|
| |
     
Zyklus der Nebelreiche - Band 30
ein Roman von Renate Steinbach

Kapitel 4
Vesna war still geworden. Einzig sie, Dalur und natürlich Wana
suchten häufig den Magier in seinem Wehrturm auf und wussten, wie es um ihn stand. Es
hatte nicht lange gedauert, bis Vesna begriff, weshalb der alte Magier sie sehen wollte.
Der sichtbare körperliche wie auch geistige Verfall des alten Mannes belastete sie sehr,
hing sie an Farrak doch wie an dem Vater, den sie nie kennenlernte und den er stets
umfassend ersetzte.
Sie wohnte in dem ihr zugewiesenen Gastraum. Einige Menschen in der Burg kannte sie
noch aus ihrer Jugend. Ihnen schloss sie sich an, wenn sie weder das Alleinsein und
Farraks Gegenwart ertrug. Meist aber zog sie es vor, entweder im Turm zu sein oder sich
ein Pferd zu borgen und übers Land zu reiten.
Jiddan weilte nun mehr als sonst bei Wana, die sich um die Ziehtochter ebenso sorgte
wie um den Magier. Manchmal sprach er dann vom Sterben und deutete an, wie wenig er ihren
Kummer verstand. Sie kannten beide die Ebene des Lichts, wussten um Antares' Kraft und
zweifelten nicht an der Unsterblichkeit des Geistes, der sich wohl einer unbrauchbar
gewordenen Hülle entledigte, doch seine Entwicklung nicht unterbrach, sondern erneut
inkarnieren und weiter wachsen würde.
"Vesna ist keine Priesterin. Sie sieht nur das Vergehen,"
erklärte ihm Wana betrübt. "Ich kann ihr nicht helfen und das betrübt mich. Und
Farrak, nun, ich habe ihn niemals schwach gesehen. Jetzt ist er es und ich denke manchmal,
er verspürt eine große begründete Furcht."
"Furcht wovor?"
"Vor dem Tod natürlich."
"Ich habe ihn, wie du weißt, nie gemocht und ich denke, er hat
seine Magie oft auch zum Schaden anderer angewandt." Jiddan hielt ihre Hand ein wenig
fester, gerade so, als wolle er sich für die harten Worte entschuldigen. "Ich denke,
ein Magier stirbt einsam," fuhr er aber fort. "Er hat es im Leben versäumt,
sich viele Freunde zu schaffen und das rächt sich nun."
"Farrak hat nie Wert auf Freundschaften gelegt," stimmte Wana
nachdenklich zu.
"Drei Menschen bangen um ihn. Das ist nicht viel für ein ganzes
Leben," bestätigte Jiddan, der wusste, dass um ihn ebenso wie um Wana sehr, sehr
viele Menschen weinen würden.
"Drei Menschen sind hier." Wana lächelte auf die vertraute,
sanfte und zugleich nachsichtige Art. "Wie viele bangen, das wissen wir nicht. Farrak
kann seit langem nicht mehr zum großen Magierteffen nach Silsa reisen. Aber dort gehörte
er immer zum inneren Zirkel und genoss hohes Ansehen. Und wenn er früher auf Reisen ging,
um irgendwen zu treffen - wir wissen nicht, ob dies Freunde gewesen sind. Vielleicht
denken sehr viele an ihn und senden ihm gute Gedanken."
"Ich hoffe es für ihn." Jiddan sprach aufrichtig. "Gute
Gedanken sind immer das Beste, was einen Menschen umgeben kann." Er lächelte.
"Ich werde ihm von nun an auch welche senden, so oft ich an ihn denke."
Wana neigte sich vor und küsste ihn sacht. Sie liebte diesen Mann, als dessen
Gefährtin sie seit vielen Jahren lebte. Er besaß ein aufrechtes Wesen und in allem, das
er tat, zeigte er sich stets verantwortungsvoll und seinem Handeln hingegeben. Jiddan
lebte als Pala des Königs hier und war Pala in beiderlei Hinsicht; vertrauter Freund des
Herrschers und umsichtiger Sachwalter der Belange Nodhers.
Schon zu Zeiten des verstorbenen Herrschers Ariston gehörte es in Burg Nodher zur
festen Sitte, dass die königliche Familie das Frühmahl gemeinsam einnahm und hierzu nur
die engsten Vertrauten zuließ. In dieser Stunde gab es dann keine Dienerschaft, was
offenes Reden erlaubte und sehr vertrauten Umgang. Störungen waren nun nicht gestattet.
Einmal am Tag wollte der Herrscher unbeobachtet und unbelauscht mit den Seinen beisammen
sein. Zu dieser Stunde fand jeder Gehör, sei es die Jüngste, Andraags Tochter Noama oder
auch Prinz Willar, Ilkonys' Bruder. Ihre großen und kleinen persönlichen Wünsche nahmen
jetzt der Herrscher und sein Erbe zur Kenntnis; man teilte den Alltag und widmete sich nun
niemals den Staatsgeschäften.
Unwillig sah der König auf, als zu dieser Stunde die Tür geöffnet wurde. Farrak
betrat den Raum und er machte sich nicht einmal die Mühe, eine Verbeugung zu versuchen,
geschweige denn, seinem Herrscher pflichtgemäß zu huldigen. Doch Ilkonys sah den Stab,
auf den er sich stützen musste und ahnte, welche Mühe es den alten Mann kostete, die
Wendeltreppe im Turm herab zu kommen. Überdies hätte jeder Tadel auch Wana verletzt und
die Gefährtin seines Freundes wollte er schonen. Er sagte nichts dazu.
"Verzeiht euren Leuten, Gebieter," ergriff der Magier sofort
das Wort, "sie konnten mich nicht hindern."
Andraag schmunzelte. Er ahnte, dass magisches Wirken die Wachen vor der Tür an jedem
Eingreifen hinderte. Ilkonys sah den Erben an und lächelte etwas wehmütig, weil er nun
an den Magier Tibra dachte, dessen Kräfte er öfter wirken sah. Die Magier des innersten
Zirkels waren allesamt nicht zu unterschätzen.
"Du solltest nicht hier sein," mahnte Wana, die sich erheben
und den Freund hinaus geleiten wollte.
Jiddan hielt sie zurück, indem er stumm die Hand auf ihren Unterarm legte. Wenn
Farrak sich die Mühe des Kommens machte, so würde er auch darauf bestehen, den Grund
dafür zu nennen.
"So ist es," bestätigte Farrak gelassen, "doch da ich
nicht hoffen kann, dass sich jemand zu mir begibt, blieb mir nichts anderes übrig."
Er ignorierte die meisten Anwesenden; seine Aufmerksamkeit galt im Grunde nur Ilkonys,
Jiddan und Rhandar, der neben Andraag saß. "Ich will, dass einer von euch Amarra
wissen lässt, dass ich den Than zu sehen wünsche."
Es herrschte völlige Stille im Raum. Sogar die Kinder ahnten, dass dies
ungeheuerliche Worte sein mussten. Niemand konnte den Than zu sich rufen. Wenn er rief,
hatte man unverzüglich zu ihm zu kommen. Doch ihn zu fordern, galt als undenkbar. Es war
nicht einmal erlaubt, eine Frage an ihn zu stellen oder ihn anzuschauen. In seiner
Gegenwart hatte man sich zu unterwerfen und niemandem stand das erste Wort zu.
Andraag lehnte sich zurück. Sein Blick ruhte auf dem Magier, seine Gedanken aber
schweiften ab in jene Zeit, als er im Dienste des Than unterwegs war und damals Amarra
übermitteln ließ, dass er den Ruf des Than erwarte. Harkym beantwortete den Ruf, tadelte
ihn aber auch für sein Verlangen.
"Wenn man etwas von ihm will, muss man bitten, nicht fordern,"
murmelte er, dabei in etwa die Worte des Than von damals wiederholend.
"Ein Wunsch ist eine Bitte," erwiderte Farrak ungerührt.
"Ich hätte Wana gebeten, aber ihre Rapportschwester lebt vom Tempel entfernt. Und
selbst wenn sie auf die Reise ginge, ich bezweifle, dass sie dann Gehör bei ihrem
Gebieter fände. Deshalb muss einer von euch das tun." Er schaute von Jiddan zu
Rhandar und zurück. "Ein Pala eines Königs hat, wenn er ein Lichtpriester ist, doch
bestimmt Rapport zum Tempel."
"Das, Farrak," antwortete Jiddan gelassen, "ist etwas,
das euch gewiss nichts angeht."
"Besäße ich meine alte Kraft, könnte ich es selbst tun,"
behauptete Farrak da. "Es fällt mir nicht leicht, andere für mich einstehen zu
lassen. Muss ich kniefällig bitten?"
"Selbst tun?" zweifelte Alphena erstaunt. "Ihr seid kein
Priester."
"Die Magier haben ihre eigenen Wege, Entfernungen zu
überwinden," erklärte ihr Gemahl heiter. Er schaute auf Farrak und versicherte:
"Bestünde der Rapport zwischen unserem Gebieter und mir noch, dann wäre es mir eine
Ehre, eure Nachricht zu übermitteln."
Alle starrten jetzt ihn an, denn niemand rechnete mit diesem Zugeständnis
ausgerechnet von Nodhers Erben.
"Dann seid mein Fürsprecher vor diesen Leuten hier, Herr,"
antwortete Farrak ungerührt.
"Das werde ich sein," versprach Andraag, sich erhebend,
"sofern ihr nun die Sitte achtet und diese Stunde nicht weiter stört."
Er wartete keine Antwort ab, sondern öffnete die Tür und befahl den Soldaten, den
Magier mit allem Respekt in seinen Turm zu geleiten. Farrak zögerte. Erst, als Wana ihm
aufmunternd zunickte, gab er nach. Nodhers Erbe schloss die Tür hinter ihm. Dann schaute
er auf den Vater und lachte leise und fröhlich.
"Du bist ungehalten," stellte er fast verwundert fest.
"Tibra hättest du dieses Benehmen verziehen."
"Ich verzeihe auch Farrak," murrte Ilkonys. "Aber sein
Ansinnen unterstütze ich nicht."
Sie wollten sich wieder ihren abgebrochenen Gesprächen zuwenden, doch ihre Gedanken
schweiften immer wieder zu dem alten Magier. Sogar Cynara, Ilkonys' Gemahlin, war
begierig, zu erfahren, wie die Männer entscheiden wollten. Doch im Grunde gab es nichts
zu entscheiden. Ilkonys hatte schon abgelehnt und weder Jiddan noch Rhandar erwägten auch
nur, etwas dagegen zu sagen.
Das Mahl endete. Die Familie begriff, dass nichts entschieden wurde. Man zerstreute
sich, ging seiner Wege. Einzig Andraag hatte sich nicht erhoben. So blieben auch Ilkonys,
die Palas und Wana.
"Du bist mit meiner Entscheidung nicht einverstanden," stellte
der Herrscher gelassen fest.
Das war keinen Zwist wert, fand er. Man konnte ruhig darüber reden und sicherlich
würde Andraag sich rasch überzeugen lassen.
"Farrak hat mein Wort, dass ich sein Fürsprecher bin."
Andraag schien guter Dinge zu sein. "Wenn du es also nicht verbietest, werde ich
Rhandar bitten, die Botschaft zu übermitteln."
"Und wenn ich es tue?" spöttelte Ilkonys liebevoll.
"Dann muss ich euch alle mühsam überzeugen." Andraag
grinste. "Ich weiß nicht, was der alte Magier mit Amarra zu schaffen hat. Aber er
wie andere des innersten Zirkels waren in Sarai dabei, als Raakis letzter Tempel durch
Magie bedroht wurde und - ich war dessen Zeuge - unser Gebieter hatte wahrlich Mühe,
diesen Tempel zu reinigen. Leute wie Farrak beherrschen gewaltige Kräfte und ich will
lieber nicht wissen, was sie alles vermögen. Er will den Than sehen. Es wird wohl wichtig
sein."
"Du meinst, unser Gebieter ist ihm wegen der Sache in Sarai
verpflichtet?" vergewisserte sich Rhandar.
"Ich meine, dass uns das nichts angeht," erwiderte Andraag
sehr heiter.
"Jedenfalls könnte es Probleme geben, wenn die Botschaft unserem
Herrn wichtig ist und wir sie nicht übermitteln," warf Wana rasch ein. "Ich
kann aber noch hoffen, dass meine Rapportschwester jemanden beim Tempel kennt und auf
diese Weise vielleicht etwas erreichen."
Deutlich gab sie so zu verstehen, dass die Ablehnung des Herrschers sie nicht betraf.
Ilkonys warf ihr einen fast belustigten Blick zu.
"Farrak kam zu mir," stellte er fest. "Wie Harkym, so
verdanke auch ich ihm mein Leben. Wir stehen beide in seiner Schuld. Mich rettete er, als
ich als Erbe in dieses Reich kam. Unseren Herrn rettete er, als dieser als Knabe vom Sturm
aufs Meer gezogen wurde."
"Du bist also nicht wirklich dagegen," begriff Andraag.
"Es wäre mir nur lieber, wenn die Botschaft anders lauten
würde." Ilkonys seufzte leise. Ihm lag nichts an einem Besuch des Than in Nodher.
"Unser Gebieter wird die Nachricht selbst gewichten. Vermutlich ist Farraks Wunsch
ohnehin ein zu großes Ansinnen, als dass er es bedenken wollte."
Jiddan stieß Rhandar freundschaftlich in die Seite, als er jetzt feststellte:
"Dann ist es deine Aufgabe, den Rapport zu schließen und die
Nachricht zu übermitteln."
Ilkonys nickte still. War die Botschaft unwichtig, würde sich nichts daraus ergeben.
Besaß sie aber Gewicht, so wollte er nicht als jener gelten, der sie zu verbergen
trachtete. Alles Überlegen fiele leichter, wüssten die Männer, dass sich der Than fern
Amarras befand.
Farrak saß eingesunken auf seinem Sessel, als Wana kam und ihm berichtete, wie Nodher
entschied. Besorgt breitete sie eine Decke über ihn.
"Er wird kommen," flüsterte der alte Mann, als sie sich schon
zum Gehen wandte.
"Was macht dich so sicher?" staunte die Priesterin, sich zu
ihm setzend. "Und warum verlangst du überhaupt nach ihm?"
"Ich habe noch ein Geschenk für ihn." Farrak lächelte etwas.
"Ich will nicht sterben, ohne ihm die Richtung zu weisen."
"Du redest seltsam." Ihre Stimme klang betrübt, denn ihr
schien, als vergesse er wieder das Jetzt und Hier. "Und denke bitte nicht unentwegt
an den Tod."
"Vesna und du und auch Dalur, ihr alle tut es."
Zaghaft griff sie nach seinen Händen. Sie konnte nicht verhindern, dass ihr nun
Tränen in die Augen drangen.
"Farrak, gilt euch Magiern die Unverletzlichkeit des Geistes denn
nichts? Er wird sich einen neuen Leib erschaffen und wieder leben."
"Ich weiß. Allerdings muss es ihm dazu gelingen, unbeschadet das
Sein zu wechseln."
"Was fürchtest du?"
"Nichts, das du verstehen würdest, Liebste; nichts, von dem du
etwas wissen solltest." Er drückte sacht ihre Hand. "Ich möchte, dass du Vesna
nach Hause schickst. Sie weint zu viel. Ihr Kummer betrübt mich und raubt die wenige
Kraft, die mir verblieb. Es ist leichter für sie, wenn sie fern ist." Wana versprach
es. "Und ich möchte, dass du Prinz Andraag dankst für seine Fürsprache. Ich weiß
nicht, ob ich dazu noch Gelegenheit finden werde." Er wirkte nun sehr schwach.
"Sei ohne Furcht," bat er trotzdem. "Ich werde auf den Than warten und
nichts wird mich hindern, ihn noch einmal zu sehen. Und nun muss ich schlafen."
Wana verstand, dass er allein sein wollte. Sacht küsste sie seine welke Wange, ehe
sie ihn verließ. Als er es nicht mehr sah, weinte sie.
Ende Kapitel 4
|