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Zyklus der Nebelreiche - Band 30

ein Roman von Renate Steinbach

 

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Kapitel 14


Es dauerte etwas, bis es Bakhir gelang, Micaals Hand von seinem Arm zu lösen. Die Garde des Herrschers näherte sich dem Turm und er fürchtete schon, die Soldaten könnten dort eindringen. Doch sie belagerten ihn nur, bereit, jeden zu hindern, der sich jetzt nahen wollte.

Minosantes Stunde endete schon. Vom Garten her kamen jene, die am Ritual teilnahmen. Bakhir sah nur kurz zu ihnen.

   "Was war das?" forschte er, an Micaal gewandt.

   "Ähnliches haben wir in Sarai gehört, als böse Kräfte verhindern wollten, dass Raakis Tempel gereinigt und geweiht wird," murmelte Micaal erschüttert.

   "Und was habt ihr da getan?"

   "Ich befand mich in Raakis Halle und hielt seine Kraft zentriert." Micaal war nicht nach Reden, doch er wollte Bakhir nicht brüskieren. "Alle anderen befanden sich außerhalb der Tempelmauer. Und Harkym war im Tempel und kämpfte gegen diese Kraft."

Bakhir presste die Lippen zusammen. Harkym erzählte ja, dass er der Magie einst zu nahe kam und was das bewirkte.

   "Jetzt kämpft er aber nicht gegen Magie," murmelte er mehr zu sich selbst. "Jetzt will er nur einen Magier beschützen." Er sah Micaal an. "Helft ihm doch."

   "Und wie?" Das klang resigniert. "Es wäre schon gefährlich, den Wehrturm zu betreten."

   "Ihr sollt ja auch nicht hinein. Aber ihr seid ein starker Priester, Micaal. Und ihr seid sein Freund. Genügt das nicht, um alle geistigen Kräfte zu mobilisieren? Wenn jemand Farrak bedroht, muss er von außen kommen. Also schirmt den Turm ab." Micaal riss die Augen auf und starrte den Tagelöhner in sprachlosem Erstaunen an. "Magie ist doch auch nur eine geistige Kraft. Sie muss schwächer werden, wenn sie eine Abschirmung durchdringt. Man kann nicht mit ganzer Kraft an mehreren Fronten kämpfen."

Raakis Priester richtete den Blick wieder den Turm hinauf. Irgendwie leuchteten ihm diese Worte ein, wenngleich der, der sie sprach, ihren Gehalt selbst kaum erkennen konnte.

Bakhir nickte befriedigt. Da Micaal sich nun konzentrierte, handelte er gewiss. Der Mann aus Wyla ging zu den Gardisten.

   "Sorgt dafür, dass niemand Raakis Priester stört. Sorgt für Ruhe," verlangte er in einem Tonfall, als könne er befehlen. Er sah zu Ilkonys hinüber. "Alle Priester sollten jetzt nicht gestört werden können," fügte er an.

Danach ging er über den Burghof und verneigte sich kniend vor seinem König. Er verharrte, bis Ilkonys selbst ihn aufhob.

   "Ich hoffe, es war kein Fehler, Farrak in der Burg zu lassen," sagte er, wobei seine Stimme durchaus freundlich klang.

   "Harkym wäre jetzt so oder so bei ihm," antwortete Bakhir mit sicherer Stimme. "Micaal versucht, ihm zu helfen, indem er den Turm abschirmt. Wollt ihr nicht das gleiche tun, Herr?"

Er überzeugte den Herrscher und die Männer bei ihm mit denselben Argumenten, mit denen er auch Micaal zum Handeln bewegte. Als er dann sah, dass diese Menschen begannen, den Turm abzuschirmen, ging er beiseite und wartete.

Viele Menschen verließen nun schweigend den Burghof. Sie hatten hier zu arbeiten, doch die Garde des Königs bedeutete ihnen, dass dies jetzt nicht galt. Andere, die ahnten, was geschah, scharten sich still um Bakhir. Prinz Riccar stand neben diesem Mann, Dalur einen Schritt entfernt. Alphena gesellte sich zu ihrem Sohn. Einige Soldaten kamen hinzu, ein paar Pagen, Bedienstete, Würdenträger.

Sie alle starrten furchtsam zum Turm, von dem erneut dieses sturmähnliche Kreischen ertönte, das wieder verebbte und dann als beklemmendes Rauschen blieb, das in den Ohren schmerzte und den eigenen Pulsschlag beschleunigte.

 
Harkym spürte die Bedrohung. Eine feindliche Macht griff nach dem nun verwundbaren Geist des Magiers. Zugleich fühlte er das Ziehen in einen Rapport, gegen das er sich fast ärgerlich wehrte, bis es verstummte. Seine Aufmerksamkeit galt nun nicht der Bedrohung, sondern allein Farrak. Solange er ihn umhüllte, konnte kein Gegner ein Ziel finden.

Er war wie eine Mauer, die durchbrochen werden musste. Harkym spürte, dass jeder Angriff nicht ihm galt, wohl aber durch ihn hindurch wollte und deshalb auch ihm zu schaden trachtete. Doch er war nicht nur stark im Geist, sondern handelte auch in vollem Bewusstsein. Er unterlag nicht und er kämpfte nicht. Da er nur danach trachtete, Farrak zu beschützen, bot er keinen Angriffspunkt.

Dann ließ diese Bedrohung nach. Sie verebbte nicht, aber sie wurde viel schwächer. Da war nur noch ein Lauern, ein Suchen. Nicht mehr er musste durchbrochen werden. Das feindliche Elemental suchte nun direkt nach dem Magier, der es so oft unter den eigenen Willen zwang. Und es hatte sich schon teilweise verausgabt. Auch ein schwächerer Magier würde es nun bezwingen können.

Harkym begleitete Farrak. Er sah die Rückverbindung zu dessen Körper, die wie eine gewundene Silberschnur wirkte. Sie wurde dünner und dünner. Er konnte nicht unbegrenzt mit ihm gehen, denn auch die eigene Rückverbindung verlor an Stabilität.

Aber da war noch der Sturmgeist, der lauerte. Harkym ging weiter. Farraks Geist wirkte schon losgelöst. Er war kein alter Mann mehr, sondern ein zeitloses Wesen, jung und alt zugleich, Mann und Frau, entstehend, vergehend und seiend zugleich.

Die Silberschnur wurde dünn wie ein Faden. Harkym hielt jetzt etwas Abstand, blieb ein wenig zurück, folgte nur noch langsam. Farraks Geist strahlte völlige Integrität aus, reine Ruhe, grenzenlose Kraft. Die Silberschnur zerriss.

Harkym blieb zurück, begann den inneren Rückweg. Geist und Bewusstsein verbanden sich erneut. Er atmete tief durch.

Mit ruhiger Bewegung untersuchte er den leblosen Leib des alten Mannes, um dessen Lippen ein seltsam erheitertes Lächeln noch immer spielte. Er bettete ihn auf sein Lager, überkreuzte dessen Hände vor der Brust, schloss seine Augen und bedeckte den schmalen Leib danach mit einer Decke. Wortlos verließ er den Raum und stieg die Stufen hinab.

 
Micaal wusste nicht, dass es vorbei war, bis er Harkyms sanft lockenden Geist spürte und die Abschirmung aufgab. Der Freund stand nahe bei ihm und lächelte.

   "Du hast uns sehr geholfen," sagte der Than mit leiser Stimme. "Ich danke dir."

Er wartete keine Reaktion ab, sondern winkte den Teju der Garde herbei und befahl, den Turm zu verschließen und bis zum andern Tag niemanden einzulassen. Dann ging er zu Ilkonys und den Menschen bei ihm, die schon spürten, dass keine Gefahr mehr bestand und ihr priesterliches Wirken endeten. Wana ging ihm entgegen. Er fasste ihre Hände, duldete keine Unterwerfung.

   "Zieh dich mit Dalur zurück," riet er. "Morgen mögt ihr euren Freund begraben. Er ging in Frieden."

Ihre Augen schimmerten feucht, als sie ihn dankbar ansah. Dalur kam und führte sie in die Burg. Er weinte. Jiddan wollte der Gefährtin nachgehen.

   "Bleib," hielt ihn Harkym aber zurück, "es hilft ihr nicht, wenn du jetzt bei ihr bist. Wana und Dalur haben das Recht auf Tränen und Trauer. Sie werden einander trösten."

Er dankte Ilkonys und den Menschen bei ihm und lobte ihre Umsicht. Andraag machte eine abwehrende Handbewegung und Ilkonys gestand:

   "Wir haben nur den Rat eures Pala befolgt, Gebieter."

Harkym sah zu Micaal, der noch immer unbeweglich stand.

   "Bakhir hat uns überredet," erklärte Andraag. "Es ist unsere Schande, dass es dazu vieler Worte bedurfte."

   "Bakhir?" Harkym staunte und lächelte. "Das freilich vertieft meinen Dank. Wir werden später darüber reden, wenn ihr wollt. Nun muss ich allein sein. Da ist noch jemand, der nach mir verlangt."

Er betrat das Innere der Burg und suchte seine Gastgemächer auf. Nymardos wartete seit Stunden und er wollte sich dem erstrebten Rapport nun öffnen.

 
Tharans unverändert lebloser Zustand bewirkte auf dem Pecha-Sitz in Minas eine fast lähmende Trauer. Naphara verließ kaum mehr ihre Räume. Unablässig forschte sie nach, ob sich nicht eine Heilung auf magischem Weg finden ließ. Seymas weilte fast ausschließlich bei Thyrian, dessen Hitze nicht weichen wollte und dem er auf priesterlichem Weg zumindest etwas Linderung und Stärkung verschaffen konnte. Aniela vernachlässigte ihre Pflichten. Sie pflegte ihren Sohn und redete unablässig auf ihn ein. Krystan fühlte sich überflüssig. Er begann, sein Bündel zu packen. Hier konnte er nicht helfen und sein Werk fand auf der Burg statt.

Drei Soldaten und zwei Bedienstete waren an der Hitze erkrankt. Sie hatten keine Mesa-Blätter mehr und der Bote, den Seymas zu Raakis Tempel sandte, kehrte nicht zurück. Krystan hörte davon.

Auf dem Wiesenrund vor dem Haus wuchs eine Mesa. Sie stand schon da, noch ehe er geboren wurde. Krystan stand in der geöffneten Tür und starrte den Strauch an. Er wusste, dass eine Onik zwischen ihren Wurzeln nestete. In seiner Vorstellung war dies dasselbe Tier, das schon immer dort lebte. Er wusste auch nicht, wie alt eine Onik wurde. Aber er wusste um ihr tödliches Gift. Zwischen den Wurzeln der Mesa sah er die Viper herausschauen. Sie schien ihn ebenso zu fixieren wie er sie. Krystan sah nicht ihre Schönheit. Er schaute nicht auf den hellgrünen Körper mit dem goldenen Zackenband auf dem Rücken, sah nicht die goldgeränderten, wachen Augen. Er blickte nur auf eine tödliche Gefahr, welche die Ernte des einzigen Heilmittels verhinderte.
Ein wehmütiges Lächeln spielte kurz um seine Mundwinkel. Er dachte an den Vater, der oft genug im Vorübergehend wie grüßend das Haupt vor dem Strauch und der Viper neigte. Obwohl Magier achtete er Raaki, den dunklen Gott des Todes und in ihm die ihm geweihte Pflanze und Viper. Hätte er diese Achtung aufgegeben, um seinen Freund Thyrian zu retten? Krystan seufzte unmerklich. Er wusste es nicht. Doch ihm selbst bedeuteten die Götter nicht genug, um sie in Tieren zu achten. Entschlossen ging er ins Haus und kehrte wenig später bewaffnet mit Pfeil und Bogen zurück.
Während er den Pfeil auf die Sehne legte und langsam den Bogen spannte, richtete sich die Viper etwas auf. Sie schien die Gefahr zu spüren und züngelte. Sorgsam zielte Krystan auf sein kleines Opfer.
 
Der Pecha-Sitz war umgeben von einer aus Stein gefügten niederen Mauer, die kaum Hüfthöhe besaß. Sie sollte keine Eindringlinge fernhalten, sondern lediglich den Besitz begrenzen. Der Weg führte durch ein hohes, geschmiedetes Tor zum Haus, doch jeder Wanderer vermochte problemlos, die Mauer zu übersteigen, wenn er dies wollte. An dieser Mauer entlang kam eine Wanderin. Sie trug weiche Stiefel, ein enges Beinkleid und ein dichtes Wams. Das erdbraune, gelockte Haar band ein schmaler Stoffstreifen von dunkler Farbe. Sie verhielt den Schritt, als sie Krystan bemerkte und den Bogen sah. Ihre dunklen Augen verfinsterten und ihre an sich weichen Züge verhärteten, als sie die Absicht des Mannes erkannte. Hastig legte sie ihr Bündel auf die Mauer, ehe sie darüber sprang und zum Wiesenrund eilte.

Als der Pfeil von der Sehne schnellte, stieß sie im Lauf einen lauten, seltsam zischenden Laut aus. Die Viper zog sich ruckartig zurück. Der Pfeil bohrte sich zwischen die Wurzeln der Mesa, ohne das Tier getroffen zu haben. Krystan fluchte leise. Er legte einen neuen Pfeil ein, dabei die Frau aus den Augenwinkeln beobachtend. Die Onik aber zeigte sich nicht mehr.

   „Geht beiseite,“ verlangte Krystan barsch, als sich die Fremde wie schützend vor die Mesa stellte.

Sie musterte ihn mit einem langen, unglaublich verächtlichen Blick, ehe sie sich wortlos zu Boden setzte, eine Elle von der Mesa entfernt.

   „Entfernt euch,“ verlangte Krystan erneut. „Ihr seid zu nahe. Die Onik wird euch töten.“

Ein leises Lachen gab sie ihm zur Antwort, mehr nicht. Krystan ließ den Bogen sinken. Er starrte sie wortlos an. Diese Frau erinnerte ihn auf seltsame Weise an jemanden, aber er wusste nicht, an wen. Sie war drei Jahre jünger als er, ganze siebenundzwanzig Jahre alt. Die Onik lugte hinter ihrem Rücken hervor, stieß sacht an die auf den Boden gestützte Hand. Die Frau lächelte und wirkte dadurch sehr sanft, aber Krystan verkrampfte förmlich. Doch die Viper zog sich erneut zurück, ohne ihrer Retterin zu schaden.

   „Erhebt euch ganz langsam, ohne hastige Bewegung.“ Krystan bat jetzt. „Versucht, ganz ruhig zu bleiben.“

Sie lachte leise.

   „Ich bin ruhig, im Gegensatz zu euch,“ stellte sie gelassen fest und lagerte sich etwas bequemer hin. „Und ich werde nicht weichen und euch nicht erlauben, die Viper zu töten.“

   „Was geht’s euch an? Dies ist das Haus meines Vaters. Ihr habt hier nichts zu tun,“ fuhr er sie an, immer noch viele Schritte entfernt.


Naphara war aus dem Haus getreten und sah erstaunt auf die Szene. Auch einige der Bediensteten beobachteten, was geschah. Die Magierin ging an ihrem Bruder vorbei, blieb drei Schritte vor der Fremden stehen und musterte sie, erst erstaunt, dann nachdenklich. Schließlich sah sie den Pfeil hinter der Fremden und lächelte wissend. Sie drehte sich um und sah Krystan an.

   „Was wolltest du tun?“ hielt sie ihm mit leiser Stimme vor. „Vater hätte das nie geduldet.“

   „Er ist tot,“ murrte Krystan. „Und für Thyrian würde er…“

   „Das jedenfalls nicht,“ unterbrach ihn die Schwester. Sie wandte sich der Wanderin zu: „Ihr habt Minas einen Dienst erwiesen. Es wäre mir eine Freude, wolltet ihr mein Gast sein. Ich bin Naphara, Tochter der Pecha. Und dies ist mein Bruder Krystan.“

Die Wanderin stellte sich mit Namen Alessa vor, sagte aber nichts weiter über ihre Person, sondern bat Naphara nur, ihr das Bündel von der Mauer zu holen. Ein Bediensteter eilte auf den Wink der Magierin davon. Erst, als Alessa ihr Bündel erhielt, sah sie Naphara wieder an.

   „Ich traf vor einigen Stunden einen Boten des Hauses. Sein Pferd lahmt; er selbst hinkt ein wenig.“ Sie kramte ein kleines Päckchen hervor, eingeschlagen in weißes Tuch. Fast nachlässig warf sie es Naphara zu, die es geschickt auffing. „Er meinte, es sei eilig und so habe ich mich bereit erklärt, die Überbringerin zu sein.“

Naphara schlug das Tuch auseinander. Krystan trat neben sie und starrte wortlos auf die Mesa-Blätter, die Raakis Tempel schickte.

   „Das sind zu wenig,“ murmelte Naphara etwas enttäuscht.

Trotzdem rief sie die Heilerin herbei und übergab ihr die Blätter. Für die Kranken sollte rasch gesorgt werden. Sie dankte Alessa, bat sie nun ins Haus. Doch die Fremde warf nur einen fast amüsierten Blick auf Krystan, der noch immer den Bogen hielt, und lehnte dankend ab. Wütend entfernte sich der Bruder.

   „Wenn ich weiche, kehrt er zurück,“ stellte Alessa in einer Tonlage fest, als spräche sie über eine Belanglosigkeit.

   „Ihr seid Priesterin?“ erkundigte sich Naphara vorsichtig.

   „Ich würde auch eine Poik beschützen,“ versprach Alessa erheitert. „Die Götter kenne ich nicht.“

Die Poik-Natter gab es in allen Reichen; ein häufig vorkommendes, harmloses Tier, das allerdings niemand jagte und wohl auch niemand schützte.
Naphara schmunzelte. Aber sie versuchte nicht mehr, Alessa zum verlassen des Wiesenrunds zu überlegen. Sie winkte eine Magd heran, befahl ihr, Decken und ein Mahl zu bringen. Dann lagerte sie sich zu der Fremden. Diese Frau gefiel ihr. Da war etwas in ihren Augen, das ihr vertraut erschien.

   „Wer ist Thyrian, von dem euer Bruder sprach?“ erkundigte sich die Wanderin.

Naphara erzählte von ihm, von Seymas und Aniela, ihrer Familie, dem Leben in Minas und der Hitze, die so viele Menschen befiel. Sie versuchte, dabei Krystan zu entschuldigen.

   „Und euer Vater?“

   „Er ist vor ein paar Jahren gestorben.“ Kurz überkam Naphara die Trauer, die in all den Jahren immer noch wirkte. „Er war ein fabelhafter Mann, eingeweiht in die Geheimnisse des Feuers.“

   „Ein Magier?“

   „Der stärkste Magier, den ich kenne.“ Naphara nickte nachdrücklich. „Und ich kenne viele von ihnen.“ Sie lächelte. „Er sagte immer, Raaki habe ihm oft geholfen und deshalb sei in Minas auch alles geschützt, was dem dunklen Gott gehört. Er hatte viele Priester zum Freund.“

   „Tibra aus Minas,“ murmelte Alessa. Sie schien sich an manche Geschichte zu erinnern, die sie über diesen Mann hörte. „Ist nicht sein Sohn der Than der Reiche?“ Naphara nickte nur. „Dann lasst euch doch aus Amarra Mesa-Blätter senden.“

Sie hörte nun von den wandernden Priesterärzten und allem, was Harkym bereits veranlasste. Die Magd brachte ein reichhaltiges Mahl, wagte aber nicht, sich dem Strauch zu nahen. Naphara ging zu ihr, nahm ihr die Last ab und stellte das Tablett vor Alessa auf den Boden. Die Decken legte sie daneben. Es war noch angenehm warm und es wurde kein Schutz benötigt.

 
Krystan stand am Fenster im ersten Stock und schaute auf die beiden Frauen, die so vertraut erschienen und sich angeregt unterhielten. Er hoffte immer noch, Naphara werde die Fremde ins Haus führen, damit er sein begonnenes Werk beenden konnte. An eine Abreise dachte er jetzt nicht mehr.


Stunden vergingen. Die Frauen saßen immer noch beieinander. Manches Mal lugte die Onik hervor, bestaunte die beiden furchtlosen Menschen in ihrer Nähe und zog sich dann wieder zurück.

Naphara wunderte sich ein wenig über sich selbst, gab sich aber keine Rechenschaft über ihr Verhalten. Sie besaß einige Freundinnen in Minas und fand immer offene Ohren, wenn sie sich mitteilen wollte. Doch über ihren magischen Weg sprach sie hier nie. Gespräche über dieses Sein konnte sie nur auf Silsa führen, jener kleinen Sion vorgelagerten Insel, auf der sich zur heißen Lichtwende die Gilde der Magier traf. Vor Alessa kannte erstaunlicherweise keine Scheu.

Sie hatte zunächst von Tharan erzählt, was ihm widerfuhr und welchen Ursprung sie vermutete. Und nun redete sie schon einige Zeit über ihren Weg und das Element des Wassers, das sie beherrschte. Alessa stellte ab und an eine sehr verständige Frage und führte auf diese Weise das Gespräch in größere Tiefe.

Der Abend nahte. Alessa blieb im Freien. Naphara hatte erzählt, dass der Bruder auf Burg Nodher lebte und die Heimreise vorbereitete. Solange Krystan in Minas blieb, wollte sie verharren. So bewirtete Naphara den seltsamen Gast erneut auf dem Wiesenrund und ließ ihr später ein Kohlebecken zukommen, das etwas Wärme spenden sollte in der wachsenden Nacht. Nur ungern ließ sie den Gast allein, doch irgendwann zog sie sich doch zurück.

 
Und wieder stand Krystan am Fenster und schaute hinaus. Alessa hatte sich auf eine Decke gelegt. Sie schlief. Er konnte durch die dichten Nebel nicht wirklich schauen, doch ihm war, als breite die Mesa die belaubten Zweige über ihre Beschützerin, um die Feuchtigkeit des Nebels aufzufangen. Als er sich zur Ruhe begab, kamen ihm die ersten Zweifel an seinem eigenen Tun.
 

 

Ende Kapitel 14

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