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Zyklus der Nebelreiche - Band 30

ein Roman von Renate Steinbach

 

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Kapitel 8


Farrak hatte sich sehr lange mit Dalur unterhalten. Es gab Dinge, die konnte und wollte er nicht mit Wana besprechen. Dalur wusste, dass dem alten Mann nicht mehr viel Zeit blieb und er wusste auch, dass für ihn in allem gesorgt wurde. Wenn Farrak ging, verlor er einen Freund, keinen Herrn. Bis dahin aber wollte er immer alles tun, das der alte Magier wünschte.

Wana hatte wieder einmal vergeblich Farrak gebeten, zu Micaal zu gehen. Da er weiterhin ablehnte, entdeckte sie nun:

   "Raakis Priester deutete an, dass er zu dir kommen wird." Das klang sehr unglücklich. "Er will deine Botschaft wissen."

   "Sie geht ihn aber nichts an." Farrak sprach fast nachsichtig. "Du sagst, er sei Harkyms Freund. Aber er ist nur anmaßend, wenn er behauptet, in seiner Person sei auch Amarra hier. Außerdem habe ich nicht nach Amarra verlangt."

   "Er ist Pala des Than."

Wana betonte das Wort in der Bezeichnung der Freundschaft. Doch Farrak stieß nur einen leise verächtlichen Laut aus, ehe er erwiderte:

   "Du musst jetzt gehen, Liebste. In ein paar Tagen ist dein Gebieter hier. Du kannst ihn ja dann fragen, ob dieser Micaal wirklich für Amarra steht."

Wana staunte, denn der Freund wirkte sehr stark jetzt und fast sogar etwas erheitert.

    "Was macht dich so sicher?" forschte sie aufmerksam.

Farrak lächelte sacht. Aber er verweigerte ihr die Antwort. Fast zärtlich hielt er ihre Hände, während er sie bat, sorglos und zuversichtlich zu bleiben. Er würde diesen Leib nicht verlassen, ehe er Harkym sah. Als er dies mit fester Stimme versprach, wurde sie ruhig. So kannte sie ihn schon immer: selbstbewusst, zielstrebig und die eigene Kraft niemals überschätzend. Plötzlich wusste sie, dass alles so geschehen würde, wie er es sagte.

Als Wana den hohen Turm verließ, strahlten ihre Augen. Das Lächeln auf ihrem Antlitz wirkte tief und unterstrich ihre Schönheit. Es fiel ihr nicht einmal auf, dass Dalur zum Turm trat und die Tür schloss. Er legte auch den Riegel vor, ehe er ging.

 
Micaal empfand durchaus Zorn, als er von Farraks neuerlicher Ablehnung erfuhr. Doch er beherrschte sich. Er hatte Nolan versprochen, zu melden, wenn Harkyms Kommen erforderlich sei. Und das wollte er dem Than ersparen. Aber er musste Nolan Nachricht zukommen lassen. Zögerte er weiter, würde dieser den Than sicherlich verständigen.

Andraag musterte seinen einstigen Leiter schweigend. Es verwunderte ihn Micaals Beharrlichkeit, mehr noch aber seine Unruhe. Als Raakis Priester sich erhob und in den Burghof ging, folgte er ihm.

Micaal stand und sah lange den düsteren Turm hinauf. Er sah die Tür und den gemauerten Stein. Es gab keine Fenster unten und keine auf halber Höhe. Es führte im Innern eine gewundene Treppe hinauf und nur oben gab es Raum. Dort sah man auch kleine, sehr kleine Fenster. Micaal gewahrte die Bewegung bei diesen.

Farrak hatte sich erhoben und schaute in den Burghof. Ihm entging Raakis Priester nicht. Ein geringschätziges Lächeln spielte um seine Lippen. Er wartete noch ab.

Micaal wollte dem Magier nicht wirklich begegnen. Er mochte diese Leute nicht, deren Weg ihm fremd blieb, deren Möglichkeiten er aber durchaus fürchtete. Aber wichtiger war ihm, dass Harkym nicht auf Farrak traf. Um den Freund zu schützen, wollte er auch diese unangenehme Begegnung ertragen.

Seine Schultern strafften sich. Sein Schritt wirkte sehr fest, als er sich nun dem Turm zu wandte. Er näherte sich der Tür.

Es klang wie das sanfte Rauschen des Windes über den weiten Steppen Sarais. Irritiert hob Micaal bei diesem unerwarteten Geräusch den Kopf.

   "Geht nicht näher, Herr," bat Dalur, der nur wenige Schritte entfernt stand.

Micaal achtete nicht auf ihn. Bei seinem nächsten Schritt verstärkte sich das Rauschen und da er noch immer nicht verharrte, wandelte es sich zum dröhnenden Sturmgesang. Micaal zögerte nun doch, aber dann wollte er weiter. Ein scharfer Ruf Andraags hielt ihn auf. Nodhers Erbe trat zu ihm, legte die Hand auf seinen Unterarm. Stumm deutete er nach oben.

Raakis Priester trat überrascht etwas zurück. Da verstummte das Lärmen der Luft. Doch weiterhin schien der Turm wie von einer sich langsam um die eigene Achse drehender Luftschicht umgeben; nicht von Nebel, wie man ihn kannte, sondern wirklich reiner Luft, durch die sich schauen ließ. Diese Schicht senkte sich ab, langsam nur und sich weiterhin drehend.

Wana kam gelaufen. Sie wollte zur Tür, die noch unbedroht schien. Doch Dalur stellte sich ihr entgegen. Fast bittend hielt er ihre Hände, doch nicht zaghaft, sondern mit kräftigem Druck, während er zugleich vor ihr nieder kniete.

Andraag verstand diese Geste. Mit lauter Stimme rief er neugierige Menschen zurück. Dann winkte er Soldaten herbei und gab Befehl, jeden Menschen daran zu hindern, sich dem Turm zu nahen. Man betrachtete ihn irritiert, doch man gehorchte.

Nodhers Erbe trat zu Wana, die völlig verkrampfte. Sie bemerkte es nicht einmal, denn ihr Blick hing wie gebannt oben am Turm. Andraag hob Dalur auf, der sich sehr rasch der Berührung entzog, nun aber auch Wanas Hände losließ. Er wollte sich dem Prinzen jetzt unterwerfen.

   "Sei ohne Furcht," bat Andraag mit sehr sanfter Stimme. "Niemand wird dich bedrohen. Ich nehme an, dass jetzt niemand zu diesem Magier vordringen kann."

   "Wer seinen Schild berührt, wird sterben," erwiderte Dalur mit leiser Stimme. Er fürchtete, des Verrats verklagt zu werden, da er davon wusste. Aber Andraag nickte nur verstehend. "Farrak wartet auf jemanden."

   "Ich weiß es." Andraag lächelte. "Es war wohl töricht, anzunehmen, dass irgendjemand Harkym ersetzen könne. Aber er wird das nicht lange durchhalten. Er braucht Nahrung, zumindest Wasser. Und der Than ist viele Tage entfernt."

Dalur senkte den Blick. Er wagte es nicht, Nodhers Erben anzusehen. Aber als Wana ihn leicht an der Seite berührte, sah er sie an.

   "Du bist ihm ein wirklich guter Freund," anerkannte der Prinz fast erstaunt.

Dann wandte er sich um, winkte Micaal, ihm zu folgen und ging in die Burg zurück.

   "Er zürnt mir nicht," murmelte Dalur endlich und er vermochte kaum, dies zu fassen.

Wana lächelte still. Auch sie wunderte sich ein wenig darüber, doch mehr noch, weil sie bisher in Nodhers Erben keinen Mann sah, dessen Nähe bedeutsam erschien. Hierin hatte sie sich wohl geirrt. Andraag hatte genau verstanden, dass Farrak diesen Schutzschild plante und dass Dalur ihn mit Vorräten ausstattete. Er schien darüber eher beruhigt denn erregt zu sein.

 
Micaal verbarg seinen Zorn nicht weiter. Ilkonys bei ihm und ebenso Jiddan und Rhandar teilten diese Empfindung durchaus. Farrak war Gast der Burg und nun bedrohte er deren Bewohner durch ein magisches Werk. Das war nicht nur anmaßend, sondern durchaus auch gefährlich. Niemand zweifelte an der tödlichen Wirkung des Luftwirbels und jeder fürchtete dessen Ausdehnung.

Sie überlegten, wie sie dagegen vorgehen könnten und was immer sie erwogen, das verwarfen sie auch wieder. Farrak war ein Meister der Luft, sie wussten es. Aber sie wussten nicht, wie er zu bezwingen war.

Andraag saß schweigsam bei ihnen, doch lauschte er allen Worten durchaus aufmerksam, wenngleich fast erheitert. Als Rhandar dies bemerkte, verstummte er und schaute nur noch schweigend den Freund an.

   "Ein magischer Schutzschild wirkt nicht über den Tod seines Erbauers hinaus," überlegte Jiddan endlich. "Wenn sich die Gefahr nicht ausbreitet, müssen wir sie nur einige Zeit ertragen. Farrak ist ein alter Mann, der das Nahen des Todes ja schon gespürt hat."

Er bemerkte erst jetzt Rhandars Veränderung. Fragend sah er ihn an. Andraag schmunzelte. Endlich verstummten die bösen Worte und alle Aufmerksamkeit galt ihm.

   "Dieser Luftwirbel bedroht nicht die Burg," versicherte er voll Überzeugung. "Er schützt den Magier vor unerwünschtem Besuch. Er will nur Harkym sehen und jemand muss Amarra jetzt zumindest davon unterrichten, dass Burg Nodher bedroht ist." Er lachte leise und fast fröhlich. "Der alte Mann imponiert mir durchaus. Ich habe nicht erwartet, dass er seinen Willen durchsetzen kann. Man sollte sich in Magiern wohl besser nie täuschen."

   "Man könnte meinen, dir gefällt das alles," murrte Ilkonys.

   "Das tut es nicht," gab Andraag gelassen zu. "Aber wir sollten wohl überlegen, wie Nodher den Than empfangen wird."

   "Überhaupt nicht," mischte sich Micaal mit düsterem Sinn ein. "Wenn er wirklich kommt, dann hat es nichts mit Amarra und auch nichts mit Nodher zu tun. Ein großer Empfang ist sicherlich nicht nötig."

Das wirkte beruhigend, wenngleich der Zweifel, ob der Than überhaupt zu kommen gedachte, belastend blieb.

 
Krystan freute sich sehr, wieder einmal in seinem Vaterhaus zu verweilen. Er liebte die Mutter und die Geschwister, die er alle viel zu selten sah. Aber es wunderte ihn ein wenig, zu erleben, wie Naphara den Bereich des Vaters inzwischen für sich selbst nahm und keinem erlaubte, dort zu verweilen. Verwirrt begriff er, dass die Bediensteten ihn nicht in einen dieser Räume lassen wollten.

   "Sei nicht böse," bat Naphara, ihn kurz umarmend, "es wäre nicht gut für dich, da drin zu sein." Sie lachte fröhlich auf. "Weißt du noch, dass Vater uns alle nie in dieses Zimmer ließ."

   "Ich vermisse ihn, Naphara."

   "Ich auch, kleiner Bruder. Sag, was hast du da?"

Sie deutete auf die kleine Kiste, die er mit sich führte und die nun an der Wand stand. Naphara ging in die Hocke und betrachtete neugierig die kunstvollen Schnitzereien und das seltsame Schloss. Fast hastig erhob sie sich dann.

   "Man kann es nicht öffnen," vermutete Krystan, "aber ich habe es auch nicht versucht. Wana sagte, dass es gefährlich sei, das zu tun."

   "Das spüre ich durchaus," erwiderte sie nachdenklich. "Wana schickt das Ding? Warum?"

   "Sie hat mich nur gebeten, die Kiste hierher zu bringen und hier soll sie sicher verwahrt, aber nicht geöffnet werden. Es ist Farraks Vermächtnis."

Naphara kannte Farrak. Er war ein Freund ihres Vaters. Auf dem jährlichen Treffen der Magiergilde auf der kleinen Insel Silsa begegnete sie ihm regelmäßig. Es gab einige tiefe Gespräche mit ihm, die sie nie vergaß. Dieser finstere, abweisende Mann besaß eine sehr menschliche Seite. Sie wusste es, wie sie auch wusste, dass er mit vollem Recht dem innersten Zirkel angehörte.

Sie hob die kleine Kiste hoch.

   "Mach mir die Tür auf," verlangte sie von Krystan, "aber bleib draußen."

Er gehorchte ihr und sah ihr zu, wie sie die Kiste ins Zimmer trug und dort auf einer Kommode abstellte. Naphara lächelte nur, als sie seinen neugierigen Blick bemerkte. Der Bruder sah auf einen großen Tisch, auf dem sich jetzt nichts befand; sah Truhen, Kommoden und an der Wand befestigte Regale, auf denen Schriften und Behältnisse lagen. Vor dem Fenster hing ein dichtes Tuch, was jede Helligkeit verhinderte. Er schien ein wenig enttäuscht zu sein, weil der Raum keine offensichtlichen Geheimnisse barg.

Sie schob den Bruder förmlich auf den Gang, ehe sie die Tür schloss. Dann nahm sie ihn mit sich in ihr Zimmer am Ende des Ganges und ließ sich von allem berichten, was in der Burg geschah.

   "Farrak war im letzten Jahr nicht auf Silsa," sagte sie dann leise. "Die Reise war ihm wohl zu anstrengend. Und nun weiß er also, dass er sterben wird. Trotzdem verwirrt mich diese Kiste, denn er hat keinen Anlass, mir etwas zu vermachen."

   "Es ist nicht sein Vermächtnis für dich," erwiderte der Bruder leicht erheitert. "Wenn ich Wana richtig verstand, so soll die Kiste hier nur verwahrt sein, weil Farrak annimmt, dass man hier Respekt vor magischem Wissen hat und nicht versuchen wird, es mit Gewalt zu nehmen."

   "Und für wen soll ich sie verwahren?"

   "Das hat sie nicht gesagt, Schwester."

   "Wer immer sie fordert, er wird zu beweisen wissen, dass sie sein Eigentum ist," vermutete Naphara gelassen. "Wie lange kannst du bleiben?"

Andraag hatte den Besuch seines Adjutanten nicht eingegrenzt. Es stand Krystan frei, zu verweilen und einige Tage wollte er sicher noch bleiben.

 
Minas war ihm fremd geworden in all den Jahren, die er nun in der Burg lebte. Einzig die Mutter schien ihm vertraut und nahe wie immer. In ihrer Nähe fühlte er sich daheim und geborgen.

Naphara bewunderte er insgeheim. Die Schwester zeigte ihm nichts von ihrer Magie, doch dass sie diese lebte, das spürte er durchaus. Sie wurde darin dem Vater sehr ähnlich. Sie entzog sich jedem Anspruch, lebte fast autonom und doch gehörte sie gänzlich zu Minas und alle Menschen hier achteten sehr auf sie und ihr Wort.

Die Gespräche mit Seymas kosteten Krystan fast schon Mühe. Einst war dies der vertraute Freund seines Vaters, doch nun lebte er als Pecha in Minas. Er behandelte Krystan wie einen Gast, wenn auch wie einen willkommenen Gast. Aber gerade dadurch entstand in dem Besucher die Fremdheit, die ihn erschreckte.

Es gab aber auch Menschen, die ihm ein Gefühl der Heimkehr vermitteln konnten. Dazu gehörte des Vaters alter Freund Bakaar und dazu gehörte vor allem Thyrian.

Mit Tharan ritt er über Land und er staunte, mit welch Ernst der Junge sich um die Menschen kümmerte. Die Familie hielt Tharan vor, jeder Pflicht auszuweichen und nur das Spiel zu schätzen. Aber Krystan sah bald, dass diese Ansicht nicht stimmen konnte.

Der Jüngling ritt in die Siedlungen und wenn er Menschen fand, die unter der Hitze litten, rief er die Dorfheiler zu sich. Krystan staunte, als er Tharan zusah. Der kleine Bruder besaß Mesa-Blätter, die der schwarze Tempel ihm überließ. Wenige davon nahm er, warf sie in einen Topf mit heißem Wasser, wo sie weich und lappig wurden. Tharan fischte die Blätter mit einem Stäbchen heraus und presste sie zwischen zwei Holzbrettchen. Die austretende Flüssigkeit ließ er ins Wasser tropfen. Mit klarer, fast befehlsgewohnter Stimme erklärte er dann:

   "Die Kranken müssen Tag und Nacht immer wieder einige Tropfen davon zu sich nehmen. Ach ja, wenn etwas übrig bleibt, nachdem sie gesundet sind, schickt den Trank zurück zu mir. Er darf nicht ausgeschüttet werden."

   "Warum das denn?" wunderte sich Krystan.

   "Das ist Mesa, Bruder. Was von Raaki stammt, muss zu ihm zurück. Die Priester wollen es so."

Als der Vorrat an heilenden Blättern schwand, begannen die Brüder den Rückweg. Tharan war sicher, dass der Tempel schon neue Mesa sandte. Aber er sah auch, dass mehr Menschen erkrankten und größere Hilfe nötig war.

   "Ich werde Thyrian nun bitten, Harkym zu informieren," beschloss er. Er sah Krystans skeptischen Blick und lachte. "Unser Bruder wird Minas helfen," versicherte er überzeugt.

   "Wenn du ihn darum bittest, wird er es gewiss tun," versicherte Krystan nachdrücklich.

Er dachte daran, wie er einst diesen jüngsten Ziehsohn des Vaters ablehnte und wie Harkym, damals noch verfemt, nach Minas kam und den Säugling hielt. Er hatte es Krystan gesagt. Dies war sein Sohn. Niemand sollte es wissen und Krystan bewahrte das Geheimnis, nicht ahnend, dass Tharan die Wahrheit kannte und ebenfalls verschwieg.


 

Ende Kapitel 8

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