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Zyklus der Nebelreiche - Band 30
ein Roman von Renate Steinbach
Kapitel 12
Krystan schob seine Rückreise immer wieder hinaus. Er fühlte
sich wohl in seinem Vaterhaus und er genoss es, wieder einmal viel Zeit mit der Mutter und
den Geschwistern verbringen zu können. Seymas blieb ihm fremd. Aber nachdem die Hitze
auch Thyrian ergriff, weilte der Pecha von Minas ohnehin nur am Lager des Freundes und so
begegnete er ihm kaum.
Krystan hatte von Farraks Kiste erzählt und Tharan wollte diese unbedingt sehen.
Naphara verbot dies heftig. Sie hielt nun sogar den Raum verschlossen, in dem sie seit des
Vaters Tod ihre magischen Studien betrieb.
In der Nacht, in der Bakhir vor dem Wehrturm wachte, siegte Tharans Neugier. Er stieg
durch das Fenster ein in jenen Raum, hob die kleine Kiste auf den langen Tisch und
betrachtete fasziniert das seltsame Schloss mit den drei Eingängen und die kunstvollen
Schnitzereien. Die Kiste war nicht groß und auch nicht schwer. Sie enthielt sicherlich
keine Schätze im eigentlichen Sinn. Aber sie kam von einem mächtigen Magier und gewiss
barg sie große Geheimnisse.
Krystan nannte das Behältnis gefährlich und Naphara sagte, es gingen böse
Schwingungen davon aus. Für Tharan wirkte die kleine Kiste lediglich geheimnisvoll. Er
sah nie zuvor ein solches Schloss. Womöglich befanden sich Stifte in den Löchern. Man
musste wohl nur etwas finden, das sich einführen und sie nach hinten drücken ließ.
Der Jüngling schaute sich im Zimmer um. Er interessierte sich nicht für Magie. Was
der Vater lebte und was die Schwester nun erforschte, das besaß für ihn keinen Reiz. Er
wusste, dass man da mit Kräften rang, die zerstörten, was sie nicht beherrschen konnte.
Für ihn bedeutete dieses Streben eine sinnlose Gefahr.
Er achtete nicht auf die Dinge im Raum und deren Bedeutung. Eingeschlagen in weiches
Tuch fand er einige fingerlange Holzstäbe, mit Symbolen und Zeichen verziert. Sie waren
dünn genug, um in die Schlossöffnungen zu passen. Entschlossen griff er drei der Stäbe.
Tharan saß dann auf dem Tisch mit untergeschlagenen Beinen, vor sich die Kiste. Und
nun zögerte er doch. Die Kiste gehörte nicht ihm und er war kein Dieb. Aber niemand
kannte ihren Empfänger. Vielleicht kam er nie, um sie zu fordern. Und Tharan wollte
nichts entwenden, sondern nur den Inhalt schauen.
Entschlossen schob er das erste Holz in eine der Öffnungen. Er spürte keinen
Widerstand. Nichts geschah. Er nahm das zweite, dann das dritte Holz. Er stocherte in den
Öffnungen, suchte nach Stiften oder einem Mechanismus. In einer der Öffnungen spürte er
eine Nut, drückte dagegen.
Tharan schob die Kerze näher heran. Er wollte genauer schauen. Doch da war etwas,
das er nicht kannte. Eigentlich war es nur ein Gefühl und doch zugleich eine Schwingung;
ein Ahnen und Wissen und dann der unbändige Wunsch, fort zu laufen. Aber seine
Gliedmaßen gehorchten nicht mehr seinem Willen. Er wollte rufen, aber kein Laut entkam
seiner Kehle. Seine Augen schauten nicht mehr, sie weiteten sich nur noch. Er war
Gefangener seines Körpers, dem er zwar nicht entfliehen konnte, der ihm aber auch nicht
mehr gehorchte.
Die Nebel hoben sich langsam. Farrak hatte mehrfach in dieser Nacht einige Zeit geschlafen
und dazwischen viel mit Harkym gesprochen. Nun wirkte er sehr kräftig.
"Wenn es eure Zeit erlaubt," erklärte er, "so würde ich
jetzt gern noch einmal mit Wana und Dalur reden."
"Ich sende sie zu dir," versprach Harkym, sich erhebend.
Er stieg die Stufen hinab. Als er die Tür nach Innen öffnete, reagierte er zu
langsam. Bakhir döste auf dem Stuhl, den er gegen die Tür gekippt hatte und nun stürzte
er dem Freund vor die Füße. Harkym hielt ihm wortlos die Hand entgegen und zog ihn auf
die Beine. Er sah den Stuhl, das Kohlebecken und die Gardisten.
"Teju," rief er dem Führer der Gardisten zu, "bring Wana
und Dalur."
"Bist du in Ordnung?" erkundigte sich Bakhir leise.
"Das sollte ich eher dich fragen?" erwiderte Harkym
schmunzelnd. "Hast du kein Gastquartier erhalten, dass du im Freien schlafen
musst?"
Bakhir wollte erklären, doch Harkym winkte ab. Er wartete noch. Es dauerte nicht
lange, bis Wana gelaufen kam. Dalur folgte ihr. Der treue Diener trug ein Tablett mit
Speise für seinen Herrn. Harkym trat beiseite und so konnten die beiden Menschen den Turm
betreten, ohne ihn grüßen zu müssen.
Wortlos begab sich der Than in seine Gastgemächer, wo er nach einem Mahl und Bedienung
verlangte. Bakhir blieb bei ihm. Es gefiel ihm nicht, doch der Freund bestand darauf, dass
auch er jeden Leibdienst erlaubte. Insgeheim atmete er auf, als der Than die Dienerschaft
dann entließ. Während sie das Mahl teilten, erzählte Bakhir, was er erlebte. Immer
wieder schaute er dabei voll Skepsis auf den Freund und erwartete dessen Beurteilung des
Geschehenen, im Grunde rechnete er auch mit einem tadelnden Wort. Doch Harkym hörte ihm
nur schweigend zu.
"Warum sagst du es nicht, wenn du wütend bist?" forderte
Bakhir am Ende seines Berichtes dann eine Reaktion.
"Weil es nicht angemessen wäre," erwiderte der Than mit
ruhiger Stimme.
"Möchtest du, dass ich in deinem Zimmer bleibe, bis wir wieder
abreisen?" erkundigte sich Bakhir, nun doch etwas unbehaglich.
Harkym lächelte.
"Wenn du unruhig bist, solltest du den Rundtempel im Burggarten
aufsuchen," riet er voll Zuneigung. "Vielleicht findet du dort eine Spur der
inneren Stille, die dich beruhigen kann. Wenn du danach immer noch meinst, dass ich
urteilen sollte, werde ich es tun."
"Das klingt nicht gut, Harkym. Habe ich dich so sehr enttäuscht?
Ich wollte doch nur, dass dich niemand stören soll."
Harkym leerte den Becher und erhob sich gesättigt.
"Du solltest Rhandar seinen Degen zurück geben," riet er.
"Soll ich einen Waffengurt für dich verlangen?" Bakhir wehrte ab. "Es
gefällt mir nicht, wenn mein Pala gezwungen ist, zu einer Waffe zu greifen - vor allem
dann nicht, wenn ein Priester des Lichts bei ihm ist, der zu kämpfen versteht. Es
gefällt mir auch nicht, dass du allein den Turm bewachst. Jeder Priester in der Burg, und
das sind mehr, als du ahnst, wäre verpflichtet, an deiner Seite zu sein. Vor allem aber
missfällt mir, dass Micaal nicht bei dir blieb. Denkst du immer noch, dass ich urteilen
soll?"
Bei seinen Worten hatte sich Bakhir langsam erhoben, stand ihm nun gegenüber. Er sah
den Freund an und weil ihm nun wirklich keine passende Antwort einfallen wollte, umarmte
er ihn einfach und hielt ihn fest.
"Wenn du dich umkleiden willst, in der Kammer dort findest du
reiche Auswahl," bot Harkym an, nachdem er sich von ihm löste. "Und wenn du
schlafen willst, stört dich hier niemand."
"Du gehst zurück in den Turm?"
"Erst, wenn Farrak seine Freunde verabschiedet hat. Aber ich weiß
noch nicht, weshalb er mich rief. Also bin ich bereit für ihn. Du brauchst mich jetzt
nicht, oder?"
Bakhir hielt den Freund nicht auf. Er betrat die Kleiderkammer und sah sich um. Es
dauerte einige Zeit, bis er etwas fand, das ihm passte. Er wollte etwas ruhen und sich
danach umkleiden. Nachdem er einen Blick aus dem Fenster warf, schob er die Ruhe hinaus.
Wenig später ging er neu eingekleidet durch den Garten hinter der Burg. Die Menschen hier
kannte er nicht. Noch immer trug er Rhandars Degen in der Hand. Er wollte ihn wirklich
nicht behalten. So ging er auf eine Soldatin zu, reichte ihr die Waffe und bat sie, diese
Andraags Pala zu bringen. Die Frau versprach es und begab sich auch wirklich sofort in die
Burg.
Bakhir ging weiter. Der kleine Weiher gefiel ihm. Frösche quakten und Insekten
schwirrten. Der Tag versprach Wärme. Gelbe Blüten am Uferrand zeigten ihre Pracht.
Kleine Fische schillerten unter der Wasseroberfläche.
Schließlich stand er im Eingang des Rundtempels und schaute auf das Zeichen des
Lichts, dem Kreis mit dem Punkt in der Mitte, das dort am Boden eingelassen wurde. Dieser
Tempel gehörte Antares, er wusste es. Bakhir trat ein und schloss das Tor hinter sich.
Er dachte an seine Reise durch Amarra. Das lag lange zurück. Damals hatte er bei der
Siedlung Kinac einen Rundtempel Tabalkes betreten und tiefen Frieden darin gefunden. Und
als er später zum Haupttempel der schönen Insel kam, da ermöglichte ihm Nolan, dort
Tabalkes Halle zu betreten. Der Lichtpriester schloss hinter ihm die Tür und versicherte
ihm, dass niemand eine heilige Halle betrat, deren Eingang nicht offen stand. In jener
Halle fühlte er sich damals völlig heil.
Seither hatte er keinen Tempel mehr betreten. Harkym sprach bei seinen Besuchen
manches Mal von den göttlichen Ebenen und auch den Übungen, die Priesterschüler
ausführten, um sich diesen Kräften zu nahen. Auf spielerische Art hatte er manches Mal
eine solche Übung ausgeführt. Aber jetzt spielte er nicht. Bakhir empfand einen Nachhall
des morgendlichen Rituals, das hier vollzogen wurde. Unwillkürlich überkreuzte er am
Rand des Symbols die Arme. Sein Atem ging nun gleichmäßig, langsam und tief.
Er fühlte es wieder. Das eigene Sein umgab ihn als Ganzheit. Da waren keine Fragen,
keine Wünsche, keine Ziele. Es herrschte nur Stille in ihm; eine Ruhe, die ihm seit
seinem Besuch in Kinac als heilsam und erstrebenswert erschien und die bisher immer schon
im Erinnern stärkend wirkte. Jetzt erinnerte er sich nicht, sondern erlebte. Irgendwann
trat er in die Mitte von Antares' Symbol und dort vergaß er die Zeit.
Rhandar erhielt seinen Degen zurück und mit ihm übermittelte die Soldatin Worte des
Dankes für seinen Beistand. Er fühlte sich nicht wohl dabei. Das lag weniger daran, dass
diese Frau eine Besprechung mit Jiddan, Ilkonys und Andraag störte, sondern wurzelte mehr
in seinem Wissen, wie wenig er Bakhir wirklich half.
"Du bist unaufmerksam," stellte Andraag sehr viel später
fest, da der Freund an der Besprechung nicht richtig teilnahm.
"Wir sollten jetzt nicht arbeiten, sondern unsere Aufmerksamkeit
unserem Gebieter zuwenden," bestätigte Rhandar nachdenklich.
"Der Than ist wieder bei Farrak," wusste der König.
"Sein Besuch gilt nicht uns."
"Mag sein, Herr." Rhandar fuhr mit einem Finger über die
Degenklinge. Die Waffe lag achtlos vor ihm auf dem Tisch. "Es belastet mich, was in
der letzten Nacht geschah. Mit eurer Erlaubnis möchte ich mich entfernen."
Jiddan erhob sich.
"Minosantes Stunde naht," sagte er.
Andraag und Ilkonys sahen sich an. Es war lange her, dass sie gemeinsam an einem
Ritual teilnahmen. Ihre Aufgabe als Herrscher ließ sie zu leicht vergessen, ihr
priesterliches Sein zu leben. Ohne ihre Freunde, Jiddan und Rhandar, wären sie den
Göttern längst nicht mehr so nahe.
"Lasst uns gemeinsam dem Gott der Kraft begegnen," beschloss
Ilkonys nun.
Dieser Vorschlag gefiel allen. Sie verließen gemeinsam die Burg, nahten dem Tempel.
Irritiert sahen sie dann auf das geschlossene Tor. Sie warteten.
Harkym saß auf dem Rand des Brunnens und ließ sich die vielen neugierigen, aber
versteckten Blicke reglos gefallen. Erst, als sich die Tür zum Turm öffnete, erhob er
sich. Dalur verneigte sich tief in seine Richtung, ehe er den Burghof verließ. Harkym
spürte seinen tiefen Kummer. Der Magier hatte sich also endgültig von diesem treuen
Freund verabschiedet.
Auch Wana verneigte sich. Sie zögerte. Aber als er zum Turm ging, trat sie ihm
entgegen. Die Priesterin überkreuzte die Arme vor der Brust und kniete nieder. Ihren
Geist hielt sie weit geöffnet.
"Die Götter sind mit dir," grüßte er. "Steh auf."
Sie gehorchte, hielt den Blick gesenkt. Es stand ihr nicht zu, ihn zu befragen.
Trotzdem tat sie es.
"Ihr wisst, weshalb er nach euch verlangte, Gebieter?"
"Er wird es mir sagen, Wana."
"Das wird er. Und dann wird euch bitten, zu gehen, Herr. Den
letzten Schritt wird er allein tun wollen." Da Harkym schwieg, fuhr sie mit leiser
Stimme fort: "Farrak sprach davon, dass sein Geist womöglich gefährdet sei in der
Stunde seines Todes. Er wird das Licht nicht sehen."
"Er ist Magier, Wana, und hat niemals das Licht gesucht. Die
Kräfte, mit denen er sich einließ, mussten stets beherrscht werden. Sie waren nie von
gütiger Natur." Sie hob den Blick und sah ihn fast flehend an. Da versprach er:
"Ich werde für ihn tun, was ich vermag."
"Ich danke euch."
Mehr gab es nicht zu sagen. Nach diesen Worten verließ die Priesterin den Burghof.
Auch sie verspürte nun Sehnsucht nach einem der heiligen Rituale.
Der Than selbst stieg den Turm hinauf. Farrak wartete schon auf ihn. Er wirkte sehr ernst,
aber nicht schwach oder gar mutlos. Er lächelte sogar etwas.
"Ich danke euch, weil ihr gewartet habt," grüßte er.
"Ich nehme an, ihr könntet mir noch etwas Zeit verschaffen."
Wie am Tag zuvor, so setzte sich Harkym ihm wieder gegenüber.
"Brauchst du Stärkung?" bot er seine Hilfe an.
"Es wäre kein Gewinn, um Tage zu feilschen," lehnte der
Magier ab. "Es ehrt euch, mir diese Möglichkeit zu bieten. Ich habe aber nicht
deshalb nach euch verlangt. Erinnert ihr euch, dass wir einmal über einen Tempel
gesprochen haben?"
"Wir sprachen vor Jahren über einen Tempel, den du auf einer
Astralreise schautest," bejahte Harkym gelassen. "Ich sagte dir damals, dass ich
dem nicht nachforschen werde."
"Ihr sagtest, dass ihr nicht forschen wollt, solange ihr der Than
seid." Farrak lächelte bedeutsam. "Dieser Tempel ist Mariner. Er gehört zur
Alten Zeit und wurde erbaut von Menschen, die Magier und Priester zugleich waren. Heute
bin ich sicher, dass es ihn gibt."
Der Than nickte nur. Er entsann sich genau jenes Bildes, das Farrak ihm einst
vermittelte. Es zeigte einen hohen Rundbau. Er sah im Grunde aus wie alle Haupttempel,
doch wurde er nicht aus weißem Stein erbaut, sondern aus rohem Fels. Auch hier führte
ein Säulengang die sechs Stockwerke hinauf. Dieser Tempel der Mariner aber stand nicht
frei im Land, sondern war zur Hälfte in gewachsenen, hohen Fels geschlagen. Ob es ihn
wirklich gab und wo, das blieb ungewiss.
"Keine der uns bekannten Schriften erzählen von diesem
Bauwerk," sagte er langsam.
"Ich habe viele Jahre geforscht," gab Farrak zu. "Seit
ich in Sarai die Kraft der Mariner erahnte, suchte ich nach ihr. Ich habe sie nicht
gefunden. Aber ich weiß, dass ihr sie finden könnt und ich kenne den Weg."
Harkym neigte sich ihm zu.
"Es hat sich nichts geändert, Farrak," mahnte er. "Ich
bin Priester und stehe für Amarra. Ich richte mein Sein nicht aus auf magische
Wirklichkeiten."
"Eines Tages wird ein anderer euer Amt versehen."
Der Than nickte still dazu. Jährlich zur Kalten Lichtwende suchten die Fallas
vereint nach dem stärksten derzeit inkarnierten Geist. Wen immer sie fanden, der musste
als Than über die Reiche herrschen. Er lebte sein Amt, aber er würde es begrüßen, wenn
ein anderer es übernehmen könnte.
Farrak bat um eine Schale mit Wasser. Doch er war nicht durstig. Er legte ein
Stückchen Holz hinein. Harkym sah ihm still zu. Dieses Holz zeigte sich völlig glatt.
Einige Symbole waren aufgezeichnet. Es schwamm ruhig, drehte sich langsam und verharrte
dann. Farrak lächelte.
"Das ist die Richtung. Ich habe oft so meinen Weg gesucht und
gefunden. Das Holz zeigt nach Silsa. Die Mariner haben es ähnlich gemacht. Ihr Symbol war
ein Halbkreis."
"Was weiter?"
"Ihr seid also doch interessiert." Farrak schmunzelte. Er
hatte sich nicht getäuscht. "Es genügt natürlich nicht, einen Halbkreis auf ein
Holz zu malen. In meinen Forschungen stieß ich auf eine Erzählung, nach der die Fürsten
der Mariner ihre treuesten Diener mit einer Münze belohnten, welche den Weg zur
Erfüllung ebnete." Harkym spannte sich an. "Diese Münze muss sehr leicht
gewesen sein und konnte auf Wasser schwimmen. Weitere Forschungen haben diese Legende
erhärtet. Ein Gerücht besagt, dass die Königin von Wyla eine solche Münze besitze. Ich
habe Nachforschungen anstellen lassen und vermute nun, dass das wohl früher einmal so
gewesen ist, aber jetzt nicht mehr zutrifft. Wenn es euch gelingt, diese Münze zu finden,
dann wisst ihr den Weg. Viele Menschen hören auf euer Wort. Wenn ihr nach einer
achteckigen Münze fragt, werden Unzählige danach suchen."
"Achteckig? Kannst du sie beschreiben?"
"Viel weiß ich nicht darüber. Man sagt, die Münze sei achteckig
und von rauher Oberfläche. Sie ist nicht geprägt wie ein Solar, sondern von Hand
graviert. Die eingravierten Zeichen sind Richtungsmerkmale. Eines weist nach Amarra, eines
zur Insel der Läuterung, so sagt man, eines aber auch zum Tempel der Mariner. Dieses
Zeichen ist der Halbkreis."
Harkym stieß sacht mit dem Finger das Holzstückchen in der Schale an, sah ihm zu,
wie es sich langsam wieder ausrichtete.
"Ich bin im Besitz einer solchen Münze," gestand er
nachdenklich. "Ich wusste stets, dass sie etwas Besonderes ist. Aber ich hatte keine
Ahnung..."
Er verstummte. Farrak lehnte sich in seinem Sessel zurück und schloss die Augen. Es
gefiel ihm sehr, dass seine Botschaft eine solch tiefe Wirkung zeigte.
"Was ich an Aufzeichnungen fand und selbst anfertige,"
erklärte er nun, "das habe ich in einer kleinen Truhe verschlossen. Sie lagert bei
eurer Schwester, bis ihr diesen Weg gehen könnt. Hier ist der Schlüssel." Er schob
ihn Harkym zu. "Jetzt habe ich alle meine Angelegenheiten geregelt. Ich danke für
euer Kommen."
Harkym hob den Blick. Die beiden Männer sahen sich lange an.
"Du dankst mir?" Der Than ergriff die Hände des Alten.
"Ich habe dir zu danken, auch wenn ich heute noch nicht sagen kann, ob dieses Wissen
je meinen Weg bestimmen wird. Kann ich noch irgendetwas für dich tun?"
"Ich weiß nicht, ob es möglich ist. Aber für Wana wird es schwer
sein. Vielleicht ist es möglich, dass sie einige Tage auf Amarra verbringt. Sie sehnt
sich sehr danach."
"Sie wird ein willkommener und geehrter Gast sein," versprach
der Than.
"Dann lasst mich jetzt allein. Ich danke für euer Kommen."
Farrak lehnte sich erneut zurück und schloss wieder die Augen. Harkym spürte, dass
der alte Mann sich verausgabte. Seine Kraft schwand.
Ende Kapitel 12
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