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Zyklus der Nebelreiche - Band 30

ein Roman von Renate Steinbach

 

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Kapitel 16



Die drei Reiter näherten sich dem Besitz des Pecha von Minas. Harkym ritt etwas voraus. Hinter sich hörte er Micaal und Bakhir über eine belanglose Kleinigkeit streiten und sich dabei durchaus böse Worte gebend.


Das geschmiedete Tor stand weit offen. Die Wachen achteten nicht auf die Reiter, die alle einfache Reisekleidung trugen. Ihre Blicke galten den Kameraden.


   „Krystan!“

Mit scharfer Stimme rief Harkym den Namen des Bruders. Der befand sich schon nahe vor Alessa, doch noch zu weit für den tödlichen Hieb entfernt. Er kämpfte gegen eine unsichtbare Mauer, welche die Hexe schützend umgab. Als er Harkyms Stimme hörte, fuhr er herum. Er starrte den Than in völliger Überraschung an. Sein Kommen wurde erst in einigen Tagen erwartet. Der Säbel entfiel seiner blutenden Hand, als Harkym sein Tier nahe bei ihm zügelte und aus dem Sattel glitt.

Naphara atmete auf, rief die feuchten Kräfte zurück und erlöste die Soldaten aus ihrer klammen Erstarrung.


   „Willkommen auf Minas, Bruder,“ rief sie Harkym fast vergnügt zu, ehe sie sich neben Alessa begab und der mit leiser Stimme die Ankömmlinge nannte.

   „Was geschieht hier?“ wollte Harkym erstaunt wissen.

Krystan presste ein Tuch auf seine Wunde, während er anklagend antwortete:

   „Thyrian ringt mit dem Tode. Ein paar weitere Leute sind erkrankt und nun zwingt die Hitze auch Seymas nieder. Und dieses Weib verhindert, dass wir die Onik töten, um Mesa zu ernten.“ Sein Zorn schwächte ab, seine Stimme klang müde: „Die Viper und der dunkle Gott des Todes gehören zusammen. Wir wollen keinen Tod auf Minas.“

Die Manaa-Fliegen schwirrten ins Land. Die Rabenvögel erhoben sich in die Lüfte und entfernten sich mit heiserem Krächzen. Betreten entfernten sich die noch immer durchnässten Soldaten.

   „Indem du tötest, willst du den Tod bezwingen, Brüderchen?“ Harkym tadelte mit leiser Stimme. „Zeige mir deine Hand.“

Er entfernte das Tuch, betrachtete kurz die Wunde. Danach strich er mit nur wenig Abstand mit seinen Fingern über die Verletzung. Der Blutfluss verebbte fast sofort. Krystan starrte ungläubig den Bruder an, während die Krustenbildung einsetzte.

   „Wie machst du das?“ murmelte er verwirrt. Er gab sich einen inneren Ruck. „Rede du mit dieser Hexe. Vielleicht hört sie auf dich und verschwindet endlich.“

Micaal trat zu ihnen, während Bedienstete die Pferde zu den Stallungen führten. Bakhir hielt sich nicht auf. Er kannte Naphara und freute sich, sie zu sehen. Also ging er zu ihr, reichte ihr beide Hände und begrüßte sie voll Herzlichkeit.

   „Ich sehe, ihr reitet mit Micaal,“ meinte sie fröhlich. „Seid ihr euch inzwischen näher?“

   „Nein, wir streiten immer noch,“ gab er lachend zur Antwort, dabei einen fragenden Blick auf Alessa werfend.

Naphara stellte ihre neue Freundin vor.

   „Ich habe noch nie eine Frau gesehen, die Vögel rufen kann,“ gab er zu, Alessa grüßend die Hand reichend. „Fürchtet ihr die Onik nicht?“ fügte er an, als die Viper ihren Kopf sehen ließ.

Alessa spürte wohl, dass der Schlange im Moment keine Gefahr drohte, denn sie ergriff Bakhir am Oberarm und zog ihn zwei Schritte beiseite.

   „Mir tut sie nichts,“ versprach sie. „Aber ihr solltet etwas Abstand halten.“

Bakhir betrachtete ihr kleines Lager und verstand, dass diese Frau schon länger hier verharrte.

   „Ich hatte Minas gastfreundlicher in Erinnerung,“ grinste er.

Alessa lachte leise auf.

   „Ich bin nicht Gast, sondern Besatzer,“ erklärte sie leichthin. „Das dort ist Harkym, nicht wahr?“ Er nickte. Dass sie einen sehr, sehr langen Blick auf den Freund warf, verwunderte ihn nicht, waren doch alle Menschen neugierig auf den mächtigsten Mann der Reiche. „Dann ist es jetzt wohl seine Aufgabe, die Onik zu schützen und ich kann meiner Wege ziehen,“ meinte sie dann schließlich, sich wieder auf Bakhir ausrichtend.

Sie griff nach ihren Dingen am Boden und begann, ihr Bündel zu packen. Naphara war zu Harkym und Micaal getreten. Bakhir half Alessa.

   „Krystan wollte euch töten. Soweit ich mich erinnere, ist er ein freundlicher Mann.“ Er sah Alessa bittend an. „Ihn trieb wohl die verzweifelte Sorge um den Pecha. Es sieht ja so aus, als hätten sie keine Mesa-Blätter mehr.“

Alessa richtete sich auf und sah ihn lange an. Sanft erwiderte sie:

   „Niemand ist freundlich, der mit Gewalt nehmen will, was er auch erbitten könnte.“

Wie zur Bekräftigung ihrer Worte trat zu auf den Strauch zu, streckte die Hand aus, aber berührte die Blätter nicht. Leise murmelte sie ein paar Worte, die Bakhir nicht verstand. Ein leiser Wind strich durch die Zweige, als lautlos fünf der fleischigen Blätter sich lösten und zu Boden fielen. Alessa hob sie auf, reichte sie Bakhir.

   „Wer die Blätter pflückt oder den Strauch irgendwie verletzt, bekommt die Onik zum Feind. So manchen hat sie tagelang verfolgt, um ihn zu richten. Aber was die Mesa freiwillig gibt, darf man nehmen. Bringt das euren Freunden.“

Bakhir dankte, eilte zu Harkym und drückte ihm Alessas Gabe wortlos in die Hand. Dann ging er zurück zu ihr und nahm ihr das Bündel ab.

   „Kommt,“ schlug er vor, „wir verlangen jetzt ein Gastquartier für euch und ihr werdet euch erfrischen und ausruhen, ehe ihr geht.“

Sie lachte erheitert.

   „Verlangen? Ihr macht euch Minas zum Feind, wenn ihr für mich eintretet. Man wird euch nicht nachgeben.“

Bakhir grinste. Er warf einen kurzen Blick zu Harkym, wohl wissend, dass er dort jetzt ohnehin nicht gebraucht wurde. Wie in vertrauter Geste griff er nach Alessas Hand und führte sie zum Haus. Dort erst zog er das Opal-Siegel unter dem Wams hervor. Dieses Zeichen bewies, dass der Than zu ihm stand und er alles fordern durfte. Und wirklich schien der erste Bedienstete, dem sie begegneten, es zu kennen. Der Mann verneigte sich sogar leicht, ehe er dem Wunsch nach einem Gastraum nachkam. Alessa staunte darüber, sagte jedoch nichts dazu. Als wenig später eine Magd ein Mahl servierte, lud sie Bakhir aber ein, bei ihr zu bleiben und mit ihr zu speisen. Und der Mann aus Wyla kam dieser Bitte nur zu gerne nach.

Beim Mahl musterte die Hexe ihre Gesellschaft völlig ungeniert sehr eindringlich.

   „Ihr seid kein Priester,“ stellte sie schließlich fest. „Naphara hat euch als Freund ihres Bruders bezeichnet. War das eine Floskel?“

Bakhir lachte erheitert ein leises Lachen.

   „Wir sind Freunde,“ versicherte er nachdrücklich.

   „Dann ist er ein kluger Mann, wenn er sich nicht nur mit seinesgleichen umgibt,“ stellte Alessa vergnügt fest. „Und ihr seid es wohl auch.“

Bakhir schmunzelte. Sie gefiel ihm und als Mann aus Wyla konnte nur selten eine Frau ihn leicht für sich einnehmen. Er war neugierig auf sie und ihr Leben, doch anstatt sie mit Fragen zu bedrängen, erzählte er von sich und seinem Alltag und den Menschen seiner Siedlung.

   „Ihr müsst ein glücklicher Mensch sein,“ stellte Alessa mit sanftem Lächeln fest.

   „Das bin ich – meistens.“ Bakhir grinste. „Seid ihr es nicht? Kann ich euch in irgendeiner Sache helfen?“

Die Hexe warf ihm einen erstaunten Blick zu. Solch ein Angebot erhielt sie wohl nur selten. Aber nun erzählte sie aus ihrem Leben und Alltag. Bakhir verstand sehr schnell, dass diese Frau nichts vermisste und ganz im Einklang lebte mit ihrem inneren Sein.

   „Ihr seid ein erstaunlicher Mensch,“ stellte sie irgendwann fest. „Ihr habt die Onik, die Mesa, die Fliegen und die Raben gesehen und fragt nicht, wie das alles anging. Aber es interessiert euch sehr.“

   „Das tut es wohl,“ gab er achselzuckend zu. „Aber ich würde die Antworten ohnehin nicht verstehen.“ Er lachte leise auf im Erinnern. „Als Harkym die junge Aaya auf seinem Finger dem Wind entgegen hielt, habe ich es auch nicht verstanden. Es ist genug, wenn kein Schaden dadurch entsteht?“

   „Die Aaya?“ hakte die Hexe sofort nach, nun sehr aufmerksam.

Bakhir erzählte vom Kokon der Spinne, den er mit Harkym fand; dem aufgeregten Wuseln darauf, dem kleinen Wesen, das den Fangfaden aus dem Hinterleib presste und das dann mit dem Aufwind davon getragen wurde. Und er staunte etwas, weil diese Frau sich nicht für Harkym darin interessierte, sondern nur für die kleinen Spinnen und auch für das Gleichnis, das durch deren Flug Harkym in Bakhir einpflanzte.


Harkym fragte nicht nach Bakhir. Die Mutter hörte von seinem Kommen und war aus dem Haus gelaufen. Er hielt sie fest in seinen Armen. Aniela hatte sich ihm entgegen geworfen, als habe es nie etwas Trennendes zwischen ihnen gegeben. Erschöpfung und Verzweiflung kostete sie all ihre Kräfte. Sie dachte nicht mehr an Sion, nicht mehr an Tibra. Seymas, Tharan und auch Thyrian waren ihr wichtig und wenn hier jemand helfen konnte, dann dieser Sohn, dem sie seit Jahren grollte. Aniela weinte. Es dauerte sehr lange, ehe es Harkym gelang, etwas Ruhe auf sie zu verströmen. Wie sehr ihn ihr Anblick bestürzte, war nicht zu sehen. Er kannte die Mutter nur als starke, machtbewusste und durchaus auch schöne Frau – aber nun hielt er sie im Arm und sie war alt und schwach und wirkte verbraucht und mutlos. Fast behutsam führte er sie ins Haus.

Micaal und die Geschwister blieben bei ihm. Naphara hatte nach Speise verlangt. Während Micaal und Harkym etwas aßen, erzählte sie ausführlich von allem, was geschah. Krystan stand schweigend dabei. Er fühlte sich seltsam schuldig und er sinnierte noch über seine heilende Wunde. Harkym sah den Bruder an.

   „Du bleibst bei Mutter und sorgst dafür, dass sie sich ausruht,“ entschied er dann und etwas in seiner Stimme besaß einen durchaus befehlenden Unterton.

Als Krystan versprechend nickte, verließ er mit Naphara und Micaal den Raum. Lange weilte er bei Thyrian, während seine Begleitung vor der Tür wartete. Als er dann den Raum verließ, griff Naphara nach seinen Händen:

   „Wird er sterben?“ forschte sie bang.

   „Das kann ich dir nicht sagen, Schwester,“ gab er mit seltsam müder Stimme zu.

Micaal presste die Lippen zusammen und schwieg. Er wusste, dass der Than von seiner eigenen Lebenskraft auf den kranken alten Mann übertrug und dass er sich selbst darin nicht schonte. Er wusste auch um die Notwendigkeit, aber es gefiel ihm trotzdem nicht.

Als Harkym dann Tharan aufsuchte, schickte er die beiden nicht hinaus. Er fand den Sohn, den man für seinen kleinen Bruder hielt, aufs Beste gepflegt, doch unverändert in seinem miskaähnlichen Zustand, in dem der Geist des Jungen für ihn unerreichbar blieb. Harkym hatte nichts anderes erwartet. Bei guter Pflege konnte Tharan jahrelang in diesem Zustand verharren. Aber es war weder Leben noch Sterben und deshalb nicht hinnehmbar. Doch Handeln irgendwelcher Art eilte auch nicht.

   „Willst du Seymas jetzt sehen?“ erkundigte sich Naphara vorsichtig. „Ich fürchte, er stirbt, Harkym. Er hat sich immer nur gewünscht, sich mit dir auszusöhnen. Vielleicht ist es dir doch möglich, seinen letzten Wunsch zu erfüllen. Er…“

Sie unterbrach sich, weil Micaal schweigend den Arm um ihre Seite legte. Der Mann aus Moras wusste sehr genau, wie unnachgiebig der Freund in dieser Sache blieb.

   „Sieh ihn dir wenigstens an,“ flehte die Schwester trotzdem.

Harkym warf ihr einen langen Blick zu. Naphara fürchtete wirklich um Seymas, aber mehr noch um die Mutter, die diesen Verlust nicht ertragen wollte. Stumm deutete er zur Tür und dann folgte er ihr in Seymas‘ Gemach.

   „Ihr müsst nicht gehen,“ hielte er die beiden zurück, als sie gehen wollten.

Naphara begriff. Harkym war nicht bereit, für Seymas dasselbe wie für Thyrian zu tun. Was immer er dem alten Mann tat, das duldete keine Zeugen. Hier durften sie bleiben, also würde er nicht auf priesterliche Weise handeln.

Und wirklich befühlte Harkym nur die heiße Stirn des Kranken, prüfte die Zusammensetzung des Mesa-Tees und flößte ihm sogar ein paar Tropfen des heilsamen Getränkes ein. Aber mehr tat er nicht und als er den Raum wortlos verließ, war für Seymas nichts getan.

Er überließ Micaal der Schwester, die alles für dessen Wohl und Bequemlichkeit tun wollte. Selbst suchte er jene kleine Kammer auf, in der er als Knabe lebte und die immer noch von niemand anderem bewohnt wurde. Unzählige Erinnerungen erwachten in diesem Raum und die meisten von ihnen waren gut und bereichernd. Der Than streifte die Kleider ab, legte sich auf das an der Wand verankerte Lager. Eine andere Erinnerung streifte ihn. Hier lag er, weinend und betrunken, nachdem er begriff, dass die Fallas der Reiche ihn zum Than erkannten. Unwillkürlich lächelte er nun. Das lag so weit zurück, fühlte sich fast unwirklich an. Er dachte an den Vater, der in dieser Stunde zu ihm kam und mit dem Gedanken an Tibra schlief er ein.


Ende Kapitel 16

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