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Zyklus der Nebelreiche - Band 30
ein Roman von Renate Steinbach

Kapitel 6
Die Tage mit Bakhir bedeuteten für Harkym wie immer eine Zeit
gelöster Heiterkeit, wie er sie auf Amarra nicht zu leben vermochte. Dort begegneten ihm
die Menschen stets nur mit Respekt und Achtung. Nicht einmal Micaal nannte ihn häufig bei
seinem Namen, obwohl die sie verbindende Freundschaft Tiefe besaß. Nolan und seine
Gefährten erwiesen ihm noch immer Leibdienst, erwiesen sich stets als gehorsam, auch wenn
sie sich ansonsten recht oft wie Kameraden verhielten. Trotzdem war er ihr Herr und sie
vergaßen es zu keiner Stunde. Manches Mal benahm sich sogar Darian ebenso, einfach, weil
alle Kinder eine gewisse Scheu vor dem mächtigsten Mann der Reiche auslebten.
Bakhir kannte diese Scheu nicht, obwohl er sich ansonsten in Gegenwart der
Mächtigeren durchaus zu benehmen wusste. Nur sah er in Harkym niemals nur den Than,
sondern immer und zuerst den Freund, den er liebte und dem er sich verbunden wusste. In
den Tagen mit ihm verspürte Harkym stets ein tiefes Gefühl von Freiheit und Frieden.
In langen Gesprächen teilten sie einander Leben und Alltag mit, teilten sie Gedanken
und Wünsche, Hoffnungen und Eindrücke. Unerkannt nächtigten sie in Herbergen und wenn
ihr Weg keine Siedlung fand, so bereitete es Harkym doch keine Mühe, für ein
geschütztes Nachtlager zu sorgen. Er wusste noch immer, wie man sich vor der Kühle der
Nacht und der Feuchtigkeit der Nebel schützen musste und er kannte noch immer jedes
essbare Gewächs. So früh im Jahr mussten sie genügsam sein, doch sie vermissten nichts.
Sie gingen durch ein lichtes Wäldchen und redeten miteinander. Bakhir lauschte
begierig, da Harkym, was selten geschah, von den Göttern sprach. Als er damals heimlich
und unerkannt durch Amarra zog, fand er einen einsamen Rundtempel. Hier wirkte Tabalke,
der Gott des Schweigens. Bakhir sprach oft darüber, wie er dort eine innere Stille
erlebte, in der all sein Denken, seine Befürchtungen, seine Hoffnungen an Gewicht
verloren. Im Grunde wünschte er sich sehr, dieses noch einmal erleben zu dürfen.
"Du solltest jetzt besser still sein," unterbrach er Harkym.
Auf den fragenden Blick des Freundes hin fügte er eilig an: "Ich höre dir schon
gern zu. Aber irgendwie habe ich auch den Eindruck, ich sollte diese Dinge nicht
wissen." Er lachte. "Ich bin nicht dein Chela."
"In gewisser Weise bist du es," widersprach Harkym lächelnd.
"Du musst es nur wollen. Dann zeige ich dir die Ebene der Götter."
"Vergiss es," schlug Bakhir erheitert vor. "Ich weiß
durchaus, wie die Priesterschüler geleitet werden und mich verlangt nicht danach, einem
Lehrer, nicht einmal dir, jahrelang Leibdienst zu erweisen, um mir so die Lehre zu
verdienen. Gut," gab er zu, "ich habe einmal daran gedacht. Aber das ist Jahre
her und ich entschied mich dagegen. Müssen wir darüber reden?"
"Das müssen wir nicht," beruhigte ihn der Freund,
"wenngleich es mir natürlich nicht gefällt, dass du einzig bei diesem Thema immer
ausweichst."
"Hat es dir denn gefallen, Chela zu sein und dabei irgendwie, hhm,
irgendwie versklavt an deinen Lehrer?"
Harkym lachte leise bei diesen Worten.
"Mit zwölf Jahren ging ich in den Tempel der Weisheit,"
erzählte er fröhlich, "wo mich der Falla leitete. Das war keine sehr ernste Sache.
Ich habe mit den Tempelkindern gespielt und es gab nicht viel, worin ich Lyandros dienen
konnte. Auch meine beiden anderen Leiter haben mich nicht belastet. Es war eine gute
Zeit."
"Drei Leiter und sechs Weihen? Was verschweigst du?"
"Ich vertraute mich Malaron an, der mich zur Kraft führen sollte.
Aber dazu kam es ja dann nicht mehr," erwiderte Harkym knapp.
Bakhir presste die Lippen zusammen. Er blieb stehen, ergriff die Hand des Freundes und
bat:
"Verzeih mir. Ich hätte nicht davon reden sollen."
"Hast du Angst, dass es mich noch immer verletzt?" erkundigte
sich Harkym leicht verwundert. "Das tut es nicht, Bakhir. Es ist viel zu lange her.
Ich geriet unter den Bann Amarras, wie du weißt. Ich musste ruhelos reisen und es galt
das Verbot, mich zu leiten. Ich sollte niemals mehr als die dritte Ebene erreichen
können."
"Aber jemand muss dich doch geleitet haben. Man kann doch ohne
Hilfe nicht bis zum Licht gelangen," vermutete Bakhir leise, als sie weitergingen.
"Das ist eine lange Geschichte." Harkym blieb vergnügt.
"Doch die Nebel sinken. Wir sollten zuerst an ein Lager denken."
Sie fanden eine halb verfallene Hütte, die seit vielen Jahren niemand mehr bewohnte. Hier
richteten sie es sich ein. Bald brannte ein wärmendes Feuer. Nüsse und geröstete
Knospen stillten den Hunger. In der Dunkelheit saßen sie dann nahe beisammen. Harkym
erzählte:
"Der Mann, dem ich das Licht verdanke, hieß Zorynas. Er wuchs in
Amarra auf. Als Jüngling und Chela wurde er von seinem Leiter wegen eines kleinen
Vergehens in die Büßerhügel befohlen. Das sind Erdhöhlen, die zur Erbauung oder zur
Buße aufgesucht werden. Die Dunkelheit dort drin kann erschrecken und Zorynas empfand
große Furcht. Er verweigerte die Buße."
"Das klingt schlimm."
"Das ist es auch. Ein Chela ist zu Gehorsam verpflichtet."
Harkym legte dem Freund den Arm um die Seite. "Das muss so sein," fügte er an,
"denn der Weg zu den Göttern ist nicht ohne Gefahren und nur unbedingtes Vertrauen
führt dorthin. Aber für Zorynas bedeutete der Ungehorsam das Ende seines priesterlichen
Weges."
"Und was geschah?"
"Mein Vater Tibra war mit Than Seymas dort gewesen. Vater blieb
drei Tage in einer der Höhlen."
"Für welches Vergehen?" entfuhr es Bakhir. "Würdest du
so an mir handeln, Harkym, ich wollte dein Freund nicht länger sein."
Harkym lachte.
"Seymas und Tibra haben oft gestritten, aber Seymas hat meinen
Vater nie bedroht. Nein, für Vater waren die Höhlen Orte der Kraft. Er ging freiwillig
hinein. Er meinte, das sei wie im Schoß der Mutter. Zorynas sah ihn. Niemand wollte dem
rebellischen Priesterschüler helfen. Weshalb er vor meinen Vater kniete, hat er mir nie
erzählt. Aber er hoffte auf Hilfe. Vater hat die Regeln der Priesterschaft nie wirklich
verstanden und, vor allem, nie akzeptiert. Er sprach mit Zorynas, schilderte ihm die
Höhlen als angenehm und versprach ihm den Segen der Götter." Harkym unterbrach
sich. Er schmunzelte, als er sich diese Szene vorstellte. "Vater war Pala des Than.
Dieser Segensgruß aus seinem Mund machte jede Buße zur Farce. Nun, Zorynas ging unter
die Erde und kehrte gestärkt zurück."
"Jetzt verschweigst du etwas," stellte Bakhir erstaunt fest.
"Nun ja, es gab und gibt die feste Regel, dass auf Amarra keine
Magie wirken darf. Vater hielt sich immer daran. Er hat es nie gesagt, aber ich weiß,
dass er einen kleinen Stein aus der Höhle mitbrachte. Dieses Steinchen hat er als
magisches Werkzeug benutzt, um Zorynas so einen Lichtschein zu gewähren. Zorynas ging ja
in die Höhle, aus der mein Vater kam. Für einen Magier, wie mein Vater es war, bleibt
auch ein Stein stets mit seinem Ursprung verbunden. Viel später musste Zorynas Amarra
verlassen. Er war immer noch ein Rebell und brachte zu viel Unruhe. Er ging nach Khyon, wo
er, schon als Mann, im Tempel der Kraft zum Licht fand. Den Stein übrigens gab mein Vater
an mich und heute trägt ihn Tharan mit sich."
"Man muss wohl ein Rebell sein, um einen Ausgestoßenen Amarras zu
leiten," vermutete Bakhir. "Was wurde aus Zorynas? Du hast nie von ihm
gesprochen."
"Er starb nach langem Siechtum," erwiderte der Freund.
"Wir waren einander auch nicht so verbunden, wie es zwischen Lehrer und Schüler
üblich ist. Ich traf ihn in Khyon, wo ich in einer Herberge saß und gedankenverloren mit
jenem Stein in meiner Hand spielte. Es war eine der Stunden, in denen ich mich sehr nach
Heimat sehnte und nach meiner Familie. Zorynas setzte sich zu mir und wir kamen ins
Gespräch. Als er sich über das Steinchen wunderte, erzählte ich, woher es kam. Er wurde
sehr aufmerksam. Später erst stellten wir beide fest, dass wir durch ihn irgendwie
verbunden waren. Übrigens hat er mein Aufbegehren wider Seymas niemals entschuldigt und
das Urteil über mich nannte er immer gerecht. Aber er nannte mir auch Übungen, zeigte
mir Richtungen, wies mir den Weg. Und als ich dafür bereit war, habe ich ihn gesucht und
er half mir auf die nächste Ebene der Götter." Der Than lächelte. "Du siehst,
es gibt viele Wege der Schülerschaft. Und nun lass uns schlafen, Freund. Es ist spät
geworden."
Sie legten sich nieder. Bakhir lauschte den ruhigen Atemzügen des Freundes. Er
selbst lag noch lange wach und lauschte der angedeuteten Möglichkeit, noch einmal die
Stille Tabalkes zu fühlen.
Am andern Tag sprachen sie nicht mehr über dieses Thema. Bakhir erzählte viel aus
seiner Kindheit. Er schilderte das Baumhaus, das er sich als Knabe heimlich baute und das
ein vortreffliches Versteck vor den Schwestern bildete. Er sehnte sich nicht zurück nach
dem Waldreich, wo die Knaben keine Rechte besaßen. Immer noch begegnete er den meisten
Frauen voll Misstrauen. Harkym neckte ihn gern deswegen.
"Immerhin lässt du Akira an dich heran," spöttelte er
vergnügt. "Und so langsam lernst du auch die Schrift, wie ich vermute. Warum sonst
sollte eine Schriftrolle in deiner Kammer gelegen haben."
"Akira sagt aber auch, dass ich der ungelehrigste Schüler bin, den
sie je sah. Und was Frauen allgemein betrifft, so ist sie eine Ausnahme," erwiderte
Bakhir im gleichen Tonfall.
"Wie Sildra auch."
Jetzt lachten sie beide. Die Priesterin Sildra hatte es Bakhir durchaus angetan, aber
sie liebte Sions Erben Aranak und vermählte sich mit ihm.
"Ich glaube, Indina hätte mir auch gefallen," gab Bakhir dann
zu. "Ich bin nur sicher, dass Micaal mich niemals in ihre Nähe lassen wird."
"Wenn du nach Amarra kommst, kann er es nicht verhindern,"
versprach Harkym amüsiert.
Bakhir grinste. Micaal würde es nicht verhindern können, aber viele Wege finden,
ihm die Tage sehr zu erschweren. Indina und ihren Bruder Chrissan lernte Bakhir auf seiner
bisher einzigen Reise durch Amarra kennen. Er mochte die Geschwister, die ihm in einer
Stunde der Gefahr beistanden.
"Geht es ihr gut?"
Harkym nickte. Er erzählte, wie tiefere Nähe entstand zwischen Micaal und Indina
und wie auch Chrissan Freunde fand beim Tempel.
Bakhir erkundigte sich nach Darian und später nach Tharan. Er kannte die beiden Jungen
aus der Zeit, als er Harkym das erste Mal begegnete. Und er staunte, als er begriff, wie
genau der Than über alles unterrichtet war, das Tharan betraf.
"Lässt du ihn überwachen?" wollte er wissen.
"Ich achte auf ihn," schränkte Harkym gelassen ein.
"Aber ich beeinflusse sein Leben nicht, falls du das jetzt befürchten magst.
Übrigens bin ich auch über Son informiert. Es geht ihm wirklich gut. Er ist der Liebling
seiner Siedlung." Überrascht verhielt Bakhir den Schritt und starrte ihn an.
"Son verzaubert die Frauen in seinem Umfeld durch meisterliches Spiel auf der
Laute," fuhr der Than fort und schilderte Bakhir dann ausführlich, wie das Leben
seines kleinen Bruders in Wyla verlief.
Als sie sich in Wyla begegneten, hatte Bakhir versucht, den sieben Jahre jüngeren
Bruder nach Nodher zu holen. Doch Son wollte bleiben und die Frauen Bakhir nicht mehr
gehen lassen. Ohne Harkyms Eingreifen wäre er wohl Gefangener seiner Familie geworden.
"Bist du auch über jeden meiner Schritte so genau
informiert?" forschte Bakhir nachdenklich.
"Ich hoffe, du bist nicht zu enttäuscht, wenn ich dir sage, dass
alle deine Erzählungen für mich Neuigkeiten sind," erwiderte Harkym erheitert.
"Du weißt, dass Akira Rapport nach Amarra unterhält und wenn du meinst, dass ich
etwas wissen muss, wird sie es auf deinen Wunsch hin übermitteln. Von sich selbst aus
berichtet sie nichts. Das würde ich auch nicht erlauben, Bakhir."
"Warum?"
"Weil du es so willst." Harkym lächelte. "Du willst ein
unabhängiges Leben, jedenfalls unabhängig von mir. Ich denke, das ist gut so."
"Das denke ich auch," grinste Bakhir erleichtert.
Sie gelangten zu einer sehr kleinen Siedlung und verweilten. Die Menschen feierten
das Ende der Kalten Zeit. Das lebendige Brauchtum gefiel den Männern. Es gab spielerische
Wettkämpfe und an einigen nahmen sie auch teil. Es wurde viel gelacht an diesem Tag und
am Abend auf dem Dorfplatz gefeiert und gesungen. Erst nach zwei Tagen zogen sie weiter.
"Harkym, wie viel Zeit hast du?"
Sie lagerten am Rand eines schmalen Baches, der sich in weiten Biegungen durch eine
Wiese schlängelte. Über einem kleinen Feuer brieten große Pilze, derer verführerischer
Duft ein leckeres Mahl verhieß.
"Werde ich dir schon lästig?" Der Than lachte leise.
"Keine Sorge, du wirst Zuhause sein, wenn es gilt, die Felder zu bestellen."
"Ich dachte weniger an meine Pflichten denn an deine," meinte
Bakhir gelassen.
Harkym beruhigte ihn. Was die Verwaltung Amarras betraf, so benötigte Nolan hierbei
nicht unbedingt Hilfe und Weisung. Und sein eigentliches Amt war geistiger Natur. Ihm
oblag es, auf göttlichen Ebenen an der Einheit der Reiche zu weben. Dieses Werk konnte er
überall vollbringen und er säumte darin nicht. Darüber aber verlor er keine Worte; es
wäre unmöglich gewesen, dies dem Freund zu beschreiben.
Die Pilze schmeckten köstlich. Gesättigt wie nach einem königlichen Mahl ruhten
sie ein wenig aus. Harkym hatte sich auf den Bauch gelegt, das Antlitz in die Hände
gestützt. Sein Blick glitt über die Wiese, wo vereinzelt kleine weiße Blüten die warme
Zeit kündeten und einzelne kräftige und sattgrüne Blätter schmal und lang nach oben
strebten. Unweit entfernt stand ein mächtiger Pejuk-Baum. Der säuerliche Geschmack der
Früchte stillte jeden Durst, doch um diese Zeit fanden sich an den kräftigen Ästen und
weit ausladenden Zweigen nur halb eingerollte, verdorrte Blätter. Aber die Knospen
schwollen schon an. Bald würde dieser Baum ergrünen. Bakhir folgte dem Blick des
Freundes.
"Ich habe gehört, dass große Bäume einen eigenen Geist besitzen
und sogar eine heilsame Kraft verströmen," fiel ihm ein.
"Zweifelst du?"
"Am Geist schon, nicht an der Heilkraft." Bakhir grinste.
"Auf einem meiner Felder steht ein Molbaum. Wenn mich die Arbeit erschöpft hat und
ich ausruhend an seinem Stamm lehne, verspüre ich Stärkung. Wir rasten auch gern unter
großen Bäumen, feiern dort oder ruhen."
Er kam ins Plaudern. Harkym wirkte nun sehr aufmerksam und so berichtete er, mit
angezogenen Beinen neben ihm sitzend, ausführlicher. Nach geraumer Zeit er stellte er
fest, dass diese Aufmerksamkeit nicht ihm galt. Der Than richtete sich ganz auf den Pejuk
aus. Bakhir musterte Harkym kurz, dann unterbrach er den angefangenen Satz und sagte
unvermittelt:
"Also beschloss ich, im Tempel des Lichts um Leitung zu
ersuchen."
"Was weiter?"
"Du hast mir also nicht einmal zugehört," stellte Bakhir,
halb beleidigt und halb belustigt fest, Harkym freundschaftlich in die Seite stoßend.
"Du hättest jetzt sonst völlig anders reagiert."
Harkym setzte sich auf. Er lächelte entschuldigend.
"Du bist der einzige Mensch, in dessen Gegenwart ich es mir
erlaube, so unaufmerksam zu sein," sagte er und es klang wie die Auszeichnung, die es
sein sollte. "Verzeihst du mir?" Bakhir nickte mit leisem Lachen. "Was
hattest du also gesagt, auf das ich reagieren müsste?"
Bakhir wehrte ab. Die Worte vom Tempel sollten Harkyms Zuhören testen; sie besaßen
keinerlei Gehalt und Wichtigkeit. Der Than sprang auf und zog ihn auf die Bäume. Er
deutete zum Pejuk.
"Was siehst du?"
"Nur einen Baum, Harkym," erwiderte der Freund verwundert.
"Sieh genauer hin. Dort, der dicke Ast, der sich leicht zur Erde
neigt. Was siehst du?"
"Ein verdorrtes Blatt, das der Wind bald verwehen wird."
Harkym lachte leise auf, ergriff Bakhirs Hand und führte ihn näher zu dem
mächtigen Baum.
"Vorsichtig jetzt," mahnte er, "halte ein wenig
Abstand."
Er selbst ging einen Schritt näher. Das Blatt baumelte direkt vor seinem Gesicht.
Erst, als er einen kleinen Schritt zurück trat, kam Bakhir neben ihn.
Jetzt sah es auch der Mann aus Wyla. Das eingerollte Blatt besaß nur oben eine kleine
Öffnung, barg im Innern, wie sich am Spalt erkennen ließ, einen weißen Kokon, gerade so
groß, dass ein Mann ihn hätte mit beiden Händen umschließen können. Der Kokon zeigte
sich aufgebrochen. Unzählige winzige Spinnen krabbelten auf ihm herum. Sie besaßen schon
behaarte Beine und einen ebensolchen, pelzig wirkenden Leib von hellblauer Farbe. Auf den
kleinen Rücken erkannte man winzige gelbe Flecken.
"Aaya," erfuhr es Bakhir, einen Schritt zurück tretend.
"Die große Aaya schläft noch und wartet auf die Wärme,"
bestätigte Harkym. "Aber die Kleinen sind jetzt bereit für ihre große Reise."
Seine dunklen Augen leuchteten in begeistertem Feuer. "Es ist zwanzig Jahre her, dass
ich zuletzt einen Kokon fand. Schau nur, Bakhir, wie aufgeregt sie sind."
"Sie sind jedenfalls jetzt schon so giftig wie ihre Mutter,"
murrte der Landmann.
Zwei Tiere gab es in den Reichen, das jeder Mensch kannte und sei es nur durch viele
eindringliche Beschreibungen. Das eine war die Onik, eine giftige Viper, die stets in den
Wurzeln des Mesa-Strauches nestete. Und das andere war die Aaya, eine handtellergroße
Baumspinne, deren Radnetz man häufig, sie selbst aber so gut wie nie sah. Beide Tiere
waren friedliebend und verfügten über todbringendes Gift. Niemand näherte sich ihnen
freiwillig.
Harkym ging zu Bakhir, fasste dessen Hand und führte ihn wieder etwas näher.
"Die Babys können noch keinen Menschen töten," versprach er,
"jedenfalls ein einzelnes der Kleinen nicht. Schau sie an, Bakhir."
Die Faszination des Than verwirrte Bakhir, zugleich aber weckte sie auch seine
Neugier. Er schaute nun viel genauer hin. Die winzigen Spinnen pressten sich an den
Untergrund, krabbelten aufgeregt. Ein besonders mutiges Exemplar kletterte am Stiel des
Blattes bis auf den Ast, lief ein kurzes Stück, hielt inne, wandte sich zurück.
Schließlich wagte sich das Tier auf einen Zweig und von dort aus bis auf die Spitze einer
dicken Knospe. Harkym trat näher, Bakhir mit sich ziehend. Nahe vor ihren Augen duckte
sich das Tier. Schließlich begann die Spinne, aus dem kleinen Hinterleib einen dünnen
Faden zu pressen, der bald sanft im Wind wehte.
Harkym hielt mit der Rechten noch immer Bakhir. Als er nun die Linke etwas anhob,
erschauderte der Freund. Atemlos sah er, wie Harkym den Zeigefinger der Knospe näherte.
Er legte die Fingerkuppe an. Die kleine Spinne hielt sich an seiner Haut fest, während er
die Hand nun höher hob.
"Nur Mut, kleine Aaya," sagte er dabei fast zärtlich,
"du musst schon loslassen, wenn du fliegen willst."
Als verstünde das winzige Tier seine Worte, erhob es sich nun aus der geduckten
Haltung. Eine leichte Brise zerrte ein wenig an dem langen Faden. Da ließ die Spinne los.
Der Wind erfasste ihr Gespinst fester, zog sie nach oben, trug sie weit in die Lüfte und
bald war sie nicht mehr zu sehen.
Die beiden Männer entspannten sich. Sie redeten nicht, sondern beobachteten noch
eine Weile die kleinen Spinnen, von denen sich noch einige auf diese seltsame Reise
begaben. Als sie zu ihren Lagerplatz zurück kehrten, war das Feuer längst erloschen.
"Hätte die Spinne gebissen, wäre dein Finger jetzt
angeschwollen," meinte Bakhir etwas vorwurfsvoll. "Das war leichtsinnig."
"Im Grunde schon," gab Harkym gelassen zu. "Ich hielt
auch schon die große Aaya auf meiner Hand. Die Kleinen haben schon dieselben großen
Augen, die irgendwie an Blutstein erinnern. Ist es nicht faszinierend, wie diese kleinen
Tiere am selbst gewobenen Spinnfaden auf den Flügeln des Aufwinds den Ort suchen, wo sie
leben wollen? Sie reisen weit, Bakhir. Vielleicht trägt sie der Wind bis zum Meer und
darüber hinweg."
"Bis Amarra," grinste Bakhir heiter, "wo sie dann nahe
beim Tempel ihr Netz weben. In Wyla sagt man, dass das Netz der Aaya alle Reiche
überspannt."
"Das ist eine alte Legende," wusste der Than. "Einst ist
die Göttin Antares auf dem Netz der Aaya geschritten, um alle Reiche zu finden und zu
einen. Solange das Netz fest ist, wird die Einheit bestehen."
"Ich würde einem Spinnennetz keine große Last aufbürden
wollen."
"Wenn du den Mut hast, eine Spinne zu sein, wirst du erleben, wie
stark das Netz ist," meinte Harkym da heiter. "Dann kannst du aus dir selbst den
Faden spinnen, der dich über alle Grenzen trägt."
Bakhir sah ihn lange an. Er verstand das Gleichnis durchaus. Harkym deutete wieder
einmal an, dass er seine eigenen Möglichkeiten nicht ausnutzte.
"Ich fasse die Lektionen des heutigen Tages zusammen,"
konstatierte er trocken. "Starke Bäume sind von einem starken Geist beseelt. Wenn
ich dich weiter frage, wirst du mir erzählen, wie dieser Geist in sich selbst ruht und
fest verwurzelt ist in - in was auch immer. Und kleine Spinnen töten keine großen
Menschen, fliegen aber auf dem Wind übers Land. Und..." Er unterbrach sich und
lächelte, weil Harkym ihm den Arm um die Seite legte. Sie nahmen den Weg wieder auf.
"Erzähle mir die Legende, in der Antares über das Netz geht," bat er.
Und dann lauschte er gebannt dieser alten Geschichte, die von Güte und Umsicht, von
Licht und Einheit sprach und in jedem, der sie vernahm, die Sehnsucht nach Geborgenheit
und Weite erwecken konnte. Solche Geschichten liebte er. Später, zu Hause, würde er sie
abends am Feuer seinen Leuten erzählen und den Reichtum teilen, den er so empfing.
Ende Kapitel 6
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