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Zyklus der Nebelreiche - Band 30
ein Roman von Renate Steinbach
Kapitel 15
Harkym verbot jede Störung und blieb lange in seinen
Gemächern. Der Burghof füllte sich mit Alltag. Die hier arbeitenden Menschen gingen
ihrem Tagwerk nach. Bakhir staunte ein wenig, wie schnell das eben Geschehene vergessen
schien. Micaal war zu Andraag gegangen und mit diesem in die Burg. Bakhir, der
noch immer kein Gastquartier besaß, schlenderte durch den Garten. Er war müde und
fühlte sich erschöpft. Kurz sah er zum Tempel. Die Ruhe dort würde ihm gut tun. Aber zu
leicht vergaß man die Zeit in der Nähe der Götter. Das Risiko war ihm zu groß. Er zog
es vor, zum Weiher zu gehen. Dort setzte er sich nahe des Wassers nieder, lehnte mit dem
Rücken gegen einen starken Baum, schaute ein wenig den schwirrenden Insekten zu und
schlief endlich ein.
Stunden später stromerte er durch die Burg, lief über die Wehrgänge und betrachtete das
Land. Er hoffte auf ein bekanntes Gesicht, um endlich Quartier und vor allem Nahrung zu
verlangen. Fremde fragen wollte er nicht. Schließlich fand er sich in einem breiten Gang
wieder, den er kannte. Bakhir grinste, als er nun zielbewusst zu Harkyms Gemächern ging.
Es standen zwei Wachen vor der Tür, doch sie hielten ihn nicht auf.
Wo warst du? empfing ihn Harkym nach kurzem Gruß.
Im Garten, gab der Freund leichthin Auskunft. Wie
geht es dir?
Besorgt sah er Harkym an, doch als der ruhig lächelte, atmete er auf. Bakhir hatte
wirklich befürchtet, das Sterben des alten Magiers habe den Than belastet.
Ich reite morgen nach Minas.
Gut,ich komme mit dir. Es wird Zeit, dass du deine Familie einmal
besuchst trotz Seymas. Können wir zuvor etwas essen?
Harkym ließ ihm ein Mahl kommen und wunderte sich etwas über die Gier, mit der Bakhir
die Speise nahm. Er ahnte, dass der Freund auf Burg Nodher kein Gastrecht erhielt.
Sieh mich nicht so vorwurfsvoll an, wehrte sich Bakhir endlich.
Die Ereignisse hier haben sich einfach etwas überschlagen. Ich kam gar nicht dazu,
irgendetwas für mich zu verlangen. Außerdem mag ich die Burg immer noch nicht.
Ich hörte, dass du im Tempel warst.
Ja, und ich hatte das Tor geschlossen und damit den Herrscher
verärgert. Hat er sich über mich beschwert?
Harkym lachte leise auf. Ilkonys würde dies nicht wagen. Bakhir grinste, ehe er
erzählte, wie Micaal plötzlich seinen Beistand anbot, als er annahm, es gäbe ein
Zerwürfnis zwischen ihm und Harkym. Er wurde sehr still, als der Freund von Minas
sprach und von Tharan und dessen Leid.
Kannst du dem Jungen helfen? wollte Bakhir besorgt wissen.
Das kann ich dir nicht sagen, gab Harkym betrübt zu. Die
Informationen sind spärlich. Ich werde es natürlich versuchen.
Das hat Seymas bestimmt auch getan. Bakhir starrte düster vor
sich hin. Vielleicht ist es besser, wenn du ohne mich reitest. Ich würde dich
aufhalten.
Bakhir wusste durchaus, dass Harkym ein sehr viel besserer Reiter war als er, auch wenn
ihm der Sattel inzwischen vertraut erschien. Aber einen wirklich schnellen Ritt hielt er
nicht lange durch. Doch der Than wehrte ab.
Tharan kann in diesem Zustand vermutlich sehr lange überleben. Er
ähnelt Miska; er tötet nicht. Und ich brauche einen Freund an meiner Seite, der imstande
ist, meine Sicht der Dinge nötigenfalls zu berichtigen.
Micaal
Micaal lässt mich nicht vergessen, was ich bin. Harkym
schmunzelte, während er dem Freund die Hand auf die Schulter legte. Aber du
erinnerst mich daran, wer ich bin. Wenn du es willst, bleibt Micaal hier.
Bakhir lachte auf und füllte sich den Teller erneut.
Wenn wir streiten sollten, musst du einfach versuchen, dich nicht
einzumischen, schlug er wie erheitert vor. Er ist schon in Ordnung. Wir
können uns zwar nicht leiden, aber beide mögen wir dich. Er sollte schon bei dir sein,
wenn du Probleme hast.
Harkym ließ den Freund allein. Er wollte ohnehin mit Micaal reden und ihm auch einen
Vorwurf wegen seines eigenmächtigen Handelns nicht ersparen. Auch Ilkonys widmete er sich
an diesem Tag und sehr lange verweilte er danach bei Andraag. Als er seine Gemächer
wieder aufsuchte, schlief Bakhir in einem der hohen Sessel. Zuerst wollte er ihn wecken,
doch dann breitete er nur eine Decke über ihn und begab sich selbst zur Ruhe.
Aniela nahm mit Seymas, Krystan und Naphara das Frühmahl ein. Sie wirkte blass und
übernächtig, ebenso wie ihr Gemahl. Doch während sie sich für Tharan aufopferte,
kämpfte Seymas inzwischen selbst gegen die Hitze in sich, wobei er seine Kräfte aber
ausschließlich für Thyrian aufwand. Naphara sah es mit Sorge, sprach jedoch nicht
darüber. Seymas war in vielen Dingen unbelehrbar. Er würde ihren Rat ohnehin nicht
annehmen.
Krystan sprach von Alessa. Er hatte viele Fragen und Aniela wurde nun aufmerksam. Diese
seltsame Besucherin war ihr nicht gemeldet worden.
Ich weiß nicht, wer oder was sie ist, wehrte Naphara
nachdenklich ab. Ich mag Alessa und habe mich lange mit ihr unterhalten. Aber ich
habe sie nicht ausgehorcht.
Du magst sie? wiederholte Seymas erstaunt. Naphara schloss sich
im Allgemeinen nicht leicht einem Menschen an. Und warum nächtigt sie dann im
Freien?
Sie beschützt die Onik, gab Krystan zu. Er schilderte, was
am vergangenen Tag geschah und er fühlte sich nicht schuldig dabei. Als er erzählte, wie
Alessa die Viper warnte, sah Seymas ihn aufmerksam an. Es war fast unheimlich,
berichtete Krystan. Dieser Zischlaut war irgendwie nicht menschlich; fast, als
spräche sie mit der Schlange. Aber niemand kann mit Tieren reden.
Nymardos konnte es, murmelte Seymas mit leiser Stimme. Ich
habe oft gehört, wie er mit seltsamen Lauten irgendwelche Tiere beruhigte, zähmte oder
lockte. Das ist vielleicht nicht wirklich Sprache, aber sicher eine Art von
Verständigung. Ist diese Alessa Priesterin?
Naphara schüttelte den Kopf.
Ich möchte, dass sie Minas verlässt, entschied Aniela nach
kurzem Überlegen. Und du, Krystan, wirst die Onik in Ruhe lassen. Diese Frau hat
die Gabe des Tempels gebracht und soll dafür entlohnt werden. Willst du das
übernehmen?
Bei diesen Worten sah sie Naphara an. Die aber wehrte ab.
Vielleicht kann ich sie überreden, als mein Gast zu bleiben,
hoffte sie.
Aniela wollte abwehren, doch die Tochter sah sie so entschlossen an, dass sie schwieg. Sie
war ohnehin zu ausgelaugt, um zu streiten.
Naphara selbst brachte ein reichhaltiges Frühmahl zu Alessa. Die Fremde hatte
inzwischen den Pfeil aus dem Erdreich zwischen den Wurzeln gezogen. Er lag achtlos neben
ihr im morgenfeuchten Gras. Als später Krystan zu einem Ausritt das Gelände verließ,
konnte die Magierin den Gast überreden, ins Haus zu kommen, wo sich Alessa reinigen und
umkleiden konnte. Doch sie war nicht bereit, sich dort aufzuhalten. Bei Krystans Rückkehr
lagerte sie schon wieder bei der Mesa, wo sie sich angeregt mit Naphara unterhielt.
Ich sollte weniger von mir erzählen, lachte Naphara so
laut, dass Krystan sie hören konnte. Wann sie zum vertrauten Du überging, wusste sie
nicht einmal. Es wundert mich aber, dass die Magie, die ich lebe, dich so wenig
erschreckt. Ich habe fast den Eindruck, als wenn dir Magie nicht fremd sei.
Ist nicht alles, das uns umgibt, Magie? erwiderte Alessa
vergnügt. Es ist mir nicht fremd. Nur die Art, wie ihr Magier die Dinge seht, die
ist mir neu. Und es fasziniert mich auch. Aber es wirkt so unnötig kompliziert und auch
gefährlich.
Billiger kann man ein Elemental nicht beherrschen.
Nun, ich strebe nicht nach Herrschaft. Alessa lächelte,
wobei ihre Züge sehr weich wurden und sie eine seltsame Art umfassender Freundlichkeit
ausstrahlte. Ich ziehe es vor, mich zu verbrüdern und wenn ich Einheit finde, bin
ich für kurze Zeit heil.
So reden die Priester, staunte Naphara.
Alessa lachte auf.
Ich bin das, was man im Volk eine Hexe nennt. Das hat wirklich
nichts mit Priesterschaft zu tun.
Naphara horchte auf. Sie wusste um die Hexen, aber sie kannte keine von ihnen. Magier
wirkten im Verborgenen, gaben sich nicht zu erkennen. Man suchte ihren Dienst auf
verschlungenen Pfaden, um sich dadurch persönliche Vorteile zu verschaffen und bezahlte
viele Solare dafür. Hexen verhehlten ihr Sein nicht. Das Volk rief sie zu Hilfe, wenn der
natürliche Gang der Dinge beeinflusst werden sollte. Sie waren keine Heilerinnen. Aber
man nahm ihren Dienst in Anspruch bei bedrohten Ernten, Tierseuchen, Brunnensuche,
Liebeskummer, Ärger mit anderen Menschen und Rechtsproblemen und vielen anderen Dingen.
Man liebte ihre Hilfe, aber man liebte nicht die Helfer. Die meisten Hexen wanderten
deshalb umher und diejenigen, die sich niederließen, taten dies entfernt der Siedlungen,
weil sie die Einsamkeit dem stets gewärtigen Misstrauen vorzogen.
Naphara stellte nun unzählige, auch neugierige Fragen und Alessa breitete ihr Leben
aus und erzählte von vielen Erlebnissen. Seit zehn Jahren lebte sie so. Sie hatte alle
Reiche durchwandert und viel erlebt. Sie liebte dieses Sein, das war aus jedem Satz heraus
zu hören. Naphara war fasziniert. Obwohl Alessa einen ganz anderen Weg als sie selbst
ging, fühlte sie sich ihr verbunden, geradezu verwandt. In gewisser Weise waren sie beide
Außenseiter. Und beide liebten sie ihr Sein und vermissten nichts. Naphara verbrachte den
ganzen Tag im Freien. Manchmal zeigte sich die Onik. Dann spannte sich die Magierin an.
Doch Alessa sprach leise und beruhigend mit der Viper, bis sich das Tier wieder zurück
zog.
In den aufkommenden Nebeln am Abend beobachtete Krystan wieder, wie die Mesa ihre
Zweige schützend über die Hexe breitete. Er sah auch die Onik, die nun ihr Versteck
verließ und sich eng an der schlafenden Frau ringelte, deren Körperwärme sichtlich
genießend. In diesem Moment fürchtete er sogar um die Frau und beruhigt sah er am andern
Morgen, dass ihr kein Leid geschah.
Bakhir bestimmte das Reisetempo, was Micaal nicht wirklich gefiel. Raakis Priester
war ein vorzüglicher Reiter und auch Harkym beherrschte den Sattel hervorragend. Doch
Bakhir brauchte immer wieder Zeiten, in denen es nicht im Galopp ging.
Gibt es auf eurem Landsitz immer noch keine Pferde? murrte
Micaal, an Bakhir gewandt.
Was sollte ich dort mit denen anfangen? Bakhir grinste.
Wenn man nicht reiten will, sind diese Tiere recht überflüssig. Ein Musk-Esel
hilft wenigstens beim Pflügen.
Es wäre wirklich besser, wenn ihr jetzt eure Felder bestellen
würdet. Wir kämen rascher voran.
Harkym wollte ein vermittelndes Wort sagen, doch Bakhir lachte nur und meinte:
Das ist richtig. Es steht euch frei, mit mir später nach Hause zu
kommen und mit zu helfen, auf den Feldern die verlorene Zeit einzuholen. Vielleicht würde
euch ein bisschen richtige Arbeit sogar gefallen.
Ich arbeite auch auf Amarra, brummte Micaal, was ja wirklich
den Tatsachen entsprach. In Thara, woher ich stamme, habe ich auch oft auf den
Feldern gearbeitet.
Gefiel es euch nicht?
Nein, kam düster die Antwort.
Micaal dachte nicht gern an sein Leben im Tempel des Friedens auf Thara zurück.
Da gab es nichts, das er vermisste. Bakhir lachte wieder.
Es ist aber herrlich, behauptete er. Wenn man jetzt so
früh im Jahr den Boden aufbricht und die Erde ihren Duft verströmt, dann gibt es nichts,
das besser sein könnte. Er lachte Harkym zu, als er anfügte: Das ist ein
Frieden, wie er auch in einem Tempel nicht tiefer wirken kann.
Davon versteht ihr nichts, schimpfte Micaal.
Es gab viele solcher Wortgefechte zwischen ihnen. Oft provozierte Micaal den Landmann,
doch Bakhir lachte nur darüber und ließ keinen Streit zu.
Als sie am Abend keine Herberge fanden, entschied Harkym, in einer einsamen Scheune
zu nächtigen. Micaal mühte sich redlich, mit den Feuersteinen das nebelfeuchte Holz, das
Bakhir sammelte, zu entzünden. Harkym zwinkerte Bakhir vergnügt zu und der Mann aus Wyla
schüttelte nur schweigend den Kopf. Er wusste, dass Harkym es verstand, auf magische
Weise Feuer zu machen und er wusste auch, dass Micaal alles, was mit Magie zu tun hatte,
völlig ablehnte. Es dauerte sehr lange, bis endlich eine kleine Flamme züngelte und sie
sich wärmen konnten.
Weiß deine Familie, dass du kommst? erkundigte sich Bakhir.
Harkym nickte nur. Seit über fünf Jahren hatte er Minas nicht mehr gesehen und es
verlangte ihn nicht danach, Seymas zu begegnen. Er verachtete den Gemahl seiner Mutter
noch immer, der ihn als Jüngling so hart verurteilte. Sein Vorgänger wusste das.
Vermutlich sah Seymas diesem Besuch mit ungutem Gefühl entgegen.
Nymardos hat Seymas mein Kommen übermittelt, erklärte
Harkym den Freunden. Ich komme aber nicht als Than und es wird keinen Empfang oder
dergleichen geben. Das gab es auf Minas ohnehin nie.
Es leben einige Priester dort, erinnerte Micaal.
Das war schon immer so, erwiderte Harkym. Trotzdem reite
ich nur als Sohn in mein Vaterhaus und nicht als Priester auf einen Pecha-Sitz. Ich freue
mich, Krystan und Naphara wieder zu sehen. Und ich hoffe, dass Tharan nicht verloren
ist.
Ich nehme an, du freust dich auch auf deine Mutter, mahnte
Bakhir.
Er erinnerte sich gut an Aniela und er wusste, wie sehr sie diesen Sohn liebte, den Tibra
einst mit in ihre Ehe brachte. Harkym sah den Freund ernst an.
Das kommt darauf an, ob sie mir den Tod meines Vaters
verzieh, gab er zu.
Die Männer schwiegen in der Erinnerung an das ungute Geschehen in Sion, bei dem Tibra den
Tod fand.
Seymas fieberte. Die Hitze fesselte nun auch ihn auf sein Lager und da es ihm nicht mehr
möglich war, Thyrian zu stärken, verfiel dieser in einen tiefen Dämmerschlaf, den
nichts zu durchdringen vermochte. Und da auch Seymas nun den heilenden Mesa-Trank
benötigte, erschöpften die geringen Vorräte.
Aniela weinte fast unablässig. Nun, da sie Seymas zu verlieren fürchtete, erkannte sie
erst, wie sehr sie diesen Mann inzwischen wirklich liebte. Die Sorge um ihn, Thyrian und
vor allem auch Tharan ließen sie altern.
Krystan empfand nichts als Zorn. Vor dem Haus wuchs die Pflanze, welche Heilung
versprach, bewacht von einer tödlichen Viper und einer sturen Frau. Er verließ das Haus,
ging über die Wiese und rief nach einigen in der Nähe stehenden Soldaten.
Nehmt eure Waffen, verlangte er in befehlendem Tonfall.
Schafft diese Frau dort beiseite. Wenn sich die Viper zeigt, schlagt ihr den Kopf
ab. Da sie scheu ist, wird sie sich vermutlich nicht blicken lassen.
Die Männer sahen ihn erschrocken an. Krystan besaß keine Befehlsgewalt auf Minas,
auch wenn er Sohn der Pecha war. Sie wussten aber alle, dass der Pecha selbst erkrankte
und die Mesa ihm helfen konnte. Es war mehr Treue zu Seymas als Gehorsam, was sie die
Säbel zücken ließ.
Wagt euch nicht näher, rief Naphara erbost bei ihrem Nahen
und ging ihnen einige Schritte entgegen.
Jetzt zögerten sie. Doch Krystan trat nach vorn und stieß die Schwester einfach
beiseite. Alessa erhob sich mit einer geschmeidigen Bewegung. Mit lautem Krächzen flog
ein kleiner Schwarm großer, schwarzer Krähenvögel herbei und ließ sich auf dem Dach
des Hauses nieder. Irritiert sahen die Männer nach oben, als drohe von dort eine große
Gefahr.
Lasst euch nicht blenden, fauchte Krystan, die sich heftig
wehrende Naphara am Gewand haltend.
Sieben Soldaten nahten. Naphara murmelte einige seltsame Worte in der längst vergessenen
Sprache der alten Zeit. Eisige Kälte entstand um die Bewaffneten. Jeder wusste, dass die
Tochter der Pecha als starke Magierin lebte und das Element des Wassers beherrschte. Sie
vermochte durchaus, den Nebel zu beeinflussen. Die Kälte, welche die Männer umgab, war
feuchter Natur.
Alessa hatte die Rechte erhoben. Ob die Manaa-Fliegen aus ihrer Hand kamen oder nur
von ihr gerufen wurden, ließ sich nicht unterscheiden. Doch die kleinen Fliegen sirrten
um die Hexe.
Es wird nicht genug Mesa in Minas geben, warnte Alessa mit
ruhiger Stimme. Wenn ihr es wagt, dem Strauch oder der Viper zu schaden, kann euch
nichts mehr schützen.
Krystan entriss einem der Männer den Säbel. Drohend hob er die Waffe.
Ich will euch nicht töten, rief er Alessa zu. Aber,
bei allen Göttern, ich werde es tun, wenn ihr nicht weichen wollt.
Er stand nun allein gegen diese Frau, denn die Manaa-Fliegen sirrten weit
zerstreut über das Wiesenrund und ihre Anwesenheit lähmte die Soldaten förmlich.
Außerdem durchnässte deren Kleidung trotz der hohen Nebel durch Napharas leise
Beschwörungen. Und noch immer erfüllte das Krächzen der Vögel den ganzen Platz wie ein
bösartiges Versprechen.
Krystan konnte mit dem Säbel umgehen. Auf Burg Nodher ließ er sich in dessen Gebrauch
unterrichten. Doch er wusste nicht, wie er töten sollte. Da Alessa aber nicht einen
Schritt beiseite trat, fühlte er sich geradezu verpflichtet, seine Drohung zu
verwirklichen. Er wollte auf sie zustürmen.
Alessa erwartete ihn, die Handflächen nun aneinander gelegt. Krystan stolperte. Obwohl
das Wiesenrund von kundigen Gärtnern gepflegt wurde und eigentlich keine Unebenheiten
kannte, trat er unvermittelt in ein kleines Erdloch und verlor den Halt. Die Waffe entfiel
seiner Hand. Krystan hechtete nach vorn, um sie zu greifen.
Einer der Rabenvögel hatte sich in die Luft geschwungen. Er kam im Sturzflug über
den Mann, pickte ihm schmerzhaft in den Handrücken und riss ihm dabei das Fleisch auf,
ehe er zurück aufs Dach flog. Krystan ergriff den Säbel. Die Rechte schmerzte; er
achtete kaum darauf, während sein Blut floss.
Verzweifelter Hass glomm in seinen Augen. Er rannte nicht mehr, sondern ging langsam und
bedacht. Denn nun wollte er nicht mehr Alessas Weichen. Er wollte ihren Tod.
Ende Kapitel 15
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