GOL1F2.GIF (1470 Byte)Gol1a2.gif (1633 Byte)Gol1r2.gif (1698 Byte)Gol1r2.gif (1698 Byte)Gol1a2.gif (1633 Byte)GOL1K2.GIF (1777 Byte)

 

Zyklus der Nebelreiche - Band 30

ein Roman von Renate Steinbach

 

 voriges Kapitel     zurück zur Startseite     Kapitel-Auswahl     nächstes Kapitel

Kapitel 11

 

Im Burghof warteten viele Menschen. Die meisten wollten nur sehen, ob und was geschah. Einige allerdings sorgten sich um den Than, der nun schon geraume Zeit nahe der Turmtür stand und zu lauschen schien. Auf sein Geheiß hin hielten alle Abstand.

Harkym achtete jetzt nicht mehr auf die Menschen. Er richtete sich ganz auf den sichtbaren Luftschild aus, der ihm den Zugang versperrte. Wie ein sanftes Vibrieren spürte er dessen Ausstrahlung gleich einer Warnung vor Gefahr.

Einst, in Sarai, tauchte er tief ein in den Geist der großen Magier. Er kannte Farraks Tiefe, seine Geheimnisse, sein magisches Wirken und dessen Wurzeln. Irgendwo in seinem Innern gab es einen Bereich, der wie ein Schatten verborgen blieb. Nymardos, der Vorgänger seines Vorgängers, sah einmal diesen Schatten und schreckte vor ihm zurück. Als er in Sarai diesem Bereich zu Wirksamkeit verhalf, verlor er seinen Weg und seine innere Integrität. Harkym zögerte im Bewusstsein dieser gegebenen Gefahr.

Bakhir hatte vom Tod seines Vaters gesprochen. Das magische Feuer, in dem Tibra den Tod fand, blieb unsichtbar. Man vermutete das Handeln des Than darin, doch niemand wusste es genau, denn es war nichts zu sehen dabei. Aber den Leichnam bettete er auf einen hohen Holzstapel und entzündete diesen durch Feuerbälle, die er, wie davor sein Vater so oft, aus seinen Handflächen heraus schleuderte. Stunde um Stunde hielt er so das Feuer lebendig, hoch und stark. Damals in seinem grenzenlosen Schmerz dachte er nicht einmal darüber nach. Dieses Handeln hatte auf seinen inneren Weg und sein priesterliches Sein keinerlei Auswirkung. Es erschien ihm damals sehr natürlich, wie es ihm auch keinen Gedanken wert war, bei Bedarf Feuer auf magischem Weg zu entzünden, wenn es anders nicht ging.

Da oben im Turm befand sich ein alter Magier, der ihn sehen wollte. Er schützte sich auf die ihm eigene Art vor unliebsamen Besuchern. Aber ihm übermittelte er die Möglichkeit des Zugangs. Es wäre töricht, diese nicht zu nutzen.

Mit sehr leiser Stimme intonierte der Than den Namen, den Bakhir ihm brachte. Die Schwingung des Schutzschildes veränderte sich, wenig nur und mehr erahnt denn erspürt. Das Vibrieren ließ nach. Aber der Luftschild wich nicht. Harkym wiederholte die Silben. Sein Blick glitt den Turm hinauf, suchte dann aber wieder die Tür. Was immer dieser seltsame Name aus der Alten Zeit bewirken mochte, er konnte es nicht einschätzen. Er wusste nur mit völliger Sicherheit, dass da keine Gefahr mehr bestand und er die Sperre durchqueren konnte.

Der Than trat entschlossen nach vorn, öffnete die Tür zum Turm, trat ein und schloss hinter sich den Eingang. Fast erstaunt bemerkte er, dass im Innern des alten Wehrturmes nichts von der Schwingung des Schutzschildes wirkte. Das Licht seines Lebenden Kristalles beleuchtete die Stufen, die er nun hinauf stieg.

Es vergingen mehr als fünf Jahre, seit er zuletzt dieses Turmzimmer betrat. Augenscheinlich veränderte sich nichts in dieser Zeit. Harkym legte den leuchtenden Kristall auf den Tisch, ehe er sich auf den Rand des Lagers setzte. Farrak lag hier mit geschlossenen Augen. Sein Atem ging sehr flach. Er wirkte eingefallen, bar seiner vorigen Kräfte.

Der Than legte behutsam die Rechte auf die kühle Stirn des alten Mannes, mit der Linken ergriff er dessen Hand. Wortlos handelte er jetzt ganz als Priester, während er sacht von der eigenen Lebenskraft überfliesen ließ.

Farraks Augenlider flackerten nicht lange danach. Sein Atem ging tiefer und nun hielt er die Linke seines Besuchers fester, wenngleich ohne Kraft. Harkym entzog sich ihm, griff nach dem Wasserschlauch und half dem Alten beim Trinken. Dann schloss Farrak die Augen. Aber er schlief nicht, sondern kontrollierte bewusst seinen Atem und mobilisierte seine eigenen Kräfte. Wenig später richtete er sich mühsam auf.

   "Helft mir in den Sessel," bat er, wobei seine Stimme keineswegs schwach klang.

Der Than stützte ihn, bettete ihn in den Sessel mit der hohen Lehne und breitete eine Decke über Farraks Beine, ehe er einen Stuhl heran zog und sich ihm gegenüber setzte.

   "Ich grüße dich," sagte er dann. "Und ich bedauere, dass du warten musstest."

   "Ihr hättet mir diesen Micaal nicht schicken dürfen," brummte Farrak etwas abweisend.

Harkym lachte leise.

   "Sei versichert, dass Micaal von allen Menschen meiner Nähe der einzige ist, den ich gewiss niemals zu dir senden würde. War der Schutzschild wirklich nötig?"

   "Dieser Micaal ist euer Freund, nicht wahr?" Harkym nickte nur. "Dann war er nötig. Solange dieser Priester nur verlangte, dass ich zu ihm komme, konnte ich ihn ignorieren. Doch als zu mir wollte, musste ich mich schützen. Ich hätte ihn getötet beim geringsten Versuch, meinen Geist zu berühren."

   "Dann bin ich dir zu Dank verpflichtet," erwiderte der Than mit ernster Stimme. Farrak mochte alt und schwach sein, doch seine Worte bestanden nicht aus Prahlerei. Er war ein Meister der Magie und durchaus fähig, einen Menschen in magischem Wirken schnell zu töten. "Aber Nodher fühlt sich durch dich jetzt bedroht. Du solltest den Schild entfernen."

   "Dann seid ihr nur aus Sorge um Nodher hier?"

   "Ich erfuhr von deiner Einladung erst, als dein Luftschild stand."

Harkym erzählte mit wenigen Worten, wie es geschah, dass Micaal die Botschaft vor ihm erfuhr und auch, dass er zu dieser Zeit mit Bakhir übers Land zog.

   "Auch dieser Bakhir ist euer Freund," verstand der Magier. "Ist er Priester?"

Farrak wollte wohl plaudern und Harkym gab seinem Wunsch nach. Er erzählte ein wenig aus seinem Leben; aus dem Leben, das nicht sein Amt, sondern allein seine Person betraf.

 
Stille herrschte im Burghof. Als der magische Luftschild verschwand, hallte die Stimme Ilkonys' laut:

   "Schafft den Magier aus der Burg und bringt ihn so weit weg wie möglich."

Der König hielt sich nicht weiter auf. Er wartete nicht, bis seine Soldaten seinen Befehl befolgten, sondern ging ins Innere der Burg. Andraag, der diesen Befehl hörte, erschrak förmlich. Rasch folgte er dem Vater.

Die Soldaten, die bisher den Turm bewachten, wandten sich zur Tür. Andere Bewaffnete kamen gelaufen.

   "Zurück!"

Bakhir schrie es förmlich. Er stand dem Turm am Nächsten und jetzt stand er breitbeinig vor der Tür, drohend die Hände halb erhoben. Er trug keine Waffe und er konnte auch nicht wirklich mit ihr umgehen. Er würde die Männer nicht abwehren können und als einige der Soldaten nun den Säbel zogen, fühlte er sich durchaus bedroht. Aber er wich nicht.

Gehetzt sah er sich um. Er suchte keinen Weg der Flucht, sondern der Hilfe. Mit einem Ruck riss er sich das Opalsiegel vom Hals, hielt es hoch und rief:

   "Rhandar, zu mir. Haltet mir die Männer vom Leib."

Andraags Pala, der eben die Burg betreten wollte, wandte sich beim lauten Klang seines Namens um. Er hielt die Männer auf, aber er schickte sie nicht weg.

   "Ich kann mich nicht gegen meinen König stellen," erklärte er mit bedauernder Stimme.

Bakhir hielt das Siegel etwas fester, als er es nun anhob, so dass Rhandar es schauen musste.

   "Ihr könnt euch nicht gegen den Than stellen," murrte er. "Ihr seid Priester des Lichts, Mann. Solange Harkym in diesem Turm ist, geht niemand hinein."

   "Ihr werdet es nicht verhindern können. Der König befiehlt es."

   "Auch er ist Priester," ließ Bakhir das nicht gelten.

Aber er wusste, dass Rhandar ihm nicht weiter helfen konnte oder wollte. Er schob diesen Mann von sich, gleichzeitig zog der dessen Degen aus der Scheide. Es erstaunte ihn selbst, dass er sich nun, mit einer Waffe in der Hand, stärker fühlte. Für die Soldaten war er jetzt ein ernst zu nehmender Gegner.

   "Ich benachrichtige Andraag," beschloss Rhandar und Bakhir, dem dies eine gute Idee erschien, nickte dazu.

Während Rhandar in die Burg eilte, kamen die Soldaten bedrohlich näher. Jeder von ihnen hatte jetzt seine Waffe in der Hand.

 
Micaal war, nachdem Harkym den Turm betrat, zu den Stallungen gegangen. Jetzt führte er ein gesatteltes Pferd am Zügel. Er wollte etwas ausreiten. Nun fluchte er, da er die Bedrohung des Mannes aus Wyla sah. Bakhir rief ihn an, doch diese Aufforderung war nicht wirklich nötig. Micaal ließ das Pferd schon stehen, stieß zwei Soldaten beiseite und trat zu ihm.

   "Was geht hier vor?" fuhr er Bakhir an.

Die Soldaten hielten inne. Sie hofften, Micaal könne bewirken, dass die Sache unblutig zu Ende ging.

   "Nachdem sich der Schutzschild auflöste, befahl der König, Farrak aus der Burg zu schaffen."

   "Das ist eine vortreffliche Idee," fauchte Raakis Priester. "Mischt euch nicht ein."

Bakhir lachte, trotz der bedrohlichen Situation, fast vergnügt auf.

   "Dazu ist es zu spät. Also helft mir."

   "Ihr haltet den Degen wie einen Stock. Ihr seht nicht aus wie jemand, der damit umgehen kann."

   "Kann ich ja auch nicht. Trotzdem kommt jetzt niemand kampflos in den Turm hinein." Er hob die Stimme. "Ich bin Pala des Than. Wer es wagt, Hand an mich zu legen, ist des Todes."

Unruhe entstand unter den Soldaten. Diese Drohung besaß Gewicht. Ein Pala des Than galt in den Reichen als unantastbar. Einige der Männer steckten den Säbel ein.

   "Ihr seid irre," stellte Micaal trocken fest, aber er kam nicht umhin, die Sturheit dieses Mannes auf gewisse Weise zu bewundern.
 

Rhandar störte den heftigen Wortwechsel zwischen Andraag und Ilkonys. Nodhers Erbe versuchte vergeblich, den Vater zur Besonnenheit zu ermahnen. Als sie nun hörten, was der Mann aus Wyla tat, eilten sie alle hinaus auf den Burghof. Die Soldaten verneigten sich leicht vor ihrem Herrscher. Nun steckten auch die letzten von ihnen die Waffe weg.

Ilkonys beachtete Micaal nicht. Zorn flammte in seinen Augen, als er nahe zu Bakhir trat.

   "Ihr seid Gast hier, Mann, benehmt euch so," fuhr er den Mann aus Wyla an.

   "Gast?" erwiderte Bakhir ungerührt. "Außer eurem Enkel hat mich niemand hier begrüßt." Er hielt den Degen noch immer, deutete mit dessen Spitze aber jetzt sehr deutlich zum Boden. "Wenn ihr den Magier wollt, müsst ihr warten."

Andraag trat rasch neben den Vater, fasste wie beruhigend nach dessen Arm.

   "Ihr stellt euch gegen Nodher, Bakhir?"

Das klang nicht unfreundlich, eher nachdenklich und auch besorgt.

   "Ich achte euch als meinen Herrn, Prinz Andraag," erwiderte der vorsichtig. "Wollt ihr mir wirklich befehlen, jetzt zu weichen?"

   "Natürlich tut er das," fauchte Ilkonys, wütend, weil dieser Mann den Sohn höher achtete denn ihn.

   "Ich kann einem Pala des Than nicht befehlen," stellte Andraag mit Blick auf das erhobene Siegel fest. "Was bedeutet euch dieser Magier?"

   "Er bedeutet mir nichts." Bakhir spannte sich an, weil zwei Soldaten näher kamen. Andraag winkte die Leute zurück. Da fuhr er fort: "Harkym ist bei Farrak. Ich weiß nicht, was dort geschieht. Aber ich weiß, dass Priester - und Magier - bei manchem Tun nicht gestört werden dürfen. Ich stehe nicht für Amarra und ich stehe nicht gegen Nodher. Aber ich achte auf einen Freund." Jetzt sah er Ilkonys mit offenem Blick an. "Wenn euer Befehl Harkym Schaden zufügt, ist niemandem damit gedient."

Unmerklich erbleichte Ilkonys. Dies hatte er nicht bedacht und niemals wollte er den Than einer Gefahr aussetzen. Andraag bemerkte erleichtert, dass der Zorn des Vaters erlosch.

   "Ihr wartet, bis der Magier allein ist," befahl der Herrscher den Soldaten. Er wandte sich an Bakhir: "Und ihr kommt mit mir," verlangte er, willens, die bisher versäumte Begrüßung nachzuholen.

   "Ich werde ebenso warten, Gebieter," wehrte der Mann aus Wyla ab und lehnte sich demonstrativ gegen die Tür.

   "Es wird ja wohl nicht all zu lange dauern," gab der Herrscher nach kurzer Überlegung nach.

Er ging wieder in die Burg und Andraag und Rhandar begleiteten ihn. Nur Micaal blieb bei Bakhir, ihm nun mit leiser Stimme heftige Vorwürfe machend, weil er den Herrscher so brüskierte. Bakhir hörte ihm schweigend, aber ohne großes Interesse zu. Er ließ die Soldaten nicht aus den Augen, ständig einen Hinterhalt befürchtend.
 

Oben im Turm sprach nicht Harkym allein. Auch Farrak erzählte. Er schilderte Vesnas Besuch und ihre Sorge über das Fieber, das in Minas so viele Menschen bedrohte. Harkym wusste schon davon. Viele Priesterärzte reisten unerkannt durch das Fürstentum und halfen, wo immer man ihrer bedurfte. Der Magier sprach von vielen Menschen, die er kannte und die ihm etwas bedeuteten. Er achtete dabei nicht auf das Amt seines Gegenübers, denn er redete auch offen von Magie und Magiern. Manchmal fragte er nach Harkyms Sicht der Dinge. Aber irgendwann wurde es ihm zu viel und er schlief einfach ein.

Der Than blieb bei ihm. Er musste Farrak jetzt nicht stärken. So wartete er nur auf dessen Erwachen und hing dabei seinen eigenen Gedanken nach, die sich in diesen Stunden sehr viel mit dem geliebten Vater beschäftigten.

 
Der Abend nahte. Micaal war lange bei Bakhir geblieben, doch als dieser auf seine Vorwürfe überhaupt nicht reagierte, schwieg er endlich und schließlich entfernte er sich. Raakis Priester hatte nicht den Eindruck, als wenn Nodhers Soldaten den alten Wehrturm erstürmen wollten. Inzwischen wurde es recht kühl.

Bakhir harrte weiter aus, war sich seiner Sache aber längst nicht mehr so sicher. Er kränkte seinen König, beleidigte Andraag und überwarf sich mit der ganzen Burg. Vermutlich brauchte Harkym seinen Schutz nicht. Trotzdem standen noch immer an die dreissig Bewaffnete im Burghof.
In den fallenden Nebeln kam Prinz Riccar zu ihm. Der Jüngling brachte ihm einen dicht gewobenen, wärmenden Mantel. Er zögerte, ehe er Bakhir seinen Beutel in die Hand drückte.

   "Jeder in der Familie ist wütend auf euch," erklärte er drängend. "Bitte nehmt den Beutel, Bakhir. Vielleicht versöhnt es den König, wenn ihr die Schrift bezahlt. Und wenn ihr euch bei ihm entschuldigt."

Andraag rief den Sohn in die Burg. Riccar bedauerte, nicht mehr tun zu können, ehe er sich verabschiedete und dem Vater gehorchte.
Im Schutz der dichten Nebel brachte Dalur später ein einfaches Mahl. Er dankte dem Mann aus Wyla für seinen Einsatz, denn er sorgte sich sehr um seinen Herrn. Nicht lange danach kam Jiddan mit einem Becher heißen Weines. Wana hatte den Gefährten dazu überreden können. Rhandar ließ ihm eine Decke zukommen. Ein Diener Andraags brachte Bakhir endlich einen einfachen Stuhl.

Der Mann aus Wyla harrte weiterhin aus und inzwischen fand er, dass die Fülle an Unterstützung, die er mehr oder weniger heimlich erhielt, sein Handeln durchaus rechtfertigte.

Sehr spät in der Nacht kamen Menschen, die Bakhir nicht kannte. Sie brachten ein Kohlebecken, das sanfte Wärme verströmte und einen großen Krug mit heißem Tee. Sie entfernten sich wortlos, fast scheu. Doch dies galt nicht Bakhir, sondern Nodhers Herrn, der nun kam. Ilkonys wartete keinen Gruß ab.

   "Kommt mit hinein," bat er. "Ihr habt mein Wort, dass niemand heute Nacht den Turm betreten wird."

   "Ich danke euch, Gebieter." Bakhir hielt die Hände über die Glut, um sich zu wärmen. "Aber diese Glut beweist, dass ihr nicht annehmt, dass ich eurem Wort traue. Das tut mir leid, denn so ist es nicht."

   "Sondern?"

   "Ich käme mir töricht vor, wenn ich jetzt ginge," gab Bakhir sehr offen zu.

   "Ihr seid nicht töricht." Ilkonys schenkte ihm den Becher voll. "Trinkt ein wenig, das wird euch aufwärmen. Im Grunde bin ich euch dankbar, weil ihr mich gehindert habt, Bakhir. Ihr hindert mich immer noch."

   "Was habt ihr gegen den Magier, Herr? Ich hörte, dass er sterben wird. Ihn jetzt noch zu verbannen, wo ist der Sinn?"

   "Farrak lebt schon viele Jahre hier." Nodhers Herrscher trat nun selbst nahe zu den glühenden Kohlen. "Ich kam als junger Mann aus Amarra in mein Land und wurde bedroht. Die tödliche Klinge lag schon an meinem Hals. Damals rettete dieser Magier mein Leben. Ich bin ihm immer noch dankbar und will ihm nichts Übles. Aber ich kann nicht dulden, dass er mit seinem Handeln mein Heim bedroht."

   "Ihr meint diesen Luftschild? Harkym ging einfach hindurch, Herr. Hat davor irgendwer diese magische Barriere berührt?" Der Herrscher schüttelte den Kopf. "Was macht euch dann so sicher, dass es eine Bedrohung war?"

   "Was sollte es sonst gewesen sein?"

   "Farrak hat sich abgeschirmt und ich nehme an, Magier tun es auf diese Weise. Auch Priester schirmen sich bei Bedarf ab, Gebieter. Manchmal sind Freunde da, die es für sie tun. Farrak hat hier wohl keine solchen Freunde."

Nodhers Herrscher betrachtete Bakhir nachdenklich. Er sah ihn in Nebel und Kohlenglut nur gleich einem Schemen, aber er spürte, dass dieser Mann den Blick nicht senkte vor ihm.

Bakhir deutete das Schweigen durchaus richtig. Er hatte den Herrscher verwirrt. Ilkonys war nicht mehr sicher, ob je eine Bedrohung von Farrak ausging. Er sollte jetzt wohl eingestehen, dass der Luftschild wirklich gefährlich war. Harkym hatte es ihm ja gesagt. Aber dieses Eingeständnis mochte seinen König dann wohl wirklich erzürnen. Bakhir schwieg.

   "Wollt ihr mir eine sehr persönliche Frage beantworten?" ergriff Ilkonys nach einiger Zeit nachdenklich das Wort.

   "Das kommt auf die Frage an, Gebieter."

Der Herrscher lächelte. Es gab wohl keinen Menschen in seinem Land, der ihm hier eine solche Antwort zu geben wagte. Er fuhr fort:

   "Vor fünf Jahren, als die Ernten in Sion ausfielen, da seid ihr mit dem Than geritten. Ehe Tibra starb, nahm er euch beiseite. Tibra war mein Freund. Was hat er euch damals gesagt?"

Erstaunt sah der Mann aus Wyla auf seinen König. Mit dieser Frage hatte er nicht gerechnet. Ehrlich gab er Auskunft:

   "Tibra löste mein Haar und sagte mir, dass ich in Harkyms Nähe sein müsse, wenn er mich braucht. Näher geht jetzt wohl nicht."

   "Er löste euer Haar? Nicht der Than hat dies getan?"

Bakhir nickte still. Ilkonys sagte nichts weiter dazu, doch dieses Wissen wertete den einfachen Tagelöhner in seinen Augen nun weit auf. Der Magier Tibra war für ihn stets ein ganz besonderer Mensch gewesen und wen dieser beachtete, der bedeutete auch ihm viel.

Nodhers Herrscher wandte sich um. Er widerrief nun vor den Soldaten seinen eigenen Befehl und schickte die Männer fort. Dann rief er nach seiner Garde.

   "Ihr bewacht den Wehrturm," befahl er, "und haftet mir für die Sicherheit aller, die in ihm sind. Niemand geht hinein ohne die ausdrückliche Erlaubnis dieses Mannes oder auf Befehl des Than hin. Bakhir ist mein Gast. Wenn er Wünsche hat, sollen sie erfüllt werden. Und wenn er auf diesem unbequemen Stuhl schlafen sollte, dann stört ihn nicht."

Ohne weiteren Gruß verließ er den Burghof. Er wollte jetzt allein sein. Es gab vieles, dem er Nachsinnen musste. In dieser Nacht mied ihn der Schlaf noch lange Zeit.

Ende Kapitel 11

 voriges Kapitel     zurück zur Startseite     Kapitel-Auswahl     nächstes Kapitel