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Zyklus der Nebelreiche - Band 30
ein Roman von Renate Steinbach

Kapitel 5
Es gab keine kalten Nebel auf Amarra.
Die Bürger des Landes, immerhin größer als das Königreich Khyon, kannten nur angenehme
Wärme. In den Nebelreichen erwachte mit dem Ende der Kalten Zeit stets neue Hoffnung; die
Menschen wurden fröhlicher, aktiver, schmiedeten neue Pläne. Auf Amarra gab es diesen
Wechsel nicht. Alles ging seinen gewohnten Gang.
Dass der Than sein Reich verließ, bedeutete keine Änderung. Es kam ja nicht zu
selten vor und das Land wurde gut verwaltet von seinen Gefährten. Diese sechs Priester
des Lichts, die er einst von einer Reise mitbrachte, taten alles, was die Verwaltung eines
so großen Landes erforderte. Er überließ ihnen die Arbeit nicht, sondern teilte sie mit
ihnen. Aber nun, da er fern weilte, oblag jede Entscheidung seinem ernannten Pala.
Nolan stammte aus dem Königreich Sarai, wo er seine Jugend als Wegelagerer und Dieb
verbrachte. Harkym wusste es. Er kannte die unrühmliche Vergangenheit seiner Gefährten,
doch nie verlor er ein Wort darüber. Sie alle besaßen die höchste Weihe. Was davor
geschah, hatte längst alle Bedeutung verloren.
Nolan war mit seinen siebenundvierzig Jahren der Älteste der Gefährten. Die
anderen, Amthor, Ornan, Thraak, Joppas und Irek hörten auf ihn und seine Weisung. Ihn
nannte man Pala des Than. Ganz Amarra hatte sich seinem Willen zu fügen.
Nun, da der Than auf Reisen war, lagen alle Entscheidungen bei ihm und er hatte nur
wenig Zeit, um nach seiner Neigung zu leben. Die Freunde halfen ihm bei allem, doch die
Verantwortung konnten sie ihm nicht abnehmen. Nolan beklagte sich nicht. Er liebte dieses
Leben und fühlte sich durch das Vertrauen seines Herrn geehrt. Überdies gab es eine
feste Rapportverbindung zwischen ihm und dem Than. Er durfte seinen Gebieter jederzeit
rufen und seine Weisung erbitten. Das gab ihm die nötige Sicherheit, selbst zu
entscheiden.
Amarra unterhielt viele Rapportverbindungen in die Reiche. Dieser priesterliche
Kontakt bestand zu allen Herrscherhäusern und zu den Haupttempeln, aber auch zu so
manchem anderen Ort der Macht oder der Kraft. Wurde eine solche Verbindung geöffnet, so
empfing Harkym den übermittelnden Priester stets selbst. Jetzt lag auch diese Aufgabe bei
Nolan.
Man hatte ihm berichtet, dass Nodher die Verbindung öffnete. Es war üblich, die
Botschaft in der etwas düsteren Empfangshalle des Tempels zu vernehmen. Nolan richtete
den Schritt dorthin, als sich ein schwarz gewandeter Priester an seine Seite gesellte.
Auch dieser Mann, Micaal, der die Weihe des dunklen Gottes empfing, trug den Titel
des Pala, doch ihm wurde er in der Bedeutung der Freundschaft genannt. Micaal schloss sich
ihnen bei einer Reise durch das Bergreich Thara an. Jahrelang war er unter den Gefährten
der Störer. Er prügelte sich gern und viel und trotzdem mochten sie immer einander. Die
Zwistigkeiten vertrieben ihn trotzdem. Unerkannt lebte er drei Jahre in Sarai, wo er als
einfacher Arbeiter mitwirkte am Bau des großen Tempels, den man Raaki weihen wollte. Und
als bei der Weihe gewaltige Kräfte drohten, den Tempel zu zerstören, da hielt er die
Kraft seines Gottes in dessen heiliger Halle. Ein halbes Jahr verharrte er dort in
völliger Einsamkeit. Er veränderte sich. Und als es dem Than dann endlich gelang, diese
verheerende Kraft magischen Ursprung zu bannen, besaß er danach nicht mehr die Kraft, den
Tempel zu weihen. Micaal vollzog die Weihe an seiner Statt.
Er war einundvierzig Jahre alt. Vor Jahren habe er, so hieß es, in der Siedlung
Karnac auf Amarra einer Frau Gewalt angetan. Es gab nie ein Urteil deswegen. Den Sohn, den
Eika danach gebar, anerkannte er als eigenes Kind. Der dreizehnjährige Goran liebte den
Vater, während Eika Micaal noch immer auswich. Sie hatte sich Amthor angeschlossen und
sprach nie über das, was in Karnac geschah. Niemand tat das, zumindest nicht laut.
"Wohin gehst du?" erkundigte sich Micaal voll Interesse.
Nolan gab bereitwillig Auskunft und da Raakis Priester bei ihm blieb, schmunzelte er
still. Harkym duldete keine Zeugen, wenn er Rapportbotschaften hörte. Nolan sah keinen
Nachteil in Micaals Gesellschaft. Nodher war wichtig geworden für Raakis Priester, seit
er einst den Erben des Reiches zu einer weiteren Weihe leitete. Nachrichten aus jenem
Reich waren für ihn immer von besonderem Interesse, lebte er doch während der Zeit der
Leitung in der Burg.
Die Empfangshalle wurde ebenerdig an den Tempel angebaut; eine kleine Seitentür
führte ins Innere des hohen Bauwerks. Es gab keinen Schmuck in der Halle, an deren Rand
sich einige wenige Steinbänke befanden. Hohe Säulen trugen die Decke. Vorn stand der um
drei Stufen erhöhte Thron des Than. Ein zweiflügeliges Tor führte in den Tempelgarten.
Es zeigte sich weit geöffnet.
Niemand achtete auf das Geschehen dort. Es fand ja kein offizieller Empfang statt.
Nolan bedeutete dem wartenden Priester, ihm in die Halle zu folgen. Das Tor ließ er
geöffnet. Befriedigt registrierte er, wie Micaal zwar die Halle betrat, ansonsten aber
Abstand hielt.
Der Pala des Than trat zu dem Boten.
"Welche Kunde übermittelt uns Nodher?" erkundigte er sich
nach kurzem Gruß.
Der Mann hatte die Arme überkreuzt und sich tief verneigt vor Nolan. Nun richtete er
den Blick auf sein Gegenüber. Nolan lächelte nur. Er beabsichtigte nicht, wegen einer
solchen Sache den Geist des anderen anzurühren.
"Die Botschaft ist kurz," ergriff der Priester darum das Wort.
"Farrak wünscht unseren Gebieter zu sehen."
Die Stimme des Mannes schwankte; es war nicht zu übersehen, wie schwer es ihm fiel,
dieses Ansinnen zu übermitteln. Micaal zuckte bei diesen Worten förmlich zusammen.
Einzig Nolan blieb nur erstaunt.
"Lass Nodher wissen, dass Amarra für die Übermittlung
dankt," verlangte er gleichmütig, ehe er den Mann aus der Halle entließ. Forschend
schaute er danach zu Micaal. "Was ist mit dir? Stört dich mein Dank an Jiddan?"
"Man öffnet den Rapport nicht wegen Nichtigkeiten," murrte
Raakis Priester da nur.
"Eben darum dankte ich." Nolan lachte leise. "Die
Botschaft hat nichts mit Nodher zu tun und scheint eher privater Natur zu sein. Es fiel
Jiddan wohl nicht leicht, deshalb die Verbindung zu öffnen."
"Du weißt aber nicht, ob Harkym dies billigen würde," hielt
ihm Micaal etwas vorwurfsvoll vor. "Womöglich wäre ein Tadel eher angebracht."
"Wenn dem so ist," antwortete Nolan da in sehr verbindlichem
Tonfall, "so werde ich dies jedenfalls nur unserem Gebieter erlauben, nicht
dir."
"Ich wollte dich nicht beleidigen," entschuldigte sich Micaal
sofort mit gewinnendem Lächeln.
Dann aber verfinsterten seine glatten, fast edlen Züge und sein Blick wurde dunkel.
Er nickte dem Pala des Than kurz zu, trat dann ins Freie und lenkte dort seinen Schritt
fort vom Tempel. Nolan sah ihm lange nach. Dann schloss er das Tor, um im Geist nach
seinem Herrn zu suchen und ihn wissen zu lassen, welche Nachricht er empfing.
Nolan seufzte leise auf. Er hatte nicht einmal versucht, Harkym zu erreichen. Da war
etwas an Micaal gewesen, das ihn irritierte; etwas, das ihm wie eine Warnung erschien. Als
er ins Freie trat, war Raakis Priester nicht mehr zu sehen. Er winkte einigen spielenden
Knaben zu sich.
"Habt ihr Micaal gesehen?"
Einer der Knaben, der zwölfjährige Darian, nickte und deutete mit der Hand die
Richtung. Er lebte hier als Sohn des Than im Haus der Priesterin Thirea, mit der sich
Nolan sehr verbunden fühlte. Nolan und Darian mochten einander sehr.
"Soll ich ihn holen?" bot der Knabe an.
Als Nolan nickte, lief er eilig davon. Der Pala des Than wollte warten. Einige Leute
traten zu ihm, da sie seinen Rat brauchten. Er bemerkte im Gespräch erst spät, dass
Micaal wartend in der Nähe stand. So schickte er alle Menschen fort, bedeutete anderen,
dass man ihn jetzt allein lassen möge und ging dann mit Micaal auf den blütengesäumten
Pfaden.
"Wer ist dieser Farrak?" erkundigte er sich.
"Hat Harkym es dir nicht gesagt?"
Die Frage kam offen und ehrlich erstaunt.
"Ich habe ihn noch nicht erreicht."
Es schien Nolan, als würde Micaal aufatmen bei diesen Worten. Doch er musste seine
Frage wiederholen, ehe er Auskunft erhielt.
"Jiddans Gefährtin Wana ist diesem Farrak in Freundschaft
verbunden. Er lebt in Burg Nodher in einem der Wehrtürme, zeigt sich von düsterem Wesen
und wird dort mehr geduldet als geliebt. Man meidet ihn. Aber er sucht auch keine
Gesellschaft. Er müsste jetzt über achtzig Jahre alt sein."
"Was weiter?"
"Er gehört zum innersten Zirkel der Magiergilde. Farrak ist ein
mächtiger und wohl auch sehr vermögender Mann. Jedenfalls verkauft er seinen Dienst
nicht billig."
"Du magst keine Magier," stellte Nolan, halb belustigt, fest.
"Nein."
Mehr gab es dazu nicht zu sagen.
"Vielleicht denkt unser Gebieter etwas anders über diese
Gilde," erwiderte Nolan erheitert. "Sein Vater ist Magier gewesen."
"Genau das befürchte ich," brummte Micaal. "Es geschieht
aber nichts Gutes, wenn Harkym der Magie begegnet. Priester sollten Magier meiden wie eine
dunkle Gefahr. Das gilt auch für ihn."
Nolan blieb stehen. Von hier aus konnte man bis zum Meer hinab schauen. Sein Blick
fraß sich irgendwo in der Unendlichkeit fest.
"Es war Magie, das Tibra tötete, nicht wahr?"
Sie waren ja beide dabei gewesen, als Harkyms Vater Tibra in Sion den Tod fand und
sie beide hatten gesehen, wie es geschah. Unzählige Armeen von entarteten Kornkäfern
zerstörten damals die Ernte und drohten, Sion in einer Katastrophe zu vernichten. Tibra
gelang es tatsächlich, die Ursache dieser Entartung zu erforschen. Der Magier lockte all
die Tiere in eine große Mulde, stand dann inmitten eines Meeres von Käfern. Was danach
geschah, sahen viele, doch nur wenige erfuhren die Wahrheit. Harkym stand oben am Rand der
Mulde, die Hände leicht abgespreizt, ihre Flächen dem Vater zugewandt. Er weinte. Und
die Käfer verbrannten in einem unsichtbaren magischen Feuer. Mit ihnen fand der Magier
selbst den Tod. Antaya nannte Harkym daraufhin einen Vatermörder. Doch niemand sonst
wagte es, dem mächtigsten Mann der Reiche einen Vorwurf zu machen. Und auch, wenn es
Zweifel gab, ob er dieses unsichtbare Feuer entfachte, so sahen sie in der Nacht doch noch
etwas anderes. Harkym hatte den Leichnam des Vaters auf einen Holzstapel gebettet. Er
duldete niemanden in der Nähe. Doch von Ferne sahen viele Augen, wie unablässig
Feuerfälle aus seinen Händen schossen, das Holz entzündeten, ständig neu entfachten
und nicht endeten, ehe der Leichnam völlig verbrannte.
"Es war auch Magie, was die Tempelweihe in Sarai verhinderte,"
brummte Micaal missmutig.
"Aber unser Herr hat sie bezwungen," antwortete Nolan, dem es
jetzt erschien, als sei dies gar nicht so gut gewesen.
"Magie kann nur durch Magie bezwungen werden," bestätigte
Raakis Priester seine Ahnung. "In jener Nacht erkannten die Fallas einen anderen als
stärksten inkarnierten Geist. Du ahnst ja nicht einmal, was dieser Tempel ihn gekostet
hat."
Niemand ahnte es und Micaal war auch nicht bereit, weiter davon zu reden. Er hatte
Harkym gesehen, wie er, nachdem es ihm endlich gelang, Raakis Tempel zu reinigen,
zusammenbrach. Er selbst weihte jenen Tempel, weil Harkym die Kraft dazu nicht mehr
besaß. Vor allem wusste nur er, dass die Magie, mit welcher sich der Than damals umgeben
musste, auch in dessen Geist tiefe Wunden riss. Sie zogen lange Zeit durch das Land, in
welcher der Than um seine geistige Unversehrtheit rang. Unwillig schüttelte Micaal den
Kopf. Er wollte das Erinnern verbannen.
"War auch dieser Farrak in Sarai?" erkundigte sich Nolan
sacht.
"Die vier stärksten Magier der Elemente waren zugegen," gab
Micaal Auskunft. Nolan würde das ohnehin überall erfahren können. "Farrak
beherrscht die Lüfte. Zumindest war es damals so. Er ist auf alle Fälle nicht zu
unterschätzen. Ich will nicht, dass Harkym ihm begegnet, Nolan. Es wäre nicht gut, ich
spüre es."
"Ich kann unserem Herrn die Botschaft nicht verschweigen,"
mahnte Nolan nachdenklich.
"Kannst du sie wenigstens verzögern?" Bittend sah Micaal ihn
an. "Ich glaube ja gern, dass Harkym in gewisser Weise in Farraks Schuld stehen mag.
Die Magie, die er damals bezwang, muss ihm ja jemand entdeckt haben. Aber wenn Farraks
Wünsche auf anderem Weg schon erfüllt werden, muss Harkym nicht selbst zu ihm."
"Du meinst, es genügt, Nodher anzuweisen, alles für diesen Mann
zu tun," schloss Nolan aus diesen Worten, den Weg wieder aufnehmend, nun aber
Richtung des Tempels gehend.
"Ilkonys verdankt ihm sein Leben," wehrte Micaal ab.
"Außerdem ist Farrak ein reicher Mann. Er hat bestimmt keine weltlichen Wünsche.
Nodher kann da jedenfalls nichts tun. Wenn du nicht dagegen sprichst, reise ich zur
Burg."
"Ich wenn ich dagegen bin, lässt du dich aufhalten?" entfuhr
es Nolan verblüfft.
Er kannte Micaal gut genug, um zu wissen, dass sich dann bestenfalls ein Wortgefecht
ergab. Micaal grinste.
"Als Pala bist du mein Herr," spöttelte er, den Titel dabei
sehr bedacht im Sinne des Sachwalters betonend.
"Und als Pala bist du meiner Macht enthoben," erwiderte Nolan
im selben Tonfall, wobei er den Titel im Sinne der Freundschaft gebrauchte. "Ein
wenig ärgert es mich, dass du mich so verunsichern konntest. Aber deine Unruhe ist
ansteckend. Ich möchte aber, wenn du die Burg erreicht hast, sofort Nachricht erhalten,
falls das Kommen unseres Herrn doch nötig ist. Gib mir dein Wort, hierin nicht zu
zaudern."
Micaal suchte Ausflüchte, doch da Nolan sehr fest blieb, gab er endlich nach und
versprach es. Doch noch war er überzeugt, dass sich diese Begegnung verhindern ließ und
Farrak, was immer er begehrte, auch durch ihn erhalten konnte.
Ende Kapitel 5
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