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Zyklus der Nebelreiche - Band 30
ein Roman von Renate Steinbach
Kapitel 18
Wenn Aniela hoffte, Harkyms Kommen würde all ihre Verzweiflung
enden, so sah sie sich darin getäuscht. Ihre Söhne Krystan und Uhray brachten ihr jetzt
viel mehr Trost, denn sie litten mit ihr und teilten ihre Ängste und Sorgen. Ihre eigene
Arbeit bedeutete ihr nichts mehr; seit Tagen kümmerte sie sich nicht mehr um Minas.
Harkym nahm sich dessen an, traf Entscheidungen, gab Befehle, ordnete ihre
Angelegenheiten und schien in allem stets genau zu wissen, was erforderlich war. Innerhalb
von zwei Tagen richtete sich ganz Minas einzig auf ihn aus. Anielas Helfer suchten seinen
Rat und seine Weisung. Micaal, der solche Arbeit eigentlich kannte, half dem Freund auf
unaufdringliche Art und was er anordnete, das geschah, als habe Aniela selbst es befohlen.
Mehrmals täglich suchte Harkym Thyrian auf. Dann ließ er keine Zeugen zu, wenn er
auf priesterlichem Weg seine eigene Kraft verströmte, um diesen alten Mann ans Leben zu
binden.
Ein einziges Mal noch suchte er Tharan in dessen Zimmer auf. Auch hier ließ er keine
Störung zu. Lange verweilte er; suchend, forschend, sinnend. Doch er fand keinen Zugang
zum Geist des Jünglings, der Miska so ähnelte, ohne aber Miska zu sein. Als er den Raum
verließ, wartete Naphara mit Micaal auf ihn. Stumm schüttelte er den Kopf, als die
Schwester ihn fragend ansah.
Nicht wahr, es ist Magie? vergewisserte sie sich.
Eine Folge davon, verstand Micaal, der Magie aufs Tiefste
verachtete.
Es ist keine magische Auszehrung, schränkte Harkym mit
ruhiger Stimme ein. Tharan hat nicht mit Magie gespielt und wurde so ihr Opfer. Er
kam ihr nur zu nahe und ist in ihr gefangen.
Und wo ist der Unterschied? murrte Raakis Priester.
In der Ursache, erwiderte der Than. Der Junge hat
nicht unvorsichtig Bereiche erkundet, die ihn nichts angehen. Die Kraft, die ihn hält,
rief er nicht selbst herbei.
Und was hilft ihm das? flüsterte Naphara, den Tränen nahe.
Es hilft seinem Geist, der unverletzt bleibt. Harkym legte
ihr den Arm um die Seite. Wer von einer selbst gerufenen Kraft überwältigt wird,
wird sie nie wieder los. Zeige mir die Kiste, mit der du ihn gefunden hast.
Micaal ging mit ihnen, obgleich er lange zögerte, ehe er jene Räume betrat, in
denen schon Tibra niemals einen Nichtmagier duldete. Raakis Priester verspürte eine
unangenehme Schwingung. Harkym lächelte ihm beruhigend zu.
Was du verspürst, flüsterte er nahe bei ihm, das ist
genau dasselbe, was ein Magier in einem Tempel spüren müsste: Fremdheit. Es droht dir
keine Gefahr hier.
Micaal presste die Lippen zusammen und schwieg. Er wusste, wie nahe der Freund einst
der Magie kam. Für Harkym konnte auch diese Schwingung nicht fremd sein.
Die kleine Kiste, die Farrak sandte, stand auf einer Kommode; bedeckt durch ein rohes
Tuch. Harkym zog es beiseite. Die einfachen Schnitzereien dienten lediglich der Zierde.
Dies war solide Tischlerkunst, aber im Grunde nichts Besonderes. Einzig das Schloss musste
eine Sonderanfertigung sein und der Mann, der es schuf, ein wahrer Künstler. Lange
betrachtete Harkym mit verschränkten Armen die Arbeit. Doch dann hüllte er das Tuch
darüber und verließ den Raum. Die andern folgten ihm rasch. Erwartungsvoll sahen ihn
beide an.
Ich kann nichts tun für Tharan. In seiner Stimme schwang
tiefes Bedauern. Mir ist auch kein ähnliches Geschehen bekannt. Er sah
Naphara an und fügte wie tröstend hinzu: Meine Leute forschen schon nach
möglichen Lösungen. Aber es kann dauern.
Nachdem sechs Tage vergingen, in denen Harkym und Micaal Minas leiteten und die
Familie sich stets nur zum Frühmahl zusammen fand, erklärte Harkym nach dieser
gemeinsamen Stunde:
Thyrian wird genesen.
Aniela weinte auf. Es waren Tränen der Erleichterung und zugleich Tränen um jene,
denen der Sohn nicht zu helfen vermochte. Uhray hielt sie im Arm, dankbar den Bruder
anschauend.
Und du kannst dasselbe nicht auch für Seymas tun?
Es war Micaal, der fast bittend diese Frage stellte. Sie alle sahen den Than an,
hoffend, bittend, drängend.
Nein, kam die knappe, abweisende Antwort.
Aniela weinte erneut. Bedauernd sah er die Mutter an. Sie schluchzte.
Du willst es nicht, hielt sie ihm vor. Du hast ihn
immer gehasst und erfreust dich an seinem Sterben.
Harkym erhob sich. Wortlos verließ er den Raum. Er ging hinaus ins Freie. Hinter dem
Pecha-Sitz fand sich eine leicht abschüssige Wiese, an deren Rand sich ein tiefer See
weit ins Land erstreckte. Ein kleiner Pavillon fand sich hier. Oft saß dort die Familie
beisammen. Auf dieser Wiese spielte er in seiner Kindheit. Minas war voll von
Erinnerungen.
Harkym trat nahe ans Ufer, schaute über das ruhige Wasser und spürte den sanften
Wind, der von dort kam. Micaal ging zu ihm. Sie schwiegen einige Zeit.
Seymas wird sterben, sagte Micaal endlich. Er
verfällt immer mehr.
Du warst bei ihm?
Jeden Tag, gab Raakis Priester zu. Er ist jünger und
kräftiger als Thyrian. Aber in ihm ist die Hitze nicht zu besiegen. Er hat seine eigene
Kraft zu sehr in Thyrian zentriert. Das schwächte ihn, vermute ich.
Du bist voll Sorge, wunderte sich der Than. Ihr seid
nie Freunde gewesen; du mochtest ihn nicht einmal.
Ich mag ihn immer noch nicht. Micaal lächelte etwas
hilflos. Aber wie er da so dahin siecht, das hat nichts mehr mit dem arroganten Mann
zu tun, der er gewesen ist. Er ist nur noch hilflos; ein Schatten seiner selbst. Dein
Vater hat ihn geliebt. Und deine Mutter liebt ihn. Zählt das nicht vor dir?
Harkym ließ den Blick weiter übers Wasser gleiten. Er gab keine Antwort. Die Liebe
seiner Eltern bewahrte Seymas vor seinem Zorn, aber zu einem Mehr war er nicht bereit.
Dieser Mann nahm ihm die Jugend, als er ihn zwang, Jahre hindurch ruhelos zu wandern. Am
Ende wollte Seymas ihn töten. Er verachtete ihn, immer noch.
Du willst ihm nicht helfen.
Micaal verstand. Er verließ die Wiese, ging zurück ins Haus. Harkym folgte ihm
nicht.
Unweit entfernt lag ein kleines Ruderboot aufs Land gezogen. Der Than lächelte bei dessen
Anblick. Vor Jahren ruderte er damit oft hinaus auf den See. Er befand sich in diesem Boot
weit draußen, als er die Berufung zu seinem Amt begriff. Abgesehen davon aber empfand er
die Stunden auf dem See stets als stärkend in ihrer Ruhe. Er trat hinzu und schob das
Boot aufs Wasser.
Warte! Naphara kam gelaufen. Nimmst du mich mit?
Er freute sich über ihre Begleitung. Irgendwie hatte sich in den vergangenen Tagen
nie ein vertrautes Gespräch ergeben. Er freute sich darauf, mit ihr allein zu sein und
sie genoss es, endlich unbelauscht mit ihm reden zu können. Es gab so vieles, das sie
beschäftigte, über das sie in Micaals Gegenwart aber nie reden würde. Sie mochte Raakis
Priester, aber sie vergaß seinen inneren Weg nicht. Harkyms Priesterschaft empfand sie
nie als störend, war doch er es gewesen, der ihr einst den Weg zum Element des Wassers
wies, wo sie ihre magische Berufung fand und darin Meisterschaft erlangte.
Weit draußen zog er die Ruder ein. Sanft schaukelte das Boot auf den Wellen. Naphara
sprach nicht mehr über ihren inneren Pfad, sie sah den Bruder nur noch still an.
Als Mutter Seymas zum Gemahl nahm, suchte sie nach langer
Zeit des Schweigens doch nach Worten, da geschah das nur für Minas, weil die dummen
Sitten in Nodher eine Pecha nicht akzeptieren wollen. Aber inzwischen liebt sie ihn
wirklich; so, wie sie vordem Vater liebte.
Ich kann nichts für Seymas tun.
Ich will gar nicht über ihn reden. Naphara suchte förmlich
nach Worten. Die Liebe unserer Eltern, sie erschien mir immer so bedingungslos, so
unverletzlich.
Vater ist tot, mahnte er. Es ist gut, wenn Mutter
nicht nur im Erinnern lebt.
Sie hatten beide den Liebeseid geschworen, fuhr Naphara
nachdenklich fort. Sie konnten ihre Ehe nicht mehr auflösen. Kann es sein, dass das
ein Unglück für sie war?
Wie kommst du denn darauf? erkundigte er sich verwundert,
zugleich fast besorgt nach ihren Händen greifend.
Vater er war so oft auf Amarra und er blieb immer so lange.
Seymas sagte einmal, dass er nicht nur zu ihm gekommen sei.
Was willst du mir sagen?
Naphara hielt seine Hände etwas fester.
Ist es möglich, dass Vater auf Amarra eine Gefährtin fand? Kann
es sein, dass er dort liebte und zu uns nur immer wieder kam, weil seine Pflicht es
befahl? Ich bin so verwirrt, Harkym. Kann es sein, dass unser Vater nie aufrichtig gewesen
ist?
In ihrem Blick lag eine gewisse Verzweiflung. Das Boot schwankte, als Harkym sie
näher heran zog und als sie dann ganz nahe neben ihm saß, hielt er sie fest umschlungen.
Wie kannst du zweifeln? Harkym küsste sacht ihre Wange.
Unser Vater hat uns bis zuletzt geliebt und nichts und niemand konnte diese Liebe je
ins Wanken bringen.
Aber Alessa
sie hat seine Augen, Harkym. Als ich sie sah,
mir war, als schaue er mich an. Sie hat mir erzählt, dass sie auf Amarra geboren wurde.
Mehr weiß ich nicht aus ihrer Vergangenheit. Sie wich meinen Fragen danach aus. Und nun
ist sie fort und du hast sie nicht einmal gesehen.
Hat sie dir den Namen ihrer Mutter genannt? Naphara
schüttelte sacht den Kopf. Ich werde es erfahren, wenn es dir so wichtig ist,
versprach er da.
Dir ist es nicht wichtig?
Naphara staunte. Sie nahm ihren vorigen Platz wieder ein. Seine Gelassenheit
beruhigte sie auf seltsame Weise.
Nun, wenn wir noch eine Schwester haben sollten, so würde ich sie
gern begrüßen und ihr nahen, schränkte Harkym lächelnd ein. Aber ob unser
Vater außer Mutter noch eine Gefährtin besaß, das ist nicht wichtig. Er war immer
wahrhaftig zu uns, Schwesterchen. Seine Liebe und Zuwendung haben uns geformt. Wir sind
durch ihn, was wir sind. Du kannst mehr als einen Menschen lieben, wenn du es zulässt.
Liebe wird nicht weniger, wenn du sie verströmst und auf viele verteilst. Sie wird mehr
darin und wenn sie wahr ist, kann sie niemals Lüge sein.
Ich fürchte, Mutter würde das anders betrachten. Ich habe nicht
mit ihr darüber gesprochen; mit niemandem. Naphara lächelte. Es gibt viele
Geheimnisse in unserer Familie, über die man besser nicht reden sollte.
Sie griff nun selbst nach den Rudern, tauchte sie ins Wasser. Er lehnte sich etwas
zurück und ließ es geschehen.
Du denkst jetzt an Tharan, stellte Harkym mit leisem
Lächeln fest. Ich weiß schon lange, dass du seine Herkunft ahnst.
Jetzt wich Naphara seinem Blick aus. Sie fühlte sich ertappt und darin seltsam
schuldig.
Wenn er trotzig die Unterlippe vorschiebt, dann sieht er dir sehr
ähnlich, gestand sie mit leiser Stimme.
Warum so unruhig? wunderte er sich. Warum hast du mich
nie gefragt? Ja, Tharan ist mein Sohn; gezeugt in den Jahren meiner Verbannung. Als ich
von ihm erfuhr, hatten die Eltern ihn schon als eigenes Kind anerkannt. Er weiß es.
Er weiß es? entfuhr es ihr und fast wäre ihr vor Schreck
das Ruder entglitten. Seit wann?
Seit er als kleiner Junge beim Tribunal in Salis von seiner Mutter
Kalita gefordert wurde, antwortete er mit ruhiger Stimme. Es war immer seine
Entscheidung, ob es ein Geheimnis sein soll oder nicht.
Du hättest ihn als dein eigenes Kind anerkannt?
Natürlich, Schwester, jederzeit und mit Freuden.
Naphara ruderte etwas schneller. Mit einem Male wirkte sie wie befreit.
Vater hätte das auch getan, wusste sie mit letzter
Sicherheit. Er hätte Alessa niemals verleugnet. Da war keine Lüge, Harkym. Es war
dumm von mir, das für möglich zu halten.
Harkym kümmerte sich um die Verwaltung des Fürstentums. Später suchte er Thyrian auf,
stärkte ihn und empfand eine tiefe Freude, weil er spürte, wie Kraft zurück kehrte in
den Kranken. Nicht mehr lange, und der alte Mann würde das Bewusstsein wieder erlangen.
Micaal kam nicht zu ihm. Er wusste, dass der Freund mittags mit Naphara ausritt. Doch
längst kehrten sie zurück.
Als Harkym die Kammer betrat, in der Seymas mit dem Tode rang, sah Micaal nur kurz
auf. Er wirkte angespannt und erschöpft in einem sinnlosen Bemühen, dem Kranken zu
helfen. In ruhiger Geste legte der Than dem Freund die Hand auf die Schulter.
Du tust viel für ihn, versicherte er.
Aber es reicht nicht, kam die Antwort, der anzuhören war,
wie gewollt jeder Vorwurf in ihr unterdrückt wurde.
Harkym verstand dieses Empfinden dennoch. Seine Stimme klang sehr sanft:
Ich kann Seymas nicht helfen, Micaal. Um den Geist eines anderen
auf diese Weise zu stärken, darf es nichts wider ihn geben. Und ich habe so manches wider
Seymas. Das sind Vorbehalte, die sich nicht abschütteln lassen und die deshalb jedes
Wirken verhindern.
Hast du es versucht? kam ganz leise die Frage.
Ja.
Für einen Moment Schloss Micaal die Augen. Diese Antwort erleichterte ihn ungemein,
fürchtete er doch bisher, Harkym wolle bewusst jede Hilfe verweigern. Im Innern leistete
er Abbitte. Laut aber fragte er nur:
Was mache ich falsch? Warum kann ich ihm nicht helfen?
Harkym lächelte kurz. Er hatte auf diese Frage nur gewartet. Nun konnte er Micaal
anleiten und belehren und ihm zeigen, wie er seine eigene Kraft verströmen, teilen und
lenken musste. Da waren keine Worte nötig. Er führte den Freund im Geist. Als er sah,
dass Micaal verstand, zog er sich schweigend zurück.
Ende Kapitel 18
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