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Zyklus der Nebelreiche - Band 30

ein Roman von Renate Steinbach

 

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Kapitel 7

Andraag befand sich in seinen Arbeitsräumen. Er arbeitete noch, obwohl es dazu eigentlich schon spät wurde. Doch der warme Tag hatte ihn verführt, Stunden zu reiten und die Gesellschaft seiner Gefährten zu genießen. Da er am Tag säumte, galt es, in den sinkenden Nebeln seiner Pflicht Genüge zu tun. Er besaß gute Leute, doch es gab manches, das er nur selbst entscheiden wollte. Einer seiner Adjutanten stand bei der Tür und wartete. Als Nodhers Erbe ihn nicht beachtete, gähnte er heimlich und verhalten. Andraag faltete das letzte Pergament und siegelte es. Ein Bote würde morgen seinen Willen ans Ziel bringen.

   "Genug für heute," entschied er, das Schreiben dem warteten Krystan reichend. Der nahm es, verneigte sich und blieb abwartend stehen. "Ich brauche dich heute nicht mehr."

Krystan nickte stumm und verharrte. Erst jetzt richtete Andraag die Aufmerksamkeit wirklich auf ihn. Mit seinen dreissig Jahren genoss Krystan durchaus das Wohlwollen seines Herrn.

   "Was gibt es noch?" erkundigte er sich freundlich.

   "Herr, ich hörte, dass Vesna die Burg verlassen wird. Sie erhält doch bestimmt Männer als Reisebegleitung zu ihrem Schutz."

   "Das nehme ich an." Andraag überflog eben eine kurze Nachricht. Er sah nicht auf. "Jiddan wird sich um den Zögling seiner Gefährtin bestens kümmern."

Krystan starrte ihn an. Er suchte förmlich nach Worten, verneigte sich dann aber doch nur still und wandte sich zur Tür.

   "Wie lange dienst du mir schon?" meinte Andraag da mit mahnender Stimme.

   "Bald sind es sechzehn Jahre, Herr," kam die erstaunte Antwort.

   "Das ist wohl nicht lange genug, um offen zu reden." Andraag schmunzelte. "Ich spüre, dass du bedrückt bist. Also, was ist es?"
Krystan fühlte sich durchschaut. Er senkte den Blick, doch da Nodhers Erbe ihn nun durchgehend betrachtete, musste er auch reden.

   "Ich hätte mir gewünscht, Vesna zu geleiten," gab er voll Unruhe zu.

   "Du bist kein Gardist." Andraag lächelte verstehend. "Hast du Heimweh, Krystan? Wenn du deine Familie sehen willst, bedarf es dazu keiner Reisebegleitung. Du kannst ansonsten jederzeit nach Minas reiten. Nur jetzt ist kein guter Zeitpunkt." Zögernd richtete Krystan den Blick auf seinen Herrn; fragend schaute er ihn an. "Hast du es nicht gehört? Farrak ließ Amarra wissen, dass er den Than zu sehen wünscht."

   "Harkym kommt hierher?"

Nodhers Erbe sah die Freude des Mannes und staunte ein wenig, auch wenn sie ihn nicht verwunderte. Krystan war Anielas und Tibras jüngster leiblicher Sohn. Er wuchs als Harkyms Bruder auf und nachdem jener die Macht erhielt, war Krystan wohl der einzige, der sich davon nicht blenden ließ. Stets begegnete er Harkym offen und brüderlich.

   "Das kann ich dir nicht sagen," erwiderte Andraag etwas nachdenklich. "Niemand weiß, wie er auf eine solche Botschaft reagieren wird. Aber sollte er kommen, dann wird er nach dir fragen."

 
Ein Reiter nahte dem Burgtor, das die Bewaffneten eben schließen wollten. Des Nachts gab es nirgendwo offene Türen, obgleich man nicht in unsicheren Zeiten lebte.

   "Wohin des Wegs?" rief eine der Wachen dem Reiter zu.

Micaal zügelte das müde Tier und glitt aus dem Sattel. Für einen Moment ärgerte er sich darüber, sein priesterliches Gewand im Bündel zu tragen. Er sah aus wie ein Reisender, aber er fand, dass es sich so viel bequemer ritt.

   "Ich bin Micaal aus Thara," stellte er sich mit volltönender Stimme vor. "Nodhers Erbe wird mich nicht abweisen."

   "Ihr seid nicht erwartet und damit auch nicht eingeladen," brummte der Mann. "Kommt morgen wieder. Wenn ihr dem Pfad dort folgt, findet ihr die Siedlung der Weber, wo es eine Herberge gibt."

Micaal schaute an dem Mann vorbei. Der Burghof zeigte sich menschenleer. Sein Blick traf einige hell erleuchtete Fenster. Er schmunzelte. Dann spannte er sich unmerklich an. Vor weniger als zehn Jahren lebte er noch in der Burg. Damals leitete er Andraag zur zweiten Weihe. Jeder kannte ihn. Doch das lag lange zurück und vermutlich hatte er sich auch verändert. Mit seinem einstigen Chela verband ihn kein Rapport mehr. Er konnte ihn im Geist nicht rufen. Micaal entspannte sich. Es war wohl keine priesterliche Macht nötig, um Einlass zu finden.

   "Es ist etwas duster hier," meinte er wie gelangweilt, während er unter sein Wams griff und den Anhänger hervorzog, den er an einer Kette um den Hals trug.

Dieser kleine Sumpfkristall aus Moras wurde vor vielen Jahren auf Amarra zum Lichtstein gewandelt. Flammende Kristalle, wie man die Steine dann nannte, verkaufte das Inselreich für viele Solare. Doch diesen Stein vermochte niemand zu kaufen. Er gehörte zu denen, die man Lebende Kristalle nannte. Nichts unterschied sie in Form und Farbe von den anderen Steinen und doch waren sie so selten, dass bis zu diesem Tag nur vierzehn Stück erweckt werden konnten. Diese Kristalle erlaubten es dem Träger, seinen Geist in ihnen zu zentrieren. Die Lichtfülle, die sie spendeten, unterlag dem Willen des Trägers. Micaal lockte sehr viel Licht aus seinem Stein.

Der Soldat sprang förmlich zurück. Er hatte schon Flammende Kristalle gesehen und deren gleichmäßig warmen Schein. Doch nie zuvor erblickte er einen Kristall, dessen Licht wachsen und abnehmen konnte. Es gab Geschichten und Legenden um diese Kristalle. Der Mann wusste, dass sie alle immer Eigentum des Than blieben, der sie verdienten Menschen als Leihgabe überließ.

   "Wer seid ihr?" erkundigte er sich nun scheu.

   "Ich habe meinen Namen genannt," antwortete Micaal gelassen, während er nach dem Zügel griff und sein Pferd in den Burghof führte.
Der Soldat rief nach Kameraden. Es galt nun nicht mehr, den späten Reiter aufzuhalten, sondern das Tor zu schließen und andere zu rufen, die eher wussten, wie man einen Mann mit einem Lebenden Kristall begrüßen musste.
 
Micaal fühlte sich sehr wohl nun. Er tränkte sein Tier am Brunnen, führte es danach zum Stall und übergab es den Leuten dort. Danach ergriff er sein Bündel und ging über den Burghof. Wenn ihn keiner aufhielt, wollte er Andraag schon finden. Er kannte sich gut hier aus.

Als man Nodhers Erben berichtete, ließ der Krystan einfach stehen und eilte dem späten Gast entgegen. Achtlos ließ Micaal sein Bündel fallen, als ihm Andraag beide Hände zum Gruß reichte.

   "Welch eine Freude, dich zu sehen, Micaal." Nodhers Erbe betrachtete den Mann, der ihn einst leitete, mit leuchtendem Blick. Hastig sah er sich um. "Du bist allein?"

Micaal grinste. Andraag fürchtete wohl, den Than übersehen zu haben.

   "Es ist schön, so freudig begrüßt zu werden," gab er heiter zu. "Und ich bin allein, Andraag. Amarras Leute sind alle schlechte Reiter, falls sie sich überhaupt im Sattel halten können."

   "Du hattest es eilig?"

   "Nicht wirklich. Aber ich freute mich auf einen schnellen Ritt. Auf Amarra gibt es ja keine Pferde. Ich habe den Sattel manches Mal vermisst." Er lachte fröhlich auf. "Hat die Küche schon geschlossen?"

Nodhers Erbe führte den Gast mit sich. Bis Micaals Gemächer bereitet waren, hielt er ihn in seinen eigenen Räumen, ließ ihn bewirten und leistete ihm Gesellschaft. Es gab vieles, das diese Männer sich zu erzählen hatten, denn zuletzt sahen sie einander vor zwei Jahren auf einer Reise durch Sion.
 

Früh am andern Morgen verabschiedete sich Vesna von Farrak. Der alte Magier sah zu dieser Stunde kräftig und gesund aus. Sie ritt ohne Sorgen aus der Burg, begleitet von einigen Bewaffneten und auch von Krystan. Da Amarra Micaal sandte, gab es für Harkyms Bruder keinen Grund, die Reise zu verschieben.

Andraag lud Raakis Priester zwar ein, am Frühmahl der königlichen Familie teilzunehmen, was in Nodher einer großen Ehre gleich kam, doch Micaal lehnte dankend ab. Er kannte die Sitten in der Burg und wollte diese vertraute Stunde nicht stören. Und er genoss es, in seinen Gemächern zu speisen, umgeben von einigen Pagen. Auf Amarra befremdete ihn jeder Leibdienst, auch wenn er ihn sich gefallen ließ. Hier schien dies alles völlig normal zu sein. Es gefiel ihm.

Einer der Herolde kam später. Nodhers Herrscher wünschte, ihn zu sehen und da konnte er kaum ablehnen. Micaal folgte dem Mann, nun in die schwarze Tunika seiner Weihe gekleidet. Und jetzt trug er auch das füllige, lange Haar offen, wie es ihm als Pala des Than zustand. Erfreut sah er, dass man ihn nicht zum Thronsaal brachte. Micaal wurde in einen kleinen Raum geführt, gemütlich eingerichtet, mit Teppichen auf dem Boden und Stoffen an den Wänden, großem Fenster und gemütlichen Stühlen. Er überkreuzte die Arme und verneigte sich vor Nodhers Herrn, doch er kniete nicht nieder. Ilkonys lächelte nur.

   "Willkommen in Nodher," grüßte er freundlich. "Wir wussten nicht, wie Amarra auf diese Nachricht reagieren wird. Ihr seid sehr willkommen."

Micaal grinste und warf Andraag, der bei seinem Vater stand, einen frechen Blick zu. Das klang ganz so, als wäre Harkyms Besuch weniger erfreulich. Jiddan stand bei Wana, den Arm um ihre Seite gelegt. Rhandar lehnte beim Fenster an der Wand.

   "Ihr wisst, was Farrak sich von Amarra erhofft?" erkundigte er sich.

   "Wir kennen nur die Botschaft," wehrte Ilkonys ab. "Und wir waren nicht einmal sicher, ob man sie übermitteln soll."

Micaal lachte leise auf, was ihn sehr sympathisch erscheinen ließ.

   "Ein anderer Magier," meinte er leicht spöttelnd und er meinte Tibra damit, "hat oft Amarra Botschaften gesandt und niemand dachte darüber nach. Es wundert mich nur, dass Farrak nach unserem Gebieter rufen muss. Würde er nicht alles, das er benötigt, auch von seinem Herrscher erhalten?"

   "Das würde er gewiss," warf Jiddan hastig ein.

   "Er benötigt nichts," murrte Wana, der Micaals Rede nicht gefiel.

   "Und was will er dann?" forschte Micaal belustigt, ihre Ablehnung durchaus spürend.

   "Er wollte den Than sehen." Die Schultern der Frau strafften sich. Sie löste sich nun auch von Jiddan und trat einen knappen Schritt auf Micaal zu. "Was immer mein Freund möchte, es ist nicht für euch bestimmt."

Micaal lächelte, was alle Anwesenden eines vermittelnden Eingreifens enthob. Diese Frau gefiel dem Mann aus Thara. Sie wirkte schwach von Statur, doch in ihren Augen glomm ein starkes Feuer. Micaal wandte sich wieder Ilkonys zu.

   "Lasst den Magier holen," bat er mit durchaus freundlicher Stimme. "Dann werden wir hören, was er begehrt - und erkennen, ob es den Aufwand wert gewesen ist."

   "Er verlässt seinen Turm schon lange nicht mehr," erwiderte Ilkonys nach kurzem Zögern.

Andraag hatte am vergangenen Abend Micaal schon erzählt, wie Farrak die Botschaft forderte und auch berichtet, wie zurück gezogen er ansonsten lebte und wie wenig Kraft der alte Mann noch besaß.

   "Er wird kaum erwarten, dass ich ihn in dem engen, düsteren Wehrturm aufsuche," vermutete Micaal heiter. "Er wollte Amarra sehen und ich bin hier. Wenn er also angehört werden will, muss er sich bequemen."

   "Ich sende ihm einen Boten," beschloss Ilkonys, doch ein ungutes Gefühl beschlich ihn dabei.

   "Das solltest du nicht tun," warnte Andraag gelassen. "Er lässt nur Dalur und Wana zu sich." An Micaal gewandt fügte er erklärend hinzu: "Seine private Kammer da oben ist sein Reich, in dem er niemanden duldet."

Ilkonys unterdrückte ein Schmunzeln. Auch Tibra besaß Räume, die niemand betreten durfte.

   "Herr," ergriff Wana erneut das Wort, sich genau vor Micaal stellend, "Farrak ist mein Freund. Ich gehe zu ihm. Doch bedenkt, er wollte niemals Amarra sehen. Er rief nach dem Mann, nicht nach dem Amt, das er trägt. Ich fürchte, euer Kommen kann ihn nicht ehren."

   "Ich bin Pala des Than," erwiderte Micaal da sehr sacht.

   "Aber ihr seid nicht der Than," blieb sie stur. "Ich weiß, wer ihr seid, Micaal aus Thara. Ihr habt Raakis letzten Tempel geweiht. Ich anerkenne eure geistige Kraft. Als Priesterin neige ich mich vor euch und das nicht, weil ihr meinem Gebieter nahe steht. Aber Farrak ist Magier. Euer priesterliches Sein ist für ihn ohne Belang."

   "Ich hatte nicht die Absicht, ihn zu beeindrucken," erwiderte Raakis Priester ungerührt. "Aber ich bin Harkym nahe und wenn sein Wunsch gewährt werden kann, soll es geschehen."

Wana seufzte leise auf.

   "Wer sein Antlitz zum Than erhebt, begehrt seine Gunst," meinte sie resigniert. "Auf Farrak trifft das nicht zu."

Aber sie sprach nicht weiter. Etwas betreten sahen die Männer ihr nach, als sie den Raum verließ.

 
So viele Jahre kannte Wana den Magier nun schon, der sich düster und unnahbar gab und es genoss, dass man ihn fürchtete. Vor ihr zeigte er sich immer aufmerksam und liebevoll. Schweigend hörte er ihren Bericht, zuerst konzentriert, dann mehr und mehr ohne jegliches Interesse.

   "Du solltest dich mit diesem Mann nicht überwerfen," riet er, nachdem sie endete.

   "Ich versuche es," versprach die Priesterin, doch ihre Worte klangen nicht überzeugt. "Kommst du nun mit mir, damit er dich empfangen kann?"

   "Und was erzähle ich ihm?" Farrak schien erheitert. "Ich hatte den Than gebeten. Er schickt einen Vasallen. Das ist eine herbe Enttäuschung, Wana. Aber ich rechtfertige die Entscheidung deines Gebieters nicht, indem ich so tue, als sei alles in Ordnung." Er lehnte sich in seinem Sessel zurück und schloss die Augen. "Ich habe dir erzählt, dass ich dem Than eine Richtung weisen will. Hast du das Micaal gesagt?"

   "Ich glaube, das geht weder ihn noch sonst jemanden etwas an," wehrte sie fast heiter ab. "Ich mag diesen Mann nicht. Er lehnt dich ab, ohne dich zu kennen."

   "Ihm ist nur Magie verhasst." Farrak grinste. "Er soll froh sein, ihr nicht begegnen zu müssen. Ich komme nicht mit dir hinunter, Wana. Ich denke, in meinem Turm bin ich sicher vor ihm. Er soll nach Hause reisen."

   "Das gefällt mir nicht, Farrak. Was immer du wolltest, so unwichtig kann deine Botschaft nicht sein, dass du sie nun aufgibst."

   "Ich habe nie aufgegeben, was mir wichtig war. Aber ich gebe das, was wichtig ist, auch nicht in Hände, die es nicht tragen können."

Sie versuchte noch, ihn umzustimmen. Doch zu lange konnte sie weder Ilkonys noch Micaal warten lassen. Sie verließ den Freund mit ungutem Gefühl. Seine letzten Worte klangen bedeutsam, aber sie vermochte nicht, diese einzuordnen.

 
Micaal vernahm ihre Nachricht mit erstaunlichem Gleichmut. Ihm war Farraks Anliegen ohnehin nicht wichtig und wenn der Magier sich verweigerte, konnte es keine größere Bedeutung haben. Er freute sich, weil Andraag alle Termine absagte. Sie ritten gemeinsam übers Land. Die Garde des Prinzen hielt weiten Abstand. Am Ufer eines verschwiegen liegenden Waldweihers rasteten sie. Die Pferde rupfen die spärlichen ersten Halme. Noch trugen die Sträucher kein Grün.

   "Amarras Weiher sind schöner," bemerkte Andraag heiter. "Vermutlich sitzt unser Gebieter jetzt irgendwo zwischen Blüten und Tagfaltern und erfreut sich an einer Schönheit, die es hier noch nicht geben kann."

   "Ich weiß durchaus, wie es hier zur warmen Zeit aussieht," lachte Micaal. "Und was Harkym betrifft, nun, falls er gerade an einem Weiher rastet, ist es dort so öde wie hier. Er ist auf Reisen."

   "Wo ist er?"

   "Vermutlich irgendwo in deinem Reich." Micaal trank von dem kalten Wasser, ehe er sich zu Boden setzte. "Ab und zu kommt es vor, dass er Bakhir sehen will. Du erinnerst dich an ihn?"

Andraag nickte und erwiderte:

   "Ich erinnere mich auch, dass du Bakhir nicht magst und eifersüchtig darüber wachst, dass er niemandem zu nahe kommt, der dir etwas bedeutet. Aber dieses Reisen scheint dich nicht zu stören."

Micaal lachte heiter auf. Harkym fragte niemanden um Rat oder Erlaubnis, wenn er reisen wollte. Andraag wusste dies.

   "Diese Tage sind wichtig für ihn," meinte er leichthin. "Deshalb folgte ich Farraks Ruf. Harkym sollte jetzt unbelastet sein und sein Leben einfach genießen." Etwas ernster fuhr er fort: "Schon Tage vor so einer Reise verändert er sich; wirkt dann gelöster, fröhlicher. Die Menschen beim Tempel haben weniger Scheu vor ihm, reden mit ihm und er widmet sich ihnen auf eine sehr, hhm, menschliche Art. Wir alle," damit meinte er Nolans Freunde, "wissen dann schon, was kommt und bereiten die Reise vor. Wenn er dann gehen will, ist alles bereit. Und wenn er wieder kommt, hält diese gute Zeit lange an. Es ist nicht leicht, der mächtigste Mann der Reiche zu sein." Er stieß einen grunzenden Laut aus. "Außer Bakhir kann wohl niemand ganz vergessen, wer er ist."

   "Ich nehme eher an, außer Bakhir weiß es niemand," murmelte Andraag düster.

Er kannte den Than seit ihrer Kindheit. Zur heißen Lichtwende brachte Tibra stets auch den Sohn mit nach Amarra. Andraag, der beim Tempel im Kinderhaus aufwuchs, schloss Freundschaft mit dem trotzigen Knaben aus Nodher. Und später, als Than Seymas Harkym verbannte und zur Ruhelosigkeit verurteilte, da verhalf er Harkym zur Flucht von der schönen Insel. Ein wenig wirkte diese Kinderfreundschaft immer noch nach, auch wenn sie sich seither nur selten sahen und nicht jede Begegnung angenehm verlief. Gäbe es dieses mächtige Amt nicht, Andraag würde sich Harkyms Freundschaft wünschen. Und der Than wusste es.

   "Das kann ich nicht beurteilen." Micaal schien fast ein wenig betrübt. "Harkym spricht nicht über Bakhir, zumindest nicht mit mir. Als wir gemeinsam nach Sion reisten und es nicht einmal bemerkten, dass Bakhir dort zwei lange Tage eingekerkert wurde, das nimmt er mir übel."

Andraag nickte nur dazu. Sie reisten nach Sion, um der Vermählung des Prinzen Aranak beizuwohnen. Bakhir weigerte sich, neben den Menschen der Macht zu reiten, fiel zurück zum Gefolge. Aranaks Freund Rinolas sah und erkannte ihn als den Mann, der einem Dieb zur Flucht verhalf und dem Aranak sein Land bei Todesstrafe verbot. Rinolas ließ ihn einkerkern, da ein Todesurteil das Fest nicht überschatten durfte. Erst beim offiziellen Empfang zwei Tage später vermisste Micaal den Begleiter, der ja ebenfalls als Gesandter Amarras und Pala des Than in Sion weilte.

   "Auch ich habe Bakhir in diesen Tagen nicht vermisst," erinnerte Nodhers Erbe nun. "Ich habe ihn damals ebenso übersehen wie in der Zeit, als er in meinem Haus lebte. Trotzdem freue ich mich, dass Bakhir seine Freundschaft zu Harkym wohl durchtragen kann und nicht von seiner Macht geblendet wird."

   "Sie sehen sich zwei Mal im Jahr," erwiderte Micaal nachdenklich. "Das ist nicht sehr viel."

   "Nicht sehr viel," gab Andraag gelassen zu, "aber wohl sehr wichtig, da unser Gebieter schon eine Zeit davor und lange Zeit danach noch, wie du sagst, fast verwandelt ist. Es ist sicherlich bedeutsam genug, um ihm diese Zeit der Begegnung zu gönnen. Was wird nun geschehen?" Micaal sah ihn fragend an und so fuhr er fort: "Farrak will dich nicht sehen. Also muss Harkym nun selbst entscheiden, ob er der Bitte des Magiers entsprechen will."

Micaal wehrte ab. Er wollte etwas zuwarten und Farrak dann erneut die Möglichkeit geben, zu ihm zu kommen. Er zweifelte nicht daran, dass der Magier nachgeben würde.

Ende Kapitel 7

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