewähren und daran werde ich mich halten."
Er lachte noch einmal leise, ehe er sich abwandte und zu Harkym begab. Als er später vom Than erfuhr, wie Akira zu ihrer Ansicht über seine Person kam, staunte er nur. Doch eine Entdeckung des Freundes fürchtete er jetzt nicht mehr. Er führte ihn nun durch die Siedlung, stellte ihm einige der Menschen vor, zeigte ihm nun eingehend, wie er hier lebte und spazierte mit ihm über die noch unbestellten Felder und das Land.
Am folgenden Tag jedoch verließ Harkym die Siedlung. Bakhir begleitete ihn, Selim bedeutend, dass er den Gast auf den richtigen Weg bringen werde und danach noch ein wenig durch das Land reisen wolle. Da dies öfter geschah, sorgte sich niemand um ihn und auch ein längeres Fernbleiben fiel so nicht weiter auf.

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