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Zyklus der Nebelreiche - Band 30

ein Roman von Renate Steinbach

 

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Kapitel 19



In den sinkenden Nebeln kehrte Bakhir zurück zum Pecha-Sitz in Minas. Er schmunzelte, als er die Onik zwischen den Wurzeln der Mesa erblickte und betrachtete einige Zeit das neugierige Tier, das seine Deckung nicht verließ. Als er aufblickte, stand Harkym vor ihm. Bakhir lachte fröhlich auf, ehe er den Freund umarmte.

   „Ich hoffe, du hast mich vermisst,“ meinte er dann leichthin. „Wenn Alessa mich irgendwann besuchen kommt, sorge ich dafür, dass ihr euch begegnet.“

   „Naphara sagte schon, dass sie unsere Schwester ist.“

   „Vermutlich ist sie das. Insanna war ihre Mutter. Ich erzähle dir gern von Alessa. Aber zuerst möchte ich mich waschen und etwas essen.“ Bakhir lachte. „Es waren anregende Tage, Harkym.“

Sie saßen später beisammen und teilten einander das Geschehen der vergangenen Tage mit.

   „Und wie geht es nun weiter?“ erkundigte sich Bakhir sehr viel später. „Tharan ist nicht zu helfen. Micaal wird bei Seymas bleiben, egal, wie lange es dauert. Deine Mutter tut gar nichts mehr außer zu verzweifeln und sich von Uhray und Krystan trösten zu lassen, während Naphara Tharan umsorgt. Und du? Willst du Minas leiten, bis Seymas gerettet oder gestorben ist?“

   „Jemand muss es tun.“

   „Ja, und dieser Jemand sollte die Pecha sein.“

   „Da hast du wohl recht,“ erwiderte Harkym nachdenklich. „Möchtest du, dass ich dich nach Hause bringe?“

„Du kannst Micaal nicht allein zurück lassen,“ wehrte Bakhir vergnügt ab. „Aber ein paar Tage lang wird er dich wohl nicht brauchen, oder?“ Als Harkym ihn fragend anschaute, ergriff er kurz dessen Hand zum festen Druck. „Der Schwarze Tempel liegt nicht weit entfernt.“

   „Du willst mit mir zu einem Tempel?“ vergewisserte sich der Than aufmerksam. „Du weißt, dass das nicht unerkannt gehen wird. Als mein Pala wirst du dort nicht übersehen sein.“

   „Ist das ein Ja?“

   „Wenn du es dir wünschst, dann natürlich. Aber was willst du dort?“

   „Ruhe finden,“ kam die lakonische Antwort. „Du weißt ja, wie sehr mich nach der Ruhe verlangt, die ich auf Amarra in Tabalkes Bereich fand. Du sagtest, das kann noch tiefer gehen.“ Er lächelte. „Schau nicht so erstaunt, mein Freund. Ich will kein Priester werden, sondern nur diese tiefe Stille finden. Es ist nur ein Gefühl – aber ich denke, dass es wichtig ist.“

   „Du musst mir nichts erklären,“ versicherte Harkym voll Zuneigung. „Es wird nichts geschehen, das du nicht willst. Und es ist mir wirklich eine Freude, dich zu begleiten.“


Am übernächsten Tag verließen sie Minas ohne weitere Begleitung. Es gefiel Aniela nicht, doch da Harkym sich nicht hindern ließ, übernahm sie nun wieder die Verantwortung für ihr Land. Arbeit, Pflicht und Alltag durchbrachen ihre lähmende Trauer. Ihr eigenes Leben, das bisher fast zum Erliegen kam, gewann neue Kraft. Der Schmerz blieb, doch beherrschte er nicht weiter ihr ganzes Sein. Die Söhne Uhray und Krystan atmeten innerlich auf. Es war so schwer gewesen, das Leid der Mutter mit zu tragen – ihr nun zu helfen fiel ihnen leicht.

Micaal wich kaum von Seymas‘ Seite. Dass Harkym und Bakhir Minas verließen, bemerkte er erst Tage später. Nicht zur Begleitung aufgefordert zu sein, störte ihn dieses Mal nicht. Im Gegenteil war er froh darüber, denn nur so konnte er sich ausschließlich auf sein Wirken konzentrieren. Was Harkym ihm zeigte, bedurfte noch der Übung, doch er spürte, wie er Seymas‘ nun stärkend erreichte. Das gab ihm Hoffnung, sein Ziel zu erreichen.

Als nach über zehn Tagen die Reiter zurück kehrten, war Micaal am Ziel. Er wusste voll innerer Gewissheit, dass Seymas gesunden musste. Es würde noch einige Zeit dauern, ehe er wieder bei Kräften sein konnte, doch ab jetzt gewann die Lebenskraft in ihm an Stärke.


In den folgenden zwei Tagen waren endlich auch tiefe Gespräche möglich zwischen allen auf Minas weilenden Menschen. Aniela, nun befreit von Sorge, zeigte großes Interesse am Leben der anderen. Naphara widmete viel Zeit Micaal, den sie schon immer mochte. Harkym unternahm lange Ausritte mit seinen Brüdern. Bakhir verweilte gern bei Thyrian, der wieder zu Kräften kam und gern mit ihm plauderte.


Am Tag der geplanten Abreise nahmen sie alle gemeinsam das Frühmahl zu sich. Sie plauderten und bemühten sich, alles bisher Ungesagte noch auszusprechen. Einzig Bakhir verhielt sich ungewöhnlich still, bis Naphara ihn darauf ansprach.

   „Ich möchte Tharan sehen,“ erklärte er da mit nachdenklicher Stimme.

   „Mein Bruder ist kein Schauobjekt,“ murrte Uhray unwillig.

Bakhir gab ihm keine Antwort, füllte sich die Schale erneut und aß schweigend und langsam.

   „Wir sollten uns nicht mehr lange aufhalten,“ schlug Micaal dann vor. „Der Weg ist weit und auf Bakhir wartet viel Arbeit in seiner Siedlung.“

Der Mann aus Wyla lachte leise.

   „Ihr seid kein Landmann,“ erwiderte er freundlich, „sonst wüsstet ihr, dass die Arbeit getan ist und ich keine Eile mehr haben muss.“

   „Nun, unsere Arbeit endet nie,“ murmelte Raakis Priester da halb beleidigt.

Sie beendeten das Mahl. Unvermittelt berührte Harkym da Bakhir am Unterarm und sagte mit ruhiger Stimme:

   „Ich bringe dich zu ihm.“

Während sie den Gang entlang gingen, hörten sie Uhray und Krystan mit halblauter Stimme schimpfen, kümmerten sich jedoch nicht darum. Dass Naphara und Micaal ihnen folgten, störte nicht.


Tharan hockte zusammen gesunken auf seinem Lager. Die Tür stand weit offen; Harkym lehnte im Türrahmen. Naphara hinter ihm erklärte mit leiser Stimme, dass sie den Jungen in diese Lage brachte, um ein Wundliegen zu verhindern. Bakhir hörte nicht einmal zu. Er ging langsam um das Lager herum, ließ keinen Blick von dem Jüngling, der nichts von ihrer Anwesenheit wusste. Er ließ sich viel Zeit dabei. Als Micaal zum Aufbruch drängen wollte, brachte ihn Harkym mit einer kleinen Handbewegung zum Schweigen. Er beobachtete still den Freund, der jetzt weniger Tharan betrachtete, sondern mehr einem inneren Empfinden lauschte. Endlich hob Bakhir den Blick und sah seine Begleitung an.

   „Wie ist es geschehen?“ wollte er wissen.

   „Niemand weiß es,“ gab Naphara die Antwort. „Wir fanden ihn in diesem Zustand in Vaters magischem Zimmer. Ich nehme an, er versuchte, die Kiste zu öffnen.“

Auf seinen fragenden Blick hin erzählte sie von Farraks Vermächtnis. Da trat Bakhir neben Harkym und erklärte mit ruhiger, aber sehr überzeugter Stimme:

   „Tharan sieht aus wie der Wehrturm in Nodher; umgeben von einem Schutzschild, den niemand durchdringen kann.“

   „Blödsinn,“ entfuhr es Micaal unwillig. „Er sieht aus wie Miska.“

   „Wir beide,“ erwiderte Bakhir da mit feinem Lächeln, „sehen die Dinge nie auf dieselbe Weise.“ An Naphara gewandt fuhr er fort: „Wo steht die Kiste?“

Sie gingen in den einstigen Arbeitsraum Tibras. Micaal blieb bei der Tür stehen. Er fühlte sich hier nicht wohl. Ihm war, als könne er die hier praktizierte Magie spüren und sei durch sie bedroht. Es missfiel ihm auch, wie leicht Bakhir seinen Willen bekam, doch er gestand sich die eigene Eifersucht auf diesen Mann durchaus ein und gab deshalb diesem Empfinden nicht weiter nach.

Harkym hatte die kleine Kiste auf den Tisch gestellt und trat beiseite, während Bakhir die kunstvollen Schnitzereien eingehend betrachtete und sogar die Kiste hochhob, um die Unterseite zu sehen. Dann erst beugte er sich nach vorn und betrachtete lange das Schloss.

   „Naphara und Micaal gehen jetzt besser hinaus,“ entschied er dann in plötzlichem Entschluss.

   „Warum?“ wunderte sich die Magierin.

Bakhir lächelte.

   „Weil jemand auf Micaal aufpassen muss,“ grinste er, „und weil man manchmal keine Zeugen dulden darf.“

Harkym nickte der Schwester zu und erst da gab sie nach, zog hinter sich und Raakis Priester die Tür zu.

   „Gib mir den Schlüssel,“ bat Bakhir dann den Freund. Er sah dessen verblüfften Blick und lachte leise auf. „Wenn Farrak ein magisches Vermächtnis nach Minas schickt, dann doch wohl, weil er wusste, dass dies dein Vaterhaus ist. Und er wusste auch, dass du als Than das hier verschlossene Wissen nicht kennen willst. Wenn dein Amt endet, wirst du anders darüber denken. Ich bin sicher, dass er dir den Schlüssel gab.“

   „Das ist richtig,“ gab Harkym zu, „doch ich denke, dass nicht du die Kiste öffnen solltest. Womöglich geschieht dir dasselbe wie Tharan.“

   „Farrak hat das Schloss vor unbefugtem Zugriff geschützt,“ wehrte Bakhir ab, „so, wie er den Wehrturm schützte. Er hat dir durch Dalur den Zugang zum Turm geschickt. Der Zugang zu Tharan Muss in dieser Kiste sein. Und da ihr Inhalt dich jetzt nichts angeht, werde ich nachsehen.“

Harkym zögerte noch, doch diese Argumente vermochten durchaus, ihn zu überzeugen. So überreichte er dem Freund den seltsamen Schlüssel.
Bakhir nahm ihn an sich. Er drehte die Kiste so, dass Harkym nach dem Öffnen nicht hinein schauen konnte. Ein wenig Spannung befiel ihn nun doch, als er den Schlüssel einschob. Er spürte einen kleinen Widerstand. Doch erst, als er den Schlüssel sacht nach unten drückte, hörte er ein leises Klirren. Mühelos konnte er nun den Deckel nach oben klappen.

Was immer diese Kiste barg, es zeigte sich nicht dem neugierigen Blick, denn der Inhalt war in ein dichtes Tuch gehüllt und mit einer Kordel verschnürt.
Doch obenauf lag ein einzelnes Blatt Pergament. Bakhir gab sich keine Mühe, diese seltsamen Zeichen darauf zu verstehen. Wortlos reichte er das Schriftstück dem Than, der es schweigend betrachtete, bis der Freund es ihm wieder abnahm und in der Kiste erneut verwahrte, die er verschloss und zurück auf die Kommode stellte. Den Schlüssel gab er Harkym zurück.

   „Versuch erst gar nicht, mir das zu erklären,“ schlug der Mann aus Wyla mit strahlenden Augen vor. „Geh zu Tharan und versuche, ihn zu befreien.“

Als sie den Raum verließen, war Micaals erste Frage:

   „Können wir jetzt reiten?“

   „Heute nicht mehr.“ Bakhir lachte, während Harkym zu Tharans Zimmer ging, „Ich denke, wir bleiben noch ein paar Tage.“


Sie verweilten tatsächlich noch weitere acht Tage auf Minas. Harkym gelang es, zu Tharan durchzudringen. Der Jüngling erkannte ihn sofort und begrüßte ihn voll Freude. Da war keine Schwäche in ihm, aber auch keine Erinnerung an die vergangene Zeit. Jede Stunde, die er mit Harkym nun verbringen durfte, bedeutete ihm viel. Zu lange sahen sie sich nicht und viel zu wenig wussten sie voneinander. Sie ruderten auf dem See oder ritten weit übers Land. Für Tharan waren es herrliche Tage und Harkym bedeuteten sie unglaublich viel.


Die gesattelten Pferde warteten schon im Hof. Man verabschiedete sich, gab sich die letzten Worte. Tharan hielt Bakhirs Hände mit festem Druck. Erst jetzt bedankte er sich für dessen Hilfe.

   „Ich habe nichts getan,“ wehrte der Landmann lächelnd ab.

   „Doch, das habt ihr,“ widersprach Tharan nachdrücklich. „Harkym hat es mir erzählt. Ihr habt als einziger begriffen, was mit mir war und den Mut besessen, einem inneren Eindruck zu trauen. Ich würde euch gern näher kennen lernen.“

   „Dann kommt mich besuchen,“ schlug Bakhir erfreut vor. „Ihr seid jederzeit willkommen.“

   „Nichts wird mich davon abhalten können,“ versicherte Tharan da auflachend. „Eine Weile wird mich Minas noch brauchen. Aber wenn hier alles wieder seinen gewohnten Gang geht und man mir wieder puren Müßiggang vorwirft, dann werde ich kommen.“

   „Ich freue mich darauf.“


Die drei Reiter verließen Minas, ritten unerkannt durch Nodher und geleiteten Bakhir bis nahe zu seiner Siedlung, wo sie ihn verabschiedeten. Harkym und Micaal begaben sich danach zum Riatha, wo der weiße Segler wartete, um sie nach Amarra zu bringen. Jeder freute sich nun auf die Heimat; Bakhir ebenso wie die beiden Priester. Nach allem, was geschehen war, würde der normale Alltag ihnen lange Zeit erholsam erscheinen.

Ende des dreissigsten Bandes

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