GOL1F2.GIF (1470 Byte)Gol1a2.gif (1633 Byte)Gol1r2.gif (1698 Byte)Gol1r2.gif (1698 Byte)Gol1a2.gif (1633 Byte)GOL1K2.GIF (1777 Byte)

 

Zyklus der Nebelreiche - Band 30

ein Roman von Renate Steinbach

 

 voriges Kapitel     zurück zur Startseite     Kapitel-Auswahl     nächstes Kapitel

Kapitel 13

Als Tharan nicht zum Frühmahl erschien, wurde seine Familie unruhig. Man suchte nach ihm. Naphara schließlich fand ihn auf den Tisch gekauert. Sie trug den kleinen Bruder auf ihren Armen in sein Zimmer. Der rasch gerufene Arzt zuckte nur hilflos mit den Schultern.

Krystan hielt die Mutter im Arm, die nur mühsam die Tränen zu unterdrücken vermochte. Und der völlig übermüdete Seymas, der die ganze Nacht hindurch bei Thyrian weilte, versuchte vergeblich, den Geist des Jungen zu erreichen.

   "Ich kann nichts für ihn tun," musste er schließlich resigniert zugeben. "Das ist keine Krankheit, die sich heilen lässt."

   "Was ist es dann?" erkundigte sich Krystan furchtsam.

   "Er war in Vaters Refugium," gab Naphara zu, die bisher schweigend aus dem Fenster sah. "Er hat mit Magie gespielt und wurde ihr Opfer."

Die Familie erschrak. Magie bedeutete für sie alle einen Teil der Wirklichkeit, denn Tibra hatte sie stets gelebt. Aber jeder hier wusste um die Gefahren. Niemand spielte mit Magie. Tibra hatte alle seine Kinder gelehrt, diesen Kräften auszuweichen und auch Naphara erst belehrt, als sie sich ihres Weges sicher war.

Aniela setzte sich auf den Rand des Lagers, hielt den Sohn liebevoll im Arm. Aber ihre Blicke ruhten auf Seymas.

   "Harkym muss es wissen," verlangte sie.

Er lächelte gequält. Aniela wählte ihn zum Gemahl, weil Nodher ihn als Pecha von Minas akzeptieren konnte. Das war keine Liebe gewesen. Ihr Denken galt immer noch Tibra, den auch er als treuen Freund liebte. Doch inzwischen fühlte er für Aniela nicht mehr nur wie für eine Freundin.

   "Immer fragst du nach Harkym, wenn eine Sache dir aussichtslos erscheint," tadelte er sacht. "Dein Sohn kennt uns nicht mehr. Und du weißt, dass ich ihn nicht erreichen kann."

   "Du bist der Than gewesen," schimpfte Aniela, wenngleich ohne Kraft. "Thyrian kann ihn jetzt nicht erreichen. Aber du wirst doch auf Amarra irgendwelche Menschen kennen, die dir vertraut genug sind. Er muss es wissen, Seymas."

   "Das muss er wirklich," bestätigte Krystan mit erstickter Stimme.

Niemand sonst wusste es. Tharan war Harkyms Sohn. Der Than musste erfahren, was geschah. Naphara starrte den Bruder an. Sie ahnte seit langem, was Krystan wusste, doch sie sprach nie darüber. Ihr Blick heftete sich an Seymas.

   "Du hast doch oft geschimpft, weil Harkym Nymardos zu seinem Pala erhob," erinnerte sie. "Lebt er noch beim Haupttempel?"

Seymas wusste es nicht. Nymardos herrschte vor ihm als Than. Er war stets sein väterlicher Freund gewesen. Niemand durfte einen Than in Pflicht nehmen, auch dann nicht, wenn sein Amt endete. Als Harkym vor fünf Jahren durch Sion reiste, übergab er ganz Amarra an Nymardos. Er ließ ihm auch danach den Titel des Pala. Pflichten bürdete er ihm aber nicht mehr auf.

   "Du kannst Nymardos erreichen," hoffte Aniela.

   "Ich werde es versuchen," gab Seymas nach.

Er verließ den Raum. Die Sache gefiel ihm nicht. Natürlich sorgte er sich sehr um Tharan, doch vermutete er auf Amarra keine Hilfe. Und da er Harkym, als dieser ein Jüngling war, hart verurteilte, wusste er sich von seinem Nachfolger noch immer verachtet. Es konnte nichts Gutes darin liegen, dessen Augenmerk auf Minas zu lenken. Andererseits reagierte der Than stets voll Zorn, wenn ein Wunsch seiner Mutter nicht respektiert wurde. Er musste es immerhin versuchen.

Es gab keinen Rapport zwischen ihm und seinem väterlichen Freund. Aber er kannte die Schwingung seines Geistes und trotz all der Jahre der Ferne gelang es ihm mühelos, sich auf diese einzustimmen. Lockend wartete er auf die Öffnung des priesterlichen Kanals, über den Gedanken auf alle Entfernungen hinweg sich austauschen konnten.

 
Bakhirs Augen strahlten, als er die Tür öffnete und ins Freie trat. Doch sie verfinsterten sofort, als er die wartende Priesterschaft bemerkte. Wortlos trat er beiseite, ließ sie eintreten und wandte dann den Schritt dem kleinen Weiher zu. Bei den gelben Blüten ließ er sich nieder, schaute übers Wasser und ärgerte sich, weil die angenehme Stimmung schon verflog.

Micaal war hinter ihn getreten, sah auf ihn nieder und spürte dessen Verstimmung.

   "Ihr seid sehr lange im Tempel gewesen," sagte er langsam.

   "Und ich habe den König und alle anderen ausgesperrt," erwiderte Bakhir mürrisch. "Ich wusste nicht, dass hier alle Rituale aufgeführt werden."

   "Es leben viele Priester in der Burg. Einige achten immer auf die Sitten." Bakhir gab keine Antwort. Schließlich setzte sich Micaal neben ihn. "Außerhalb der Rituale könnt ihr jederzeit eine heilige Halle betreten. Aber ihr dürft das Tor nicht schließen, Bakhir. Ihr wisst nicht, was das bedeutet."

Bakhir grinste wider Willen.

   "Ich weiß durchaus, dass das die einzige Möglichkeit ist, ungestört zu sein. Nicht einmal Harkym dürfte dann eintreten."

   "Ihr wolltet euch vor Harkym verstecken?" entfuhr es Micaal. "Ausgerechnet in einem Tempel? Kann ich euch helfen, Bakhir? Wenn es etwas gibt, das euch ihm entzweit hat, rede ich gern mit ihm."

   "Um uns zu versöhnen?" Bakhir lachte fröhlich auf. "Ihr seid ein wunderlicher Mensch, Micaal aus Thara. Gestern hattet ihr nur Vorwürfe für mich übrig und heute bietet ihr mir eure Hilfe an."

   "Es ist wohl leichter, euch mit Harkym als mit dem König auszusöhnen," gab Raakis Priester ungerührt zu, den diese Heiterkeit durchaus erstaunte. "Es ist auch nicht gut, wenn ihr so übersehen seid. Ihr könnt die Sitten der Burg so wenig kennen wie jene der Tempel."

   "Ihr vergesst nur, dass ich lange in dieser Burg lebte." Bakhir blieb vergnügt. "Das einzige, das mich überraschte, ist die Tatsache, dass innerhalb der Halle die Zeit aus meinem Blickfeld verschwand. Ich wusste nicht, dass ich so lange verweilte. Aber es ist auch Jahre her, dass ich einen Tempel betrat."

   "Für einen Mann eures Standes ist das nicht ungewöhnlich." In Micaals Stimme klang keine Abwertung mit. "Für mich wäre es unvorstellbar. Ihr solltet nicht hier sein, Bakhir. Es tut mir leid, dass eure Tage mit Harkym so unterbrochen wurden."

Der Mann aus Wyla erhob sich, schlenderte durch den Garten und wandte sich dann dem Burghof zu. Micaal blieb an seiner Seite. Bakhir erkundigte sich vorsichtig nach Indina, einer jungen Priesterin, die er in Kinac kennen lernte und die ihm damals sehr gefiel. Micaal hatte eifersüchtig darüber gewacht, dass er ihr nicht mehr nahte. Er sah wohl keine Gefahr mehr in ihm, denn er erzählte von ihr und der Nähe, die sie inzwischen verband.
Bakhir sah den Wehrturm hinauf. Sein Blick heftete sich an die kleinen, verhängten Fenster.

   "Harkym sollte nicht dort sein," murmelte Micaal, als er dies bemerkte.

   "Doch, das muss er. Man muss bei seinen Freunden sein, wenn sie Hilfe brauchen," widersprach Bakhir mit leiser Stimme.

   "Sie sind keine Freunde."

   "Wie bezeichnet ihr jemanden, der nie etwas verlangte, immer nur hilfreich war und euch stets mit Freundlichkeit begegnet?"

   "Farrak ist Magier," stieß Micaal düster aus.

   "Das wertet ihn ab?"

   "Nein, aber das macht ihn gefährlich."

   "Dann ist es beruhigend, dass er Harkym freundlich gesonnen ist." Dass Raakis Priester echte Sorge empfand, spürte der einstige Tagelöhner durchaus. "Was immer geschieht, wir werden hier sein."

   "Was sollte das helfen?" Micaal schüttelte betrübt den Kopf. Er dachte nur an Harkym dabei. "Nichts kann ihm helfen, wenn er seinen inneren Weg verliert."

   "Das kann nicht geschehen," hoffte Bakhir.

   "Es geschah schon einmal," murmelte Micaal, der nie darüber reden wollte. "Alles ist möglich, wenn man der Magie zu nahe kommt."

Vom Turm oben hörte man einen durchdringend kreischenden Ton, der anschwoll und abrupt abbrach. Dann herrschte Stille. Micaal hatte die Hand in Bakhirs Unterarm gekrallt. Er verkrampfte völlig und starrte entsetzt den Wehrturm hinauf.

 
Harkym entsprach nicht dem Wunsch des Magiers, ihn allein zu lassen. Er blieb bei ihm und erzählte, wie er sich zwölfjährig entschloss, ein Magier wie sein Vater zu werden. Damals zog ihn der Sturm aufs Meer. Es war mit Farraks Verdienst, dass er dies überlebte. Eine Priesterin war ebenfalls beteiligt. Sie hieß Insanna. Der Vater liebte diese Frau. Im Bemühen um Rettung fand sie den Tod. Harkym erzählte, wie sie am Ende zu ihm sagte, dass Sterben nicht schlimm sei.

   "Da ist so viel Licht." Er griff nach Farraks Händen. "Das waren ihre letzten Worte."

   "Dieses Licht habt ihr gesucht und gefunden," murmelte der Magier. "Das war niemals mein Ziel."

   "Ich habe nicht von Antares gesprochen, Farrak. Es geht nicht um göttliche Ebenen, sondern um Freiheit und Frieden."

   "Ist Tibra friedlich gestorben, Harkym?"

   "Ich konnte die Schmerzen seines verbrannten Körpers von seinem Bewusstsein trennen." Harkyms Stimme vibrierte im Erinnern. "Ich hielt seinen Geist umschlungen. Aber ich konnte ihn nicht halten. Und als er mich bat, ihn gehen zu lassen, blieb ich um ihn, bis die Silberschnur, die Körper und Geist eint, zerriss. Da war nichts, das ihn bedrohen konnte."

   "Er hat so manches starke Feuerelemental unter seinen Willen gezwungen. Und diese Kräfte sollten nicht nach ihm gegiert haben?"

Farrak hielt die Hände des Jüngeren jetzt etwas fester, ein wenig bangend und zugleich auch hoffend.

   "Meine Leute hielten die Mulde, in der alles geschah, damals abgeschirmt. Und ich schirmte meinen Vater ab. Er konnte kein Ziel bieten."

   "Warum geht ihr nicht, Herr? Wollt ihr mir dasselbe tun wie eurem Vater?"

   "Wenn du es erlaubst, kann ich deinen Geist umfassen," bestätigte der Than mit ruhiger Stimme. "Fürchtest du dies, werde ich dich zumindest abschirmen. Es ist nicht gut, ohne inneren Frieden den letzten Schritt zu tun. Du solltest jetzt nicht allein sein."

   "Ich werde schon belauert." Das klang etwas abfällig. "Es könnte euch verwirren. Und ich will euch nicht in Gefahr bringen."

   "Es wird kaum so stark sein wie das, was in Sarai wirkte."

Farrak lachte leise auf, ohne Kraft zwar, doch durchaus erheitert.

   "Ganz sicher nicht," versprach er. "Wenn ihr also meinen Geist umfassen wollt und ein Stück weit begleiten, so danke ich euch. Ich jedenfalls bin bereit."

Er schob eine Hand unter sein Hemd und löste die kleine Phiole, die er dort mit sich trug. Er sah Harkyms skeptischen Blick und lächelte auf seltsam gelöste Art.

   "Es ist Zeit für mich," sagte er dann. "Ich kann noch ein paar Tage oder Stunden warten und kämpfen, womöglich mich in Krämpfen winden, röcheln, nach Luft ringen und kläglich krepieren. Aber das liegt mir nicht, Harkym. Meine Zeit ist erfüllt. Ich weiß es. Und ich nehme mir das Recht, einigermaßen unverkrampft zu gehen."

   "Gegen die Kläglichkeit kann ein Priester schon viel tun, wenn du es erlaubst."

   "Aber nicht gegen die Dauer und den Kampf. Das ist kein Gift, Junge. Wenn ihr das trinkt, wird euch nichts geschehen."

Harkym nahm die Phiole an sich, entfernte den Korken und roch an der Flüssigkeit. Dann lächelte auch er, was Farrak erstaunte. Der Than kannte diesen Geruch. Magier benutzen den Trank, um leichter Miska zu schaffen - um den Geist eines Menschen für immer aus seinem Leib zu treiben. Der Trank allein bewirkte dies nicht. Aber er machte den Geist durchlässig und lockerte die Rückverbindung zu seinem Leib. Harkym gab ihm die Phiole zurück.
Als Farrak den Inhalt des Gefäßes hinunter schluckte, ertönte ein kreischendes Heulen. Danach herrschte völlige Stille.

   "Ich danke euch," versprach der Magier.

   "Die Götter sind mit dir."

Der Than hielt die Hände des alten Mannes sacht umschlossen, während er dessen Geist nun einhüllte.

 
Nymardos war ein alter Mann geworden. Mit seinen neunundachtzig Jahren handelte er noch bedachtsamer als früher. Er genoss das Leben an der Seite seines Freundes Gerrys, der Raakis erster Falla war. Seit es ihnen erlaubt wurde, auf Amarra zu leben, gab es keine Pflichten mehr. Er war einst der Than gewesen und damit ohnehin von jeder Pflicht ausgenommen. Doch er trug den Titel des Pala im Sinne des Sachwalters und sein Wort besaß noch immer befehlendes Gewicht.

Die Arbeit aber versah allein Nolan, der manches Mal Nymardos aufsuchte. Doch er strebte nicht nach dessen Art, sondern nur nach Gesellschaft und tiefen Gesprächen. An diesem Tag sprach Nolan von der Arbeit, was so gut wie nie vorkam. So widmete Nymardos diesem Mann all seine Aufmerksamkeit. Er spürte das Suchen von Seymas, wehrte dem aber ab.

Erst viel später, als er allein durch den prachtvoll blühenden Tempelgarten ging, öffnete er sich, suchte nun selbst den Jüngeren, lockte ihn und als Seymas sich dann auf ihn einstimmte, gelang eine klare geistige Verbindung, in der jeder Gedanke so deutlich wie ein gesprochenes Wort übermittelt werden konnte.

Und das erste, was Nymardos empfing, war übergroße Freude über diese Verbindung. Seymas hatte Nymardos stets geliebt. Diese Freude teilte der alte Mann, der den Jüngeren immer wie einen eigenen Sohn hielt. Sie beide hatten nacheinander als Than geherrscht. Ihnen beiden galten die bestehenden Regeln und Sitten sehr viel. Eine dieser Regeln verbot den Rapport zu selbstischen Zwecken. In diesem Moment zweifelten sie beide daran, dass es richtig sein konnte, immer alle Sitten zu wahren.

   "Lebst du noch immer nahe beim Tempel?" erkundigte sich Seymas dann etwas vorsichtig.

   "Du brauchst mich also, weil du eine Botschaft für unseren Gebieter übermitteln willst," verstand Nymardos sofort. "So geht es Thyrian nicht gut?"

   "Er leidet unter der Hitze und will nicht zu Kräften kommen," gab Seymas zu. "Ich tue für ihn, was ich kann. Doch es braucht Zeit und er ist nur selten bei klarem Bewusstsein. Er könnte jetzt keinen Rapport beleben. Es tut mir leid, Nymardos. Ich wusste nicht, dass mein Wunsch ein Ansinnen ist und es dir schwer fällt, Harkym zu begegnen. Ich will dich keinem Tadel aussetzen."

Nolans Freund Thraak sah Nymardos, der bei großen Blüten stand und sehr nachdenklich wirkte. Er gab in der Nähe stehenden Priestern ein Zeichen, damit diese den alten Mann abschirmten und vor Störung bewahrten.

   "Es fällt mir nicht schwer, Seymas. Ich freue mich über jede Begegnung mit unserem Herrn."

   "Musst du dazu über Nolan gehen?"

   "Was bewegt dich? Niemand muss Umwege gehen, der zu Harkym will. Dass die meisten Menschen es tun, ist nicht seine Entscheidung. Die Leute sind auch nie direkt zu mir oder zu dir gegangen. Aber er ist nicht unnahbar, zumindest viel weniger, als wir es je waren."

   "Du liebst ihn."

Seymas staunte und er übermittelte dies sehr deutlich.

   "Ich achte ihn," schränkte Nymardos ein.

Er wusste nicht, dass er jetzt lächelte.

   "Das tue ich auch," murrte Seymas in Gedanken. "Aber er ist ein Than, der weder sein Land noch sein Amt liebt und der Magie viel zu sehr bejaht."

   "Ich habe sie auch immer bejaht und mein Vater war kein Magier. Dass er sein Amt nicht liebt, ist ein Unglück - aber nur für ihn, nicht für die Reiche. Du kannst ihm nichts anlasten, Seymas. Und du hast auch kein Recht dazu. Denn was er ist, das wurde er auch durch dich."

   "Ich kann es nicht mehr ändern," gab Seymas betrübt zu. "Aber das ist lange her und er wird die ruhelosen Jahre verwunden haben. Wenn er heute etwas wider mich hat, dann wohl eher, dass ich Minas besitze und der Gemahl seiner Mutter bin. Und auch das lässt sich nicht ändern."

   "Gibt es Probleme auf Minas?" Nymardos zeigte sich versöhnlich. "Wir wissen, dass viele Menschen unter der Hitze leiden. Harkym hat Wanderpriester geschickt, welche in der Heilung unterwiesen sind. Er sandte auch Mesa. Kann er mehr tun?"

   "Die Wärme kehrt zurück und das Schlimmste ist wohl überstanden," wehrte Seymas ab. "Ich hätte dich nicht gerufen. Aber Aniela bestand darauf und ich bin nicht sicher, ob er erlauben würde, ihr einen solchen Wunsch zu versagen. Bevor sie mich heiratete, war es wohl anders."

   "Sie ist noch immer seine Mutter."

   "Er hat sie aber seither nicht mehr besucht. Ich bin unsicher, Nymardos. Andererseits sollte er es wissen, auch wenn er nicht helfen kann."

   "Helfen? Wobei?"

   "Tharan ist, wie ich annehme, verloren."

Es herrschte Gedankenstille. Seymas wartete auf eine Reaktion, aber Nymardos hütete sich, jetzt auch nur einen unkontrollierten Gedanken zu denken. Zu leicht konnte er Harkyms Geheimnis entdecken. Denn damals, als der Than ihn zu seinem Pala ernannte und ihm für gewisse Zeit ganz Amarra übergab, da erlaubte er, dass Nymardos tief eindrang in seinen Geist, um zu erforschen, wie er das Land regiert wissen wollte. Und dabei wurden auch alle Geheimnisse offenbar. Sie sprachen nie darüber. Doch Nymardos wusste, wer Tharan zeugte.

Die Stille dauerte Seymas zu lange. Er formte seine Gedanken, zeigte den Jüngling und seine Beurteilung der Situation, auch Napharas Vermutung, dass Tharan mit Magie spielte.

   "Ja, das muss Harkym wissen," bestätigte Nymardos.

   "So gehst du zu ihm?"

   "Er ist nicht hier. Manchmal geht er auf Reisen."

   "Aber doch nicht etwa allein? Er könnte in Gefahr geraten. Sein Leben gehört nicht ihm, sondern noch seinem Amt."

   "Sein Amt versieht er gut. Besser als wir beide es je taten." Nymardos war amüsiert und verbarg es nicht. "Hast du schon vergessen, wie ganz Amarra ihm zujubelte, als das Land annahm, du würdest wieder regieren? Erstaunlicherweise wissen auch die Menschen, dass er es gut macht. Aber während wir es erlaubten, dass unser Amt uns begrenzte und von allen Menschen trennte, wehrt er sich dagegen. Er hat Freunde, Seymas. Nicht einen oder zwei, wie wir damals. Ihm sind viele Menschen wichtig. Und da sie nicht alle Priester sind und zu ihm können, geht er zu ihnen. Ich beneide ihn um diesen Mut."

   "Du nennst es Mut?" Seymas überlegte. Innerlich lachte er. "Es entspricht nicht der Sitte. Aber du hast recht, Nymardos: er bestimmt, was Sitte ist und er hat vieles geändert. Ich hoffe, du kannst ihn erreichen. Lass mich wissen, was mit Tharan geschehen soll. Wenn Harkym will, dass er in einen Tempel gebracht wird, werden wir es tun. Aber Aniela will sich nicht von ihm trennen. Sie sorgt für ihn und sie sorgt sich um ihn."

   "Ich gebe dir Nachricht, sobald ich ihn erreichte. Es wird wohl nicht lange dauern," versprach der väterliche Freund, ehe die Verbindung erlosch.

Er stand noch lange versunken bei den Blüten, deren Duft er wahr nahm, deren Farbe er aber nicht schaute. Er suchte seinen Herrn. Es gab noch den Rapport zwischen ihnen. Harkym musste seinen Ruf spüren. Erstaunt gewahrte Nymardos, dass der Than fast unwillig abblockte. Da gab er sein Bemühen auf. Er störte wohl zu dieser Stunde und wollte warten, bis sein Herr ihn rief.

Ende Kapitel 13

 voriges Kapitel     zurück zur Startseite     Kapitel-Auswahl     nächstes Kapitel