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Zyklus der Nebelreiche - Band 30

ein Roman von Renate Steinbach

 

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Kapitel 1



Burg Nodher erhob sich trutzig auf einem Hügel. Erbaut in unsicheren Zeiten gab es hier dicke Mauern und schwere Tore und noch immer vermittelten diese den Bewohnern im Innern ein Gefühl großen Schutzes, wenngleich nirgendwo Gefahr den Menschen drohte. 

Viele Menschen lebten hier; arbeiteten, lernten, spielten, lachten und weinten, liebten und sehnten sich nach Liebe. Die große Burg beherbergte die königliche Familie, doch überdies eine Heerschar an Bediensteten und Beratern. Viele, die hier ihr Auskommen fanden, kamen nur des Tags. Ihre Hütten standen einige Wegstunden entfernt. Es konnte sich jeder glücklich schätzen, dem dieser tägliche Weg erspart blieb und der innerhalb des mächtigen Bauwerks eine Kammer fand.

Die Zeit der Kalten Nebel endete und langsam erwärmte das Land. Die Menschen strömten mehr ins Freie und der Burghof schien nun dicht bevölkert zu sein. Was während der Kälte in der Enge der Räume geschah, breitete sich nun aus und suchte das Licht. Es war, als kehre das Leben mit neuer Kraft zurück.

Man nannte es das Jahr dreihundertzweiundsechzig der Neuen Zeit, die begann, als die sieben Reiche sich einten unter der Führung eines Priesterkönigs. Jener Mann, der als der stärkste inkarnierte Geist galt und das Inselreich Amarra beherrschte, herrschte auch als Souverän über die Könige, die nach der Sitte alle Priester sein mussten, in Trance gezeugt von Priesterin und Priester, inkarniert aus freiem Willen zum Dienst an ihrem Land.
Die Erben der Macht blieben auf Amarra, bis sie den Weg zu den Weihen fanden und Priester wurden. Erst danach kamen sie in das Land, das ihnen Heimat sein sollte.

Liebevoll ruhte der Blick des Herrschers Ilkonys auf seinem Erben Andraag. Viele Jahre lag es zurück, dass der Erbe nach Nodher kam und die beiden Männer fast wie Feinde lebten. Es war schwer gewesen, einander zu nahen. Doch nun liebten sie einander und die gemeinsame Arbeit bereicherte sie beide.

Fünfundsechzig Jahre zählte Ilkonys nun und sein Leben war bewegt gewesen, voll Abenteuer, voll Arbeit, voll Liebe. Das Alter mied ihn noch immer. Sein braunes Haar blieb füllig, sein Schritt fest, sein Geist wach. Er wirkte um Jahre jünger als seine Gemahlin Cynara, obgleich er drei Jahre vor ihr geboren wurde. Sie weilte nicht bei ihnen im Garten, denn noch immer, so viele Jahre danach, wich sie Andraag aus und lastete ihm den Tod ihres Sohnes Changanar an, den er einst aus dem Land verbannte ob seiner Grausamkeit. Doch die anderen Söhne des Herrschers, Orest, Magellan und die Tochter Zaphe schätzten Andraag, dessen ruhiges, bedachtes Wesen ihren Tag nie erschwerte. Nodhers Erbe, nun achtunddreißig Jahre alt, war selbst vermählt. Mit seiner Gemahlin Alphena verband ihn der Liebeseid, der ihre Ehe unauflösbar schmiedete. Und er liebte Alphena wirklich, die wild und ungestüm sein konnte und die Waffe besser beherrschte als so mancher seiner Soldaten.

Sie befanden sich im Garten. Alphena focht unweit entfernt mit dem fünfzehnjährigen Sohn Riccar, den sie dabei unterwies. Sie wirkte nicht wie eine Herrscherin, aber ihr Lachen erfüllte die Luft und bewies, wie glücklich die einstige Rebellin lebte. Andraag schmunzelte still.

   "Woran denkst du?" erkundigte sich der Vater, der neben ihm ging.

Eigentlich wollten sie über Belange des Reiches sprechen, doch längst ließ die Wärme sie alle Pflicht vergessen.

   "Ich dachte eben an meinen Erben," gab Andraag gelassen zu. "Während Riccar bei uns lebt und ausgelassen, fröhlich und wissbegierig die Welt erforscht, ist auch er inzwischen ein junger Mann, der irgendwo auf Amarra lernen muss und nicht einmal weiß, welche Zukunft auf ihn wartet."

   "Das klingt, als sei er weniger fröhlich," tadelte Ilkonys sanft. "Hast du Amarra nicht geliebt, Sohn?"

   "Ich liebe die schöne Insel immer noch." Andraag lachte leise auf. "Es ist viel zu lange her, dass ich dort verweilen durfte."

Warme Meeresströmungen umgaben diese Insel und verhinderten so jede Kälte dort. Amarra wirkte wie ein übergroßer, immer reich blühender Garten. Es war das Land der Priesterschaft und in vielen Dingen nicht mit den anderen Reichen vergleichbar.

 
Im Burggarten stand ein kleiner Rundtempel, der Göttin Antares und damit dem Licht geweiht. Dieser Tempel besaß nur eine einzige Halle, anders als die großen Hauttempel, welche sich in den Reichen sechsstöckig, aus weißem Stein erbaut, erhoben. Die Rituale, mit denen man den Göttern nahte, gestalteten sich jedoch gleich, egal, wie groß die Halle blieb. Eben endete die Stunde der Kraft, in welcher die Menschen Minosante ehrten. Die Tür des Rundtempels öffnete sich. Ein paar wenige Menschen traten heraus.

Ilkonys und Andraag verhielten den Schritt, denn sie sahen ihre vertrautesten Freunde. Jiddan trug den Titel Pala ebenso wie Rhandar und beide Männer kannten das Licht und besaßen die höchste Weihe. Pala bedeutete, je nach Betonung, einen Sachwalter oder den innigsten Freund. Auf diese Männer trafen beide Betonungen zu. Jiddan war in Ilkonys Alter. Rhandar ein Jahr jünger als Andraag. Beide kamen aus Amarra, dem Land, in dem es keine Pferde gab. Doch das lag Jahre zurück und inzwischen liebten sie den schnellen Ritt. Trotzdem zögerte Jiddan, als Ilkonys diesen vorschlug.

   "Ich denke, es ist besser, wenn ich in der Burg bleibe. Wana braucht mich womöglich," entschuldigte er sich.

   "Sie ist traurig geworden," gab Ilkonys zu, "doch niemand kann ihr in diesem Kummer helfen."

Sie war Jiddans Gefährtin seit vielen Jahren und noch immer eine Frau von außergewöhnlicher Schönheit. Sie besaß ein ebenmäßiges, noch immer mädchenhaft schönes Gesicht, volle Lippen, tiefgrüne Augen und hüftlanges, rotblondes Haar, um dessen Lockenfülle viele junge Frauen sie beneideten. Auch sie kannte das Licht. Ihre Liebe gehörte Jiddan, doch ihre Treue einem seltsamen Magier, den man in der Burg zwar duldete, aber nicht wirklich kannte.

Jener Magier war vierundachtzig Jahre alt. Einst, als Ilkonys als Erbe in sein Reich kam, rettete er dem Prinzen das Leben. Aus Dankbarkeit erlaubte dieser dem Magier den Aufenthalt in der Burg, wo er einen düsteren Turm bewohnte und von allen Menschen misstrauisch und furchtsam beargwöhnt wurde. Er hieß Farrak und war ein Meister des luftigen Elementes. Wenige wussten, dass er zum innersten Zirkel der Magier gehörte und seine Macht kaum zu beschreiben blieb. Und niemand verstand, weshalb die schöne Wana ihm all die Zeit hindurch freundschaftliche Treue bewahrte; wie auch niemand begriff, weshalb der Magier die Einsamkeit innerhalb der Burg um ihrer Nähe Willen bejahte. Damals, als er Ilkonys rettete, nahm er ein verwaistes Mädchen zu sich. Inzwischen war Vesna längst eine erwachsene Frau, die fernab der Burg lebte. Vesna liebte Farrak als ihren Vater und da der Magier verlangt hatte, dass man sie holen solle, zweifelte niemand an ihrem baldigen Eintreffen. Seit jener Zeit wurde Wana stiller, denn sie wusste nun, dass Farrak an einen Abschied dachte und ein Abschied in seinem Alter durch den Tod befohlen war.

   "Sie braucht dich nicht, Jiddan," behauptete Andraag, der die trüben Gedanken der Umstehenden spürte. "Wana ist viel stärker als wir und ergibt sich keiner sinnlosen Trauer. Überdies ist Farrak nicht einmal krank. Er ist nur alt. Warum sollte er sich nicht nach seiner Tochter sehnen? So oft wird er sie nicht mehr sehen können. Farrak ist ein Mann von außergewöhnlicher geistiger Stärke. Er wird auf jeden Fall nicht gehen, ehe er Vesna gesehen hat."

   "Was macht dich da so sicher?" staunte Rhandar, der den Magier nur wenige Male zu Gesicht bekam in den vielen Jahren, die er hier lebte.

Andraag zuckte nur mit den Schultern zum Zeichen dafür, dass sich diese Ansicht nicht erklären ließ. Doch er hatte Jiddan schon überzeugt. Der Tag erreichte eben seinen Höhepunkt. Sie nutzen nun die warme Stunde zu einem gemeinsamen Ausritt, der sie mit knospenden Bäumen, ergrünenden Wiesen und ersten Blüten erfreute.

 
Dalur hatte in der Burgküche ein warmes Mahl besorgt. Sah man genau hin, so erkannte man immer noch den leichten Grünton an seinen Handgelenken, der bewies, dass er viele Jahre hindurch das Kupfer trug und also ein Sklave gewesen war. Sechzig Jahre zählte er nun und sein ganzes Leben bestand aus Dienst. Farrak erwarb ihn in jener Siedlung, in welcher er einst Ilkonys rettete. Für den Sklaven erwies sich dies als großes Glück. Der Magier stellte kaum Forderungen, sondern ließ den Mann in allem gewähren, wodurch er mehr als nur gut bedient wurde. Das änderte sich auch nicht, als er ihm viele Jahre später die Freiheit gab. Dalur blieb bei ihm. Er fragte nie nach Verdienst, doch stets erhielt er alles, das er begehrte.

Als er den Wehrturm betreten wollte, trat Wana zu ihm und nahm ihm still das Tablett ab. Er nickte nur und trat beiseite. Es würde dem alten Mann gefallen, wenn Wana ihn bediente, das wusste er.

Die Priesterin, die innerhalb der Burg selten die weiße Gewandung ihres Standes trug, schritt langsam die Stufen hinauf. Sie wirkte wie eine der vornehmen Damen, die hier lebten und als Jiddans Gefährtin besaß ihre Stimme sogar Gewicht. Doch innerhalb des Turmes zählte das alles nichts. Hier war sie nur Freundin und dies bedeutete ihr mehr als alle Reichtümer Nodhers.

Die düstere Kammer, die Farrak oben im Turm bewohnte, besaß nur winzige Fenster, welche kaum das Licht des Tages einließen. Er ruhte in einem Sessel mit hoher Lehne und er lächelte, als Wana die Speise vor ihn auf den kleinen Tisch stellte. Nun wirkte er weder machtvoll noch düster.

   "Hast du ein wenig Zeit für mich?" bat er.

   "Du weißt doch, dass ich immer bei dir sein werde, solange du mich erträgst," erwiderte sie lächelnd.

   "Ich dich?" Er sah sie forschend an. "Oder du mich? Du hast geweint, Liebste. Aber es ist noch nicht so weit." Er aß ein wenig, schob dann aber die Speise von sich. "Weißt du noch, wie wir uns vor dreißig Jahren trafen?" Seine Stimme klang erstaunlich fest, fast wie die eines jungen Mannes. "Ich habe nie zuvor eine Frau in meiner Nähe geduldet. Aber du warst anders als alle deines Geschlechts, die ich je sah."

   "Trotzdem hast du mich nie begehrt," erinnerte die Priesterin mit feinem Lächeln.

Farrak lachte leise auf. Dann gestand er:

   "Tibra hat sich auch einmal darüber gewundert. Da sagte ich zu ihm, dass du wie Mesa bist: wunderschön. Und dass diese Blüte tödlich ist für jene, die sich ihr zu sehr nahen."

Seine Stimme wurde dunkler, langsamer. Er verlor die Gegenwart aus dem Bewusstsein und sprach von längst vergangener Zeit, als sei es gestern geschehen. Er plauderte mit ihr und redete dabei über Dinge, die er früher niemals einem Menschen genannt hätte. Er sprach von Tibra, jenem Feuermagier, den er so achtete und der vor fünf Jahren verstarb. Er sprach auch von Silsa, jener kleinen Insel, dem Königreich Sion vorgelagert, auf welcher sich die Magier jährlich zur heißen Lichtwende trafen. Farrak erzählte und Wana lauschte, doch sie nahm kaum die Worte in sich auf, sondern sah nur deutlich, dass dieser einst so starke Mann langsam verfiel. Er schwieg und sie bemerkte es nicht einmal.

   "Habe ich dich gelangweilt, liebste Freundin," erkundigte sich Farrak, erneut nach der Speise greifend und nun wieder sehr klar in seinem Denken.

   "Verzeih," bat sie da voll Schreck. "Doch ich sollte ohnehin nicht alles hören, was du erzählst."

   "Dein Gebieter ist da weniger zurück haltend," stellte Farrak erheitert fest.

Wana senkte den Blick. Ihr Gebieter, der herrschte nicht in Nodher, denn für alle Priester gab es nur einen Herrn. Der trug den Titel des Than und lebte auf Amarra. Obwohl als Tempelkind in Trance gezeugt, fand der Feuermagier Tibra einst den Säugling Harkym, den er als eigenen Sohn anerkannte und aufzog. Dass der mächtigste Mann der Reiche, der oberste aller Priester, Sohn eines Magiers war, blieb immer seltsam. Dass er aber auch allen Magiern mit Achtung begegnete und sogar großes Interesse an ihrem Werk besaß, beunruhigte jeden, der darüber nachdachte.

   "Manchmal denke ich fast, du magst ihn," murmelte Wana mehr zu sich selbst.

   "Das tue ich." Farrak schmunzelte. "Tibras Sohn ist ein vortrefflicher Mann."

Einst, als der Than als Knabe von zwölf Jahren vor Amarras Küste auf einem Katamaran weit aufs Meer hinaus gezogen wurde, da gelang es seinem Vater nur mit Farraks mächtiger Hilfe, ihn zu retten. Und als in Sarai Raakis Tempel nicht geweiht werden konnte, weil eine gewaltige, magisch gegründete Macht dagegen stand, half Farrak dem Than, das Werk zu vollenden.

   "Du solltest nicht so respektlos reden," bat Wana mit sachter Stimme, "zumindest nicht, wenn ich es hören kann."

   "Ich habe den Menschenkult nie verstanden, den ihr Priester um den Than treibt," meinte er da abfällig. "Und nicht einer von euch ahnt, was in ihm ist." Er wechselte die Tonart, wurde freundlicher. "Hast du etwas von Vesna gehört?"

   "Noch nicht, mein Lieber. Doch man kann wieder gefahrlos reisen und sie wird sicherlich bald eintreffen. Freust du dich?"

   "Natürlich, auch wenn aus unserem kleinen Mädchen eine reife Frau geworden ist, die, wie man so sagt, eine gute Freundin der Fürstin von Minas sei. Ich hoffe, sie bleibt ein wenig."

   "Das wird sie gewiss," versprach Wana. "Keine Pflicht wird sie hindern können, bei dir zu sein." Farrak lehnte sich zurück. Es fiel ihm schwer, die Augen offen zu halten. "Du bist müde und solltest ruhen. Kann ich noch etwas für dich tun, Lieber?"

   "Jetzt nicht," versicherte er da. Wana erhob sich. Sie wollte schon nach dem Tablett greifen. "Aber später," fuhr er da mit leiser Stimme fort, "da ist es an dir, für Dalur zu sorgen. Ich habe dort eine Schatulle. Ihr Inhalt gehört ihm. Trotzdem braucht er einen Ort, wohin er gehen kann."

   "Sorge dich nicht," bat Wana bewegt und neigte sich zu ihm. Sie küsste seine welke Stirn. "Dalur wird keinem Mangel begegnen. Ich achte ihn wie du. Und nun ruhe, mein Freund."

Er schlief schon, als sie die Decke über ihn breitete. Und kaum, dass sie den Turm verließ, trat der treue Dalur ein, um bei dem Magier zu wachen.

 
Wenige Tage später kam ein Wagen und brachte Vesna. Sie reiste bequem, bewacht von ein paar wenigen Soldaten. Obgleich sie keine Macht besaß, war sie doch eine Freundin der Fürstin, die ihr jede Annehmlichkeit ermöglichte. Wana begrüßte sie voll Herzlichkeit, ließ sie und auch die Soldaten gut versorgen. Vesna wollte sofort zu Farrak und so begleitete Wana die Ziehtochter zum Turm. Doch sie verhielten den Schritt, als der König ihren Weg kreuzte. Ilkonys winkte ab, als Vesna sich vor ihm unterwerfen wollte. Die Art, wie Wana diese Frau hielt, entdeckte ihm, wer sie war, auch wenn er sie nicht erkannte.

   "Ich hoffe, dass du mir später von Minas berichtest," meinte er nach freundlichem Gruß. "Und ich hoffe, meiner Schwester geht es gut."

Er nickte den Frauen zu und ging weiter. Vesna sah ihm unruhig nach.

   "Muss ich wirklich mit ihm reden?"

Wana lachte leise auf.

   "Er ist ein freundlicher Mann," versprach sie. "Ich werde dann auch bei dir sein."

Vesna nickte ergeben. Aniela, die Fürstin von Minas, war Ilkonys' Schwester und die beiden sahen sich viel zu selten, obgleich sie eine tiefe Liebe verband. Es war nur natürlich, dass er viele Fragen hatte. Vesna seufzte unhörbar. Womöglich würden dem Herrscher aber die Antworten nicht gefallen.
Dann drängte sie diese Gedanken zurück. Jetzt war nur der Vater wichtig. Die Frau erwartete einen todkranken Menschen zu finden. Doch Farrak schloss sie fast kraftvoll in die Arme und es schien, als kenne er keine Schwäche.

   "Ich war in Sorge um dich," gab sie voll Erstaunen zu.

   "Warum?" Farrak lächelte. "Weil ich alt bin und mein Mädchen sehen möchte? Törichte Wünsche sind das Vorrecht des Alters."

   "Du magst alt sein, Vater. Aber du warst niemals töricht." Vesna setzte sich ganz nahe neben ihn, hielt seine Hände fest und fühlte sich mit einem Mal sehr wohl und geborgen. "Es ist so schön, wieder einmal bei dir zu sein."

   "Du hast mich also vermisst," spöttelte er. "Ist das Leben in Minas so langweilig?"

   "Es ist anstrengend. Das Ende der Kalten Zeit hat bei vielen Menschen zur Hitze geführt. Das ist immer so. Aber es scheint schlimmer zu sein als sonst. Manche sind daran gestorben und ich habe ein wenig ein schlechtes Gewissen, weil ich nicht da bin, um zu helfen."

   "Niemand hat dich je in der Heilkunst unterwiesen," beruhigte er sie gelassen. "Ich hoffe, dass niemand krank ist, den du liebst."

Vesna wehrte ab. Sie erzählte aus ihrem Alltag, plauderte. Farrak hielt den Arm um sie gelegt, streichelte ihr Haar und dachte daran, dass diese reife Frau für ihn doch immer das kleine Mädchen blieb, das er so liebte.

Vesna verweilte als Gast in der Burg, aber weiterhin hielt sie den Aufenthalt nur für einen Besuch. Und Wana, die es besser wusste, überwand sich nicht, der Ziehtochter die Wahrheit zu sagen. Der Schatten des Todes wehte um den Turm, doch außer Dalur und ihr schien dies niemand zu bemerken.

Ende Kapitel 1

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