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Zyklus der Nebelreiche - Band 30
ein Roman von Renate Steinbach
Kapitel 10
Der Lichtschild stand nun schon den vierten Tag um den
Wehrturm. Seit dem zweiten Tag rotierte er nicht mehr, doch dies war die einzige
Veränderung. Tag und Nacht standen zwanzig bewaffnete Männer und bewachten den Turm,
sorgsam darauf achtend, dass niemand dem magischen Schutzschild zu nahe kam. An der
tödlichen Wirkung zweifelte keiner, obgleich es keinen Beweis hierfür gab. Es war wie
eine drohende, allseits gegenwärtige Gefahr, was alle Menschen in Burg Nodher belastete.
Die Stimmung blieb bedrückt. Jeder ging seiner Arbeit nach. Aber es spielten keine Kinder
mehr im Burghof; es tratschen keine Frauen beim Brunnen und plauderten keine Männer bei
den Stallungen.
Bei Tag stand das breite Tor stets weit offen. Man hatte die nahenden Reiter schon
gesehen und Harkym an seinem Gewand erkannt. Rufe wurden laut. Jemand lief, um den
Herrscher zu verständigen.
Bakhir blieb dicht neben Harkym, auch nachdem dieser gleich nach dem Tor abstieg und
dann betont langsam weiter ging. Jemand führte ihre Pferde zu den Stallungen. Sie
achteten nicht darauf. Ihre Blicke hingen an dem Turm und der Luftschicht um ihn.
Der Mann aus Wyla grinste, als Ilkonys, Andraag und Alphena aus dem Innern der Burg
eilten, gefolgt von Jiddan, Rhandar und Micaal. Diese Männer hatten keine Zeit gehabt,
sich festlich zu kleiden. Obwohl sie das Kommen den Than ja eigentlich erwarteten,
rechnete wohl niemand damit, dass dies so schnell geschehen könnte. Aber Bakhir trat nun
drei Schritte beiseite. Als diese Menschen der Macht die Arme vor der Brust überkreuzten
und sich tief neigten, galt ihr Gruß allein dem Than.
Er wollte den formellen Worten nicht lauschen, die nun ausgetauscht wurden. Der
Luftschild faszinierte ihn. Er ging etwas näher, doch als die Soldaten sich anspannten,
hielt er Abstand. Er sah Wana und erinnerte sich an Jiddans Gefährtin. Sie trug vornehme
Gewandung, aber er wusste, dass sie als Priesterin die höchste Weihe empfing. Auf Amarra
oder in einem Tempel würde sie die weiße Tunika tragen. Dalur kannte er nicht. Es fiel
ihm nur auf, wie Wana hastig und drängend auf diesen Mann einredete, der keinen Blick von
Harkym ließ.
Bakhir ging etwas näher und hörte nun, wie sie Dalur heftig ermahnte:
"Du kannst nicht zu ihm. Niemand geht ungerufen zum Than."
"Ich schon," murmelte Bakhir leise zu sich selbst und genau
dies wollte er jetzt auch tun, aber dann sah er Harkym im Gespräch mit Micaal und zog es
vor, den Abstand zu vergrößern.
Wana hob den Blick. Sie sah ihn und starrte dann auf das Opalsiegel. Langsam
überkreuzte sie die Arme und nun verneigte sie sich sehr tief. Bakhir nickte ihr zu. Er
ärgerte sich schon wieder, denn dieser Gruß galt nicht ihm und für einen Moment fühlte
er sich erneut als Schatten des mächtigsten Mannes der Reiche.
Auch Dalur sah das Siegel, dessen Bedeutung er kannte. Aber er war kein Priester,
sondern ein freigelassener Sklave. Er grüßte Bakhir nicht, sondern trat rasch zu ihm.
"Könnt ihr mich zu ihm bringen?" bat er drängend.
Wana griff ihn am Oberarm, wollte ihn wegziehen.
"Lasst ihn."
Mit diesen Worten schob sich Bakhir zwischen die beiden Menschen. Sie erregten schon
Aufmerksamkeit. Jiddan kam geradezu eilig herbei. Er bedeutete Dalur, sich zu entfernen,
während er zugleich mit einigen Worten bedauerte, dass niemand den Pala des Than
willkommen hieß und ihn einlud, mit ins Innere der Burg zu kommen, wo er Gastquartier
erhalten solle.
"Ihr wollt mich aus dem Weg haben," begriff Bakhir, der diese
Worte eigentlich nur denken und nicht auch aussprechen wollte.
Erschrocken überkreuzte nun auch Jiddan die Arme. Er war Pala des Herrschers und
damit ein Mann wirklicher Macht. Doch er war auch Priester und wenn er Bakhir kränkte,
stellte er sich gegen seinen Gebieter. Das lag ihm fern.
Bakhir folgte Dalur, der sich schon ein ganzes Stück entfernte und sich sichtlich
beschämt fühlte.
"Wer seid ihr?" erkundigte sich der Mann aus Wyla dann.
Dalur stellte sich mit unsicherer Stimme in Namen und Werk vor. Eigentlich war er ein
selbstbewusster Mensch, doch die Art, wie Wana und Jiddan sich eben benahmen, verwirrte
ihn und ließ ihn Bakhir nun auch ein wenig fürchten.
"Ich bedauere sehr, dass ihr gekränkt wurdet. Priester sind
manches Mal etwas sehr seltsam." Bakhir lachte leise auf und er freute sich, weil
Dalur ihn nun sehr offen anschaute. "Ist es so wichtig für euch, den Than zu
sprechen?"
Dalur sah hinauf zum Turm, als er erwiderte:
"Auch er kann nicht hinein."
"Ich nehme an, das weiß er."
"Farrak wollte, dass ich zu ihm gehe." Dalur seufzte leise.
"Ich weiß nicht, warum es so ist. Aber Farrak sagte, wenn er kommt, müsse ich zu
ihm und mich vor ihm neigen."
"Er ist nur wegen dem Magier gekommen. Ich denke, der Schutzschild
wird sich jetzt auflösen."
"Farrak hat sich gestern und heute nicht am Fenster gezeigt."
Dalur war sehr besorgt. "Ich fürchte, er weiß nicht, dass Harkym kam."
"Das klingt nicht gut." Bakhir zögerte nur kurz. "Kommt
mit mir."
Er fasste Dalur beim Ellbogen und führte ihn über den Burghof, bereit, diesen Mann
zu Harkym zu bringen. Jiddan vertrat ihm den Weg. Da blieb er stehen. Dalur wollte sich
enttäuscht entfernen. Ilkonys, Andraag und Alphena wandte sich dem Burginnern zu, um den
Than und Micaal hinein zu geleiten. Der Freund warf nur einen kurzen Blick zu Bakhir, aber
er schmunzelte dabei.
Bakhir grinste. Er sollte sich hier nicht kränken lassen und er sollte ihre
Freundschaft nicht verleugnen. Nun, der Than würde erleben, dass er bereit war, genau
dies zu tun.
"Harkym!"
Atemlose Stille herrschte im Burghof, als er laut den Namen des Mächtigen rief. Es
gab wohl niemanden, der ihn jetzt nicht anstarrte. Und als der Than nun zu ihm kam,
verneigten sich die Umstehenden. Harkym warf dem Freund nur einen höchst amüsierten
Blick zu, ehe er sich auf Dalur ausrichtete und dessen ungewöhnlich tiefe Verneigung
hinnahm.
"Die Götter sind mit dir, Dalur," grüßte er. "Sei ohne
Furcht. Ich werde Farrak begegnen und er wird mir nicht schaden."
Bakhir stand hinter Dalur. Als Harkym ihm ein Zeichen gab, hob er den Mann auf, der
sich nun wortlos, aber mit festem Schritt entfernte.
"Die ganze Burg ist wütend auf mich," murrte Bakhir, als sie
niemand mehr hören konnte.
"Zumindest bist du nicht übersehen," erwiderte Harkym heiter.
"Komm, lassen wir uns bewirten."
"Ich komme später zu dir," wehrte Bakhir da zu seiner
Überraschung ab. "Irgendwer wird mich schon führen können." Er lachte leise
auf. "Es ist alles in bester Ordnung," versprach er. "Ich werde dich nicht
lange warten lassen."
Nodhers Herrscher wartete noch immer bei der inneren Burgtür. Harkym sah es. Da gab
er nach und ließ Bakhir gewähren
Nachdem der Than mit Ilkonys und den anderen ins Innere der Burg ging, nahm der Alltag im
Burghof wieder seinen Lauf. Man achtete nicht weiter auf Bakhir, der sich ein wenig
umschaute und dabei recht gelangweilt wirkte. Doch er suchte jemand und als er endlich
Wana erblickte, die durch eine kleine Seitentür gehen wollte, eilte er rasch zu ihr und
hielt sie auf.
"Verzeiht," sprach er sie an, "ihr könnt mir sicher
sagen, wo ich Dalur finde."
"Was wollt ihr von ihm? Lasst ihn einfach in Ruhe. Es ist nicht
leicht für ihn in diesen Tagen und er ist verwirrt genug," erwiderte Wana mit
kühler, ablehnender Stimme.
"Das seid ihr auch," stellte Bakhir da mit fast brutaler
Offenheit fest. "Ihr weicht eurem Gebieter aus, weil ihr fürchtet, er könne in euch
zu viel über Farrak finden. Diese Sorge teilt Dalur jedenfalls nicht."
"Ihr habt ihn ja schon zu ihm gebracht," murrte sie
vorwurfsvoll.
"Aber die Botschaft kam wohl nicht an," meinte Bakhir da
versöhnlich. "Bringt mich bitte zu ihm."
Wana wehrte ab. Sie wollte weiter und wunderte sich, weil Bakhir ihr den Weg vertrat.
Er war immer noch ein einfacher Landmann und sie eine Priesterin der höchsten Weihe und
Gefährtin des Pala des Königs. Er konnte sie nicht wirklich bedrängen. In unbewusster
Geste legte er die Hand um das Opalsiegel. Dann lächelte er verhalten. Vor Jahren sagte
ihm Harkym, dass jeder Priester ihm untertan sei, wenn er dieses Siegel zeigte. Er hatte
in seinem Alltag keine Berührung zur Priesterschaft und deshalb besaß dieses Zeichen
nicht wirklichen Wert für ihn. Aber nun sah er ihren erstaunten Blick.
"Ich glaube, ich verlange es," sagte er leise.
Da nickte sie ergeben und führte ihn in einen Seitenflügel der Burg, dort durch
lange, schmale Gänge, endlich einige Stufen hinauf und schließlich blieb sie vor einer
kleinen Tür stehen. Bakhir dankte und wartete, bis sie sich entfernte.
Dalur erhob sich bei seinem Eintreten und verneigte sich tief. Erstaunt sah Bakhir, dass
dieser Mann, der doch als Sklave geboren wurde, belesen war, denn das Pergament, das Dalur
eben beiseite legte, wies viele Schriftzeichen auf.
Neugierig sah sich der Mann aus Wyla kurz um. Dalur bewohnte zwei Räume in der Burg,
sehr gemütlich eingerichtet und er schien nichts zu vermissen. Viele brave Arbeiter
würden sich eine solche Heimstatt wünschen.
"Sollte euer Besuch mich ehren, Herr?" erkundigte sich Dalur
vorsichtig, nachdem Bakhir zu lange schwieg.
"Harkym kennt euch?" erwiderte Bakhir überlegend.
"Er kennt meinen Herrn und er weiß meinen Namen, da wir einander
schon begegnet sind."
"Hat er vorhin euren Geist berührt?"
"Ich habe ihn nicht einmal angesehen, Herr. Ich habe aber auch
keine Botschaft für ihn. Farrak hat mir nichts gesagt, das ich ihm übermitteln
sollte."
"Ihr solltet euch nur vor ihm verneigen?"
"Ja, Herr."
"Dann hat Harkym etwas übersehen." Bakhir lächelte, was in
Dalur nun jedes Misstrauen besiegte. "Neigt euch vor mir. Ihr sollt mich nicht ehren,
sondern nur..."
Dalur berührte schon mit einem Knie den Boden und neigte sich tief, die Arme dabei
vor der Brust überkreuzt. Bakhir musterte ihn eingehend. Dalur regte sich nicht; auch
nicht, als der Mann aus Wyla um ihn herum ging.
"Ich danke euch. Steht auf." Dalur gehorchte verwirrt.
"Zieht euer Hemd aus."
Dalur trug ein Hemd mit hohem Kragen und langen Ärmeln, vor der Brust geschnürt. Er
zog sich das Tuch über den Kopf.
"Da sind Zeichen in eurem Nacken," erklärte Bakhir ihm fast
erheitert. "Es sieht wie aufgestempelt aus. Ihr habt wohl nicht einmal gemerkt, wie
Farrak euch diese Botschaft im wahrsten Sinne des Wortes auftrug."
Er nahm die Schrift, in der Dalur zuvor las und griff nach einem Kohlestift. Dann
zeichnete er die Symbole ab, die er nicht verstand. Das waren keine Buchstaben, wie man
sie in der Neuen Zeit benutzte. Was immer die Zeichen bedeuten mochten, Harkym würde es
in Erfahrung bringen. Bakhir steckte die Schrift ein, dankte nochmals und verweilte noch
ein wenig, ehe er sich dann sehr freundlich verabschiedete.
Riccar war fünfzehn Jahre alt und ein Prinz in Nodher. Er war nicht der Erbe des Reiches,
denn der wurde der Sitte gemäß auf Amarra in Trance gezeugt und wuchs auch dort auf.
Riccar war das erste Kind, das Alphena gebar. Sein Vater Andraag ließ ihm viel Freiheit,
bestand aber ebenso auf der Erfüllung aller Pflichten, zu denen noch vornehmlich das
Lernen gehörte.
Er war mit ein paar Freunden ausgeritten und kehrte eben zur Burg zurück. Fast hart
zügelte er sein Tier, ehe er aus dem Sattel sprang, noch ehe dieses ganz zum Stehen kam.
Er sah nicht das Opalssiegel, doch er schaute das glatte, lange, schwarze Haar und wusste,
wem es gehörte.
"Bakhir," rief er laut und fröhlich, "welch eine Freude,
euch zu sehen."
Er lief dem Mann aus Wyla entgegen und drückte fest dessen beide Hände. Und er
lachte dabei.
"Nanu," staunte Bakhir, "es gibt ja doch jemanden, dem
ich willkommen bin."
"Hat euch niemand begrüßt? Das ist unverzeihlich." Er
führte Bakhir schon mit sich und plauderte dabei. "Wisst ihr, wie es Alekin
geht?"
Bakhir schmunzelte. Dass der Prinz Alekin nicht vergaß, gefiel ihm sehr. Vor zwei
Jahren, als er mit Micaal, Andraag und Alphena nach Sion reiste, war auch Riccar dabei
gewesen. Alekin, drei Jahre älter als Riccar, kam mit Micaal, doch er diente
ausschließlich Bakhir, von dem er sich Rat erhoffte. Und Riccar half dem Jungen aus
Amarra in allen Dingen, achtete durchgehend auf ihn und war bereit, wie er zu dienen, nur,
um ihn nicht zu beschweren. Damals duzte Bakhir den Prinzen, was Andraag zwar nicht
gefiel, aber die Kameradschaft der beiden Jungen erst ermöglichte.
Riccar hatte Bakhir mitgenommen in seine eigenen Räume. Er wollte sich nach dem
langen Ritt waschen und umkleiden. Die nun anwesenden Pagen hinderten ihn nicht an sehr
offenem Reden. Er ließ Bakhir andere, sehr feine Kleidung bringen und bestand darauf,
dass der Gast sich den Leibdienst gleich ihm gefallen ließ.
"Die Leute hier achten mehr auf das Gewand als auf den
Menschen," meinte er dabei leichthin. "Es wird euch so leichter fallen, zu Vater
zu gelangen."
"Na, ich hoffe doch, ihr bringt mich hin," schmunzelte Bakhir,
der nun endlich dazu kam, vom Anlass seines Hierseins zu sprechen. Dass der Than das
Mittagsmahl mit einnehmen würde, erschreckte den jungen Prinzen nicht.
Die Menschen im kleinen Speisesaal der Burg standen noch abwartend und plaudernd
beisammen. Ilkonys unterhielt sich mit seiner Gemahlin Cynara und seinem Bruder Willar,
Alphena sprach mit Jiddan und Andraag stand bei Micaal und Harkym. Rhandar nahm Alphenas
Töchtern die Scheu vor dem hohen Besuch.
"Ich denke, man sollte Bakhir jetzt doch suchen," schlug
Micaal vorsichtig vor, dabei nur Nodhers Erben anschauend.
"Womöglich findet er den Weg nicht," räumte Andraag ein.
"Aber es eilt noch nicht. Riccar wollte kommen und wir warten ebenso auf ihn."
Harkym schmunzelte still. Dass die königliche Familie überhaupt gemeinsam das
Mittagsmahl einnahm, lag an seiner Gegenwart. Für gewöhnlich speisten diese Menschen nur
früh am Tag zusammen und dann galt Pünktlichkeit als oberste Pflicht. Zu dieser Stunde
nahm man es nicht so genau.
Aber endlich betrat Prinz Riccar den Raum und mit ihm kam auch Bakhir. Der Mann aus
Wyla trug nun Kleidung, die durchaus einem Würdenträger genügen konnte. Riccar
überkreuzte die Arme vor der Brust. Er wollte den Than auf Knien begrüßen, wie es ihm
durchaus zustand. Aber Bakhir warf dem Freund einen entschuldigenden Blick zu, legte den
Arm um die Seite des Jüngeren, hielt ihn weiterhin im Gespräch und suchte seinen Platz
bei Tisch neben dem Jüngling. Andraag suchte nach einem beschwichtigenden Wort, doch
Harkym winkte ab.
"Als ich vor Jahren meinen Sohn Darian hierher brachte, da stellte
sich Riccar auf die Seite des Fremdlings und half ihm," erinnerte er den Prinzen.
"Heute hat dein Sohn dasselbe für meinen Freund getan. Ich habe Grund, ihm dankbar
zu sein."
Während des gemeinsamen Speisens drehten sich alle Gespräche um den Luftschild,
durch den sich jeder bedroht fühlte. Es hatte keine Berührung mit dieser Kraft gegeben,
doch zweifelte niemand an deren tödlicher Wirkung.
"Es kann dem Magier nicht entgangen sein, dass du nun hier
bist," wandte sich Micaal an den Than. "Es ist unverantwortlich, dass er seine
Magie noch immer nicht endet. Will er dich damit heraus fordern?"
"Er wollte sich wohl vor dir abschirmen," erwiderte Harkym
nicht ohne Vorwurf.
Bakhir hatte sich erhoben und war zu Harkym getreten.
"Farrak weiß nicht, dass du da bist," mahnte er etwas
besorgt. "Vielleicht reicht seine Kraft nicht mehr, um ans Fenster zu kommen.
Womöglich denkt er auch nur, dass du noch nicht da sein kannst, weil er annimmt, dass du
aus Amarra kommst."
"Er weiß nicht einmal, ob der Than überhaupt kommen wird,"
erinnerte Andraag.
"Doch, das weiß er," widersprach Bakhir sehr sicher.
Er nahm das eigentlich gerollte Pergament, das er nachlässig faltete und breitete es
vor Harkym aus; erlaubte diesem aber nur einen kurzen Blick, ehe er die Schrift wieder
faltete.
"Dieses Pergament ist sehr alt und sehr wertvoll," entfuhr es
Ilkonys. "Es gehört in die Bibliothek der Burg."
"Amarra wird euch den Schaden ersetzen," murrte Bakhir da.
"Darum geht es nicht," mischte Micaal sich ein. "Ihr habt
auf das Pergament mit Kohle gezeichnet. Ihr seid nicht belesen und könnt den Wert solchen
Wissens nicht einschätzen. Ihr solltet etwas besonnener sein."
"Es ist nur eine Schrift," wehrte Bakhir ärgerlich ab.
"Leeres Pergament war gerade nicht zur Hand."
Micaal setzte zu einer scharfen Erwiderung an, doch da erhob sich Harkym, führte
Bakhir drei Schritte beiseite und nahm ihm die Schrift ab. Lange besah er dann die
Kohlezeichnung, ehe er wortlos zum Kamin trat und dort die Schrift verbrannte. Sorgsam
achtete er darauf, dass selbst die Asche zu kleinen Stücken zerfiel, ehe er sich wieder
den Menschen zuwandte.
"Du bist unglaublich," sagte er dabei zu Bakhir und in seiner
Stimme schwang ehrliches Erstaunen und sogar aufrichtige Bewunderung mit.
Er nahm sein Mahl wieder auf und beantwortete keinerlei Fragen zu dem, was eben geschah.
Bakhir unterhielt sich wiederum mit Riccar. Die bösen Blicke, die Micaal ihm ab und zu
gab, nahm er mit gelassener Erheiterung zur Kenntnis.
Nach dem Mahl duldete der Than einzig Bakhirs Begleitung, den er in seine inzwischen
bereiteten Gastgemächer führte. Nun erkundigte er sich sehr eingehend, wie diese
Zeichnung zustande kam und der Freund berichtete ausführlich.
"Es tut mir leid, wenn die Schrift wirklich so wertvoll war,"
schloss er dann, ohne jedoch zerknirscht zu sein. "Aber du musstest sie ja auch nicht
unbedingt gleich verbrennen."
"Doch, das musste ich," widersprach Harkym leicht erheitert.
"Was du da aufgezeichnet hast, das war so etwas wie ein Name und damit auch magisches
Wissen, das nirgendwo verzeichnet ist und auch nicht auf diese Weise festgehalten werden
darf."
"Das waren Zeichen aus der Alten Zeit?" Harkym nickte nur.
"Für mich war es eher sinnloses Gekritzel. Wofür steht der Name?"
"Das werde ich dir nicht sagen." Der Than trat zum Fenster und
sah hinab in den Burggarten, wo einige wenige Menschen gingen. "Das geht nicht gegen
dich, Freund," fuhr er dabei fort. "Solche Namen teilen Magier im Allgemeinen
nicht einmal einander mit. Als mein Vater einmal den Namen eines Sturmgeistes von Farrak
brauchte, hing davon mein und sein und das Leben vieler Menschen ab. Es wäre ein Leichtes
gewesen, auf priesterlichem Weg den Namen zu übermitteln. Aber Farrak weigerte sich,
diesen Namen preis zu geben. Er übergab ihn meinem Vater dann direkt, aber das erforderte
von diesem eine schwere und ungewohnte Übung." Harkym wandte sich Bakhir zu und
lächelte. "Diese Symbole waren nicht für deine Augen bestimmt."
"Dalur konnte sie ja auch nicht sehen." Bakhir grinste.
"Er trägt nicht oft so hochgeschlossene Hemden, nehme ich an. Es soll wohl niemand
wissen, was ich da aufgemalt habe?" Der Than nickte nur. "Du wirst es auch
Micaal nicht erzählen," verstand der Freund. "Es würde ihn aber beruhigen,
wenn er wüsste, dass du Nachricht von Farrak hast."
"Das bezweifle ich. Er fürchtet meine Begegnung mit Farrak."
"Warum das denn? Der alte Mann ist nicht dein Feind."
"Ich bin der Magie einst zu nahe gekommen." Harkym trat nahe
zu Bakhir und hielt dessen Hände nun mit festem Druck. "Als Raakis Tempel in Sarai
sich gegen die Weihe wehrte, war ich gezwungen, eine Magie der Alten Zeit zu bekämpfen.
Der innerste Zirkel der Gilde der Magier half mir dabei und die Hilfe dieser Menschen
rettete mein Leben. Aber mich hätte das alles fast zerstört. Ich verlor meinen geistigen
Weg. Micaal zog viele, viele Tage mit mir umher. Er litt mit mir und er half mir. Ich
weiß nicht, was ohne ihn aus mir geworden wäre."
"Er fürchtet, dass sich das wiederholen könnte. Komisch, ich habe
deine Magie nie als Bedrohung empfunden."
"Meine Magie?" vergewisserte sich Harkym erstaunt.
"Nun ja, als wir uns in Wyla begegneten und du selbst nasses Holz
entfachen konntest, das war nicht der Verdienst starker Feuersteine," erwiderte
Bakhir mit ruhiger Stimme. Er drückte die Hände des Freundes, ehe er fortfuhr: "Und
wenn ich auch nicht weiß, durch welche Kräfte die Kornkäfer in Sion und dein Vater
starben, so weiß ich doch wie jeder andere, der es sah, dass der Leichnam deines Vaters
danach in magisch gerufenem Feuer verbrannte. Du könntest wahrscheinlich ein starker
Magier sein. Du bist trotzdem der oberste der Priester."
"Ich freue mich sehr, dass es dich nicht erschreckt. Bitte sprich
nicht über die Zeichnung und versuche, sie dir nicht zu merken. Und jetzt lass dich ein
wenig verwöhnen in der Burg. Ich denke, die nächsten Stunden werde ich wohl bei Farrak
sein."
Bakhir lachte leise auf. Er wusste noch nicht einmal, ob und wo er Gastquartier
erhielt, doch das war ihm jetzt auch nicht wichtig. Er begleitete Harkym in den Burghof.
Später, so hoffte er, würde er Prinz Riccar wieder begegnen.
Ende Kapitel 10
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