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Zyklus der Nebelreiche - Band 30

ein Roman von Renate Steinbach

 

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Kapitel 9


Bakhir erwachte früh durch laute und böse Worte, die in sein Bewusstsein drangen. Hastig setzte er sich auf. Er war sprachlos, denn das Bild, das sich ihm bot, mochte er nicht glauben. Harkym hatte ein kleines Feuer entfacht und Männer des hiesigen Landvogts, die dies sahen, kamen herbei und beschimpften ihn zornig und verlangten sein sofortiges Gehen. Und der Freund zog förmlich den Kopf ein, erstickte die noch kleinen Flammen fast hastig, entschuldigte sich sogar dabei und wirkte ganz wie ein ertappter Missetäter.

   "Und jetzt verschwindet," verlangte einer der Männer erbost. "Das ist nicht euer Land."

  "Wir gehen sofort, Herr," versicherte Harkym wie zerknirscht. "Bitte verzeiht unsere Unvorsichtigkeit."

Fast hastig ergriff er sein kleines Bündel, zog Bakhir am Arm auf die Beine und eilte zum Weg, sich dabei noch zwei Mal in Richtung der Männer verneigend.

   "Was war das denn?" forschte Bakhir endlich, als eine Gruppe hoher Büsche sie den Blicken der Männer verbarg.

Harkym ging weiter. Er lachte leise auf.

   "Offenes Feuer ist nicht überall gern gesehen."

   "Das weiß ich auch." Bakhir grinste. "Aber weshalb hast du dir diese Behandlung gefallen lassen?"

   "Es gefiel mir. Es ist lange her, dass ich so angefahren wurde."

Bakhir lachte laut auf. Er konnte sich nicht vorstellen, dass überhaupt jemand jemals dem Than laute Worte gab.

 
Es war nicht weit zu einer kleinen Siedlung, wo sie dann das versäumte Frühmahl nachholen konnten. Später betrachtete Harkym das einzige Pferd, das hinter einem der Häuser auf einer kleinen Koppel graste.

   "Wenn ich es kaufe, kannst du bequem und schnell nach Hause kommen," überlegte er laut.

   "Du musst zurück." Bakhir verstand und obwohl sie ohnehin gewiss nicht mehr lange beisammen sein konnten, schmerzte ihn diese überraschende Eröffnung. "Gibt es Probleme auf Amarra? Vergiss das Pferd, Harkym. Ich begleite dich zum Riatha, wo dein Segler ja wohl bald eintreffen wird."

Der Freund warf ihm einen kurzen, dankbaren Blick zu, ehe er den Weg aufnahm. Er bestimmte Weg und Richtung und wusste, wohin er sich wenden wollte. Einige Zeit gingen sie schweigend.

   "Du bist bedrückt," vermutete Bakhir. "Ich kann dir wohl nicht helfen, oder?"

   "Du tust nichts anderes," erwiderte Harkym lächelnd. "Es ist schön, dass du noch ein Stück mit mir kommst. Und ich bin auch nicht bedrückt, eher etwas ungehalten."

Auf Bakhirs fragenden Blick hin erzählte er nun, dass Nolan in der vergangenen Nacht den Rapport belebte und ihn wissen ließ, dass Farrak ihn zu sehen wünschte. Er erzählte ein wenig über den alten Magier und dann auch von Micaals Eigenmächtigkeit und davon, dass nun ein tödlicher Luftschild in Nodhers Burg stand.

Nicht ein einziges Mal unterbrach der Landmann den Freund. Nachdem Harkym schwieg, sagte er immer noch nichts. Erst nach geraumer Zeit fragte er leise:

   "Was hast du mit Magiern zu schaffen, Harkym?"

   "Mein Vater war einer." Der Than lächelte im Erinnern. "Es gab eine Zeit, da wollte ich selbst diesen Pfad beschreiten."

   "Davon hast du erzählt. Es ist nur so, dass du Priester bist und keiner deiner Leute es wagen würde, dich zu sich zu rufen. Das wagt auch niemand ohne Weihe, nicht einmal dann, wenn er ansonsten jede Macht besitzt. Aber ein Magier darf das tun? Und du gibst dem nach, obwohl du ungehalten bist. Ich verstehe es nicht."

   "Ich werde auch kommen, wenn du mich rufst." Harkym wirkte nun sehr fröhlich. "Farrak versprach ich einmal, dass ich komme, wenn er mich braucht. Er ist ein durchaus besonderer Mann. Ich habe ihn stets besucht, wenn ich auf Burg Nodher weilte."

Er erzählte dem Freund nun, wie Farrak einst Ilkonys das Leben rettete, wie er half, ihn selbst auf den Weiten des Meeres zu retten, wie er sich Wana anschloss und Vesna zuwandte. Er schilderte auch, dass Farraks durchaus reale magische Macht nicht billig zu erwerben war. Doch dieser Mann gehörte zu den wenigen, die wussten, wie Miska, jenes magische Werk, das den Geist aus einem Menschen trieb, zu wenden war. Und diesen Dienst leistete er immer freiwillig und ohne Lohn. Er forderte auch nichts, als er Harkym half, Sarais Schwarzen Tempel zu retten, den Magie der Alten Zeit bedrohte. Doch er verschwieg, woraus diese Hilfe bestand. Er wusste vieles aus dem Leben dieses Mannes und er plauderte darüber, dabei ein sehr genaues und achtenswertes Bild diesen Menschen zeichnend, ohne jedoch über Dinge zu reden, die niemand wissen sollte.

Plaudernd verging die Zeit. Sie kamen gut voran und würden noch vor der Nacht den Riatha erreichen.

   "Du magst ihn," stellte Bakhir endlich fast erstaunt fest. "Was aber ärgert dich dann? Denkst du, er will dasselbe wie damals Ariston?"

Die letzte Frage stellte er nur ungern. Ilkonys Vater Ariston spürte damals auch den nahenden Tod und er fürchtete ihn. Er verlangte nach dem Than und dessen Hilfe. Bakhir hatte es nie wirklich verstanden. Aber er wusste, dass der Freund dem alten König die Angst nahm.

   "Farrak will bestimmt keine priesterliche Hilfe." Harkym schmunzelte erheitert. "Ich denke auch nicht darüber nach."

   "Wenigstens ist deine Laune jetzt etwas besser."

   "Dafür wird die deine schlechter. Sagst du mir, was dich verstimmt?"

   "Ist es gefährlich, Harkym?"

   "Farrak zu begegnen? Ganz sicher nicht und ganz sicher nicht für mich. Sein Schutzschild ist es, aber den wird er entfernen, wenn ich komme."

Bakhir schwieg. Sie gingen weiter und jetzt war es der Mann aus Wyla, der das Tempo bestimmte und dem es nicht schnell genug gehen konnte. Aber irgendwann blieb Harkym einfach stehen und lachte. Da erst verhielt Bakhir den Schritt, wandte sich um und ging zurück zu ihm.

   "Komm weiter," brummte er. "Die Nebel sinken bald."

   "Der Fluss ist hinter dem Hügel dort," erwiderte Harkym heiter. "Mein Segler ist schon da und ich werde nicht mit dir an Bord gehen, solange du so mürrisch bist. Im Moment bist du ja fast so schlimm wie Micaal."

Bakhir setzte zu einer heftigen Erwiderung an, aber dann grinste er und lachte leise über diesen Vergleich.

   "So schlimm?" vergewisserte er sich,

Harkym nickte nur und als sie nun den Weg wieder aufnahmen, redeten sie auch.

   "Dass unsere gemeinsame Zeit endet," gab der Mann aus Wyla zu, "das kann ich schon verstehen. Aber du reitest zur Burg und willst mich nicht dabei haben. Bin ich dir lästig, Harkym, wenn du von Menschen der Macht umgeben bist? Das könnte ich akzeptieren. Ich weiß schon, dass..."

   "Micaal ist auf Burg Nodher," unterbrach ihn der Freund. "Ich weiß, dass ihr beide euch nicht mögt. Ich will nicht wählen müssen zwischen euch."

   "Das ist alles?" Bakhir staunte. In vertrauter Geste legte er dem Freund den Arm um die Seite, während er weiter neben ihm ging. "Was kann schon passieren? Wenn ich mit Micaal streite, ist das doch nichts, das dein Eingreifen erfordert. Und wenn Micaal diese Wahl fordern sollte, dann wählst du natürlich ihn. Immerhin lebt er in deiner Nähe." Bakhir lachte leise auf. "Du weißt, wo ich wohne und nach der Ernte treffen wir uns wieder."

   "Ich werde unsere Freundschaft bestimmt nicht verleugnen, nur, um Micaal zu schmeicheln." Harkym war sehr erheitert. "Ich fürchte eher, du wirst das tun. Wenn du erlaubst, dass man dich übersieht, verleugnest du auch mich."

Bakhir lachte leise auf.

   "Du denkst an Sion," begriff er durchaus. "Du hast natürlich erfahren, dass ich dort eingekerkert wurde. Hey, das ist lange her. Und es hatte nichts mit dir zu tun."

   "Alles, was meinem Pala widerfährt, hat mit mir zu tun," widersprach Harkym da ganz ruhig und er betonte das Wort Pala dabei in der Bedeutung innigster Freundschaft.

   "Ich ritt mit gebundenem Haar hinten im Gefolge und hielt dein Siegel verborgen," erklärte Bakhir mit recht bestimmter Stimme. "Niemand in Sion konnte in mir deinen Pala erkennen."

   "Mag sein. Aber du warst nicht allein und weder Micaal noch Andraag noch sonst jemand deiner Begleitung hat dich zwei volle Tage hindurch vermisst."

   "Das nimmst du ihnen immer noch übel, wie?" Bakhir grinste. "Ich war ihnen allerdings keine angenehme Reisebegleitung. Und was den Kerker betrifft, nun, ich habe in diesen zwei Tagen die Stille dort durchaus genossen." Er lachte auf. "Es war fast wie in einem Tempel."

   "Wie in einem Tempel?" wiederholte Harkym erstaunt. "Nun, wenn es so ist, den Kerker in Burg Nodher habe ich zwar anders in Erinnerung, aber ich werde dir bestimmt auch keine zwei Tage Zeit geben, das zu erforschen. Du willst mich wirklich begleiten?"

   "Es geht mir nur um die Verlängerung unserer gemeinsamen Zeit," bestätigte Bakhir. "Ich werde dich dort nicht stören. In der Burg falle ich doch gar nicht auf."

Der Riatha, hier schon recht schmal, war jetzt zu sehen. Ruhig lag der weiße Segler des Than auf dem Wasser. Bakhir ging unwillkürlich schneller und Harkym folgte ihm erheitert nach.
 

An Bord begab sich der Than sofort in seine Kabine. Vhalmar, der das Schiff führte, deutete auf einen der anderen Aufbauten. Dieser Raum sollte Bakhir gehören. Der Mann aus Wyla ging nicht hinein.

Vor mehr als zwei Jahren ließ er sich nach Amarra locken. Er hatte das Inselreich durchwandert, hoffend, dadurch eine innere Unruhe zu bezwingen. Dieser Segler brachte ihn danach zurück. Bakhir kannte Vhalmar und auch die vier Priester, die mit ihm das Schiff bedienten. Er spürte, dass sie alle ihn erkannten. Als er einen Schritt auf Vhalmar zuging, überkreuzte der die Arme vor der Brust. Bakhir verstand erst jetzt. Er war Pala des Than. Sie würden ihn nicht freudig begrüßen, weil etwas von Harkyms Macht in ihm war.

So war es immer und es gefiel ihm nicht. Priester sahen niemals ihn, sondern immer nur den Than in ihm. Das war der Grund, warum er ihnen aus dem Weg ging in seinem Alltag. Er wollte sich schon abwenden und seine Kabine aufsuchen, doch überraschend trat er dann doch zu Vhalmar und fasste nach dessen Händen, noch ehe der sich vor ihm neigen konnte.

   "Es ist schön, euch zu sehen," grüßte er, nicht bereit, Harkyms Schatten und dadurch übersehen zu sein. "Schade, dass keine Zeit für eine vergnügliche Reise ist."

Vhalmar rechnete nicht mit einer solchen Begrüßung. Überrascht sah er Bakhir an und erkannte dessen ehrliche Freude. Da legten er und mit ihm seine Männer jede Befangenheit ab.

Als Harkym seinen Raum verließ, fand er den Freund im offenen Gespräch mit den Seeleuten, die ja alle auch Priester waren. Er zog sich zurück, noch ehe alle Aufmerksamkeit ihm gelten konnte. Erstaunlich spät kam Bakhir zu ihm, um gemeinsam das Abendmahl einzunehmen. Harkym sagte nichts dazu, doch er fand es höchst verwunderlich, dass seine Leute wirklich versäumten, ihm früher aufzutischen. Bakhir ahnte nicht einmal, wie außergewöhnlich dies sein musste und welchen Eindruck er auf die Mannschaft machte.
 
 
Am andern Morgen erwarb Harkym zwei Pferde und ritt dann mit Bakhir zusammen der Burg zu. Sie konnten sie bis zum Abend erreichen, aber der Than schien es nicht sehr eilig zu haben. Sie ritten in einfacher Reisekleidung und mit gebundenem Haar. So fielen sie niemandem auf und konnten es sich erlauben, am Mittag in einer Taverne zu speisen.

   "Du reitest nicht gern zur Burg," gab Bakhir hier seiner Verwunderung Ausdruck. "Bist du immer noch zornig, weil du dazu gezwungen bist?"

   "Ich bin nicht wütend," Harkym schmunzelte. "Jedenfalls nicht wegen des Ritts oder wegen Farrak."

   "Also wegen Micaal." Bakhir lachte leise auf, als er dies begriff. "Warum ist er überhaupt dort?"

   "Er wollte unsere Zweisamkeit beschützen. Und er dachte, Farrak sei damit zufrieden, mit ihm zu reden. Der Schutzschild entstand erst, als er den Turm betreten wollte, in dem Farrak lebt."

   "Dein Vater hatte auch Räume, in die niemand durfte," erinnerte sich Bakhir an seinen Besuch auf Minas. "Jetzt lässt Naphara dort niemanden hinein. Ist der Turm allen Nicht-Magiern verboten?"

   "Ich habe Farrak dort oft besucht," wehrte Harkym ab.

Er erzählte Bakhir nun ausführlich, was er über Micaals Besuch auf Burg Nodher wusste und der Mann aus Wyla staunte ein wenig, wie umfassend der Than informiert war. Bakhir verstand endlich, dass der Freund nicht über Farraks Aufforderung ärgerlich wurde, sondern Micaals Eigenmächtigkeit nicht billigte.

 
Auf ihrem weiteren Weg kam ihnen der Wagen eines fahrenden Händlers entgegen. Harkym zügelte sein Tier. Er wartete, bis Bakhir direkt neben ihn ritt.

   "Du sagtest, du fällst in der Burg nicht auf," meinte er überlegend. "Das lässt sich ändern."

   "Wozu? Mir gefällt es so."

   "Aber mir nicht, mein Freund. Du bist nicht mein Anhängsel. Es ist nicht richtig, wenn jeder so sehr auf mich achtet, dass du dabei übersehen bist. Du solltest das nicht zulassen."

Er wartete keine Antwort ab, sondern glitt aus dem Sattel. Der Händler war nun so nahe, dass er sofort aufgehalten werden musste. Es kostete Harkym einige Solare, ehe dieser Mann bereit wurde, seine Waren den Reisenden zu zeigen. Er schimpfte trotzdem, wurde aber bald sehr still, weil er erkannte, dass ein gutes Geschäft auf ihn wartete.

Neben diversem Hausrat und einigem Werkzeug führte der Händler auch Kleidung und Schuhe mit sich. Bakhir stand kopfschüttelnd dabei, als der Freund für ihn wählte.

Sie hatten sich nun zu lange Zeit gelassen und konnten die Burg vor den sinkenden Nebeln nicht mehr erreichen. Die Sicht war schon sehr eingeschränkt, als sie die Siedlung der Weber erreichten. Hier gab es eine Herberge, wo sie nächtigen konnten.

 
Am nächsten Morgen kleidete sich Bakhir in die neue Gewandung, die Harkym erwarb. Dies war keine vornehme Kleidung, denn fahrende Händler führten nur Waren des täglichen Bedarfs mit sich. Aber es war besser als alles, das er mit sich führte.

   "Ich sehe immer noch nicht wie ein Edelmann aus und ich fühle mich auch nicht so," spöttelte der Mann aus Wyla, als sie aus der Siedlung ritten. "Also werde ich mich auch nicht so benehmen."

   "Wie war es in Sion?"

   "Da war ich Gesandter Amarras, um der Hochzeit des Prinzen beizuwohnen. Und die Kleider, die du mir geschickt hast, waren mehr als nur vornehm. Die hätten einem Fürsten Genüge getan. Ich gebe, wenn auch ungern, zu, dass ich mich in diesen Gewändern den Würdenträgern dort ebenbürtig fühlte."

   "Wie war es auf Amarra?" forschte Harkym amüsiert weiter.

   "Da trug ich die ganze Zeit die braune Tunika der Schüler. Aber Amarra kannst du nicht mit den anderen Ländern vergleichen. Die Gewandung spielt dort keine große Rolle. Die Sitten in deinem Land sind sehr seltsam." Harkym lachte leise auf, was Bakhir geradezu zwang, sich zu erklären: "Dort heißt es, man müsse jedem Priester oberer Weihen zu Diensten sein. Aber wenn sich jemand, der die Ebene des dunklen Gottes kennt, zum Licht berufen fühlt, dann zieht auch er das braune Gewand an und ist Schüler. Man weiß also nie, jedenfalls nicht durch die Kleidung, welchen priesterlichen Rang ein Mensch letztlich hat. Vielleicht fühlte ich mich deshalb nie minderwertig."

   "Und wie ist es bei dir zu Hause?"

   "Das hast du doch gesehen. Ich denke, bei meinen Leuten bin ich wirklich gleichwertig."

   "Es ist dein Land und im Grunde sind sie von dir abhängig. Du lebst es nur nicht, aber es ist trotzdem wahr."

   "Ein Vorwurf? Das lasse ich nicht gelten," wehrte sich Bakhir fast heftig. "Die Gemeinschaft bei uns ist wahrhaftig und das gemeinsame Arbeiten..."

   "Ich wollte dich nicht kritisieren," unterbrach ihn Harkym. "Ich versuche nur, zu verstehen, weshalb du dich selbst in deinem Denken abwertest, sobald du an Burg Nodher denkst. Überall sonst hast du diese Probleme nicht."

   "Überall sonst sind keine Menschen der Macht."

   "Du bist nach Minas geritten und hast dich nicht gescheut, Seymas über sein Leben auszufragen." Harkym schmunzelte. "Seymas ist Pecha und er war der Than. Du hast dich nicht gescheut, mich in Sion zu umarmen, als das ganze Land zusah. Du hast damals mit Prinz Aranak geredet wie mit deinesgleichen. Du hast keine Probleme mit der Macht. Nur Nodher bedrückt dich."

Bakhir gab ihm keine Antwort. Etwas mürrisch trieb er sein Pferd zu schnellerer Gangart an, bremste es aber bald wieder aus. Harkym hatte sein Tier gezügelt, war abgestiegen und führte es etwas in den Wald. Bakhir kam zu ihm.

   "Solange ich schlechte Laune habe, bringt du mich nicht auf dein Schiff und auch nicht in die Burg." Er sah den Freund etwas unsicher an. "Aber ich bin nicht verstimmt, Harkym. Ich habe nur gegrübelt."

   "Ich bringe dich in die Burg, egal, ob du dich über mich ärgerst oder nicht." Harkym löste jetzt sein Bündel hinter dem Sattel. "Ich muss mich nur zuvor umkleiden."

In einfachster Reisekleidung wollte er die Burg nicht betreten. Bakhir half ihm, während er ihm sein Denken öffnete.

   "Ich habe in der Burg über ein halbes Jahr lang gelebt. Ich kenne Burg Nodher besser als viele andere Orte. Und als ich Schwierigkeiten hatte, ließen mich die fein gekleideten Würdenträger nicht bis zu Nodhers Erben vor. Ich fühlte mich damals wirklich minderwertig. Und ich will mich nie wieder so fühlen müssen."

Harkym trug nun die Gewandung seiner Macht. In den bodenlangen weißen Tunika aus kostbarem, dünnen Tuch, das von metallisch glitzernden Fäden symbolhafter Stickerei durchzogen mehr als nur edel wirkte, sah er größer und schlanker aus. Bakhir legte ihm den langen Umhang über die Schultern, während der Than sein Haar löste und es bürstete.

   "Du warst damals schon mein Pala," mahnte er, wiederum jenes Wort in der Betonung der innigsten Freundschaft aussprechend. "Aber wenn du es nicht denkst, nicht fühlst und nicht lebst, ist es nicht wahr. Alle Dinge sind nur dann Wirklichkeit, wenn wir sie dazu machen."

Er löste dem Freund das Haarband und reichte ihm die Bürste. Dann zog er das Opalsiegel an der Kette unter dem Wams hervor, so dass es sichtbar vor Bakhirs Brust hing. Der Mann aus Wyla lächelte.

   "Ich dachte damals, dass wir uns nicht wieder sehen würden."

   "Ich auch. Aber ich fühlte mich immer reich im Wissen, dass es dich gibt. Und jetzt reiten wir zur Burg und du wirst es niemandem erlauben, dich zu kränken." Er saß auf. "Schaffst du das?"

   "Muss ich neben dir bleiben? Oder hinter dir?"

Harkym lachte leise auf.

   "Du sollst es auch mir nicht erlauben," meinte er heiter.

Bakhir stimmte in sein Lachen ein. Bis zur Burg war es nicht mehr weit. Sie ritten nebeneinander und plauderten, als sei die Reise ein einziges Vergnügen.
 

 

Ende Kapitel 9

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