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Heimkehr
Zyklus der Nebelreiche, Band 9
Umfang: ca. 73000 Worte = 295 Normseiten
Titelbild: © Renate Steinbach
Leseprobe umfaßt die ersten zwei Kapitel
das Kindle-
Kapitel 1
Für Nymardos begann ein neues Leben und es war wahrlich ein Leben, auf das er lange warten musste. Er war nun achtundvierzig Jahre alt, doch ihm schien es, als begänne sein Leben erst jetzt.
Er verbrachte glückliche Kindheits-
Nymardos ergab sich damals dieser Pflicht, obwohl sie ihn aufgrund der unbegrenzten Macht in eine Einsamkeit zwang, die er nie erstrebte. Jahre später verklagte man vor ihm den Adlatus des nordischen Königs als Mörder und eben dieser Mann war es, der fast mühelos die Mauer der Macht durchbrach. Seither waren sie Freunde. Aus dem Soldaten wurde der erste Falla des dunklen Gottes Raaki, dessen Tempel in Nodher in mancherlei Hinsicht nicht den anderen Haupttempeln der Reiche entsprach. Doch niemals wurde der Falla Gerrys deshalb getadelt.
Seit einigen Wochen nun gab es einen neuen Than. Nymardos lächelte beim Gedanken an seinen Nachfolger. Seymas war jung, gerade einundzwanzig Jahre alt, und alles andere als von ernstem Gemüt. Nymardos erkannte früh dessen Berufung, hielt ihn in seiner Nähe und erleichterte seinen Weg. Er liebte ihn wie einen Sohn.
Seymas nannte ihn bei seiner Amtseinführung seinen Pala und bedeutete damit in aller Öffentlichkeit, dass er in Nymardos einen Freund sah, zu dem er uneingeschränkt stand. Als Pala des Than war Nymardos weiterhin ein Mann der Macht, denn der Than würde jede seiner Entscheidungen befürworten.
So hatte er nicht seine Macht wirklich verloren, sondern nur seine Pflicht und er genoss es wirklich, seine Tage selbst bestimmen zu können und zu keinem Werk angehalten zu sein. Er lebte nun in Raakis Tempel in Nodher. Natürlich war Gerrys als sein Falla im Grunde auch sein Herr und konnte ihn durchaus in die Pflicht nehmen, doch die sie verbindende Freundschaft verlor nicht einmal einen Gedanken daran.
Nymardos hätte es durchaus vorgezogen, in einem der kleinen Häuser zu leben, welche den hohen Tempelbau umgaben, aber er ließ es zu, dass ihm Gerrys im Tempel selbst seine Räume bereitete. Und noch war er fremd hier. Die Menschen wussten wohl, dass er bis vor kurzer Zeit als Than regierte, dass er nun als Pala des Than noch immer weitreichende Macht besaß und sie konnten damit noch nicht umgehen. Sie wichen ihm aus und zeigten eine Scheu, die er zwar kannte, aber nicht begrüßte.
In Gedanken versunken wandelte er durch den prächtigen parkähnlichen Garten. Es war ein klarer, warmer Tag. Die Nebel hingen sehr hoch und lockten die Menschen ins Freie. Das Lied der vielfältigen Vögel und das Summen der unzähligen Insekten verhinderte jede Stille, erfüllte aber alles mit freudigem Leben. Er trug eine einfache, schwarze Tunika; die vorherrschende Gewandung dieses Tempels, die nichts über seinen Rang oder seine Weihen verriet. Das lange, braune Haar umkräuselte seine Schultern. Als Mann der Macht besaß er das Recht, es offen zu tragen.
Sein Blick glitt zu einer Gruppe junger Mädchen und blieb dort an der vierzehnjährigen Cyprina hängen. Gerrys hatte dieses Kind als seine Tochter anerkannt und niemand wusste, dass in Wahrheit er der Vater war. Man hätte die Tochter des Than in ungerechtfertigten Ansprüchen haltlos überfordert und dieses Schicksal wollte er ihr ersparen, zumal ihre Mutter am Tag ihrer Geburt ums Leben kam. Bei seiner Ankunft hier hatte sie ihn artig begrüßt, aber ansonsten empfand sie dieselbe Scheu vor ihm wie fast alle anderen Menschen und er drängte ihr seine Nähe nicht auf.
Cyprina sah ihn, schaute einige Zeit fast krampfhaft in eine andere Richtung, kam aber langsam dann näher, als er seinen Weg fortsetzte. Unsicher schaute sie ihn an.
"Verzeiht, Herr," sagte sie dann leise, "ich möchte euch nicht stören."
"Das tust du nicht," versprach Nymardos mit ruhiger Stimme.
Sie senkte den Kopf und wich damit seinem Blick aus.
"Erynia wünscht sich so sehr, dass ihr sie besuchen kommt," gestand sie schüchtern. "Mögt ihr sie nicht?"
Nymardos lächelte. Das Mädchen sprach von Gerrys' Schwester, die wenige Wegstunden entfernt in einem kleinen Haus lebte. Sie war Magierin und widmete ihrer Kraft der Heilkunst, die sie vornehmlich den Frauen der umliegenden Dörfer angedeihen ließ. Als kleines Kind von ihren Brüdern getrennt wuchs sie in Wyla auf, dem Reich, in welchem die Frauen alle Macht besaßen. Dort war er ihr vor mehr als zehn Jahren begegnet, sah sie dann vor fünf Jahren nochmals in Khyon. Sie hatten nicht viel Zeit zusammen verbracht.
"Ich weiß wohl, dass du viel mit Erynia zusammen bist," erwiderte er nun. "Sie ist eine kluge und starke Frau. Ich schätze sie sehr, Cyprina. Ich habe eigentlich erwartet, dass sie zum Tempel kommen würde."
Jetzt sah das Mädchen doch auf und schaute ihn an.
"Seit Tibra da ist, kommt sie nicht mehr oft," gab sie zu.
"Du scheinst Tibra weniger zu mögen als Erynia," stellte Nymardos heiter fest.
Auch Tibra war ein Magier. Er war Mitte der Dreißig, also zehn Jahre jünger als Erynia. Seit den Tagen in Khyon waren sie beisammen. Sie lebten nicht in demselben Haus, doch nicht weit voneinander getrennt und Tibra hütete seine Liebe zu ihr mit Bedacht. Davor war Erynia wohl oft bei Gerrys gewesen und deren Liebe war weder ein Geheimnis noch widersprach sie den Regeln der Reiche. Tibra zeigte wohl keine Eifersucht, aber es fiel ihm doch schwer, seine Liebe zu teilen und so zog sich Gerrys etwas von der Schwester zurück.
Im Allgemeinen begegnete die Priesterschaft der Gilde der Magier mit Vorsicht, wenn nicht gar mit Misstrauen. Doch auf Tibra und Erynia traf dies nicht zu, nicht zuletzt wohl deshalb, weil Gerrys beide schätzte.
"Er ist mir unheimlich," gestand Cyprina. "Wenn er einen anschaut, dann hat man das Gefühl, dass er einen dabei ganz erforschen will. Das gefällt mir nicht. Ich kann nicht verstehen, weshalb Vater ihn so mag."
"Ich mag ihn auch," stand Nymardos dem Freund bei. "Nicht viele Menschen sind so aufrichtig und treu wie er."
Es war ihr wohl unangenehm, von Tibra zu reden, deshalb lenkte sie das Thema fast hastig auf ihr ursprüngliches Anliegen zurück.
"Werdet ihr Erynia besuchen?"
"Es ist ein schöner Tag für einen weiten Spaziergang," erwiderte er, "und Gerrys kehrt erst morgen in den Tempel zurück. Ich will den Wunsch gern erfüllen und gleich zu ihr gehen. Begleitest du mich ein Stück des Weges?"
Cyprina schüttelte den Kopf.
"Lieber nicht, Herr," wehrte sie ab. "Ich würde dann Fragen stellen, die ich nicht stellen darf."
"Was meinst du?"
Sie presste die Lippen zusammen. Da er nun seinen Weg aufnahm, blieb sie aber an seiner Seite.
"Ich weiß, dass meine Mutter auf Amarra gelebt hat," sagte sie nach einiger Zeit. "Vater spricht nie von ihr. Er wird böse sein, wenn ich euch nach ihr frage."
Erstaunt vernahm Nymardos diese Worte. Mit freundlicher Stimme antwortete er:
"Hast du deinen Vater nie nach ihr gefragt?"
"Schon lange nicht mehr," gab Cyprina zu. "Ich will ihm nicht wehtun und sicher weckt das schmerzhafte Erinnerungen in ihm."
Fast hätte er ihr bei diesen Worten den Arm um die Schultern gelegt, doch er wollte das Mädchen nicht erschrecken. Nymardos bemühte sich, seinen Schritt dem ihren anzupassen. Auf Amarra, wo es keine Pferde gab, ging er oft weite Strecken mit großen Schritten. Nun musste er etwas langsamer gehen, doch er kostete die Nähe des Mädchens aus und fühlte sich nicht gebremst.
"Deine Mutter Masira kannte ich gut," erklärte er offen. "Sie lebte in der Nähe meines Tempels und ich habe sie oft gesehen."
"Wie war sie, Herr? Was war ihr Tagwerk und wie sah sie aus?"
"Du bist ihr sehr ähnlich," gestand Nymardos. "Dein Haar ist etwas heller, aber du hast ihre Augen und ihren Mund. Das Aussehen ist aber nicht so wichtig. Masira war voll Güte und Freundlichkeit, sie hatte für alle Menschen ein offenes Ohr und sie war immer bemüht, hilfreich zu sein."
"Was war ihr Tagwerk?"
Er lächelte.
"Das war ihr Werk, Cyprina. Ich habe ihre Freundlichkeit nie durch einen Dienst begrenzt, falls du das meinst."
"War sie eine starke Priesterin?"
Nun blieb er stehen und sah Cyprina mit ernstem Blick an.
"Du bist ein Kind der Liebe." sagte er ernst, "Deine Eltern sind Priester, aber das muss nicht unbedingt deinen Weg bestimmen."
Nymardos erspürte ihre Gedanken. In den Nebelreichen zeugten Priesterin und Priester manches Mal in Trance ein Kind, um so neuem Leben die Gelegenheit zu geben, ohne karmische Bindung an die Eltern zu inkarnieren. Diese Menschen, Tempelkinder genannt, waren geboren, selbst Priester zu werden. Cyprina war kein Tempelkind, und obwohl sie dies wusste, fürchtete sie doch, ihr Weg sei fest vorgegeben.
Cyprina wich seinem Blick aus, als sie gestand:
"Erynia zeigt mir, wie man Kraft beherrschen kann. Ich denke, das ist besser, als wenn man von Kraft beherrscht wird."
"Das sind nicht dieselben Kräfte," erwiderte er lächelnd. "Aber suche du nur deinen Weg und wenn du irgendwann sicher bist, deine Bestimmung gefunden zu haben, dann bleibe auch dabei und lass dich von niemandem infrage stellen."
"Nicht dieselben Kräfte?" Cyprina wunderte sich ein wenig über diese Behauptung. "Ich werde darüber nachdenken, Herr."
Sie verneigte sich ein wenig und lief dann eilig davon, gerade so, als fürchte sie ein weiteres Reden über das, was sie bewegte.
Nymardos nahm seinen Weg wieder auf. Zu Pferd hätte er Erynias Haus rasch erreichen können, doch er war kein guter Reiter und er besaß auch keinen Grund zur Eile. Die Nebel sanken, als er das kleine Haus erreichte.
In der Stunde, in der Nymardos sich vom Tempel entfernte, näherte sich aus der Richtung des Berges Tylt ein leichter Wagen, der nahe des Tempeltores hielt. Ihm entstiegen eine Priesterin und ein Priester, beide in die rote Gewandung des Gottes Minosante gekleidet. Ein Tempelhelfer eilte herbei, um sich um die Pferde zu kümmern. Ein Priester näherte sich den Ankömmlingen.
"Mein Name ist Parcylen," stellte er sich mit freundlicher Stimme vor. "Willkommen in Raakis Haus. Unser Falla ist dem Tempel fern. Man kann ihm erst morgen von euch berichten. Solange aber seid Gäste des Tempels. Erlaubt, dass ich euch ein Gasthaus zeige."
"Wir danken für die Begrüßung," erwiderte die Frau. "Mein Name ist Talia, mein Begleiter heißt Jostur. Wir kommen aus Amarra und hoffen, dass der Falla uns empfangen wird."
Parcylen schaute die Beiden mit unverhohlener Neugier an. Sie mochten in etwa dasselbe Alter haben. Jostur war ein Mann von drahtiger Gestalt. Sein dunkles Haar und sein tiefer Blick gaben ihm ein etwas verwegenes Aussehen. Talia an seiner Seite war durchaus eine Schönheit, deren füllige Locken ihr ebenmäßiges Gesicht sanft umrahmten. Beide waren sie Ende der Vierzig und beide trugen sie das Haar offen, was sie als Menschen der Macht auswies.
"Wenn ihr wünscht," meinte Parcylen etwas unsicher, "so will ich euch gern der Falla Seryna melden."
"Es genügt, wenn wir morgen empfangen werden," versprach Talia freundlich. "Die Reise war anstrengend und weit und ein wenig Ruhe ist nur willkommen."
Parcylen führte die Gäste mit sich, während Tempelhelfer sich sofort des Gepäcks der Gäste annahmen. Talia erhielt ein kleines Gasthaus, das malerisch an einem Weiher lag. Josturs Haus befand sich etwas näher beim Tempel. Die Gäste zeigten sich sehr zufrieden und Parcylen ließ sie allein. Sobald sich die Nebel hoben, wollte er Gerrys entgegen reiten und ihm von dem Besuch berichten.
Jostur fand keine Ruhe und so verließ er das Haus wieder und streifte durch den weiten Garten. Mit offenem Sinn nahm er seine Umwelt wahr. Seine Gedanken weilten in Khyon. Dort war er vor Jahren dem Tempelhelfer Rhagan begegnet, der ihm vieles über diesen Tempel erzählte. So manches erschien ihm damals unwahrscheinlich, aber nun erkannte er, dass Rhagan nicht übertrieb. Es war unmöglich, den Stand eines Menschen hier an seiner Kleidung oder seinem Benehmen zu erkennen. Priester und Helfer lebten in Raakis Tempel in einer engen Gemeinschaft, die keine Unterschiede duldete.
Dass es hier, im Gegensatz zu allen anderen Haupttempeln der Reiche, keine äußere Tempelmauer gab, die hoch und unüberwindbar den heiligen Bau abschirmte, war eine geschichtliche Tatsache, die man überall kannte. Diese Mauer wurde vor langer Zeit eingerissen, als Nodhers König mit dem Tempel verfeindet war. Danach sah niemand einen Anlass, sie wieder zu errichten und so blieb Raakis erster Tempel der Einzige, der sich nach außen hin nicht abschirmte.
Es wurde langsam dunkel. Die Nebel hingen tief und hüllten das Land in einen weichen Schleier. Jostur wusste wohl, dass er als Gast des Tempels warten sollte, bis der Falla ihn begrüßte. Aber er bezwang seine Unruhe nicht und als sein Weg unbeabsichtigt in die Nähe Rhagans führte, beschloss er, mit diesem zu reden. Er sah den Hünen auf einer Bank vor einem flachen Haus sitzen. Er spielte mit einem Kind, das auf einen Ruf hin ins Haus eilte.
Rhagan erhob sich. Auch er wollte das Haus betreten, aber da sah er den nahenden Mann und wartete. Er erkannte ihn nicht. Jostur neigte grüßend das Haupt und wunderte sich schweigend darüber, dass der Tempelhelfer nicht niederkniete vor einem Mann der Macht, der er durch sein offenes Haar ja sein musste. Aber Rhagan bemerkte sein Versäumnis nun selbst, denn er kreuzte die Arme vor der Brust und schickte sich an, den schuldigen Gruß zu geben.
"Du kennst mich nicht mehr?" stellte Jostur, ihn auf diese Weise zurückhaltend, fest.
Rhagan musterte ihn eingehend. Dann hellte sich sein dunkler Blick auf.
"Verzeiht mir, Jostur," bat er ohne jede Scheu. "Ich habe wirklich nicht erwartet, euch in Raakis Tempel zu sehen. Wenn ihr noch nicht gegessen habt, so seid mein Gast."
Jostur staunte, mit welcher Selbstverständlichkeit der Tempelhelfer einen Priester in sein Haus bat, doch er schwieg darüber und nahm die Einladung an.
Rhagans Gemahlin Shuny bewirtete ihn reichlich und die drei Kinder des Hünen nahmen die ganze Zeit des Gastes in Anspruch. Es war ein recht vergnüglicher Abend und Jostur wünschte, er wäre wirklich nur als Gast gekommen. Sehr spät erst begleitete Rhagan den Priester auf dem Weg zu seinem Gasthaus.
"Ich muss mich bei dir entschuldigen," gestand Jostur im Schutz der Dunkelheit. "Auch wenn es nie meine Absicht war, dich zu täuschen, so habe ich es wohl doch getan. Amarra gefiel es, mich zu Minosantes Falla zu erheben."
Rhagan zeigte sich wenig beeindruckt.
"Der Than weiß sicher, was er tut," meinte er leichthin, "und ich denke, ihr freut euch über diese Ehrung und dieses Amt."
"In gewisser Weise schon," gab Jostur zu. "Im Grunde freue ich mich sogar darauf, meine Heimat Thara wieder zu sehen. Dort steht mein Tempel."
Rhagan ahnte Unheil. Er verhielt den Schritt.
"Ihr habt mich einmal gefragt, ob ich wieder nach Thara gehen will," erinnerte er sich. "Ich habe Nein gesagt."
Jostur nickte. Er wusste, dass Rhagan in diesem wilden Bergland als Sklave geboren wurde und dort wie alle Sklaven Tharas ein Leben in Stumpfheit verbrachte. Die mehr flüchtige Begegnung mit Gerrys hatte ihn verändert und nun war nicht mehr zu sehen, dass er je ein Leben in Unfreiheit führte. Rhagan konnte keine guten Erinnerungen an Thara haben.
"Ich habe nicht um deine Begleitung gebeten," gab Jostur mit unruhiger Stimme zu. "Es ist der Wille des Than, dass du mit mir kommst."
Trotz der Dunkelheit sah Jostur, wie sich der Hüne verkrampfte.
"Meine Heimat ist hier," wehrte er sich, doch in seiner Stimme lag keine Kraft.
Rhagan kannte Seymas, der nun als Than regierte. Er kannte ihn als verspielten Jungen und schelmischen Jüngling. Aber er kannte ihn nicht als einen Mann unbegrenzter Macht. So hatte er Nymardos gekannt und zu diesem von der ersten Begegnung an großes Zutrauen gefasst. Nie fühlte er sich von Amarra bedroht zu einer Zeit, als Amarra und Nymardos ein gleichbedeutendes Wort darstellten. Jetzt herrschte dort Seymas und wie immer gab es keine Möglichkeit, sich gegen eine Entscheidung des Than zu wehren.
"Es tut mir leid," sagte Jostur mit ehrlichem Bedauern. "Ich bat darum, ohne dich reisen zu dürfen, doch der Than hat seine Entscheidung nicht revidiert. Du musst mit mir kommen, Rhagan."
"Um was zu tun?"
"Es gibt keine weiteren Anweisungen," gab Jostur zu. "Du bist Tempelhelfer und wirst Arbeit und Auskommen haben. Ich werde dafür sorgen, dass dir dort durch deine Vergangenheit keine Nachteile entstehen."
"Dazu ist es wohl zu spät," stieß Rhagan bitter aus. "Aber verzeiht, Falla, wenn ich euch jetzt allein lasse. Bleibe ich länger, werde ich wohl ungerecht gegen euch."
Er flüchtete ins Dunkel, um zu verhindern, dass er Jostur nun jene Vorwürfe machte, die bestenfalls gegenüber dem Than gerechtfertigt wären.
Erynia freute sich ehrlich über den unerwarteten Besuch und sie zeigte diese Freude unverhohlen. Nymardos hatte sie damals in Wyla fasziniert und sie suchte diese Faszination erneut. Sie plauderte lange mit ihm, sprach dabei über Gerrys, Tibra und vor allem Cyprina, über ihre Arbeit und ihr Leben hier und bei alledem versuchte sie ohne Scheu, ihn zu verführen. Auch wenn sie schon Jahre in Nodher lebte, so war sie doch eine Frau Wylas und dort entschieden allein die Frauen, wer ihr Lager teilen sollte. Dort kam ein Mann einer solchen Aufforderung stets nach und es war ihm Ehre und Auszeichnung zugleich.
Nymardos genoss die Stunden solange, wie sie ein reizvolles Spiel darstellten. Erynia gefiel ihm durchaus, aber er war kein Mann großer Leidenschaft, der sich einem Verlangen vorschnell ergab.
"Antares' Stunde," stellte er schließlich die Mitternacht fest, "es ist wohl Zeit, zu gehen. Ich hoffe, dich auch einmal im Tempel begrüßen zu dürfen."
"Wartet," hielt sie ihn zurück, "ihr könnt nicht mitten in der Nacht weggehen. Ich möchte, dass ihr bei mir bleibt. Habe ich das nicht deutlich genug gezeigt?"
Sie setzte sich dicht neben ihn, was ihm ein sehr leises Lachen entlockte.
"Es war schon deutlich genug," gab er zu, "aber es wird dadurch nicht richtiger."
"Wegen Tibra? Er kann mir nichts vorschreiben und er hat auch nie verlangt, dass ich Gerrys aufgebe. Er weiß genau, dass er mich nur halten kann, wenn er mir die Freiheit lässt."
"Und ich weiß genau, dass ich seine Freundschaft nur dann verdiene, wenn ich seine Gefühle nicht missachte."
Erynia sprang auf. Sie wurde fast zornig und ertrug die Ablehnung nur schwer.
"Es hat euch aber nicht gestört, bei mir zu liegen, obwohl ihr wusstet, dass Gerrys mich liebt," fuhr sie ihn an.
"Es hat auch Gerrys nicht gestört," erinnerte er sie fröhlich. "Und nun sei nicht gekränkt, Erynia. Im Grunde ist es dir so wenig wichtig wie mir."
Sie wollte ihn nicht gehen lassen, aber Nymardos ließ sich nicht halten und verabschiedete sich zwar freundlich, doch sehr nachdrücklich von der Schwester des Freundes.
Die Dunkelheit der nächtlichen Nebel hüllte ihn ein. Nymardos entlockte seinem Lebenden Kristall, den er stets bei sich trug, die Fülle des Lichtes, doch auch diese Lichtquelle konnte die Nebel nicht weit durchdringen. Sie genügte lediglich, ihn den Weg nicht verfehlen zu lassen.
Tibra war gelernter Tuchmacher und obwohl er in der Gilde der Magier ein hohes Ansehen besaß, so war es doch niemals möglich, seinen magischen Dienst zu erkaufen und seine Fähigkeiten für eigenes Sinnen zu nutzen. Seit er in Khyon Gerrys begegnete und zwischen diesen beiden ungleichen Männern eine aufrichtige Freundschaft entstand, lebte er in der Nähe des Schwarzen Tempels. Anfangs verdiente er sich seinen Lebensunterhalt in der Tuchmacherei, doch seit Langem widmete er sich vermehrt seinen magischen Studien. Als Tempelherr verfügte Gerrys über große Mittel und er ließ Tibra davon mehr als genug zukommen, unabhängig davon, ob er sich in der Tuchmacherei einfand oder nicht. Sie sprachen nie darüber und es war die Selbstverständlichkeit der Sache, die Tibra bewog, mehr seiner Neigung zu leben.
Als Nymardos noch als Than herrschte, setzte der Magier seine Kraft, wenn auch gegen die eigene Überzeugung, zwei Mal für Amarra ein. Er rettete Seymas dadurch das Leben, aber auch jenes des Priesters Thyrian, der nun der vertrauteste Freund des neuen Than war.
Natürlich wusste er, dass Erynias Gedanken zu viel bei Nymardos weilten und es gefiel ihm nicht. Andererseits schätzte er diesen Mann selbst sehr hoch und achtete sorgsam darauf, dass nichts ihre beginnende Freundschaft gefährden konnte. Als es nun an seiner Tür pochte und er Nymardos eintreten sah, leuchteten seine Augen erfreut auf, obwohl er genau erspürte, woher er kam.
"Ich fürchte, ich störe," stellte Nymardos mit einem Seitenblick auf den Tisch fest.
Tibra zuckte nur mit den Schultern zum Zeichen dafür, dass das nicht so wichtig sei. Er löschte mit der Hand die Kerzen, die auf dem Tisch standen, und hüllte fast ein wenig hastig die geschliffenen Edelsteine, die zwischen den Kerzen lagen, in weiche Tücher. Nymardos sah ihm mit verschränkten Armen zu. Sie mussten nicht darüber reden. Es war offensichtlich, dass Tibra eben ein magisches Zeremoniell vorbereitete.
"Ich habe um diese Zeit nicht mit Besuch gerechnet," gab Tibra unumwunden zu, während er Wein in Pokale füllte und einen davon Nymardos reichte. "Aber es ist weit bis zum Tempel, und wenn ihr wollt, findet ihr hier ein bequemes Lager."
"Ich fürchte die Nacht nicht und ich bin auch nicht müde," antwortete Nymardos, während er Platz nahm. "Ich wollte nur einen Freund besuchen. Das nächste Mal lasse ich es dich vorher wissen."
Tibra lachte heiter.
"Wegen der Kerzen? Ich bitte euch, Herr. Ich öffne meine Tür nur, wenn ich Besuch auch empfangen will. Ihr stört wirklich nicht, im Gegenteil."
"Trotzdem nennst du mich noch immer deinen Herrn."
"Ihr seid Pala des Than," meinte der Magier gelassen, "damit ist dies die Anrede, die euch überall in den Reichen begegnen muss."
"Nicht von Freunden," wehrte Nymardos lächelnd ab. "Deine Vorsicht ist unbegründet."
"Dessen bin ich mir noch nicht so sicher," gab Tibra grinsend zu. "Wenn wir Rivalen werden, dann werden wir zwangsweise auch Gegner sein. Ich hoffe nur, wir werden keine Feinde."
"Wir sind nicht einmal Rivalen," versprach Nymardos gelassen.
Aufmerksam musterte ihn Tibra. Dann bewies er wieder einmal sein erstaunliches Einfühlungsvermögen, als er seine Gedanken in Worte fasste:
"Dass ich Erynia liebe und mit ihr zusammen bin, das missfällt euch weit weniger als die Tatsache, dass Gerrys' Tochter sie bewundert."
"Deine Liebe zu Erynia missfällt mir überhaupt nicht," versprach Nymardos fröhlich.
Er leerte den Becher und erhob sich.
"Wenn ihr jetzt geht," warnte Tibra leise, "dann werde ich euch stets meinen Herrn nennen."
"Begleite mich doch einfach auf meinem Weg," schlug Nymardos vor.
Und als sie dann durch die Dunkelheit gingen, fiel es ihnen mit einem Mal leicht, offen und fast vertraut miteinander zu reden.
Rhagan ging nicht nach Hause. Er wusste nicht, wie er die Entscheidung Amarras seiner Gemahlin Shuny mitteilen sollte und er wusste auch nicht, wie er damit leben konnte. Unwillkürlich lenkte er trotz der Dunkelheit seinen Schritt in Richtung des Tylt. Dort lebte als Verwalter der Sajik-
Es war noch gar nicht so lange her, dass ihm Tibra anbot, wo nötig stets für ihn bereit zu sein und daran erinnerte sich der Hüne nun. Er suchte den Magier auf, fand sein Haus verwaist und fühlte Enttäuschung dabei. Aber er blieb und wartete auf Tibras Rückkehr.
Kapitel 2
Gerrys genoss den schnellen Ritt. Als Raakis Falla herrschte er über viele hundert Menschen und zu seinem Bereich gehörte so manches Dorf. Er hatte die Sajik-
Er liebte sein Amt und seine Heimat. Seit Nymardos in Nodher lebte, hatte sich auch sein letzter großer Wunsch erfüllt. Die Nähe des Freundes bedeutete ihm alles. Er sah einen Reiter und rief ihn an. Wenig später zügelte Parcylen sein Pferd bei ihm.
"Ihr solltet wirklich nicht ohne Begleitung reisen, Herr," meinte der Priester nach kurzem Gruß.
"Du bist kaum gekommen, um mich zu beschützen," lachte Gerrys fröhlich. "Ich sehe auch keine Feinde weit und breit. Willst du mit mir kommen?"
"Ihr reitet nicht zum Tempel? Verzeiht, Herr, es liegt mir fern, euch raten zu wollen. Doch es sind Reisende aus Amarra angekommen, die von euch empfangen werden möchten."
"Wer sind sie?"
"Sie heißen Jostur und Talia. Sie tragen das Haar offen und zeigen sich in Minosantes Gewandung."
Gerrys lächelte. Seymas hatte ihm bei seiner Amtseinführung schon entdeckt, dass Jostur wohl der neue Falla Minosantes in Thara sein werde. Die vorigen Fallas hatte er fast zornig entmachtet, da es ihm nicht gefiel, dass in einem Tempel Sklaven wie Tiere gehalten wurden.
"Hat Nymardos sie begrüßt?" wollte Gerrys wissen.
"Der Pala des Than war zu der Zeit nicht im Tempel," gab Parcylen zu. "Ich habe ihn gestern nicht gesehen. Hätte ich nach ihm suchen sollen?"
"Nicht unbedingt. Aber er kennt Jostur und hätte ihn sicher an meiner Stelle empfangen. Nun komm, wir wollen die Gäste willkommen heißen."
Im Tempel angekommen suchte er zunächst seine Gemächer auf, um sich den Staub des Rittes abzuwaschen und sich in das metallisch schimmernde schwarze Gewand seines Amtes zu kleiden, das einen krassen Widerspruch zu seinem hellen, fast weißen und sehr dünnen Haar bildete. Nun wirkte er blass, wie von schwerer Krankheit genesen. Nur sein kraftvoller Blick strafte dieses Bild Lügen. Ein wenig wunderte er sich schon darüber, dass Seymas die neuen Fallas in seinem Tempel rasten hieß. Das stellte zwar keinen großen Umweg dar, doch es hielt Talia und Jostur ein paar Tage auf.
Gerrys wartete, bis Seryna zu ihm kam, ehe er nach den Gästen schicken ließ und er freute sich, als auch Nymardos seine Räume aufsuchte. Seryna leitete von Anfang an gleichberechtigt mit ihm diesen Tempel und in allem, was die Frauen betraf, galt sie als die Herrin. Talia konnte nur durch sie begrüßt werden.
Josturs Augen leuchteten erfreut auf, als er Nymardos so unerwartet sah. Es war noch gar nicht so lange her, dass er zu dessen vertrautem Umkreis gehörte. Jetzt aber zeigte sich Jostur verunsichert. Seryna und Gerrys war er ebenbürtig, vor dem Pala des Than jedoch hatte er zu knien. Er wusste nicht so recht, wie er sich verhalten sollte.
Nymardos erhob sich, trat zum geöffneten Fenster und sah hinaus. Er wandte den Gästen so den Rücken zu und enthob sie damit der Notwendigkeit jeder Begrüßung.
Seryna begrüßte die beiden neuen Fallas und schaffte es mit wenigen Worten mühelos, jede Spannung zu zerstreuen.
"Wir danken für die freundlichen Worte," sagte Talia nun. "Aber wir werden nicht verweilen, sondern schon morgen nach Thara aufbrechen. Minosantes Tempel soll nicht länger ohne Leitung sein."
Sie warf Jostur einen auffordernden Blick zu und so gestand dieser mit leiser Stimme:
"Es ist der Wille des Than, dass der Tempelhelfer Rhagan künftig in Thara leben soll."
Seryna ballte die Hände zu Fäusten.
"Es hat den Than nie interessiert, ob eine seiner Entscheidungen einen Menschen unglücklich macht oder nicht," murmelte sie erschüttert.
Sie dachte dabei an Sathor, den sie liebte. Er lebte viele Jahre hier als Gerrys' Vertreter bis zu dem Tag, an dem ihn Nymardos zu Raakis Falla auf Khyon berief und sie somit trennte. Es hätte nichts geholfen, ihn zu begleiten, denn die Fallas eines Tempels durften sich nach geltendem Recht nicht vereinen; ein Grund, weshalb auch ihre Liebe zu Gerrys keine Erfüllung finden konnte.
Nymardos ignorierte ihren Zorn. Sathor liebte sein Amt und bedauerte nicht, Nodher verlassen zu haben. Auch Seryna wusste, wie sehr dem Geliebten sein neues Leben gefiel.
Gerrys ließ nach Rhagan schicken, um ihm über diese Entscheidung zu unterrichten und vernahm erstaunt von Jostur, dass er in der Nacht schon mit dem Helfer des Tempels sprach.
"Dazu hattet ihr kein Recht," wies er Jostur kühl zurecht. "Noch ist Rhagan mein Mann und es stand euch nicht zu, ihn zu bedrängen."
"Das war auch nie meine Absicht, Falla," wehrte sich Jostur sofort. "Ich bedauere selbst, dass er Nodher verlassen muss, und werde alles tun, um ihm sein Leben zu erleichtern."
"Ihr hattet trotzdem kein Recht, mir vorzugreifen," beharrte Gerrys.
Jostur erhob sich.
"Ich nehme den Tadel hin," erklärte er in verbindlichem Ton, "und ich bitte um Vergebung für mein voreiliges Handeln. Ich werde Rhagan ausweichen, bis wir diesen Tempel verlassen."
Er ging zur Tür und wollte den Raum verlassen. Nun erst wandte sich Nymardos um.
"Jostur," hielt er ihn mit leiser, ruhiger Stimme zurück, "es widerspricht sich, um Verzeihung zu bitten und doch gleichzeitig beleidigt wegzugehen. Niemand unterstellt dir, Rhagan schaden zu wollen. Doch schlechte Nachrichten vernimmt ein Mensch am sanftesten aus vertrautem Mund."
Minosantes Falla kämpfte mit sich. Es war ihm anzusehen, wie er mit seinem eigenen Zorn rang. Endlich aber kreuzte er die Arme vor der Brust und kniete vor Nymardos nieder. Unsicher sah Talia zu ihm. Als sie sich erheben wollte, um es ihm gleich zu tun, legte Seryna die Hand auf ihren Unterarm und hielt sie wortlos zurück. Dabei sah sie Nymardos fest an, der ihr Eingreifen mit einem sanften Lächeln billigte.
Gerrys hob Jostur auf und drückte ihn in einen der hohen Sessel.
"Rhagan ist mehr als ein Helfer des Tempels," erklärte er dabei. "Er ist für uns alle ein treuer Freund und es kann uns natürlich nicht gefallen, wenn sein Leben eine für ihn unerfreuliche Wende nehmen muss."
"Es gefällt auch mir nicht," gab Jostur zu.
Parcylen kam herein und berichtete, dass Rhagan die vergangene Nacht nicht in seinem Haus verbrachte. Niemand wusste, wohin er gegangen war. Jostur wurde mehr als nur unruhig.
"Lasst den Helfer überall suchen," befahl er.
Nymardos lachte leise.
"Dies ist nicht dein Tempel, Jostur. Raakis Falla entscheidet, was geschehen soll."
Parcylen sah fragend auf Gerrys und als der sacht den Kopf schüttelte, ging er wieder hinaus. Niemand würde nach Rhagan suchen.
"Er wird es nicht überleben, wenn er Amarras Willen entfliehen will," murmelte Talia. "Und ich fürchte, Amarra wird dies auch seinen Freunden nicht vergeben."
Nymardos sah wieder schweigend zum Fenster hinaus. Erst, als Gerrys neben ihn trat, sagte er leise, nur dem Freund verständlich:
"Seymas wird es dir wirklich übel nehmen, wenn du Rhagan vor ihm schützen willst."
"Ich glaube nicht, dass Rhagan so dumm ist, fortzulaufen," erwiderte Gerrys in gedämpftem Tonfall. "Er ist nicht verpflichtet, ständig im Tempelbereich zu verweilen und ich denke, er bespricht die Sache mit Attor. Er wird schon kommen."
Nymardos lächelte sacht.
"Attor ist in dem Fall der schlechteste Ratgeber, den er aufsuchen kann. Er würde ihm zur Flucht raten."
Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als zu warten. Seryna ließ die Gäste bewirten und zog sie ins Gespräch. Zäh zogen sich die Stunden. Sie hörten, wie der Tempel zu den heiligen Ritualen rief, aber sie nahmen nicht daran teil. Im Grunde sorgten sie sich alle um Rhagan, von dem sie nicht wussten, wo er sich aufhielt.
Gegen Abend öffnete sich die Tür. Tibra kam und wie immer, so verzichtete er auch nun auf eine formelle Anmeldung. Der Magier beachtete keinen der Anwesenden. Nur auf Jostur richtete sich sein dunkler Blick. Minosantes Falla erkannte ihn sofort. In Khyon hatten sie einige Tage zusammen verbracht. Während sich Jostur langsam erhob, sagte Tibra mit dunkler, fast drohender Stimme:
"Wenn Rhagan in Thara ein Leid geschieht, dann werde ich kommen und euch zur Rechenschaft ziehen. Und dann werdet ihr wünschen, Falla, dass Amarras Zorn schneller ist als der meine, weil er weniger furchtbar für euch sein wird."
Gerrys trat rasch herbei und legte dem Freund mahnend die Hand auf die Schulter, aber Tibra schüttelte sie ab und blieb bei seiner drohenden Haltung. Rhagan, der in seiner Begleitung gekommen war, sah recht unglücklich aus. Aber er kreuzte die Arme vor der Brust, kniete vor Jostur nieder und versprach:
"Ich werde euch dienen, so gut ich es vermag, Herr. Ist es mir erlaubt, meine Familie mitzunehmen?"
Jostur hob ihn auf.
"Ich sagte dir schon, dass es keine weiteren Weisungen gibt," erwiderte er unruhig. "Wenn du es möchtest ..."
"Möchtest du es wirklich?" mischte sich Nymardos mit sanfter Stimme ein. "Auch deine Frau war einst eine Sklavin. Glaubst du, Thara vergisst eine solche Vergangenheit eines Menschen?" Rhagan presste die Lippen zusammen bei diesen Worten. "Hat sich nicht dein Ältester Tyllmon eben einen Lehrer gesucht, der ihm die Schrift beibringt? In anderen Tempeln werden die Kinder der Helfer nicht gleichberechtigt mit denen der Priester unterrichtet, das weißt du."
"Ich weiß es," gab Rhagan schuldbewusst zu. "Ich habe es nur nicht bedacht. Ich fürchte Thara und die Einsamkeit dort, aber ich weiß auch, dass ich dort nicht für die Meinen werde sorgen können."
Bittend sah er Gerrys an.
"Für deine Familie ist in allem gesorgt," versprach ihm Raakis Falla mit fester Stimme.
Rhagan trat zu Nymardos. Er hob den Kopf, hielt aber dem Blick des andern nicht stand und senkte das Haupt.
"Herr," sagte er leise, "wäre es eure Weisung, so würde ich mich nicht fürchten. Warum tut er das?"
"Wäre es meine Weisung, so gäbe es keine Antwort auf diese Frage," erwiderte Nymardos lächelnd. "Er tut es, weil er es für richtig hält und niemand hat das Recht, eine Entscheidung des Than zu hinterfragen." Er legte die Hand unter das Kinn des Hünen und hob dessen Kopf, zwang ihn so sacht, ihn anzusehen. "Meine guten Wünsche begleiten dich, Rhagan. Mögen die Götter deinen Weg beschirmen."
"Geh nun zu deiner Familie," riet ihm Gerrys. "Wenn sich die Nebel heben, musst du reisen."
Kaum, dass der Tempelhelfer den Raum verlassen hatte, musste sich Tibra von Gerrys hart tadeln lassen.
"Du kannst keinen Falla bedrohen, Freund. Was immer auf Thara geschehen wird, es geht dich nichts an." Er wandte sich an Jostur. "Nun bin ich es, der euch um Verzeihung bittet für das ungebührliche Betragen Tibras."
"Er macht nicht den Eindruck, als wenn er seine Drohung nicht ernst meinen würde," wehrte der gelassen ab.
"Er meint es durchaus ernst," stellte Nymardos ruhig fest. "Aber er kann nicht wissen, wie wenig du Rhagan bedrohst, Jostur. Achte auf den Tempelhelfer und dulde nicht, dass ihm Verachtung widerfährt."
"Das wird schwer," vermutete Talia. "Sobald die Menschen dort erfahren, dass er ein Sklave war, werden sie ihn auch so behandeln."
"Die Menschen im Tempel sind euch beiden untertan," wehrte Nymardos ab. "Die letzten Fallas wurden entmachtet, weil sie den menschlichen Geist in Sklaven nicht achten wollten. Und Rhagan ist nicht nur ein freier Mann, er ist auch Amarra oft hilfreich gewesen und Seymas kennt ihn durchaus. Er hat ihn euch nicht anvertraut, um ihm zu schaden. Also achtet auf ihn."
Minosantes Tempel auf Thara lag in einer Senke, umgeben von mächtigen Bergen, die hoch hinauf ragten. Die Senke zeigte sich groß genug, um etwas Landwirtschaft zu dulden. Ein kleiner See, gespeist von einer unterirdischen Quelle, lieferte das Wasser, das die Menschen brauchten. In den steilen, teilweise fast senkrechten Berghängen arbeiteten die Sklaven, wo sie die Steine brachen und nach wertvollen Achaten suchten.
Zum Tempel gehörte eine Priesterschaft von fast dreihundert Menschen und ebenso viele Sklaven lebten hier. Tharas Sklaven, so sagte man überall in den Reichen, sind die besten. Zumindest die Haussklaven brauchten keine Peitsche und keinen Zwang, sondern lebten in stumpfer Ergebenheit. Die Arbeitssklaven wurden weniger gut behandelt und auch nicht selten geprügelt. Man sprach fast nie mit ihnen und erlaubte ihnen die Rede nicht. Sie reagierten ohne Zögern auf Handzeichen und zeigten niemals irgendwelche Bedürfnisse. Im Grunde waren sie Miska. Starke Magier vermochten es, Miska zu erschaffen und das konnte auch die Folge großer seelischer Erschütterung sein. Miska bezeichnete einen geistlosen Leib, fähig zu motorischen Diensten, aber ohne Gefühl oder Verstand. Echtes Miska war schwach und langsam. Das konnte man von Tharas Sklaven nicht sagen.
Karyson war gerade dreißig Jahre alt. Er lehnte am inneren Tempeltor und ließ den Blick über die Berghänge schweifen. Das glatte schwarze Haar hielt er gebunden, doch in seinem dunklen Blick lag ein gewisses Machtbewusstsein. Seit Jahren war er San des Tempels und damit der Verwalter und Vertreter des Falla. Als er erfuhr, dass der bisherige Tempelherr nicht wiederkehren würde, sondern vom Than entmachtet war, blieb er äußerlich völlig ruhig. Er ließ es sich nicht anmerken, wie sehr er die Entscheidung Amarras hier bedauerte.
Der San wartete auf seinen neuen Herrn, von dem er nicht einmal wusste, ob er schon unterwegs war. Aber Amarra ließ einen Haupttempel nie lange ohne Herrschaft und es konnte nicht mehr viel Zeit vergehen, bis die neuen Fallas kamen. Es war alles für sie vorbereitet, und wenn sie Wünsche haben sollten, so würde er sie zu erfüllen wissen. Aber ein unbehagliches Gefühl blieb doch in ihm. Es war nicht einfach, einen neuen Herrn auch innerlich zu bejahen.
Rhagan lenkte den Wagen, in dem Talia und Jostur die Reise durch Thara mit staunendem Blick auf die wild zerklüftete Landschaft geradezu genossen. Er akzeptierte inzwischen, dass die beiden Fallas ihm nicht schaden wollten, und legte sein Misstrauen nach und nach ab. Er hatte ihnen angeboten, sie das Reiten zu lehren, da dies in allen Reichen außer Amarra die gewohnte Art der Fortbewegung darstellte. Aber beide lehnten ab. Sie wollten es später im Tempel lernen, sich aber jetzt nicht aufhalten lassen.
Sie kamen an einem Steinbruch vorbei und sahen Tharas Sklaven. Rhagan zügelte die Pferde und wartete. Sie sollten diesen Anblick ganz in sich aufnehmen können.
"Weiter," entschied Talia, "der Anblick ist unerträglich. So darf man Menschen nicht behandeln."
"Die ersten Sklaven, die ich seit vielen Jahren sehe," murmelte Jostur.
Rhagan wandte sich auf dem Kutschbock um und sah die beiden an.
"Ihr irrt euch," sagte er ruhig, "denn in Raakis Tempel seid ihr beide von Sklaven bedient worden."
"Das waren Tempelkinder," widersprach Talia.
"Das ältere der beiden Mädchen, die euch dienten, war es," gab Rhagan zu.
Er nahm die Zügel wieder auf. Talia und Jostur wurden still. Dass sie in Raakis Tempel Sklaven von Freien nicht zu unterscheiden vermochten, beschäftigte sie. Der dunkle Gott des Todes kannte keine Unterschiede, doch dass auch sein Falla dies durchzutragen vermochte, das war höchst ungewöhnlich. Man sprach darüber in den Tempeln, aber man hieß es letztlich nicht gut. Doch solange Amarra dies duldete, gab es kein Wort dagegen.
Nachdem Rhagan mit Minosantes' Fallas Raakis Tempel verlassen hatte, gab es heftigen Streit zwischen Tibra und Gerrys. Dass der Magier einen Falla so offen bedrohte, das galt in den Reichen durchaus als Verbrechen und wurde von Amarra wie von den Herrschern geahndet. Sie wurden laut dabei, so laut, dass Nymardos ihre Stimmen im Garten hören musste. Als er zu ihnen kam, ballte Gerrys eben die Faust, um sie Tibra ins Gesicht zu schlagen. Ein rascher Griff Nymardos' hinderte ihn daran. Gerrys entwand sich seinem Griff.
"Misch' dich nicht ein," fuhr er Nymardos an.
Der reagierte mit einem leisen, aber durchaus fröhlichen Lachen.
"Wenn du dich innerhalb des Tempels mit Tibra schlagen willst, bist du als Tempelherr immer im Vorteil," meinte er leichthin. "Wodurch hat er dich denn so geärgert, Freund?"
"Er nimmt mir übel, dass ich Jostur bedrohte," bekannte Tibra freimütig.
"Das tue ich auch," gab Nymardos zu, "aber ich werde mich deshalb nicht mit dir schlagen. Und nun versöhnt euch wieder. Es gibt keinen Grund zur Feindschaft."
"Er hat einen Falla bedroht," murrte Gerrys.
"Er ist Rhagan wie ein echter Freund beigestanden," berichtigte Nymardos. "Wenn sich Jostur beklagen will, soll er sich an Seymas wenden. Aber ich denke nicht, dass ihm danach der Sinn steht."
Tibra starrte zum Fenster hinaus.
"Ich verstehe die Entscheidung des Than nicht."
"Da gibt es nichts zu verstehen," stand Nymardos dem fernen Freund bei. "Seymas hat nicht logisch entschieden, sondern folgte seiner Intuition. Er sieht den Tempel, sieht, wer dort herrschen soll und er sah dabei eben auch Rhagan. Was sich daraus ergeben wird, wird sich finden."
"War das auch eure Art der Herrschaft?" wollte der Magier wissen.
"Natürlich," gab Nymardos ruhig zu. "Gerrys wird dir sagen können, wie wenig er mit meinen Entscheidungen oft einverstanden war. Sie waren trotzdem richtig. Jetzt ist es Seymas' Sache, zu herrschen. Und unsere, ihn nicht anzuzweifeln."
"Das fällt mir schwer," gab Tibra zu. "Ich höre noch sein unbeschwertes Lachen. Es macht mir Angst, dass er nun unbegrenzte Macht besitzt."
"Eine Macht, die dir in dem Augenblick zum Verhängnis wird, in dem du wirklich einen Falla angreifst," warnte Gerrys. "Ich könnte dich in dem Fall nicht schützen."
"Das sah eben aber eher so aus, als wenn Tibra vor dir beschützt werden müsste," meinte Nymardos heiter. "Wie wäre es mit einem Ausritt? Das kühlt vielleicht eure hitzigen Gedanken etwas ab."
Sie ließen sich überreden und es dauerte wirklich nicht lange, bis sich Gerrys und Tibra wieder versöhnten.
Auch in der folgenden Zeit weilten die Gedanken der Freunde oft bei Rhagan, doch der Alltag ging weiter und erlaubte kein beständiges Sorgen. Tibra weilte nun häufiger nahe beim Tempel, denn er kümmerte sich um Rhagans Kinder und wurde ihnen ein steter Ratgeber. Shuny brauchte keinen Trost. Ihr Gemahl war so oft mit oder für Gerrys auf Reisen gewesen, dass sie auch diese Zeit der Trennung akzeptierte und fest darauf vertraute, dass sie enden würde.
Auch Erynia kam manches Mal. Sie verbrachte dann viel Zeit mit Cyprina, doch sie trachtete auch stets danach, Nymardos zu begegnen. Sie zeigte in aller Offenheit und ohne jede Scheu, dass sie sein Nein nicht hinnehmen wollte und ihn begehrte. Tibra sah es. Es gefiel ihm nicht, doch er schwieg dazu. Nymardos lachte darüber und achtete nur darauf, nie zu lange mit Erynia allein zu sein. Es war fast wie ein neckisches Spiel, das im Grunde weder er noch Gerrys' Schwester wirklich ernst nahmen.
Talia und Jostur hießen Rhagan, den Wagen anzuhalten. Vor ihnen tat sich die Senke auf und sie schauten zum ersten Mal auf ihre neue Heimat. Der prächtige, hohe Bau wirkte fast klein, umgeben von den hohen Bergen. Es grünte im Tal und auch an den Hängen. Aber sie achteten nicht so sehr auf die Natur. Ihre Blicke fraßen sich an den Menschen fest, die winzig in den Felshängen wirkten und dort die Steine brachen, um sie dann in Körben auf ihrem Rücken ins Tal zu schleppen. Ab und an hörte man den Klang einer Peitsche.
Rhagan hielt den Blick gesenkt. Er wollte das nicht sehen, aber er konnte nicht verhindern, dass Erinnerungen, die er längst überwunden glaubte, nun machtvoll in ihm erstanden. Die Jahre der Freiheit zerflossen zu nichts. Ihm war, als sei kaum ein Tag vergangen, seit er selbst genau diese Arbeit tat, genau so lebte und weder Wünschen noch Hoffen kannte.
Er gehörte damals keinem Tempel, aber das machte keinen Unterschied. Die Steinbrüche seines einstigen Herrn sahen so ähnlich aus, auch wenn die Felswände nicht so hoch waren. Die Aufseher trugen keine Tunika, aber die Peitschen unterschieden sich nicht.
"Ich dachte, es berührt mich nicht mehr," murmelte er, mehr zu sich selbst.
"Diese Sklaven müssen unendlich leiden," vermutete Talia erschüttert.
Rhagan wandte sich zu ihr um.
"Nein, Herrin," erwiderte er mit ernster Stimme, "sie leiden nicht. Die Peitschen knallen in der Luft, sie schinden nicht, solange die Arbeit getan wird."
"Kein Leiden?" vergewisserte sich Jostur.
"Wie sollte es, Herr? Tharas Sklaven kennen nichts anderes als Wasser, Molnüsse und Arbeit. Sie kennen keine Wünsche, keine Sehnsüchte, keine Hoffnungen. Sie reden nicht einmal, und wenn ihr ihnen freundlich gesonnen seid, dann sprecht ihr sie auch nicht an und erwartet von ihnen kein Wort. Sie schauen euch nicht an, achten aber auf eure Hände, mit denen ihr eure Befehle erteilen werdet. Belasst es dabei und dann ist es in Ordnung für sie."
"Aber es sind Menschen," warf Talia ein.
Rhagan lachte bitter auf.
"Das ist Miska," stellte er richtig. "Keiner von ihnen denkt wirklich. Glaubt mir, als ich das alles hinter mir ließ, da war es mit der größte Augenblick meines Lebens, als ich das erste Mal das Wort Ich in Bezug auf meine Person zu denken vermochte, als ich das erste Mal feststellte, dass ich überhaupt ein Ich habe."
Die beiden Fallas sahen sich an. Ehe Seymas sie nach Thara sandte, ließ er sie sehr genau über die Sklaven Tharas informieren. Dass Rhagan nun diese Lehre untermauerte, verwirrte sie.
"Dieser Tempel erhielt neue Herrschaft, weil er Tharas Sklaven falsch behandelte," erinnerte Jostur.
"Es ist falsch, wenn ihr zur Stumpfheit Erschöpfung und zur Erschöpfung Hunger gesellt," erwiderte Rhagan leise. "Aber es ist ebenso falsch, wenn ihr einen offenen Blick oder ein Wort verlangt. Falsch sind sicher auch die Zuchtkriterien, mit denen in Thara neue Sklaven gezeugt werden. Und es ist nicht in Amarras Sinn, wenn ihr, was sehr selten geschieht, das aufkeimende Erwachen des Geistes durch Macht und Gewalt unterdrückt."
"Was in Amarras Sinn ist, kannst du wohl kaum beurteilen," wies ihn Jostur da in sachlichem, recht unpersönlichem Ton zurecht.
Rhagan sagte nichts dazu. Er nahm wieder die vorige Haltung ein und wartete auf Befehle.
"Sei nicht beleidigt," lenkte Jostur da ein. "Aber um Amarra zu verstehen, muss man wenigstens zum Priester befähigt sein."
Rhagan starrte vor sich hin. Bei diesen Worten tauchte eine andere Erinnerung in ihm auf. Er lächelte unwillkürlich.
"Fragt den Than danach," schlug er ruhig vor. "Er zumindest ist davon überzeugt, dass ich diese Befähigung habe."
Jostur neigte sich überrascht nach vorne.
"Wie meinst du das?"
"Ich fühle mich nicht zur Priesterschaft berufen, Herr," antwortete Rhagan mit fester Stimme, "und deshalb strebe ich sie auch nicht an. Aber die Befähigung dazu habe ich durchaus. Seymas selbst hat es mir gesagt und mir bewiesen."
"Wann?"
Rhagan zuckte nur mit den Schultern. Das lag viele Jahre zurück. Damals war Seymas noch ein Kind gewesen. Aber das änderte nichts an dem Geschehen.
"Fahr weiter," verlangte Jostur unruhig, da der Hüne nun schwieg.
Die Felshänge bildeten eine natürliche äußere Mauer um den Tempel. Nur ein schmaler Weg führte in die Senke und dort, wo dieser sich zum Tal hin weitete, fand sich auch das schwere, zweiflügelige Tor, mit dem bei Nacht der Zugang fest versperrt wurde.
Rhagan lenkte den Wagen bis zum inneren Tempeltor, das in den Bau selbst führte. Dort zügelte er die Tiere. Die Priesterschaft strömte herbei. Als Talia und Jostur aus dem Wagen stiegen, knieten die Menschen nieder.
"Seid gegrüßt in Minosantes Namen," wandte sich Jostur mit volltönender Stimme an die Priesterschaft. "Ich bin Jostur, mit eurer Falla Talia gekommen, euch künftig zu leiten. Die Götter seien mit euch allen."
Karyson griff, noch kniend, nach Josturs Händen und küsste sie. Diese unterwürfige Geste war keineswegs vorgeschrieben. Leicht erstaunt sah Jostur auf den Mann nieder.
"Mein Name ist Karyson," stellte sich der Priester vor. "Ich diene dem Tempel als San. Es ist gut, wieder einen Falla zu haben."
Talia ließ ihren Blick über die Berghänge gleiten.
"Da es gut ist," meinte sie selbstsicher, "ist es auch Anlass für ein Fest. Die Nebel sinken bald. Lass Feuer entzünden und Speisen auftragen. Die Musikanten mögen aufspielen und wir werden uns später zu euch gesellen."
"Darf ich euch eure Gemächer zeigen," bot Karyson an, dem die Weisung zu einem Fest sehr gefiel.
"Du darfst," erwiderte Talia. "Doch zuvor befiel, dass für heute jede Arbeit ruhen soll." Sie sah wieder die Felsen hinauf. "Jede Arbeit, San," betonte sie nachdrücklich.
Erstaunt und leicht missbilligend hob Karyson die Augenbrauen, doch er erhob sich, gab einem der Priester einen Wink und deutete dann in den Tempel. Jostur schaute zu Rhagan.
"Komm mit mir," verlangte er mit freundlicher Stimme.
Karyson führte zunächst Talia in vorbereitete Zimmer im Tempel. Eine junge Priesterin, die hier wartete, warf sich bei ihrem Eintreten nieder.
"Sie wird euch dienen, Herrin," erklärte Karyson, "bis ihr euch dann selbst eure Dienerschaft erwählt."
Talia atmete unmerklich auf. Sie hatte schon gefürchtet, dass Haussklaven hier warten würden. Karyson lächelte. Er spürte ihre Gedanken. Leibsklaven wären durchaus angebrachter, doch er erwartete von Menschen, die aus Amarra kamen, nicht, dass sie wissen konnten, wie solche Sklaven zu behandeln waren. Die Falla würde es lernen, daran zweifelte er nicht.
Danach geleitete der San seinen neuen Herrn in dessen Räume und auch hier wartete ein Priester, bereit, jeden Leibdienst zu verrichten.
"Ich habe nicht erwartet, dass ihr euren Diener mitbringt," entschuldigte sich Karyson mit einem Seitenblick auf Rhagan.
"Ich habe einen Gefährten mitgebracht," stellte Jostur richtig.
Der San schenkte dem Falla und sich Wein ein. Jostur nahm den schweren Achat-
"Ihr habt sicher viele Fragen über den Tempel," bot der San sein Verweilen an.
"Die habe ich," gab Jostur zu. "Doch zunächst will ich mich von der Reise erfrischen. Ich komme später in den Tempelgarten. Wir beide werden genug Zeit haben, uns in den kommenden Tagen zu unterhalten."
Damit war Karyson entlassen. Er verneigte sich tief, ehe er ging und als er durch die Tür trat, warf er Rhagan einen missbilligenden Blick zu, der dem Hünen gar nicht gefiel.
Jostur entließ den dienstbereiten Priester schon nach kurzer Zeit. Er kam durchaus ohne Dienerschaft zurecht und er wollte keinen Lauscher, wenn er mit Rhagan sprach.
"Ich halte es für klug, wenn du deine Vergangenheit hier verschweigst," meinte er dann. "Es ist nur ein Gefühl, aber ich fürchte wirklich, du bekommst Schwierigkeiten, wenn die Leute hier erfahren, dass du ein Sklave Tharas warst."
"Ihr habt mich euren Gefährten genannt, Herr."
"Zumindest in Khyon bist du das gewesen," erinnerte ihn Jostur. "Was du heute gesagt hast, war wichtig für mich."
"Was ich über Seymas sagte?" forschte Rhagan misstrauisch.
"Nein, das war mir nur neu," wehrte Jostur fast vergnügt ab. "Aber ich kann von dir wohl viel lernen über Tharas Sitten."
Während er redete, wusch sich der Falla, kleidete sich danach um und bürstete sein Haar.
"Kommst du mit nach draußen?" fragte er schließlich.
Rhagan lehnte ab. Er fühlte sich im Tempel sicherer und legte keinen Wert darauf, bei einem Fest der Priesterschaft dabei zu sein.
In der Nacht stand er am Fenster, hörte draußen das Lärmen und Lachen und fühlte sich fremd in dem Land, in dem er geboren wurde.
Talia bewegte sich zwischen den Menschen, als habe sie nie etwas anderes getan als zu herrschen. Sie war eine starke Priesterin, doch gewiss nicht zur Macht erzogen. Auf Amarra lebte sie entfernt des Tempels in einer kleinen Siedlung. Ihr Tagwerk bestand darin, feine Wandteppiche zu besticken. Vor Jahren war ein blonder Jüngling, fast ein Knabe noch, in die Siedlung gekommen. Er verweilte ein paar Tage und ließ sich dieses Handwerk zeigen. Sein fröhliches Lachen bestimmte die Stunden. Talia zeigte ihm die feinen Stiche und hörte ihm fasziniert zu, wenn er in das Gewirr der Fäden auf der Rückseite die herrlichsten Bilder hinein dichtete.
"Ich glaube kaum, dass sich jemand den Teppich so an die Wand hängen wird, dass er diese Seite sieht, Seymas," meinte sie lachend.
Er drehte den Teppich um. Sie wusste, dass ihm das Muster nicht gefiel und er sagte es auch:
"So ist es aber langweilig, Talia. Es ist wie ein ganzes Menschenleben -
Ihr eigenes Leben war ihr selbst langweilig erschienen, als ein Bote kam und sie in den Tempel rief. Seymas, nun Than der Reiche, hatte die Tage in der Siedlung nicht vergessen, denn er begrüßte sie mit den heiteren Worten:
"Zeit, den Teppich deines Lebens zu wenden, Talia."
Sie lächelte in der Erinnerung daran und wusste nicht, wie schön sie dabei im Schein der Feuer aussah. Die Priesterinnen umgaben sie in Scharen, folgten ihr auf jedem Schritt und gaben sich alle Mühe, ihre Wünsche schneller zu erfüllen, als sie diese äußern konnte. Talia merkte sich dabei ihre Gesichter und ihre Namen, aber in ihrem Geist suchte sie andere Frauen. Noch ehe das Fest endete, hatte sie drei Priesterinnen an ihre Seite gezogen, die sie nicht andauernd umlagerten. Diese wollte sie zu ihren Gefährtinnen machen und sie hoffte, bald Freundinnen in diesen Frauen zu finden.
Als sie das Fest verließ und ihre Gemächer aufsuchte, begleiteten die drei Frauen ihre Falla, um ihr die letzten Handreichungen des Tages zu tun.
"Ihr seid keine Dienerinnen," versprach Talia freimütig. "Aber ich danke für euren Dienst und hoffe, ihr lehrt mich, wie ich mit einer Leibsklavin umgehen muss."
Über dem Kamin in ihrem Zimmer hing ein kleiner, kunstvoll gearbeiteter Wandteppich. Talia lachte, als sie einen Stuhl hinschob, auf diesen stieg und den Teppich wendete.
"Was tut ihr, Herrin?" staunte eine der Frauen.
"Die andere Seite war langweilig," erklärte sie fröhlich.
Wenige Tage später schon behandelte sie ihre Leibsklavin genau so, wie diese junge Sklavin es verstehen konnte. Und auch den Arbeitssklaven des Tempels begegnete sie ohne jede Scheu. Sie dirigierte diese Menschen mit fast unmerklichen Handzeichen und benahm sich in allem so, als sei sie für dieses Amt erzogen worden.
Jostur tat sich deutlich schwerer. Er verbrachte viel Zeit mit Karyson, der ihm die Belange des Tempels erklärte und ihn in alles einwies. Das Amt selbst schreckte ihn nicht; er wusste, dass er es ausfüllen konnte. Aber er sorgte um Rhagan. Der Hüne blieb nicht beständig im Tempel, wich draußen aber weitgehend den Priestern aus und sprach mit keinem Menschen. Dieselbe Konsequenz, mit der er sich den Priestern nicht anschloss, zeigte er auch den Sklaven gegenüber, um die er einen großen Bogen machte. Und was immer er tat und wohin immer er ging, es folgten ihm die neugierigen Blicke der Priesterschaft, die den Gefährten ihres Falla nicht einordnen konnte.
Rhagan lehrte den Falla den richtigen Umgang mit den Sklaven, aber jedes Wort dabei bedeutete für ihn zugleich eine schmerzhafte Erinnerung. In Nodher konnte der Hüne über seine Zeit hier reden, ohne dass es ihn schmerzte. Aber dies war Thara und hier war die Vergangenheit lebendiger in ihm. Vor allem aber fühlte er sich durch seine Vergangenheit wirklich bedroht. Was würde wohl geschehen, wenn die Priesterschaft die Wahrheit erfuhr?